Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Archive for the ‘An Alle’ Category

20 Jahre….

In An Alle on Oktober 21, 2009 at 9:30 am
Foto: verni22im

Foto: verni22im

Der Mauerfall jährt sich bald zum 20.Male. Unfassbar! Es lief alles so glatt damals. Die VoPo schaute nur zu. Das Zentralkomittee war durch Altersschwäche und Realitätsallergien gelähmt. Die Mauer hatte dem Willen der Menschen nichts entgegenzusetzen. Bald danach Kohl hier, Kohl da, Kohl mit Pollunder, Kohl mit Pullover, Kohl mit Strickjacke, Kohl mit Gorbi, Kohl mit Fronswa, Kohl mit Schorsch. Und plötzlich war die deutsche Einheit da. Kohl bekam zwar zwischendurch ein paar Eier ab oder wurde niedergepfiffen, aber das war wahrscheinlich nur persönlich gemeint.

Die Bilder der Menschen, die ihr Glück kaum fassen können, die Grenze überschreiten zu dürfen, die heulend in Berlin herumlaufen, die berühren mich auch heute noch sehr. Kann es sein, dass wir unglaubliches Glück hatten? Was, wenn sich die Wut auf das Regime in Aggressionen gebündelt hätte? Wenn Honecker 10 Jahre jünger und im Vollbesitz seiner Kräfte gewesen wäre? Was, wenn Gorbatschow durch einen Militärführer weggeputscht worden wäre und plötzlich sowjetische Panzer durch Leipzig, Dresden und Berlin rollen? Wie gross war das Risiko einer Eskalation, die zu einer Konfrontation der damaligen Machtblöcke oder sogar in einen 3.Weltkrieg hätte münden können?

Oder auch die Möglichkeit eines entschiedenen Neins der Sowjetunion, Frankreichs, Englands oder Amerika zu einem vereinten Deutschland? Wie wäre das dann weitergegangen, wenn die SED unter Hans Modrow ein Glasnost versucht hätte mit einem Volk, das viel mehr wollte als einen demokratischeren Sozialismus und auf gepackten Koffern sass? Oder wären viele sogar wieder zurückgekommen nach ein paar Jahren enttäuschter Erwartungen im Westen? Hätte es eine zweite Chance für die DDR geben können?

Wie wichtig waren die handelnden Personen damals? Was, wenn Kohl 1987 die Bundestagswahl gegen Johannes Rau verloren hätte oder Mitterand 1988 gegen Jacques Chirac? Wäre es trotzdem so gekommen? Musste es so kommen, so unausweichlich „wie der Rhein sich durch Deutschland schlängelt und in die Nordsee mündet“ (so soll Kohl es Gorbatschow gesagt haben). Oder hing alles am seidenen Faden?

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Es gibt immer einen guten Grund zu wählen

In An Alle on September 10, 2009 at 1:42 pm
Foto: Lobi

Foto: Lobi

Man solle sich auf seine Stärken konzentrieren, anstatt an seinen Schwächen herumzudoktern, sagen viele, die erfolgreich sind. Positiv denken, sagen andere. Also, dann mach ich doch jetzt einfach mal beides. Anstatt herumzunörgeln an unseren Parteien, ihnen ihre Schwächen unter die Nase zu halten und sie an gebrochene Versprechen zu erinnern, tue ich jetzt mal etwas ganz revolutionäres: ich spreche nur von den wichtigsten Gründen, die dafür sprechen, sie zu wählen. Eine einseitige Stärkenanalyse. Weiss ich dann auch besser, was ich wählen soll, als wenn ich eine Stärken-Schwächen-Analyse mache oder mir die Wahlprogramme durchzulesen oder mich von meiner Sympathie leiten lasse?

