Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

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Dahingetwagt (7)

In An Manche on Mai 31, 2009 at 6:01 pm

Die letzten zwei Wochen auf Twitter

  • Ob man wohl einen Sinn in seinem Leben gefunden haben muss, um anderen Leben einen Sinn zugestehen zu können?
  • „Du hast dich gar nicht verändert!“ – steht es so schlimm um mich oder will man mich nur aufziehen?
  • Sind die 5% in jeder Umfrage, die den Bundespräsidenten nicht kennen, Shakespeare für ne Getränkesorte halten usw – immer die gleichen?
  • Täusche ich mich oder trägst du dein Gehirn heute anders?
  • Ist „Fragen“ wirklich das gleiche wie „Wissen wollen“?
  • Wie hat sich eigentlich die maximale Lebenserwartung (nicht die durchschnittliche) in den letzten 500 Jahren verändert? Hat sie überhaupt?
  • Gerade mal nach „buddhistischer Terrorist“ gegoogelt. Nichts gefunden. Ist das überraschend?
  • Sind Sensible schüchterner? Sind Schüchterne sensibler?
  • Haben wir ein Recht auf Unglück und Leid? (aus Huxleys „Schöne Neue Welt“)
  • Warum gibt es eigentlich keinen Twitter-Account @liedermacher – gibt es keine Liedermacher mehr oder haben die alle keinen DSL-Anschluss?
  • Wenn Entscheidungen im Laufe des Lebens immer weniger wichtig sind, sollte man sie dann zwecks Risikominimierung nicht auf ewig verschieben?

Information und Deutung

In An Niemanden on Mai 28, 2009 at 9:05 am

[Foto: Eldersign]

Menschen produzieren Informationen und deuten sie. Die einen (Wissenschafler z.B.) arbeiten mehr an der Beschaffung. Andere eher an der Deutung (Künstler z.B.). Wobei ja jede Deutung auch wieder eine Information sein kann und zusammen mit anderen Informationen in eine neue Deutung eingehen kann. In Zeiten der Informationsmangelgesellschaft blieben Informationen selten ungedeutet. Es gab relativ wenig öffentliche Informationen, also auch weniger Deutungsmöglichkeiten. Zudem gab es professionelle Deuter (Journalisten), die recht exklusiven Zugang zur Information hatten, und deren Deutungen die möglichen persönlichen Deutungen des Individuums dominierte. In der Informationsüberflussgesellschaft beginnt sich der Informationszugang, vor allen Dingen aber die Deutungshoheit des Einzelnen zu demokratisieren. Nicht nur gibt es mehr Informationen als professionelle Deuter verarbeiten können, es ergeben sich auch viel mehr Deutungsmöglichkeiten. Da jeder seine eigene Deutung in den öffentlichen Diskurs einschleusen kann, kompliziert sich der Zugang zu allgemein akzeptierten Deutungen weiter.

Was hat das für Folgen? Ich würde behaupten, Menschen ist die Deutung viel wichtiger als die Information. Sie wollen einen Sinn erkennen in den Informationen, die sie bekommen, Zusammenhänge finden, Konsequenzen für ihre persönliche Situation herausfinden. Stattdessen bekommen sie einerseits immer mehr nackte Informationen, die sie nicht durchdringen können, und gleichzeitig eine Vielzahl von widersprüchlichen Deutungen, die sie nicht weiterbringen. Sie werden immer weniger Zeit haben, ein Weltbild aufzubauen und zu stabilisieren, weil der ständige Informationsfluss das Fundament schon beim Aufbau erodiert. Die Generation meiner Eltern hat sich ein Weltbild errichtet, das unerschütterlich ist und an dem jede widersprüchliche Information abprallt – die Deutung der Welt ist definitiv, weil sie keine neuen Informationen heranlassen. Meine Generation ist zwar offen für neue Informationen, bewegt sich aber in recht statischen Deutungsrahmen, benutzt also „ererbte“ Deutungsschablonen, um die Flut der Informationen zu kanalisieren und erzeugt auch vorsichtig ein paar neue Schablonen. Ich frage mich, wie die Generation meiner Söhnchens die Deutung von Informationen bewerkstelligen wird. Die Deutungsschablonen ihrer Eltern werden nicht mehr taugen. Werden sie sich neue schaffen können, während sie gleichzeitig immer mehr Informationen bewältigen müssen? Vergleichbar mit einem Töpfer, dem der Ton ständig unter den Händen wegschmilzt? Werden sie sich in einer fragmentierten Informationswelt verlieren und Zusammenhänge aus den Augen verlieren, resignieren und am Sinn zweifeln – oder werden die professionellen Deuter dann wieder wichtiger?

