Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Musik lernen

In An Mich on Oktober 28, 2008 at 9:50 am

[Foto: Honma]

Eltern wollen, dass ihre Kinder ein Instrument lernen. Aber Kinder wollen viel lieber am Computer spielen. „Das ist doch eine perfekte Konstellation für ein Startup“, meinte ein alter Bekannter. „Du baust einfach ein Computerspiel, mit dessen Hilfe man ein Instrument lernt. Da ist der Erfolg programmiert. Alle sind happy!“ (Musikehrer mal ausgenommen).

Komischerweise musste ich nicht lange nachdenken, um sicher zu sein, dass das nicht möglich ist. Man kann bestimmt Musiktheorie, Notenlesen, Quintenzirkel in Form einer interaktiven Software spielerisch unterstützen und Kindern auf witzigere Weise näherbringen als das oft sehr altbackene Lehrer tun. Warum also nicht auch ein Instrument? Erst mal, weil man ein Instrument dazu braucht. Und ein besseres User-Interface als eine Klarinette, eine Geige oder ein Klavier selbst gibt es nicht. Und weniger ist schlicht nicht genug.

Aber ich glaube, es gibt noch einen zweiten Grund, bei dem ich mir allerdings nicht ganz so sicher bin: ist es nicht eine Illusion zu glauben, man könnte alles spielerisch vermitteln, dass Spiele an sich immer das bessere pädagogische Konzept sind? Gehört nicht auch Arbeit, Überwindung und Selbstdisziplin dazu – sind diese nicht auch nötig, um auf das Erreichte stolz zu sein? Bringt das Lernen eines Musikinstruments nicht gerade deshalb so viel für die Charakterbildung eines Kindes, weil es ihm zeigt, dass es sich lohnt, schwieriges Phasen zu überstehen, weil man daraus gestärkt hervorgeht? Sendet man an Kinder nicht ein falsches Signal, dass das Leben nur ein Spiel ist?

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  1. Kinder machen keinen Unterschied zwischen Spiel und Arbeit. Mein Sohn im Sankasten: „Ich arbeite!“. Was macht ihr in der Schule? „Spielen“ (ok, das ist aber auch eine besondere Schule). Deswegen macht es auch keinen Sinn Kinder dazu zu bringen etwas zu spielen, _damit_ sie etwas lernen. Sie lernen immer _nur_ spielerisch-arbeitend. Und manche Spiele sind halt einfach langweiliger/uninteressanter als andere.

    Zur Instrumentenfrage: Der Computer ist ein Musikinstrument wie jedes anderes auch. Es hat Vor- und Nachteile. Ich zB kann kein Instrument spielen, weil mir die Fingerfertigkeit oder die Geduld sie zu lernen fehlt, kann aber am Computer leidlich komponieren. Mittels dem Computer Geige spielen zu lernen erscheint allerdings wirklich absurd. Ich lerne ja auch nicht mit einem Klavier Geige spielen.

  2. Benni, dass Kinder Spiel und Arbeit nicht trennen, das bezweifle ich, wenn ich mich in meine Zeit als Kind zurückversetze. Da gab es Dinge, die ich gern und aus eigenem Antrieb machte (Spiel) und andere, die man mir auferlegte und die ich in der Regel lieber vermieden hätte (Arbeit). Mag aber auch vom Alter des Kindes abhängen.
    Du sagst: es macht keinen Sinn, Kinder dazuzubringen, etwas zu spielen, damit sie lernen, weil sie ohnehin immer beim Spielen lernen bzw beim Lernen spielen. Ist das denn wirklich so? Ist das immer eins? Lässt sich prinzipell alles spielerisch erlernen? Und ist dann daraus die Konsequenz, dass man sie nicht zum Lernen anhalten soll, sondern ihnen nur die richtigen Spiele zeigen?