CDU/CSU

Das wichtigste Argument für die CDU/CSU ist für mich die Bundeskanzlerin selbst. Während ihre Vorgänger von Zeit zu Zeit auf den Tisch hauten, Basta riefen oder mächtige Machtwörter sprachen, um dem Volk ihre Führungsstärke zu demonstrieren, verweigert sich Angela Merkel diesen archaischen Ritualen ganz gelassen. Sie gleicht aus, löst Konflikte, wägt Interessen gegeneinander ab, deeskaliert und lässt die testosterongetränkten Stiere aus verschiedenen Richtungen ins Leere rennen. Und – wichtig für jeden Fragezeichner – sie vermittelt nicht den Eindruck, als einzige die Wahrheit zu kennen und Probleme mit fertige Lösungen erschlagen zu können, hört stattdessen zu und lässt Meinungen auf sich wirken. Das nenne ich modernen Führungsstil.

SPD

Die SPD hat eine lange und stolze Tradition, hat sich totalitären Ideologien stets unter eigenen Opfern verweigert und in den über 100 Jahren ihrer Existenz epochale und revolutionäre Errungenschaften wie das Rentensystem,  Unternehmensmitbestimmung, Ost-West-Annäherung oder Atomausstieg erfunden oder massgeblich mitgestaltet. Da Vergangenheit durchaus ein brauchbarer Indikator für die Zukunft sein kann, steht zu hoffen, dass sie auch ein weiteres Mal in der Lage sein wird, sich neu zu erfinden und den Deutschen weiterzuhelfen (z.B. als Partei, die das bedingungslose Grundeinkommen einführt).

Grüne

Die Grünen thematisieren die wichtigsten Probleme der nahen Zukunft und machen auch konkrete Vorschläge zu deren Lösung: Umweltschutz, alternative Energien, Bürgerrechte im digitalen Zeitalter, Zukunft der Arbeit. Sie diskutieren sehr engagiert, offen und vielfältig über Dinge, die andere ständig verdrängen, vor sich her oder zur Seite schieben – und sie machen den Eindruck zu wissen, wovon sie sprechen.

FDP

Die FDP ist am nächsten an einer Denkströmung, die ich persönlich sehr schätze, dem Liberalismus. Der wichtigste, der zentrale Begriff dieser Denkströmung ist die Freiheit. Wenn Vertreter des Liberalismus Lösungen von gesellschaftlichen Problemen suchen, dann orientieren sie sich daran, wie sehr die persönliche Freiheit jedes einzelnen Bürgers beeinträchtigt wird. Sie stellen sich zu jedem Moment die Frage: wie kann die Freiheit, die Entfaltungsmöglichkeiten und der Handlungsspielraum aller vergrössert werden? Und werden dort eingreifen, wo andere ihre Freiheit dazu nutzen, die Freiheit anderer zu beschränken.

Linke

Die Linke hat ihre Stimme gegen eine von einer Theorie zur Ideologie degenerierten ökonomischen Denkrichtung namens Neoliberalismus schon erhoben, als all die anderen noch vor sich hindämmerten und Sinn-Sprüche nachplapperten. Sie haben als einzige Partei die Glaubwürdigkeit, Massnahmen durchzusetzen, die eine Wiederholung der gegenwärtigen Wirtschaftskrise verhindern würde. Und vertreten auch bei Sozial- und Rentenpolitik selbstbewusst Meinungen, die der Kaste von Lobbyisten und interessengeleiteten Politikberatern gar nicht schmecken.

Piraten

Die Piraten werden dafür sorgen, dass die Politik auf den neuesten Stand der Technik upgegraded wird. Möglicherweise haben sie sich in dem Moment, wo ihnen das gelingt, überflüssig gemacht. Aber das ist es wert.

Gibt es originäre Ideen?

In An Alle on August 20, 2009 at 6:11 pm
Foto: Kugel

Foto: Kugel

Ich beispielsweise habe niemals originäre Ideen„, sagt Patrick in diesem Artikel hier über den Wert und das Klauen von Ideen. Wenn Patrick keine originären Ideen hat, habe ich denn wenigstens welche? Oder hat zumindest irgendjemand irgendwann mal eine gehabt? Gibt es überhaupt originäre Ideen, also Ideen, die nicht von der Natur abgeschaut sind und die nicht durch Verknüpfung, Kontextverschiebung oder Erweiterung von anderen Ideen entstanden sind?