Den Teller täglich leer essen

In An Manche on Mai 26, 2009 at 8:11 am

[Foto: hifix]

Ich bin in einer Zeit aufgewachsen als Information eine Mangelware war. Information fand sich in Büchern, Bibliotheken oder auch in den Köpfen von meist älteren Menschen. Manchmal stiess man zufällig – im Fernsehen oder im Radio oder in der Zeitung oder im persönlichen Gespräch – auf eine interessante Information. In der Regel aber war Informationgewinnung mit grossem Aufwand verbunden. Und sie war planwirtschaftlich organisiert. Informationen wurden zugeteilt, nach Alter gestaffelt und aufbereitet. Die Wissenden waren die Herrscher. Die Unwissenden mussten betteln und sich oft nur mit Krümelchen zufrieden geben. Auf manche Information musste man Jahre warten. Manch eine Frage, die ich mir als Kind gestellt habe, konnte ich mir erst vor wenigen Jahren beantworten. Und nicht nur das: viele Informationen, die ich mir damals mühselig angeeignet habe, stellten sich viele Jahre später als falsch heraus. Bücher, die Informationen enthielten, waren kostbare Schätze, die man von der ersten bis zur letzten Seite durchforstete, um kein Tröpfchen des edlen Informationsflusses zu verschütten. Wer nur wenig hat, der schätzt dieses Wenige ganz besonders, der wird geizig, der verschwendet nicht, der sitzt darauf wie auf einem goldenen Ei. Es war gewiss eine schwere Zeit, aber wir empfanden es nicht so. Und trotzdem sind Spuren geblieben, kleine Traumatismen, kleine kauzige Gesten – Mangelkinder haben nunmal Nachholbedarf.

Heute ist Information im Überfluss da – die gleiche Information doppelt, dreifach, von allen erdenklichen Winkel beleuchtet. Die meisten Informationen sind nutzlos, wertlos, ohne Bedeutung und Bezug zu uns. Aber wir, wir Mangelkinder, wir haben nicht gelernt, mit dem Überfluss umzugehen. Wir können Informationen nicht einfach so mit Missachtung begegnen, wir können nicht loslassen, wir können nicht wegwerfen. So wie unsere Eltern den Schimmel von der Marmelade abstreichen und auf das angetrocknete Brot  mit ranziger Butter schmieren, weil sie es nicht über das Herz bringen, etwas Essbares in den Müll zu werfen, so schaffen wir es nicht, ein Buch nur zu durchblättern oder es halbgelesen zur Seite zu legen. Wir sind auf Vollständigkeit trainiert. Wir haben gelernt, unsere Bücher zu Ende zu lesen (wir fürchten gar, dass es Regenwetter gibt, wenn wir unsere Bücher nicht fertiglesen). Wir bleiben den Blogs treu, die wir einmal abonniert haben, und geben jedem Artikel von neuem eine Chance. Wir leiden unter der modernen, digitalen Variante des Compulsive-Hoarding-Symptoms. Wir glauben immer noch an den Wert der Information und beschweren uns mit unnötigem Ballast. Wir können eine Information auch kaum noch von ihrer hässlichen Schwester, der Neuigkeit, unterscheiden. Doch jetzt gibt es eine Therapie: sie heisst Twitter und sie fördert den Mut zur Lücke.

Heute habe ich einfach mal all meine RSS-Feeds ohne Rücksicht oder nähere Betrachtung als gelesen markiert. Ein erster Schritt zur Normalität?

Tucholsky – Häuser

In An Alle, Lieder on Mai 20, 2009 at 11:24 pm

[Foto: conceptworker]

Menschen beseelen ihre Häuser und Wohnungen. Sie hinterlassen Spuren, sichtbare und unsichtbare. Aber was passiert, wenn die Bewohner in eine andere Stadt oder in ein anderes Leben weiterziehen – lassen sie dann leere Räume zurück? Oder füllen sich die Räume im Laufe der Jahre nicht vielmehr mit den Geschichten all der Menschen, die sie beherbergten, erzählen sie diese Geschichten weiter und verweben so die Schicksale von Generationen?

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Das Lied steht unter Creativ-Commons-Lizenz. Bearbeitung und Verbreitung ausdrücklich erwünscht!

Mehr Tucholsky-Vertonungen hier.


