Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

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Das absolute Gedächtnis

In An Alle on April 29, 2009 at 11:14 am

(Foto: loop_oh)

Ich habe mir früher mal die Frage gestellt, was es denn für mich bedeuten würde, mit einem absoluten Gedächtnis ausgerüstet zu sein, jede Wahrnehmung jeglicher Art zu jeder Zeit punktgenau zurückrufen zu können. Ein paar Jahre später habe ich von einem Forscher gehört, der mit einer Kamera um den Hals durch das Leben ging, die alles aufzeichnete und auf gigantischen Festplatten abspeicherte. Mittlerweile hat so gut wie jeder einen digitalen Fotoapparat und Videokamera und speichert seine Fotos und Filme samt Zeitstempel, Geodaten und Schlagworten auf seiner Festplatte und kann sein Leben mit wenigen Suchoperationen rekonstruieren. Digitale Tagebücher und soziale Netwerke tun ihr übriges, um dem absoluten -digitalen- Gedächtnis sehr nahe zu kommen.

Kinder, die in diesem Jahrzehnt aufwachsen, können sich dabei beobachten wie sie die ersten Schritte tun, wie sie lesen lernen, sie können in ihre eigenen überraschten Kinderaugen blicken während sie Weihnachtsgeschenke auspacken, sie hören sich nörgeln, ein Instrument lernen oder mit ihren Geschwistern streiten. Sie können ihre Persönlichkeitsentwicklung nachvollziehen, wobei ja auch das ständige Betrachten ihrerselbst ihre Persönlichkeitsentwicklung mitbeeinflusst. Mich würde es brennend interessieren wie ich denn als Kind war, wie sich mein Alltag gestaltet hat, ob sich bestimmte Züge meiner Persönlichkeit schon früh finden, ob mein Söhnchen ähnlich ist wie ich damals, ob sich der Zauber meiner Erinnerungen auch in den Filmen spiegelt.

Aber genau da sehe ich auch den Haken: ich halte es für möglich, dass ich, der sich als Kind und viele Jahre in das junge Erwachsenenleben hinein als etwas besonderes, berufenes, einzigartiges betrachtete, durch diese Filme auf meine eigene Mittelmässigkeit, Stromlinienförmigkeit und Banalität aufmerksam würde. Erinnerungen lassen sich schönen, schönen sich ganz von alleine – aber Videofilme zeigen das Leben in seiner kargen Belanglosigkeit. Wer einen unbearbeiteten Hochzeitsfilm betrachtet, der hört nur Tellerklappern und dröges Geplapper, sieht ungeschickte Gesten und Gabeln, die unerbittlich Essen in geöffnete Münder transportieren. Die Schönheit scheint erst später beim Schneiden, Auswählen und Hinterlegen von Musik hinzugefügt zu werden. Unsere Gehirne machen das schon direkt bei der Wahrnehmung und auch noch beim Abrufen.

Meine Grossmutter hat höchstens 5 Fotos von sich, auf denen sich jünger ist als 50. Viele andere alte Menschen haben nicht einmal das, haben nicht einmal ein Foto oder eine Zeichnung ihrer Eltern. Sie müssen alle Erinnerungen in sich tragen und können sie nicht teilen ausser in Geschichten. Wer wird wohl schönere Erinnerungen an seine Kindheit haben – meine Grossmutter, die ihre Vergangenheit in sich trägt, oder ihr Urgrossenkel mit dem absoluten digitalen Gedächtnis?

Tucholsky – Liebespaar am Fenster

In Lieder on April 24, 2009 at 1:51 am

[Foto: changr]

Ich habe mir erlaubt, ein Gedicht Kurt Tucholskys zu vertonen und spontan aufzunehmen. Nachdem ich Monate daran gerätselt habe, wie ich denn sowas am besten mache, habe ich jetzt einfach mal am schnellsten gemacht – und zwar mit allem, was so in meinem Arbeitszimmer herumlag (glücklicherweise befindet sich immer zumindest ein Klavier darin). Zwar nicht in einem Schuss (weil ich nunmal nicht 10 Hände und 3 Gehirne habe), aber doch ohne Schnipseln und Bearbeiten, ohne technische Effekte, ohne Schönfärbereien. Eine Beta-Version, die nie in den Produktstatus übergehen wird…

Als Frage-Blogger sollte ich ja auch eigentlich eine Frage stellen, aber jeder Musiker weiss, dass die Frage „Wie war ich?“ ein ständiger stiller Begleiter ist. Also: wie steht denn nun dem Kurt das neue Hemd?