  3. Die Alternative: „Ernst bei der Arbeit – lustig beim Spiel“ stimmt einfach nicht. „Arbeit, Überwindung und Selbstdisziplin“ gehören auch zum Spiel dazu. Ich will jetzt gar nicht vom Fußball reden, sondern davon, mit welchem Fleiß wir als Kinder im Schweiße unseres Angesichts Wassereimer in die Sandkiste geschleppt haben, um aus Sand Matsch zu machen. Und wer austieg, weil er nicht mehr konnte war ein Spielverderber.

    Ich glaube auch in unserer Entwicklungsgeschichte ging das Spielen aus dem Lernen hervor. Ob man allerdings ALLES spielerisch lernen kann – auch Differentialrechnung – keine Ahnung.

  4. Detlef, freut mich, einen echten Experten an der Angel zu haben. Musik für Kinder zu machen, das muss ein schöner Beruf sein!
    In welcher Erinnerung hast du denn als Musiker das Lernen von Noten und Tonleitern – hast du das spielerisch, zusammen mit dem Instrument gelernt, oder wurde dir das eher eingetrichtert?

  5. Ich habe keine pädagogischen Ratschläge beizusteuern, dafür einiges an Wut über das Verlottern einer Kultur, in der Ernsthaftigkeit einst zum Spiel gehörte,

  6. Michael, ich kann deinen Ärger über den zunehmenden „An-Alphabetismus“ unter Musikern nicht teilen. Viele der Blues- und Jazz-Musiker der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts konnten keine Noten lesen, das gleiche gilt für die Hip-Hopper – und auch Paul McCartney und Elvis Presley wollen wir nicht vergessen (und eine ganze Generation von Rock-Musikern der 60er). Innovativ waren sie trotzdem (oder gerade deswegen?).

    Auch der Computer hat zur Innovation in der Musik beigetragen. Und wenn ein Computer irgendwann selbst Musik komponieren kann (ich glaube, zur Fahrstuhl-Musik reicht es wohl schon), dann wird das nur dazu führen, dass die Menschen Musik komponieren und interpretieren müssen, die über den Computer hinausgeht. Was die Musik weiter vorantreibt.

  7. > Viele der Blues-

    Das ist richtig.

    > und Jazz-Musiker der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts konnten keine Noten lesen

    und das eben nicht. In der Swing-Area konnten siealle lesen – das ging gar nicht anders.

    > Auch der Computer hat zur Innovation in der Musik beigetragen.

    Urgs. Würg. Ich war dabei – und bin es noch immer – ich kann Dir versichern: der Computer hat nicht einmal die kadenz begriffen.

  8. Michael, Computer begreifen nichts, das stimmt natürlich. Aber dennoch ist ein Computer ein Werkzeug, das sich auch zum Musik-Machen prima eignet. Sonst würdest du dich doch auch nicht so intensiv damit beschäftigen, oder?

  9. > Computer begreifen nichts, das stimmt natürlich. Aber dennoch ist ein Computer ein Werkzeug, das sich auch zum Musik-Machen prima eignet.

    Morgen.
    Aber Die ist schon klar, daß Du da ein prima sich eignendes Klischee bedienst?!

  10. Danke Fragezeichner für den „Experten“. Ich würde mich nicht als solchen bezeichnen, beschäftige mich aber natürlich viel mit dem Thema.

    Zu deiner Frage: in der Schule wurde mir Musik in der Tat „eingetrichtert“ mit dem Resultat: knappe 4. Ich fand den Unterricht total langweilig. Andererseits habe ich als Kind gern Blockflöte gespielt, weil ich so meine Gefühle ausdrücken konnte, wenn ich improvisiert habe. Aus dem Blockflötenunterricht bin ich rausgeflogen, habe mir dann aber selbst nach dem Gehör Lieder beigebracht und dann entdeckt: „Hmm, mit Noten geht das Liederlernen einfacher.“ Dann habe ich relativ schnell Noten gelernt, weil ich das als neues Ausdrucksmittel begriff. Aber mit der Bimserei in der Schule hatte das nichts zu tun.