Häuser

Mittleres Haus in der Köpenicker Straße, in der Avenue des Ternes, am Harvestehuderweg – du bist vollgelebt.

Hinter deinen Tapeten hat sich Angelebtes versammelt,

nachts knistert es,

tagsüber dünsten dort hundert Leben aus,

mittleres Haus.

Kotdurchrieselt stehst du,

von Drähten durchzuckt,

ein lebendiger Leib;

oben fassen die Gabeln deiner Antennen in die Luft und ziehen die Musik heran, die Helferin der Gemeinheit;

mit Recht spannen sich die Radiotrapeze, auf denen die Ätherwellen turnen, auf dem Dach aus,

neben den Hypotheken –

denn wer könnte Hypotheken handeln,

ohne die abendliche Hilfe Beethovens!

Du bist nicht wie jene Hausgreise,

in denen das Mauerleben längst abgestorben ist;

tot ruht der Kalk,

die Wanzen weinen

und beißen, angefüllt mit Verzweiflung der Isoliertheit;

nichts mehr sagt die Treppe,

schweigsam ist die Tür wie ein gefalteter Greisenmund.

So alte Leute sagen nichts mehr –

sie haben zu viel gesehn.

Du bist ein mittleres Haus.

Du bist nicht wie die Neubauten, die Gefäße des Unglücks,

in deren weißgetünchte Schubschachteln der Mensch hineinfällt,

hier seine Scheidung, seine neugebornen Kinder, seine Malheurbriefe zu erwarten;

kindisch gluckert die Badewanne, das junge Ding,

albern blitzen die Klinken,

und tapsig stuckert der eben konfirmierte Fahrstuhl in die Höhe und macht sich mausig –

wie mühsam ist es, ein so funkelnagelneues Behältnis vollzuwohnen!

So junge Leute sagen nicht viel –

sie haben noch zu wenig gesehn.

In ihnen vergeben die Mieter ihre Kraft – seelische Trockenwohner.

Du bist ein mittleres Haus.

Du hast schon viel in dir gehabt, Mutter der Möbel,

aber noch nicht genug.

Empfang, schlürf ein, spei aus:

Jeder Umzug eine kleine Geburt.

Du bist grade dabei, zu leben.

Deine Rohre rauschen, es kocht in den Ausgüssen, es brodelt im Badeofen.

Durch deine Steine sickert Weinen,

deine Ziegel schwitzen Elend aus

und gerinnendes Stöhnen der Komödien der Nacht.

Kalkiger Querschnitt!

Durchbrüllt vom Lärm der Wirtschaften,

vom sinnlosen Klingeln

und vom Quäken näselnder Phonographen!

Mancher wohnt oben in dir,

mittleres Haus.

Und abends,

wenn der Film der Geschäftigkeiten ruht,

steckt ein Hund seinen Kopf zum Fenster heraus,

ernsthaft wie Gottvater die Straßenwürmer betrachtend,

seine Pfote hat er aufs Fensterbrett gestellt –

das ist für ihn eine zweite Erde.

Mittleres Haus.

(Kurt Tucholsky, 1927)

Unternehmerträume

In An Mich on Mai 19, 2009 at 12:11 am

[Foto: CmdrFire]

Ich fuhr zur Arbeit, komischerweise nachts, extrem schlechte Sicht, Nebel, ich wurde müde, schlief ein, sagte mir, ich dürfe nicht am Steuer einschlafen, aber ich war ja gar nicht am Steuer, ich sass jetzt auf dem Beifahrersitz, das Auto fuhr weiter durch den Nebel, niemand sass hinter dem Steuer, ich wurde wieder müde, ich hätte abbiegen müssen, stattdessen fuhr ich viel zu weit, wurde gefahren, landete in einer Villa auf dem Land, ein verlassenes Hotel.

Das habe ich diese Tage geträumt. Sieht so ein Gleichnis für den Weg in die Selbständigkeit aus? Haben andere angehende Unternehmer ähnliche Träume? Oder träumen die lieber davon, was sie mit der ganzen Kohle anfangen werden, die sie verdienen, wenn Google sie in 2 Jahren kauft?