Download

Falls jemand irgendetwas mit dem Lied anfangen möchte, zum Beispiel ein Video dazu basteln oder einen schärferen Rhythmus drunterlegen oder eine Fotostrecke mit lauter Liebespaaren am Fenster, das darf er gerne, es steht unter der folgenden Creative Commons Lizenz.

Danke an Julia und Cara für die Hilfe beim Einbetten in WordPress!


Liebespaar am Fenster

Dies ist ein Sonntag vormittag;

wir lehnen so zum Spaße

leicht ermüdet zum Fenster hinaus

und sehen auf die Straße.

Die Sonne scheint. Das Leben rinnt.

Ein kleiner Hund, ein dickes Kind …

Wir haben uns gefunden

für Tage, Wochen, Monate

und für Stunden – für Stunden.

Ich, der Mann, denke mir nichts.

Heut kann ich zu Hause bleiben,

heute geh ich nicht ins Büro –

… an die Steuer muß ich noch schreiben … .

Wieviel Uhr? Ich weiß nicht genau.

Sie ist zu mir wie eine Frau,

ich fühl mich ihr verbunden

für Tage, Wochen, Monate

und für Stunden – für Stunden.

Ich, die Frau, bin gern bei ihm.

Von Heiraten wird nicht gesprochen.

Aber eines Tages will ich ihn mir

ganz und gar unterjochen.

Die Dicke, daneben auf ihrem Balkon,

gibt ihrem Kinde einen Bonbon

und spielt mit ihren Hunden …

So soll mein Leben auch einmal sein –

und nicht nur für Stunden – für Stunden.

Von Kopf zu Kopf umfließt uns ein Strom;

noch sind wir ein Abenteuer.

Eines Tages trennen wir uns,

eine andere kommt … ein neuer …

Oder wir bleiben für immer zusammen;

dann erlöschen die großen Flammen,

Gewohnheit wird, was Liebe war.

Und nur in seltenen Sekunden

blitzt Erinnerung auf an ein schönes Jahr,

und an Stunden – an glückliche Stunden.

(Kurt Tucholsky, 1928)

Vermarktung

In An Alle on April 23, 2009 at 9:49 am

[Foto: an untrained eye]

„Es trägt Verstand und rechter Sinn mit wenig Kunst sich selber vor.“

Wieder so ein Faust-Zitat, das mich beim ersten Lesen vor mehr als 20 Jahren stark beeindruckt hat und das ich seitdem regelmässig mit dem Leben abgleiche. Und wenn ich mir genug Mühe gebe, dann finde ich auch immer wieder Anzeichen dafür, dass sich Qualität durchsetzt, dass Erfolg nicht ein Produkt des Zufalls ist, dass auch eine noch so aufwändige Werbekampagne kein hässliches Entlein in einen Schwan verwandeln kann.

Aber es gibt auch den Spruch „Je intelligenter man ist, desto intelligenter betrügt man sich selbst“ und ich frage mich, ob meine Wünsche nicht stärker sind als die Realität. Ist die Musik, die mich in den 80ern sozialisiert hat, nicht in etwa der Musikgeschmack einer kleinen Kaste von Musikmanagern der damaligen Zeit? Sind die Unternehmen, die mit einer Idee Erfolg haben, nicht meist die, die am meisten geklaut und am geschicktesten oder auch einfach am Brutalsten vermarktet haben? Sind die Romane, die das 20. Jahrhundert geprägt haben, tatsächlich besser als die, die aus irgendwelchen Gründen nie veröffentlicht wurden und deren Autoren aus Gram starben? Wieviele Bachs, Mozarts oder Beethovens sind in der Anonymität verschwunden oder schafften es nie aus ihr heraus (dass wir heute Bach so verehren, verdanken wir zu einem Grossteil Felix Mendelssohn-Bartholdy)? Wieviele bedeutende Menschen landeten auf der Verliererseite, von der man nie etwas hört, weil die Gewinner sie nicht zu Wort kommen lassen?