Natürlich„, habe ich mir gedacht. Die menschliche Ideenwelt ist ja kein abstraktes Gebilde wie die Mathematik, deren Schönheit und Komplexität sich auf wenige Axiome zurückführen lässt. Wie sollte denn sonst Neues in der Welt entstehen? Wie sollten denn sonst Impulse für Veränderung entstehen – wenn nicht durch originäre Ideen?

Ein einziges Beispiel würde mir reichen. Ein einziges Beispiel wäre bereits der Beweis der Existenz, der Möglichkeit originärer Ideen – und von Menschen entwickelter Ideen. Aber ich habe bisher noch keines gefunden. Einfache geometrische Formen wie Linien oder Kreise (selbst Sechsecke) findet man in der Natur. Komplexere wie Dreiecke, Trapeze oder Pyramiden lassen sich aus den einfachen entwickeln. Und so scheint es mit allem: mit dem Rad, der Elektrizität, dem Flugzeug, der Bremse, dem Auto, der Relativitätstheorie, der Musik. Eine komplexe Erfindung wie der Computer ist nur möglich durch eine Vielzahl von Beobachtungen der Natur, den daraus gewonnenen Erkenntnissen und deren raffinierte Verknüpfung. Selbst die Idee von Gott stammt wahrscheinlich aus der Abstraktion der Bedeutung der Sonne für den Menschen. Ganze Wissenschaftszweige versuchen die genialen Überlebensstrategien von Pflanzen und Tieren für den Menschen nutzbar zu machen. Alles nur geklaut?

Erziehung in Zeiten der Gefahr

In An Alle on Juni 4, 2009 at 8:34 am

[Bild: jatop]

Die Generation meines Vaters und meines Grossvaters (und wohl auch die der diversen x-Ur-Grossväter) sind in Zeiten des Krieges, in Zeiten der ständigen Gefahr und Bedrohung aufgewachsen. Ist das möglicherweise auch der Grund, warum sie autoritär erzogen wurden? In Zeiten der Gefahr kann jeder Fehler, jedes Experiment, jeder unbedachte Schritt tödlich sein. Ständiges Hinterfragen von Entscheidungen, langwierige Diskussionen und trotzige Verweigerung konnten katastrophale Folgen haben. Instinktiver und blinder Gehorsam gegenüber den Eltern dagegen verringert dieses Risiko. Ich bemerke an mir selbst, dass ich mit meinem Söhnchen sehr streng, ja rabiat sein kann, wenn wir in der Stadt sind, im Verkehr, umgeben von Autos, umgeben von der Gefahr. Ist das Aufwachsen zwischen und während Kriegen nicht ein Leben in einer dauerhaften potentiellen Gefahren-Situation, in der man sich den Luxus des Abwägens, Ausgleichens, Überzeugens durch Worte nicht leisten kann?

Und was passierte heute bei einem Krieg – wenn wir in Bunker müssten mitten in der Nacht mit unseren Kindern, die sich nicht die Zähne putzen wollen und den ganzen Tag im Schlafanzug trödeln? Wenn wir zu Fuss mehrere Kilometer flüchten müssten mit unseren Kindern, die zu viele Pfunde haben und schnell schlapp machen und jammern? Wenn wir uns von Brot aus Getreideresten und Stroh ernähren müssten, während sonst bereits das Nörgeln losgeht, wenn es Gemüse statt Pommes zum Kotelett gibt? Können wir dann alle den Schalter umlegen und in den Krisenmodus schalten?

