Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Musik aus der Hölle?

In An Manche on August 12, 2009 at 9:12 am
Foto: Helico

Foto: Helico

Noch was zu Charles Manson: der Mann war auch Musiker, einer seiner Songs wurde sogar von den Beachboys gecovert (hier die Version der Beachboys, hier die Version von Manson). Klingt so die Musik des Teufels? Wird dieser Song ab und zu in der Hölle aufgelegt?

In Frankreich wurde vor sechs Jahren Betrand Cantat, der Leadsänger der einflussreichen französischen Rock-Formation Noir Désir wegen Totschlags an seiner Freundin Marie Tritignant zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt. Einige Stimmen in der französischen Öffentlichkeit forderten, das Abspielen im Radio sowie den Verkauf von Liedern von Noir Désir zu verbieten – als zusätzliche Strafe oder auch als Respekt vor den Hinterbliebenden der Opfer (hier mein Lieblingslied von Noir Désir). Andere suchten und fanden natürlich auch Spuren des Bösen im Werk des Totschlägers. Also wieder ein paar mehr Titel für die MP3-Sammlung des Teufels?

Aber wer sagt dann, dass sich ausgerechnet die dunkle Seite eines Menschen in seiner Musik findet? Könnte es nicht auch sein, dass all seine positiven Seiten in seine Musik fliessen, dass die Musik gerade das Heilmittel ist, dass die bösen Seiten lindert, hindert, nicht ausbrechen lässt?

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  1. Spannend in diesem Zusammenhang vielleicht auch die Frage nach der Musik der Beatles, speziell dem „White Album“, das Manson ja angeblich zu den Mordaufträgen inspiriert bzw. regelrecht eingehämmert hat. (Helter Skelter, Piggies etc.)

    http://www.lyricsondemand.com/b/beatleslyrics/thebeatleswhitealbumlyrics.html#12

    • John Lennon hat mal zu einem Mann gesagt, der in sein Grundstück eingedrungen ist und glaubte, dass John Lennon ihn in seinen Songs portraitiert hätte und ihm eine Botschaft vermitteln wollte („Ich versteh das nicht, es passt doch alles zusammen!“): „Alles ergibt einen Sinn, wenn du auf einem Trip bist“. Mit genügend Fantasie und Geschick lässt sich in Songtexte, wenn sie nur blumig genug formuliert sind, allesmögliche hineininterpretieren. Manson hat aus den Texten das herausgelesen, was er zu der Zeit bereits in seinem Kopf hatte, er hat seine eigenen Ideen in die Texte projeziert und sich dadurch weitere Bestätigung für seine Theorien geholt. In gewisser Weise macht das jeder von uns ständig und pflegt so seine Vorurteile (meist mit weniger drastischen Konsequenzen). Kurz gesagt: ich finde das eigentlich nicht weiter ungewöhnlich.

  2. Nein sicher nicht ungewöhnlich, aber durchaus interessant. Ich sehe das übrigens genau wie du und Lennon, denn wenn man sowohl Texte der Beatles als auch Mansons Interpretation vergleicht, so kann man davon ausgehen, dass er schon sehr ungewöhnliche Konstruktionen im Kopf hatte! Nachzulesen hier: http://en.wikipedia.org/wiki/Helter_Skelter_(Manson_scenario)

  3. Manson lässt mich momentan nicht los. Das ist mir unheimlich. Habe mir viele Interviews angesehen, zum Beispiel das: http://www.youtube.com/watch?v=jEEnL8AWuZ8&feature=related

    Es ist erstaunlich wie scharfsinnig und extrem reflektierend er im Grunde ist. Nahezu unheimlich für einen Menschen aus einem absolut extremen sozialen Milieu stammend. Er ist – wie schon erwähnt – eine gigantische Projektionsfläche unserer Gesellschaft. Er ist in einer anderen Welt aufgewachsen. Er selbst sagte in einem Interview: Er ist das was er ist, weil er keine Eltern hatte und nicht deren Erziehung und so muss er all das einfach spiegeln, was seine Umgebung von ihm erwartet. Wenn er der Böse sein soll, dann ist er das Böse. Wenn er Jesus sein soll (in Bezug auf die Manson Family Mitglieder) dann ist er eben Jesus. Es ist natürlich mehr als verständlich, dass Manson heute als das Böse/Verrückte hochstilisiert wird, weil er für die Gesellschaft die maximale Bedrohung darstellt: Die Mischung aus freiem Willen und nicht vorhandener Angst zu sterben und damit auch die nichtvorhandene Angst zu töten. Ich glaube seine 100% Überzeugung selbst im Gefängnis frei zu sein, macht uns verrückt.

    Er selbst bestreitet ja bis heute jemanden getötet zu haben (wurde nie nachgewiesen) und sieht sich auch nicht als Auftraggeber der Morde. Er sieht sich nicht als Führer eines Kultes oder einer Sekte, sondern als eigenverantwortlicher Mensch, der eine Reflektionsfläche ist. Im Fall der Mansonfamilie waren also die ausführenden Mörder wahrscheinlich um ein tausendfaches gestörter als Manson selbst, denn sie GLAUBTEN dass es okay ist real zu töten, während der Soziopath Manson das „nur“ in Gedanken und Äußerungen vollzog.

    So oder so es ist ein hochkomplexes aber extrem interessantes System in einem noch spannderen historischem Kontext. Man denke nur an den damaligen Präsidenten, den Wahnsinn in Vietnam und all die Mordbefehle, die sowohl von Medien, Politikern wie auch dem Großteil der Gesellschaft legitimiert wurde. Manson wurde dank seiner großen Projektionsfläche stellvertretend für all das irgendwie angeklagt – und nicht er bezeichnete sich als Jesus oder Satan, sondern die Menschen, die ihm die Eigenschaften jeweils zuschrieben (sowohl die Family, wie auch das Gerichtsverfahren und die Medien). Er nahm sie – wie alle anderen Zuschreibungen – bereitwillig an.

    Abschließend bleibt zu sagen, dass es mir selbst unheimlich und extrem schwer fällt, das Thema differenziert zu betrachten, ohne in die eine oder andere Ecke zu rutschen, also als Manson-Fan oder -Verteufler dazustehen.

    Abschließend werde ich meine Gedanken dazu sicherlich nochmal in einem Blogeintrag zusammenfassen.

    • Ja, das Interview ist weit interessanter, als das, das ich vor ein paar Tagen verlinkt habe und wo er mal den Kasper und mal den Teufel spielt, so wie es die Journalistin möchte. Ohne Frage ist er hochintelligent und ein charismatischer Typ.
      Inwieweit sein Abstreiten des Mordauftrags aber seiner individuellen Schuldverdrängung geschuldet ist oder seine Verurteilung der kollektiven Schuldverdrängung der amerikanischen Gesellschaft wegen des Vietnamkriegs, kann wahrscheinlich niemand mehr herausfinden (auch nicht die Beteiligten). Die Family-Members fühlten sich jedenfalls beauftragt. Erinnert das nicht an die Brüder Karamasow?

  4. „Die Family-Members fühlten sich jedenfalls beauftragt“

    Das weiß ich eben auch nicht wirklich. Sie wollten ihm auf alle Fälle dadurch gefallen – aber Manson wusste beiuspielsweise nicht, dass Sharon Tate & Co im Haus war anstatt des erwarteten Terry Melchers. So oder so, ein älterer „Convict“ und charismatischer Soziopath wie Charles Manson im Umfeld von „elternlosen“ LSD-Teenagern kann nicht wirklich gut gehen.

    Muss die Brüder Karamasow tatsächlich erst noch lesen. Kommt auf meine Liste.

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