Und wie sieht es denn heute aus? Die Rolle der Menschen, die den Daumen nach oben oder nach unten richten, wird immer unwichtiger. Transparenz und Vielfalt sollte es uns ermöglichen, bessere gerechtere Entscheidungen zu treffen, Willkür zu umgehen. Verstand und rechten Sinn sollten wir ungefiltert erleben können und uns von der Kunst des Vortrags emanzipieren können. Aber da ist immer noch unsere Aufmerksamkeit, diese enge Röhre, durch die nicht viel durchpasst. Und dann schaffen es möglicherweise wieder die, die mit viel Kunst unsere Aufmerksamkeit erringen, die anderen, die es wie ich mit Verstand und rechtem Sinn versuchen, in den Schatten zu stellen. Oder?

Journalismus: mein Wunschzettel

In An Manche on April 21, 2009 at 9:31 am

[Foto: dream4akeem]

  • Ich möchte wissen, aufgrund welcher Quellen ein Artikel geschrieben wurde. Jeder Artikel sollte ein Link-Verzeichnis haben
  • Ich möchte wissen, wer den Artikel geschrieben hat und welche Meinungen der Journalist in der Vergangenheit vertreten hat, um mir ein Bild von ihm machen zu können und seine Beurteilungen einordnen zu können. Welche Perspektive bezieht dieser Journalist? Wo steht er?
  • Ich lese themenbezogen und nicht markenbezogen: wenn mich ein Thema interessiert, möchte ich Informationen aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln, eine breite Palette von Informationen und Meinungen, die sich gerne auch widersprechen. Ist mir egal, ob da jetzt Spiegel, Zeit oder Frankfurter Rundschau drübersteht
  • Meinung ist mir weniger wichtig als sorgsam recherchierte und belegbare Fakten. Meinung hat jeder, gute Begründungen nur wenige
  • Ich bin überzeugt, dass Kommunikation uns der Wahrheit näher bringt. Alle Journalisten sollten über ihre Artikel mit anderen Journalisten und ihren Lesern in Dialog treten. Lieber weniger schreiben, dafür aber mehr diskutieren und öffentlich Argumente und Informationen austauschen
  • Ich möchte, dass Informationen und Beurteilungen strikt voneinander getrennt sind. Alter Hut? Ist aber selten der Fall. Jeder Spiegel-Artikel seit 1949 ist eine einzige suggestive Vermischung von Wahrheiten, Halb-Wahrheiten und Beurteilungen und Polemik
  • Ich möchte keine eingebaute Werbung in Artikeln lesen. Ich möchte nicht, dass ein Journalist Rücksicht nehmen muss auf die, die ein paar Seiten weiter werben
  • Ich möchte eigentlich überhaupt gar keine Werbung
  • Agenturmeldungen will ich auf einer speziellen News-Seite lesen und nicht bei Spiegel, FAZ oder Sueddeutsche. Ich möchte auch nicht, dass jemand diese Agentur-Meldungen weiterverwurstet, ohne auf die Agenturmeldung zu verlinken

Tja, nun steht die Frage im Raum: gibt es für diese Art des Journalismus überhaupt ein Geschäftsmodell? Aufwendiges Recherchieren, sorgfältiges Prüfen, zeitintensives Kommunizieren, aber die Taue zur Wirtschaft kappen und Leser finden, die die ganze Arbeit bezahlen. Ich nenne immer gerne Brandeins und CT, die – auch wenn sie sich ebenfalls zu einen grossen Teil aus Werbung finanzieren – meinem Ideal schon recht nahe kommen. Ist das auch denkbar für weniger spezialisierte Themen?

Dahingetwagt (4)

In An Manche on April 18, 2009 at 9:47 pm

Diese Woche hier. Man sieht, nach dem Schwung der Anfangswochen ist die Arbeitsleistung signifikant gesunken. Wie lange das wohl noch gutgeht?

  • Eine Frage erkennt man an der Einstellung, nicht am Satzzeichen
  • Suche ich eigentlich eher interessantes oder doch lieber relevantes?
  • Lügt es sich übers Internet besser als übers Telefon?
  • Sollten alle ausgewogen urteilen – oder besser die Aggregation aller einseitigen Urteile einer anderen Instanz überlassen?
  • Hat jemand Links oder Tipps für einen Familienurlaub auf Amrum?
  • Tiervergleiche haben einen schlechten Ruf. Aber wer will denn lieber mit einer Pflanze oder einem Mineral verglichen werden?
  • Warum schreiben lebendige Leute schon ihren Namen auf ihren Grabstein? Ungeduld oder Planungswut?
  • Steigt mit der Quantität des Erlebten das Bedürfnis es mitzuteilen?