Tucholsky – Mutterns Hände

In An Alle, Lieder on Juni 2, 2009 at 8:25 am

[Foto: frozenminds]

Wieviel Zeit ihres Lebens hat unsere Mutter für uns gegeben? Und wieviel Zeit wir für sie?
Wieviel Angst hat unsere Mutter um uns gehabt? Und wieviel Angst wir um sie?
Wieviel Liebe hat unsere Mutter uns geschenkt? Und wieviel wir ihr?

Ist die Bilanz ausgeglichen? Oder wird die Ungerechtigkeit in der nächsten Generation gerächt?

[Download]

Das Lied steht unter Creativ-Commons-Lizenz. Bearbeitung und Verbreitung ausdrücklich erwünscht!

Mehr Tucholsky-Vertonungen hier.


Mutterns Hände

Hast uns Stulln jeschnitten

un Kaffe jekocht

un de Töppe rübajeschohm –

un jewischt und jenäht

un jemacht und jedreht …

alles mit deine Hände.

Hast de Milch zujedeckt,

uns Bobongs zujesteckt

un Zeitungen ausjetragen –

hast die Hemden jezählt

und Kartoffeln jeschält …

alles mit deine Hände.

Hast uns manches Mal

bei jroßen Schkandal

auch ’n Katzenkopp jejeben.

Hast uns hochjebracht.

Wir wahn Sticker acht,

sechse sind noch am Leben …

Alles mit deine Hände.

Heiß warn se un kalt.

Nu sind se alt.

Nu bist du bald am Ende.

Da stehn wa nu hier,

und denn komm wir bei dir

und streicheln deine Hände.

(Kurt Tucholsky, 1929)

Tucholsky – Häuser

In An Alle, Lieder on Mai 20, 2009 at 11:24 pm

[Foto: conceptworker]

Menschen beseelen ihre Häuser und Wohnungen. Sie hinterlassen Spuren, sichtbare und unsichtbare. Aber was passiert, wenn die Bewohner in eine andere Stadt oder in ein anderes Leben weiterziehen – lassen sie dann leere Räume zurück? Oder füllen sich die Räume im Laufe der Jahre nicht vielmehr mit den Geschichten all der Menschen, die sie beherbergten, erzählen sie diese Geschichten weiter und verweben so die Schicksale von Generationen?

Download

Das Lied steht unter Creativ-Commons-Lizenz. Bearbeitung und Verbreitung ausdrücklich erwünscht!

Mehr Tucholsky-Vertonungen hier.


Häuser

Mittleres Haus in der Köpenicker Straße, in der Avenue des Ternes, am Harvestehuderweg – du bist vollgelebt.

Hinter deinen Tapeten hat sich Angelebtes versammelt,

nachts knistert es,

tagsüber dünsten dort hundert Leben aus,

mittleres Haus.

Kotdurchrieselt stehst du,

von Drähten durchzuckt,

ein lebendiger Leib;

oben fassen die Gabeln deiner Antennen in die Luft und ziehen die Musik heran, die Helferin der Gemeinheit;

mit Recht spannen sich die Radiotrapeze, auf denen die Ätherwellen turnen, auf dem Dach aus,

neben den Hypotheken –

denn wer könnte Hypotheken handeln,

ohne die abendliche Hilfe Beethovens!

Du bist nicht wie jene Hausgreise,

in denen das Mauerleben längst abgestorben ist;

tot ruht der Kalk,

die Wanzen weinen

und beißen, angefüllt mit Verzweiflung der Isoliertheit;

nichts mehr sagt die Treppe,

schweigsam ist die Tür wie ein gefalteter Greisenmund.

So alte Leute sagen nichts mehr –

sie haben zu viel gesehn.

Du bist ein mittleres Haus.

Du bist nicht wie die Neubauten, die Gefäße des Unglücks,

in deren weißgetünchte Schubschachteln der Mensch hineinfällt,

hier seine Scheidung, seine neugebornen Kinder, seine Malheurbriefe zu erwarten;

kindisch gluckert die Badewanne, das junge Ding,

albern blitzen die Klinken,

und tapsig stuckert der eben konfirmierte Fahrstuhl in die Höhe und macht sich mausig –

wie mühsam ist es, ein so funkelnagelneues Behältnis vollzuwohnen!

