Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Archive for September 2009|Monthly archive page

Entscheidend freier

In An Niemanden on September 24, 2009 at 8:33 am
Foto: Neubie

Foto: Neubie

Geht der Journalismus nicht gerade den Weg, den die Eheschliessung vor vielen Jahren gehen musste?

Aus der Vielzahl von Ehemännern hat der Papa früher den seiner Meinung nach besten ausgewählt. Heute nimmt das Töchterchen die Sache selbst in die Hand.

Aus der Vielzahl von Nachrichten wählen Redakteure die ihrer Meinung nach interessantesten aus. Einige Leser nehmen diese Sache bereits selbst in die Hand.

Das Ergebnis mag in beiden Fällen zwar nicht unbedingt besser sein, aber es ist immerhin das Ergebnis einer freien Entscheidung. Warum ist uns das so wichtig?

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10 Kleine Startups

In Lieder on September 21, 2009 at 11:34 am

Musikalischer Ratgeber für Startup-Gründer: Text auswendig lernen und jeden Morgen unter der Dusche singen – was soll dann noch schiefgehen?

[Download]


10 kleine Startups

10 kleine Startups, die wollten Googles sein
Das eine hat kein Geld gekriegt, das waren’s nur noch neun

9 kleinen Startups hat man viel Geld gebracht
Das eine hat’s gleich ausgegeb’n, da waren’s nur noch acht

8 kleine Startups hab’n sich am Markt gerieben
Eins verstand die Kunden nicht, da waren’s nur noch sieben

7 kleine Startups gingen Beta voller Hacks
Dem einen raucht der Server ab, da waren’s nur noch sechs

6 kleine Startups hat der Geldgeber geschimpft
Da liefen ein paar Gründer weg, da waren’s nur noch fünf

5 kleine Startups, die wurden schnell kopiert
Das eine hat’s nicht mitgekriegt, da waren’s nur noch vier

4 kleine Startups stellten Führungsleute ein
Eines hat ne Null erwischt, da waren’s nur noch drei

3 kleine Startups wollten profitabel sein
eins hat die Geduld verloren, da waren’s nur noch zwei

2 kleine Startups die hatten einen Streit
der Sieger war ein Rechtsanwalt, da waren’s nur noch eins

1 kleines Startup durfte an die Börse gehen
das löste eine Blase aus, da waren’s wieder zehn

(Text: M.Jung)

Das Lied steht unter der folgenden Creativ-Commons-Lizenz. Bearbeitung und Verbreitung ausdrücklich erwünscht!

„Die Wahrheit ist das beste Bild“

In An Mich on September 16, 2009 at 9:34 am

…sagte Robert Capa. Sein Bild vom fallenden Soldaten aus dem spanischen Bürgerkriegs wurde zur Ikone der Kriegsfotografie und begründete Capas Karriere als Fotograf. Nun hat ein spanischer Wissenschaftler herausgefunden, dass das berühmte Bild höchstwahrscheinlich inszeniert wurde – weit weg vom Kriegsgeschehen mit einem auch nach dem Schuss (mit der Kamera) quicklebendigen Soldatendarsteller. Zu Francos Zeiten wäre die Entlarvung ein Sprengsatz gewesen – und kontraproduktiv für die republikanische Sache. Und heute? Was soll man damit jetzt anfangen? Ändert sich was an unserem Blick auf den Krieg – oder auf den Fotografen? Wenn die Wahrheit zu spät kommt, wird sie mit Irrelevanz bestraft (wie auch der Mord an Benno Ohnesorg durch einen Stasi-Mann). Vielleicht sollte man sich durch solche Beispiele auch einfach nur bewusst werden, dass die Geschichtsschreibung ein dynamischer, niemals endender Prozess ist, der sich der Wahrheit bestenfalls kreisend nähern kann und oft genug auf Umwege gerät?