    Harmonielehre habe ich gelernt, weil die beim Improvisieren nützlich ist. Klavier habe ich nie gelernt. Ein Schlüsselerlebnis für mich war, als ich in der Aula auf dem Schulflügel über a-moll – G-dur – F-Dur – E-dur improvisierte und mich eine Einser-Musikerin mit jahrelangem Klavierunterricht fragte: „Wie machst du das? Das ist ja toll! Komponierst du das aus dem Kopf?“ Nein, wenn mans weiß kann das jeder.

    Ich bin der festen Überzeugung, dass jedem Lernen ein echtes Bedürfnis zu Grunde liegen muss, dass Lernen ein Bedürfnis, eine Not befriedigen muss und damit ein Lusterlebnis auslöst. Womit wir wieder beim Spielen wären.

    Ob dieses Bedürfnis jetzt mittels Flügel, Orgel, Mundharmonika oder Computer, mit oder ohne Noten, Harmonielehre und Kontrapunkt befriedigt wird: das finde ich zweitrangig. Wenn Kinder allerdings auf Hochkultur getrimmt werden, bloß weil es angeblich Hochkultur ist – dann finde ich das sehr schade.

  11. Hallo,

    also in dieser Frage kann ich mich Detlef voll und ganz anschließen. Nicht nur hinsichtlich des Bedürfnisses, sondern auch hinsichtlich des Gerätes das zur Befriedigung dessen gewählt wird. Schwierig ist aus meiner Sicht das man als Eltern derzeit immer nur die Wahl zwischen „Profiengagement“ und „Nichts“ hat.

    Jedes mal wenn ich bei einer gewerblichen Musikschule, einem Freiberufler/in oder sogar Kindermusikläden angefragt habe, ob meine Kinder da „einfach mal mitmachen“ könnten. Bekam ich höfliches Stirnrunzeln oder direkte Ablehnung:

    „Wie stellen Sie sich das denn vor? Man kann doch nicht einfach ab und an Musik machen, wenn es einem passt!“

    Doch genau das müsste es mal geben. Hah, schon wieder eine Marktlücke. Gesucht werden motivierte Musiklehrer die an der Gründung einer Musik-Kidergarten/Jugendaufenthaltstädte mitwirken. Ziel ist es einen Aufenthaltsort zu schaffen an dem Kinder und Jugendliche musizieren können und vor allem dürfen, wann und wie es ihnen gefällt. Kein Zwang, kein Druck. Alles freiwillig.

    Gäbe es eine solche Schule, brächte ich allein dieser schon mal 5 Kunden!

    Bezüglich der Sache mit dem Spiel. Je intelligenter ein Wesen ist, desto mehr Zeit und Kraft investiert es darin Alles zum Spiel werden zu lassen, es dazu zu nutzen. Ein Verwaltungsbeamter dessen Schreibtisch extrem sauber ist, spielt das Spiel „Ordnung ist machbar“. Wir Spielen immer und überall, wo wir es eben können 😉

    Doch muss das Signal sein: „Verstehe das es so ist, wie es ist!“

    Hat man es verstanden, wird man sich zur Arbeit nicht mehr überwinden müssen. Man wird einen Zustand anstreben bei dem man beides miteinander verbinden kann 😉

    Gruß

  12. >>Aber Die ist schon klar, daß Du da ein prima sich eignendes Klischee bedienst?!
    > Nein. Inwiefern?

    Weil Du voraussetzt, daß ein Werkzeug eben nur ein Werkzeug ist. In den Händen dessen, der es benutzt, nimmt es aber eine Funktion ein und ist nicht länger ein toter Gegenstand.

    Darüber hinaus verändert es den, der es benutzt.

    Wenn Computer und Synthesizer nur totes Werkzeug wären, die ebenso gut zur Produktion von Musik dienen können wie Notenpapier und ein Streichquartett, könnte es so etwas wie „typische Computermusik“ nicht geben – sie gibt es aber, und zwar klar erkennbar (ich sage nicht, daß dies per se schlechte Musik sei!).