Dahingetwagt (6)

In An Manche on Mai 17, 2009 at 3:00 pm
  • Ist zeitlose Kunst nicht eine, in der sich die gegenwärtige Vorstellung von Zeitlosigkeit spiegelt?
  • Gibt es heute überhaupt noch einen Unterschied in der Vermarktung von Musik, Software, Nachrichten oder auch der eigenen Persönlichkeit?
  • Lässt es sich verhindern, dass mein Blog sich ändert, jetzt wo meine Mutter es kennt? Oder beginnt jetzt die unbewusste Selbstzensur?
  • Wenn Teilen die Grundlage von Innovation ist, warum ist es dann in vielen Fällen illegal?
  • Reichen denn nicht ein paar Sport- und Filmstars? Müssen jetzt selbst Programmierer, Manager, Köche oder Friseure ihre Superstars haben?
  • Braucht ein erfolgreiches Startup ein Arschloch?


Ein Treppen-Rätsel

In An Alle on Mai 13, 2009 at 11:51 pm
Foto: alles-schlumpfs

Foto: alles-schlumpf's

Eine Frau geht eine Treppenstufe hinauf, fängt an zu lachen und stirbt. Eine zweite Frau geht eine Treppenstufe hinauf, fängt an zu lachen und stirbt. Eine dritte Frau geht eine Treppenstufe hinauf, fängt an zu lachen und stirbt. Eine vierte Frau geht eine Treppenstufe hinauf, dann noch eine und noch eine, bis zur letzten, der 24. Stufe. Dann muss sie lachen und stirbt.

Frage: warum musste die vierte Frau lachen?

Ich lasse euch raten und braten. Die Auflösung und Geschichte hinter diesem Rätsel gibt es erst nach spätestens 25 erfolglosen Versuchen in den Kommentaren, nicht vorher – es sei denn, jemand findet des Rätsels Lösung.

Tucholsky – Auf ein Kind

In An Manche, Lieder on Mai 11, 2009 at 9:41 pm

[Foto: Chris Moncus]

Warum sind wir auf dieser Welt? Wie verwirklichen wir unsere Träume? Was macht uns Hoffnung? Was wollen wir im Leben erreichen? Was erwarten wir von uns? Wenn wir auf keine dieser Fragen mehr eine Antwort zu finden glauben, dann bleibt uns nur noch ein Ausweg: wir delegieren die Lösungsfindung an die nächste Generation und beschweren ihr Leben mit unseren Idealen, Träumen, Hoffnungen, Zielen und Erwartungen. Wir schreien ihnen zu: Du sollst es sein! Und vielleicht finden wir ja in unseren Kindern das, was wir nicht in uns und unseren Zeitgenossen gefunden haben. Vielleicht…

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Das Lied steht unter Creativ-Commons-Lizenz. Bearbeitung und Verbreitung ausdrücklich erwünscht!

Aus dem gleichen Zyklus: Kurt Tucholsky – Liebespaar am Fenster


Auf ein Kind

Du lebst noch nicht.

Ich seh dich so lebendig:

ein kleiner gelber Schopf, die Augen blau;

ich seh dich an und such beständig

die Züge einer lieben Frau.

Du kreischst und jauchzst schon laut in deinen Kissen;

du bist so frisch und klar und erdenhaft.

Du brauchst es nicht wie ich zu wissen,

was Zwiespalt ist, der Leiden schafft.

Der ist dahin. Schrei du aus voller Lunge

und schüttle deine runde, kleine Faust!

Sei froh! Sieh auf die Mutter, Junge –

sie ist so hell, auch wenn ein Sturmwind braust.

Hör ihre Stimme nur: gleich wehts gelinder.

Setz du sie fort. Was bin denn ich allein?

Wir Menschen sind doch stets die alten Kinder:

ich war es nicht – mein Sohn, der soll es sein.

Du sollst es sein!

Und kommst du einst zum Leben:

Du sollst es sein! Ich hab es nicht gekonnt.

Gib du, was deiner Mutter Arme geben:

Leucht uns voran!

Du bist so blond.

(Kurt Tucholsky, 1920)

Dahingetwagt (5)

In An Manche on Mai 8, 2009 at 9:09 pm

Fragen, die mir in den letzten Wochen in den Sinn gekommen und dann bei Twitter gelandet sind:

