Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Die europäische Idee

In An Manche on Juli 8, 2010 at 9:04 pm

Foto: Gorbould

„Der Euro ist ein Frage von Krieg und Frieden“, sagt Helmut Kohl. Die Idee eines Vereinigten Europas ist die Antwort auf die vielen Kriege zwischen den Nationen Europas. Einleuchtend! Aber auch zwingend richtig? Die Idee der Nation war ja früher auch schon mal eine Antwort auf die vielen Kriege, die von Fürsten, Königen und Provinzherrschern angezettelt worden waren. Hat uns diese Antwort überzeugt?  Gilt nicht vielmehr: weniger Teilnehmer, weniger Kriege – aber auch grössere Teilnehmer, grössere Kriege? Wenn die europäischen Nationen sich im grossen Vereinigten Europa auflösen, könnte dann nicht sogar ein Krieg gegen einen anderen Grossen drohen – China, Russland, USA?

Kriege sind durch den Drang nach Ausbreitung des eigenen Lebensraums, aber auch nach Ausdehnen der eigenen Identität motiviert. Denn die eigene Identität gilt den Menschen bekanntlich als die zuverlässigste und unzweifelhaft richtigste. Wenn aber die nationalen Identitäten in einer europäischen Identität aufgehen, wird dann nicht in gewissen Weise dem gleichen Bedürfnis nach Ausdehnung  gehuldigt? Wäre die bessere Antwort nicht in der Überlegung gegründet und durch den Versuch gegeben (auch wenn ich keinen Vorschlag habe wie), dieses unseelige Ausbreiten von Identitäten als Ziel zu diskreditieren und Respekt vor Vielfalt und Koexistenz zu fördern? Warum eine neue Identität schaffen, wenn es so viele, viele kleine geben kann?

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  1. Menschen wollen keinen Krieg in dem von dir genannten Sinn führen. Dies zu unterstellen zeugt von mangelndem Verständnis ihrer Natur an und für sich.

    Das einzige wofür wir bereit sind unsere Existenz zu riskieren ist die Angst um eben diese.

    Wie immer bestätigt hier die Ausnahme die Regel und natürlich steigt die Menge Ausnahme mit der Menge Regel.

    🙂

    • Was waren denn die Gründe für die folgenden 5 Kriege, die mir spontan in den Sinn kommen:
      – Jugoslawischer Bürgerkrieg
      – Vietnam-Krieg
      – 2.Weltkrieg
      – 1.Weltkrieg
      – Kreuzzüge
      – Römisch-Karthagischer Krieg
      In allen Fällen geht es doch darum, anderen die eigene Identität aufzuzwingen – ob jetzt religiöser, weltanschaulicher oder ethnischer Natur. Ich kann in keinem Fall eine Existenz-Angst der jeweiligen Angreifer erkennen. Es sei denn, man sieht all diejenigen als existenzielle Gefahr an, die nicht Teil der eigenen Identität sind. Aber das läuft ja praktisch auf’s gleiche hinaus…

  2. – Jugoslawischer Bürgerkrieg: Existenzangst nahezu aller Beteiligter.
    – Vietnam-Krieg: Propaganda und ebenso die Angst der US-Bürger vor dem Kommunisten.
    – 2. Weltkrieg: Ebenso. Die Angst vor Stalin und den Russen war extrem weit verbreitet. Meiner Mutter brachte man z.B. noch in der Schule bei, daß Russen Tiere seien.
    – 1. Weltkrieg: Kitzelig. Anfänglich reiner Obrigkeitsglaube (siehe „Der Untertan“), und später dann blanke Angst gegen die „Anti-Deutschen“ zu verlieren. Ersteres hat mE nach nichts mit eigener Ideologie u./o. Weltsicht zu tun. Es ist schlicht die unkritische/nicht reflektierte Akzeptanz des Gegebenen!
    – Kreuzzüge: Ist historisch bewiesen eine reine Armutshandlung. Jedem Kreuzzug geht eine Hungersnot, oder blanke Überbevölkerung voraus. Das gab es ja auch in anderer Richtung siehe Attila bzw. die Osmanen.
    – Römisch-Karthagische Kriege: Hier ist es nahezu eindeutig eine Frage das blanken Überlebens gewesen. Das Ergebnis zeigt dies eindeutig. Der eigentliche Konflikt begann mit der Auseinandersetzung um Sizilien. Karthago hatte die Insel selbst lediglich besetzt, um mehr Korn für seine eigene Bevölkerung (bzw. die Armee, was auf das selbe hinauslief) zu handeln bzw. schlicht anzubauen. Die Römer konnten den expansiven Arm dieser Großmacht „vor der eigenen Tür“ nicht tolerieren. Denn auch Karthago unterstützte Piraten und unterminierte die „Organisation“ Rom.

    In der Moderne kann man das natürlich noch ein wenig erweitern. Denn da wo unsere Existenz nicht akut in Gefahr ist, interessiert es uns nur wenig, wenn des Nachbars Kinder in einem Krieg fallen. Zwei meiner Söhne sind ja nun in dem Alter. Es gibt nun Leute die wollen ihnen wieder Ehrenkreuze an die dann kalte tote Brust heften. Ich als Vater möchte den Befürwortern solcher Perversion gerne die Hände abschneiden und dann fragen: „Wie wollen sie denn ohne Hände Toten Orden anheften?“.

    Doch der Normalbürger interessiert sich nicht, weil es ihn nicht betrifft. Doch warte bis noch mehr Särge im Fernsehen erscheinen, bis noch mehr Söhne „Fallen“. Dann wird das mediale Geschrei nach Frieden größer und größer. Und warum? Weil die Menschen keinen Krieg wollen.