So junge Leute sagen nicht viel –

sie haben noch zu wenig gesehn.

In ihnen vergeben die Mieter ihre Kraft – seelische Trockenwohner.

Du bist ein mittleres Haus.

Du hast schon viel in dir gehabt, Mutter der Möbel,

aber noch nicht genug.

Empfang, schlürf ein, spei aus:

Jeder Umzug eine kleine Geburt.

Du bist grade dabei, zu leben.

Deine Rohre rauschen, es kocht in den Ausgüssen, es brodelt im Badeofen.

Durch deine Steine sickert Weinen,

deine Ziegel schwitzen Elend aus

und gerinnendes Stöhnen der Komödien der Nacht.

Kalkiger Querschnitt!

Durchbrüllt vom Lärm der Wirtschaften,

vom sinnlosen Klingeln

und vom Quäken näselnder Phonographen!

Mancher wohnt oben in dir,

mittleres Haus.

Und abends,

wenn der Film der Geschäftigkeiten ruht,

steckt ein Hund seinen Kopf zum Fenster heraus,

ernsthaft wie Gottvater die Straßenwürmer betrachtend,

seine Pfote hat er aufs Fensterbrett gestellt –

das ist für ihn eine zweite Erde.

Mittleres Haus.

(Kurt Tucholsky, 1927)

Ein Treppen-Rätsel

In An Alle on Mai 13, 2009 at 11:51 pm
Foto: alles-schlumpfs

Foto: alles-schlumpf's

Eine Frau geht eine Treppenstufe hinauf, fängt an zu lachen und stirbt. Eine zweite Frau geht eine Treppenstufe hinauf, fängt an zu lachen und stirbt. Eine dritte Frau geht eine Treppenstufe hinauf, fängt an zu lachen und stirbt. Eine vierte Frau geht eine Treppenstufe hinauf, dann noch eine und noch eine, bis zur letzten, der 24. Stufe. Dann muss sie lachen und stirbt.

Frage: warum musste die vierte Frau lachen?

Ich lasse euch raten und braten. Die Auflösung und Geschichte hinter diesem Rätsel gibt es erst nach spätestens 25 erfolglosen Versuchen in den Kommentaren, nicht vorher – es sei denn, jemand findet des Rätsels Lösung.

Mein Haus, mein Auto, mein Blutdruck

In An Alle on Mai 7, 2009 at 8:11 am

(Foto: Guesus)

Wie fasst man 15 Jahre seines Lebens zusammen? Man könnte von seinen Reisen erzählen, von den interessanten Menschen, die man kennengelernt hat, von den Ideen und Gedanken, die durch den Kopf gegangen sind und sich auf unerklärliche Weise verändert oder aufgelöst haben. Man könnte von den Büchern sprechen, die einen geprägt haben, von den Zielen, die man sich gesetzt hatte, und was davon übrig geblieben ist, von den kuriosen Geschichten, die man erlebt hat, selbst von der Geschichte, wie man seine Frau kennengelernt hat und warum man dort lebt, wo man lebt.

Aber stattdessen reduzieren sich 15 Jahre auf den professionellen Curriculum Vitae  – Diplom im Fach <Grossartigkeit> an der Universität <TopRanking>, Posten als <SuperEinsteiger> bei <Weltunternehmen>, schneller Aufstieg zum <Obermacker> und schliesslich <FastDerCheffe> bei <WeiteWeltunternehmen> – gespickt mit stark belastenden Indizien wie Haus gebaut, SUV gefahren, Top-Kontakte geknüpft. Wer möchte sowas hören, den es nicht drängt, selbst ähnliches zu erzählen?