Lernen Lehren lernen

In An Manche on April 16, 2009 at 7:59 am

[Foto: onkel_wart]

Es ist eine erhebende Erkenntnis, lernen zu können, sich durch vielzähliges Wiederholen Fähigkeiten anzueignen, die unerreichbar schienen, bevor man den Versuch begann. Diese Erkenntnis würde ich meinem Söhnchen gerne vermitteln, aber ich weiss, dass sie sich durch Worte nicht vermitteln lässt, sondern sich nur durch erfolgreiches Tun als Aha-Effekt offenbart. Wer erst einmal selbst erlebt hat, zu was Arbeit und Fleiss führen können, der wird die damit verbundenen Mühen leicht ertragen können und immer weiter gelangen. Aber wer sich die mühsame Reise nicht zutraut und erst gar nicht antritt, der wird auch nie den Sinn und die Schönheit der Reise erkennen. Ein Teufelskreis! Wie also den Anfang machen? Was könnte ein Kind erlernen, für das es sich ein klein wenig quälen muss, ohne zu früh die Lust zu verlieren, aber auch ohne es zu leicht zu haben?

Der Mentor

In An Alle on April 14, 2009 at 8:03 am

[Foto: mayhem]

Im Zusammenhang mit Startup-Gründungen in den USA hört man immer wieder den guten Ratschlag „Suche dir einen Mentor“. Auch in der Generation meines Vaters wird der Begriff gebraucht, mir ist er weitgehend unbekannt. Ich kann mich nicht erinnern, dass jemals einer meiner Freunde von einem Mentor gesprochen hat.  Ich musste sogar erst mal nachschlagen, was genau damit gemeint ist – bin mir aber nicht sicher, die Idee wirklich durchdrungen zu haben. Wikipedias Definition ist jedenfalls sehr dünn.

Ist ein Mentor lediglich jemand, der einem mal einen Ratsschlag gegeben hat – oder jemand, der als ständiger Ratgeber über einen längeren Zeitraum fungierte? Die erste Definition ist bereits durch einen Onkel erfüllt, der einem einmal bei einem Besuch auf die Schulter geklopft und gesagt hat: „Halt die Ohren steif!“. Nach der zweiten Definition könnte das auch die eigene Mutter sein. Mir scheint, dass ein Mentor nur in einem ganz abgegrenzten Bereich agiert: Unternehmensgründung, Karriereplanung, Literatur. Aber das tut ja auch jeder Lehrer. Und nicht jeder Lehrer ist ein Mentor. Der individuelle Aspekt der Beratung ist doch unabdingbar, oder? Ist ein Doktorvater bereits ein Mentor? Kann ein Mentor Geld verlangen – oder wird er dann nur zum professionellen Berater? Und schwingt nicht auch ein Hauch von Lebensphilosophie, Werten und Grundsätzen mit, wenn von einem Mentor die Rede ist – fachliche Beratung als Katalysator der Persönlichkeitsentwicklung?

Ich würde die Fragen gerne weitergeben: was versteht ihr unter einem Mentor? Hattet oder habt ihr einen Mentor? Welche Geschichten über Mentoren kennt ihr – aus dem eigenen Leben oder aus der Literatur? Trügt meine Wahrnehmung, dass die Idee des Mentors bereits verblasst ist?

Dahingetwagt (3)

In An Manche on April 11, 2009 at 2:20 pm

Diese Woche auf Twitter

  • Was ist von meiner Botschaft beim Empfänger noch übrig?
  • Ab wieviel Followern hat man eigentlich eine Verantwortung für das, was man twittert?
  • Interessiert man sich für mich eigentlich aus den richtigen Gründen?
  • Ist die Open-Source-Bewegung ohne Microsoft überhaupt denkbar? Oder wäre sie auch so unaufhaltsam gewesen?
  • Würden grosse Projekte ohne Selbstüberschätzung überhaupt jemals begonnen?
  • Gibt es irgendeine krude These, die nicht von einem griffigen Zitat eines grossen Mannes gestützt werden kann?
  • Wann kommt GMail eigentlich mal aus der Beta-Phase raus?
  • Verliert der seine Würde, der jeden Scheiss mitmacht oder der, der sein ganzes Leben darauf wartet, etwas seiner Grösse angemessenes zu tun?
  • Alle Journalisten sitzen in einem Boot. Vielleicht ist gerade das ihr Problem?
  • Ich würde gern nur noch denjenigen folgen, die mir nicht folgen würden, wenn ich ihnen nur folgen würde, weil sie mir folgen