    Mag sein das Menschen anderen Menschen ihren Willen aufzwingen möchten, aber sie wollen dafür nicht töten. Sie wollen das die „anderen“ einfach ihren Willen annehmen 🙂

    Zum Thema Identität empfehle ich die Dokureihe: „The Century of the Self“

    Hier deer Wikilink: http://en.wikipedia.org/wiki/The_Century_of_the_Self

    Denn das was Du Identität nennst ist etwas, daß vor 100 Jahren der Masse Mensch nicht einmal bekannt war. Wie wollte sie diese dann anderen aufzwängen?

    😉

    Die Spezies ist komplex,…

    • Die Tatsache, dass Identität als Begriff nicht bekannt war, heisst noch lange nicht, dass sie nicht existierte. Vielleicht wurde sie nur anders genannt, z.B. Nationalität, Religionszugehörigkeit, Stammeszugehörigkeit, Rassenzugehörigkeit, …

      Ich bin zwar nicht überzeugt, dass deine Deutung der Kriege die (einzig) richtige ist, vielleicht haben wir ja auch beide Recht oder es gibt sogar eine grosse Vielzahl von Gründen, die zusammenkommen müssen, damit ein Krieg zum Ausbruch kommt. Aber lass uns das mal beseite schieben. Nehmen wir an, du hast Recht, Kriege werden aussschliesslich durch Existenzangst oder Bedrohungsgefühle ausgelöst. Ist die Vereinigung Europas dann die richtige Prävention gegen zukünftige Kriege? Oder gilt meine Argumentation im Blog-Artikel auch dann: steuern wir nicht auf einen nächsten, noch grösseren Krieg zu – weil wir uns vor übermächtigen, bedrohlich wirkenden Amerikanern, Russen, Chinesen, …, in unserer Existenz bedroht sehen?

  3. Es wird keinen nächsten großen Krieg in diesem Sinn der Sache mehr geben. Nicht zuletzt verhindert dies schon die Globalisierung.

    Vor 2 Jahren fragte ich einen Manager bei Siemens ob sie dort noch die Lehrlinge, in den Produktivberufen, ihr eigenes Werkzeug herstellen lassen würden. Seine Antwort:

    „Wo denken Sie denn hin? Das Werkzeug bekommen wir doch aus Asien viel billiger!“

    Als ich vor 4 Jahren einen klassischen Holzschlitten erwerben wollte, sagte mir die Dame bei (Kar(hust)stadt): „Tut mir leid, aber der Container aus Übersee ist noch nicht eingetroffen.“

    Also. Was bitte sollen wir Europäer machen, wenn Die Asiaten uns nicht mehr beliefern? Wie willst Du ohne Werkzeug Panzer bauen?

    Die nächste Stufe der Eskalation ist die der Lebensmodelle. Allein In Deutschland können sich nunmehr 10.000.000 Menschen nicht mehr aus eigener Kraft ernähren. gut 7.000.000 davon gehen täglich 8 – 10 Stunden arbeiten.

    3.000.000 hungernde Kinder, Tendenz steigend. Wie lange soll das noch gut gehen?

    Die ersten Zeichen tauchen am Horizont schon auf: Gegen den ehemaligen Finanzsenator von Berlin Thilo Sarrazin wurden tatsächlich Ermittlungsverfahren wegen „Volksverhetzung“ eingeleitet. Vor 10 Jahren noch undenkbar, beginnt die Verwaltung ihre geistig Verwirrten „Sprücheklopfer“ nun offen anzugehen, aus der Furcht vor der, zu Recht empörten, Masse.

    Und dann gibt es da ja immer noch ein paar Irre die an Soz- und Kapitalismus vorbei ein Modell der gesellschaftlichen ökonomischen Aufklärung anstreben 🙂

    LG

    • Globalisierung und wirtschaftliche Verflechtung als Schutz vor Kriegen? Auch da bin ich mir leider nicht sicher. Die Welt dreht sich schnell. Auch in den 20ern war Europa wirtschaftlich stark verflochten…

  4. Ich glaube auch, das der Mensch von Natur her ein friedliebendes Wesen ist und das vielfältige Identitäten eher ein Bereicherung sind. Generell glaube ich, das es zwingend ist, wenn ein Mensch gegen einen anderen die Hand erheben will, er ein „Feindbild“ in sich tragen muss.

    Und die Kreation eines Feindbildes, das ist für mich das tückische, das unberechenbare im Mensch, aus dem Gehirn eines Einzelnen entsprungen, aus dem Willen zur Macht, Anerkennung, Profilierung, Gier, Haß.., infiziert es zunächst das Umfeld, bis es wie ein Feuer die Masse entflammt. Islam, Antisemitismus, gelbe Gefahr, Klimakatastrophe – Wahre Mahner zeigen dabei nicht auf den Mensch – sondern auf die Sache. Wahre Mahner sind sozial – Unfriedenstifende Polarisier des eigenen Vorteils wegen – asozial.

    Ich glaube, bei den punktuellen Flammpunkten, wie Bosnien, Afgahnistan oder Korea wird es immer bleiben, deren Ursprung auch im persönlichen Interesse weniger lagen – aber noch großere Kriege als wir sie schon hatten, das sprengt meine Vorstellungskraft an Elend.

    • Meine Vorstellungskraft wurde schon mehrfach von der Wirklichkeit gesprengt. Ein Feindbild findet sich immer, wenn es Menschen schlecht geht. Aber ich höre jetzt mal auf zu unken, will ja nicht den Teufel an die Wand malen…

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