Ich finde, man sollte zur Abwechslung und systematischen Verwirrung mal andere unorthodoxe Erfolge heraushängen lassen wie zum Beispiel: die Zahl der Gutenachtgeschichten, die man seinen Kindern vorgelesen hat; die Zahl der Haare, die nicht grau geworden sind; die Zahl der selbstgemachten Linsensuppen, die man gekocht hat; die Zahl der Kilometer, die man mit dem Fahrrad zurückgelegt hat; die Zahl der Bücher, die man gelesen hat (gilt nur für Nicht-Germanisten, die müssen stattdessen ihre Computer-Kenntnisse nachweisen); den allgemeinen gesundheitlichen Zustand (Blutdruck und Übergewicht z.B. führen zu Minuspunkten); die Zahl der Stunden, die man meditiert hat; die Zahl der Sonnenuntergänge, die man beobachten durfte (oder als Bonus: der Sonnenuntergänge hinter den Bergen oder am Strand); die Momente, in denen man sich frei fühlte oder glücklich oder neugierig; die Zahl der Liebeserklärungen, die man jemandem gemacht hat; die Zahl der Fehler, die man eingesehen hat; …

Warum ist der Mensch im Blick so vieler nur so viel wert wie seine Stellenbezeichnung?

Charakter-Nischen besetzen

In An Alle on Mai 5, 2009 at 8:38 am

[Foto: robokow]

Weder Vererbung, noch Erziehung scheinen mir Konzepte, die den Charakter eines Menschen befriedigend erklären können. Ich bin jetzt auf eine neue interessante Theorie gestossen, die natürlich nur von einem erfolgreichen Unternehmer kommen kann, der selbst zwei Söhne hat, die (wie eigentlich fast alle Söhne mit Brüdern) so ganz und gar unterschiedliche Interessen und Charakterzüge haben, dass sich die Eltern vergeblich die Köpfe über die Gegensätze zerbrechen. Ich habe übrigens selbst auch einen Bruder, der ein in jeglicher Hinsicht von mir verschiedener Mensch und Typ ist. Bei Mädchen ist das meiner Erfahrung auch nicht anders, unsere Nachbarn haben zweieiige Zwillinge, die beide aus unterschiedlichen Welten zugereist zu sein scheinen.

Hier also die Theorie: ähnlich wie sich Unternehmen in der Wirtschaft ihre Nische suchen und besetzen, also das machen, was sie gut beziehungsweise relative am besten können, ohne sich einen möglicherweise ruinösen Wettbewerb mit starker Konkurrenz liefern zu müssen, entwickeln sich auch Charaktere im Spannungsfeld einer Familie. Heranwachsende spezialisieren sich mit Blick auf ihre Geschwister. Es geht um Anerkennung der Eltern, um persönliche Erfolgserlebnisse, um Investitionen in die eigenen Fähigkeiten im Hinblick auf die Konkurrenz. Wenn ein Junge in eine Familie geboren wird, in der sein Bruder bereits als begabter Sportler gilt, könnte er – obwohl er ähnlich begabt ist – lieber dem direkten Wettkampf aus dem Weg gehen und sich selbst aufgrund seines grösseren Spasses am Lesen als Intellektueller profilieren. Im Schatten eines sprachbegabten Egozentrikers ist Schüchternheit oft die beste Strategie. Natürlich könnte der Zweitgeborene auch die direkte Konfrontation mit dem älteren suchen und ihn verdrängen, ich nehme an, ein solcher Konflikt würde lebenslange Auswirkungen haben. Ich weiss nicht, ob es irgendwelche Belege für diese Theorie gibt, aber sie scheint mir wert, ein wenig über sie nachzudenken und zu hinterfragen.