  • Gibt es jemanden, der sich als 20jähriger vorstellen konnte, seinen Rasen zu mähen, weil seine Kollegen zum Grillfest kommen?
  • Bin ich der, der ich heute bin, weil ich es wollte?
  • Ob wohl mal jemand im Jahre 2051 das Leben von Dieter Bohlen verfilmt?
  • Lebt es sich nicht leichter, nichts zu besitzen? Was lässt sich nicht mieten?
  • Anonymität im Internet: wie sieht die Nutzen- und Schadensbilanz aus?
  • Wenn die Kindheit zu schön ist und damit falsche Erwartungen weckt, sollte man sie seinem Kind vielleicht besser nicht zumuten?
  • Wenn du schon nicht aus deinem Schatten heraus kannst, kannst du dann wenigstens über deine eigene Haut springen?
  • Jeder VW lässt sich besser individualisieren als medizinische Behandlungen…Sind Menschen Massenware?
  • Woher wissen wir, dass sich naturwissenschaftliche Gesetze nicht mehr ändern? Müssen wir das einfach glauben?
  • Je besser die Argumente, desto mehr verhärtet sich die Gegenseite. Wie ist Überzeugung überhaupt möglich?
  • Reicht ein Leben aus, um jemanden zu kennen? Oder tut es manchmal auch ein Augenblick?
  • Sollten Kinder noch Schreibschrift lernen?
  • Ob das Wort Mama wohl ursprünglich von Mach’ma‘ kommt?
  • Handeln wir aufgrund von Wissen? Oder wissen wir aufgrund von Handeln?
  • Einen ganzen Tag immer Ja antworten. Ob sich wohl dadurch neue Optionen ergeben?
  • Einen ganzen Tag immer Nein antworten. Ob sich dadurch wohl neue Optionen ergeben?
  • Wie lässt sich etwas beurteilen, das sich jedem Vergleich entzieht? Wie lässt sich überhaupt etwas neues beurteilen?
  • Und was, wenn mein ganzes Leben bisher eine Ausnahme war? Und nun der Normalfall eintritt?
  • Carpe diem: der Feind allen langfristigen und nachhaltigen Denkens und Handelns?
  • Gibt es Grenzen, die aus Linien bestehen – oder sind Grenzen nicht vielmehr graue Flächen?
  • „Gesundheit ist am wichtigsten!“ – Sicher. Wer würde das bestreiten? Hm. Wirklich? Für jeden und immer?
  • Gibt es ein besseres Zeugnis der Ohmacht als das Machtwort?

Mein Haus, mein Auto, mein Blutdruck

In An Alle on Mai 7, 2009 at 8:11 am

(Foto: Guesus)

Wie fasst man 15 Jahre seines Lebens zusammen? Man könnte von seinen Reisen erzählen, von den interessanten Menschen, die man kennengelernt hat, von den Ideen und Gedanken, die durch den Kopf gegangen sind und sich auf unerklärliche Weise verändert oder aufgelöst haben. Man könnte von den Büchern sprechen, die einen geprägt haben, von den Zielen, die man sich gesetzt hatte, und was davon übrig geblieben ist, von den kuriosen Geschichten, die man erlebt hat, selbst von der Geschichte, wie man seine Frau kennengelernt hat und warum man dort lebt, wo man lebt.

Aber stattdessen reduzieren sich 15 Jahre auf den professionellen Curriculum Vitae  – Diplom im Fach <Grossartigkeit> an der Universität <TopRanking>, Posten als <SuperEinsteiger> bei <Weltunternehmen>, schneller Aufstieg zum <Obermacker> und schliesslich <FastDerCheffe> bei <WeiteWeltunternehmen> – gespickt mit stark belastenden Indizien wie Haus gebaut, SUV gefahren, Top-Kontakte geknüpft. Wer möchte sowas hören, den es nicht drängt, selbst ähnliches zu erzählen?

Ich finde, man sollte zur Abwechslung und systematischen Verwirrung mal andere unorthodoxe Erfolge heraushängen lassen wie zum Beispiel: die Zahl der Gutenachtgeschichten, die man seinen Kindern vorgelesen hat; die Zahl der Haare, die nicht grau geworden sind; die Zahl der selbstgemachten Linsensuppen, die man gekocht hat; die Zahl der Kilometer, die man mit dem Fahrrad zurückgelegt hat; die Zahl der Bücher, die man gelesen hat (gilt nur für Nicht-Germanisten, die müssen stattdessen ihre Computer-Kenntnisse nachweisen); den allgemeinen gesundheitlichen Zustand (Blutdruck und Übergewicht z.B. führen zu Minuspunkten); die Zahl der Stunden, die man meditiert hat; die Zahl der Sonnenuntergänge, die man beobachten durfte (oder als Bonus: der Sonnenuntergänge hinter den Bergen oder am Strand); die Momente, in denen man sich frei fühlte oder glücklich oder neugierig; die Zahl der Liebeserklärungen, die man jemandem gemacht hat; die Zahl der Fehler, die man eingesehen hat; …

Warum ist der Mensch im Blick so vieler nur so viel wert wie seine Stellenbezeichnung?