Ein Schuss

In An Manche on April 9, 2009 at 9:19 am

[Foto:  kozigraf]

Frank Sinatra war bekannt als jemand, der bei Studio-Aufnahmen nur einen Versuch brauchte, um ein Lied aufzunehmen. Andere brauchen Jahre, um ihren Aufnahmen den richtigen Schliff zu geben. Hört man das? Wirkt Sinatra frischer, unverbrauchter, inspierierter auf seinen Aufnahmen als jemand, dessen Stimme mehrfach nachbearbeitet wurde, der mehrere Aufnahmen machte, die dann zusammengeschnitten werden? Ist dieser Spirit of Live auch auf Tonträgern noch lebendig? Oder sind es nicht doch die Ton-Ingenieure, die einer Aufnahme den Zauber, den Geist, die Qualität verleihen?

Und wenn das der Fall ist, kann man diese Technik, den Augenblick zu verzaubern, auch auf andere kreative Bereiche anwenden: zum Beispiel der Software-Entwicklung oder Web-Design oder Video-Bearbeitung oder Blog-Artikel schreiben? Oder ist diese ganze Geschichte nur ein wohlgepflegter Mythos (haben vielleicht die Ton-Techniker am Ende alles ausbügeln müssen?), der falsche Hoffnungen und Illusionen schürt – nämlich ohne Mühen und Schweiss erfolgreich zu sein?

Der Stahl der Gewissheit – Ein Buch ohne Fragen

In An Jemanden on April 7, 2009 at 7:52 am

[Foto: Jens-Olaf]

Ich kann jetzt nach eigener Lektüre nachvollziehen, warum Ernst Jünger für sein Buch „In Stahlgewittern“ gehasst wurde. Nicht weil er den Krieg verharmlost oder verherrlicht. Seine Beschreibungen sind oft abstossend und schockierend, schildern wie Kameraden zerfetzt, zerrissen und verstümmelt werden, ihnen das Gehirn ausläuft, der Kopf explodiert, ihre Gedärme aus dem Leib quellen. Jünger beschreibt den Krieg durchaus abschreckend als ein furchtbares Gemetzel.

Das Unerträgliche an diesem Buch ist, dass selbst die schlimmsten Erfahrungen den jungen Soldaten nicht über das Erlebte nachdenken lassen, Zweifel an seinem Tun schüren oder auch nur die geringste Frage nach dem Sinn seiner Mission aufwerfen. Ohne Zweifel, ohne Fragen, ohne Reue geht es immer und immer wieder aufs neue in die nächste Schlacht. Selbst der Tod von Freunden und die eigene schwere Verwundung können nicht die Gewissheit ankratzen, das richtige zu tun – und hindern ihn auch nicht, stets von Mut, Stärke, Furchtlosigkeit zu quaken. Der Mann kommt aus dem Krieg so heraus wie er hineingegangen ist – ohne innere Konflikte. Das Buch endet mit der stolzen Feststellung, vom Kaiser den obersten Verdienstordnen verliehen bekommen zu haben.

Diese seltsame Chronik, die zudem mit manch geschmacklosem Vergleich und Bild etwas linkisch gespickt wurde, ist einfach zu wenig, auch für einen 23jährigen zu wenig. Durchgefallen! Von einem gebildeten Menschen wie Jünger durfte man auch zu dieser Zeit, auch in diesem jungen Alter mehr erwarten. Jünger hätte verständlich machen können, was seine Generation eigentlich im Inneren getrieben hat, sogar Verständnis wecken, Einsichten in den politischen und gesellschaftlichen Kontext geben. Nein, keine Stellungnahme – nicht zuständig! Und mir scheint gerade nach dieser Lektüre, dass es auch diese Schwäche war, keine Stellung beziehen zu können oder zu wollen, vermischt mit soldatischem Pflichtbewusstsein, Eitelkeit, Loyalität und Corpsgeist, die die Generalität zu Hitlers wirksamstem Instrument gemacht hat.

In den „Stahlgewittern“ zeigen sich unbeabsichtigt die Keime des Niedergangs und der Selbstzerstörung Deutschlands zwei Jahrzehnte später. Vielleicht wäre die Katastrophe aufzuhalten gewesen, wenn auch Jünger sich und seinen Altersgenossen die einfache Frage gestellt hätte, die er später noch sein ganzes Leben lang als Belästigung empfunden hat: warum?