Würde dies also bedeuten, dass der erstgeborene die grössten Freiheitsgrade bei der Entwicklung seiner Persönlichkeit geniesst (wie ein Unternehmen, das ein konkurrenzloses Produkt in einem neuen Markt schafft)? Sind Einzelkinder also vergleichbar mit Monopolisten und damit viel weniger (die Familie selbst ist ja nicht das einzige soziale System, in dem es agiert) gezwungen, sich zu messen und zu beweisen? Wie ist das bei 10 Kindern in der Familie – bleibt da überhaupt noch Platz für das letzte – oder verkompliziert sich das Öko-System derart, dass zum Beispiel durch Partnerschaften ganz neue individuelle Entwicklungsmöglichkeiten entstehen? Warum verändert sich die Spezialisierung nicht, wenn sich die Erwartungen der Eltern, die Fähigkeiten der Geschwister oder der soziale Kontext verändert – oder tut sie das sogar?

Das absolute Gedächtnis

In An Alle on April 29, 2009 at 11:14 am

(Foto: loop_oh)

Ich habe mir früher mal die Frage gestellt, was es denn für mich bedeuten würde, mit einem absoluten Gedächtnis ausgerüstet zu sein, jede Wahrnehmung jeglicher Art zu jeder Zeit punktgenau zurückrufen zu können. Ein paar Jahre später habe ich von einem Forscher gehört, der mit einer Kamera um den Hals durch das Leben ging, die alles aufzeichnete und auf gigantischen Festplatten abspeicherte. Mittlerweile hat so gut wie jeder einen digitalen Fotoapparat und Videokamera und speichert seine Fotos und Filme samt Zeitstempel, Geodaten und Schlagworten auf seiner Festplatte und kann sein Leben mit wenigen Suchoperationen rekonstruieren. Digitale Tagebücher und soziale Netwerke tun ihr übriges, um dem absoluten -digitalen- Gedächtnis sehr nahe zu kommen.

Kinder, die in diesem Jahrzehnt aufwachsen, können sich dabei beobachten wie sie die ersten Schritte tun, wie sie lesen lernen, sie können in ihre eigenen überraschten Kinderaugen blicken während sie Weihnachtsgeschenke auspacken, sie hören sich nörgeln, ein Instrument lernen oder mit ihren Geschwistern streiten. Sie können ihre Persönlichkeitsentwicklung nachvollziehen, wobei ja auch das ständige Betrachten ihrerselbst ihre Persönlichkeitsentwicklung mitbeeinflusst. Mich würde es brennend interessieren wie ich denn als Kind war, wie sich mein Alltag gestaltet hat, ob sich bestimmte Züge meiner Persönlichkeit schon früh finden, ob mein Söhnchen ähnlich ist wie ich damals, ob sich der Zauber meiner Erinnerungen auch in den Filmen spiegelt.

Aber genau da sehe ich auch den Haken: ich halte es für möglich, dass ich, der sich als Kind und viele Jahre in das junge Erwachsenenleben hinein als etwas besonderes, berufenes, einzigartiges betrachtete, durch diese Filme auf meine eigene Mittelmässigkeit, Stromlinienförmigkeit und Banalität aufmerksam würde. Erinnerungen lassen sich schönen, schönen sich ganz von alleine – aber Videofilme zeigen das Leben in seiner kargen Belanglosigkeit. Wer einen unbearbeiteten Hochzeitsfilm betrachtet, der hört nur Tellerklappern und dröges Geplapper, sieht ungeschickte Gesten und Gabeln, die unerbittlich Essen in geöffnete Münder transportieren. Die Schönheit scheint erst später beim Schneiden, Auswählen und Hinterlegen von Musik hinzugefügt zu werden. Unsere Gehirne machen das schon direkt bei der Wahrnehmung und auch noch beim Abrufen.

Meine Grossmutter hat höchstens 5 Fotos von sich, auf denen sich jünger ist als 50. Viele andere alte Menschen haben nicht einmal das, haben nicht einmal ein Foto oder eine Zeichnung ihrer Eltern. Sie müssen alle Erinnerungen in sich tragen und können sie nicht teilen ausser in Geschichten. Wer wird wohl schönere Erinnerungen an seine Kindheit haben – meine Grossmutter, die ihre Vergangenheit in sich trägt, oder ihr Urgrossenkel mit dem absoluten digitalen Gedächtnis?