    Aber das ist ein weites Thema, das jetzt ganz heftig Off-Topic wird 🙂

    Zum Thema „Musik lernen“ möchte ich auf mein Blog hinweisen – unter der Rubrik „Hören“ geht es letztlich um „Hören lernen“, wobei meine Texte ich mich selber nicht in der Rolle des Lehrer, sondern als Lernenden zeigen.

  13. >> Ziel ist es einen Aufenthaltsort zu schaffen an dem Kinder und Jugendliche musizieren können und vor allem dürfen, wann und wie es ihnen gefällt.

    Bei solchen Projekten habe ich schon mitgewirkt (ok, das „Wann-kriterium“ haben wir nicht efüllt, den Rest schon). In einer Grundschle für die 1. – 3. Klasse und für 13 bis 16jährige in einem Stadtteilzentrum.

    Das organisatorische Problem 1 ist: manchmal kommt fast niemand – manchmal ist die Bude überfüllt.

    Problem 2: Wenn eine Gruppe Kinder sich musikalisch frei entfaltet, dann gehen meistens Instrumente kaputt – das ist einfach so.

    Bei den Jugendlichen sind wir nachher von Congas auf Malereimer umgestiegen und auch die haben nicht lange gehalten. Das freie Musizieren in der Gruppe setzt halt Kräfte frei.

    Mit den Kleinen habe ich grundlegende rhythmische Vorgänge gespielt, schnell – langsam, laut – leise. Auch dabei wird sehr viel Kraft und auch Aggression frei.

    Vielleicht liegt es an den Stadtteilen, in denen ich gearbeitet habe/ arbeite: wenn Kinder und Jugendliche sich musikalisch artikulieren, dann artilkulieren sie oft Frustration und Agression. Das ist wahrscheinlich ein Akt der Wahrhaftigkeit, angesichts der Welt, in der wir leben. Ich hatte seinerzeit das Bedürfnis, mich auf der Blockflöte auszudrücken, weil ich oft traurig war. Diese Emotion scheint jetzt aber total verdeckt zu sein.

    Also: wenn man über Bedürfnisse spricht, muss man wissen, welche Geister man eventuell weckt und sich warm anziehen. Mir macht das Freude – aber finde mal jemanden, der das bezahlt.

  14. Michael K., nun, es gibt zumindest einzelne Musiklehrer – auch in Musikschulen – die den Kindern viel Freiheit in der Wahl der Musik lassen, die sie lernen wollen, die Kinder ermuntern, Musik und ihre Vielfalt zu entdecken und ihnen vor allem Spass und Eigeninitiative vermitteln wollen anstatt Noten einzutrichtern. Aber ich gebe dir Recht, viele Musiklehrer sind der Auffassung, das ein Instrument zu lernen notwendigerweise ein schmerzhafter Prozess sein muss – wahrscheinlich weil sie ihn selbst als solchen erlebt haben oder weil sie immer das Ideal eines professionellen Orchestermusikers im Kopf haben…

    Michael M., es stimmt, dass ich Computer für eher überschätzt halte (nicht nur in der Musik). Aber du hast natürlich recht, dass das Werkzeug auch das Werk beeinflusst, so wie beispielsweise die Entwicklung des Cembalos zum Piano Komponisten inspiriert hat und die Musikgeschichte massgeblich beeinflusst. Es ist immer das Zusammenspiel zwischen Ideen und Technologien, die neues hervorbringt.

    Detlef, danke für die interessanten Einblicke!

  15. @Detlef:

    Meine Erfahrung ist die, dass wir den Kindern das Musizieren schon viel früher „vergellen“. Eben so mit der Vorschule, dem Kindergarten, den ersten paar Klassen. Was ihnen da verdorben wird, werden sie sich vermutlich nie wieder wirklich zurückholen/erarbeiten können. Womit sich der Bogen schließt…

    @Fragezeichner: Denn das was in der Jugend noch Spiel und Spass ist, wird später auch mE nach viel zu ernst genommen. Nicht nur in der Musik, sondern in fast allen Dingen 😉

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