Es gibt immer einen guten Grund zu wählen

In An Alle on September 10, 2009 at 1:42 pm
Foto: Lobi

Foto: Lobi

Man solle sich auf seine Stärken konzentrieren, anstatt an seinen Schwächen herumzudoktern, sagen viele, die erfolgreich sind. Positiv denken, sagen andere. Also, dann mach ich doch jetzt einfach mal beides. Anstatt herumzunörgeln an unseren Parteien, ihnen ihre Schwächen unter die Nase zu halten und sie an gebrochene Versprechen zu erinnern, tue ich jetzt mal etwas ganz revolutionäres: ich spreche nur von den wichtigsten Gründen, die dafür sprechen, sie zu wählen. Eine einseitige Stärkenanalyse. Weiss ich dann auch besser, was ich wählen soll, als wenn ich eine Stärken-Schwächen-Analyse mache oder mir die Wahlprogramme durchzulesen oder mich von meiner Sympathie leiten lasse?

CDU/CSU

Das wichtigste Argument für die CDU/CSU ist für mich die Bundeskanzlerin selbst. Während ihre Vorgänger von Zeit zu Zeit auf den Tisch hauten, Basta riefen oder mächtige Machtwörter sprachen, um dem Volk ihre Führungsstärke zu demonstrieren, verweigert sich Angela Merkel diesen archaischen Ritualen ganz gelassen. Sie gleicht aus, löst Konflikte, wägt Interessen gegeneinander ab, deeskaliert und lässt die testosterongetränkten Stiere aus verschiedenen Richtungen ins Leere rennen. Und – wichtig für jeden Fragezeichner – sie vermittelt nicht den Eindruck, als einzige die Wahrheit zu kennen und Probleme mit fertige Lösungen erschlagen zu können, hört stattdessen zu und lässt Meinungen auf sich wirken. Das nenne ich modernen Führungsstil.

SPD

Die SPD hat eine lange und stolze Tradition, hat sich totalitären Ideologien stets unter eigenen Opfern verweigert und in den über 100 Jahren ihrer Existenz epochale und revolutionäre Errungenschaften wie das Rentensystem,  Unternehmensmitbestimmung, Ost-West-Annäherung oder Atomausstieg erfunden oder massgeblich mitgestaltet. Da Vergangenheit durchaus ein brauchbarer Indikator für die Zukunft sein kann, steht zu hoffen, dass sie auch ein weiteres Mal in der Lage sein wird, sich neu zu erfinden und den Deutschen weiterzuhelfen (z.B. als Partei, die das bedingungslose Grundeinkommen einführt).

Grüne

Die Grünen thematisieren die wichtigsten Probleme der nahen Zukunft und machen auch konkrete Vorschläge zu deren Lösung: Umweltschutz, alternative Energien, Bürgerrechte im digitalen Zeitalter, Zukunft der Arbeit. Sie diskutieren sehr engagiert, offen und vielfältig über Dinge, die andere ständig verdrängen, vor sich her oder zur Seite schieben – und sie machen den Eindruck zu wissen, wovon sie sprechen.

FDP

Die FDP ist am nächsten an einer Denkströmung, die ich persönlich sehr schätze, dem Liberalismus. Der wichtigste, der zentrale Begriff dieser Denkströmung ist die Freiheit. Wenn Vertreter des Liberalismus Lösungen von gesellschaftlichen Problemen suchen, dann orientieren sie sich daran, wie sehr die persönliche Freiheit jedes einzelnen Bürgers beeinträchtigt wird. Sie stellen sich zu jedem Moment die Frage: wie kann die Freiheit, die Entfaltungsmöglichkeiten und der Handlungsspielraum aller vergrössert werden? Und werden dort eingreifen, wo andere ihre Freiheit dazu nutzen, die Freiheit anderer zu beschränken.

Linke

Die Linke hat ihre Stimme gegen eine von einer Theorie zur Ideologie degenerierten ökonomischen Denkrichtung namens Neoliberalismus schon erhoben, als all die anderen noch vor sich hindämmerten und Sinn-Sprüche nachplapperten. Sie haben als einzige Partei die Glaubwürdigkeit, Massnahmen durchzusetzen, die eine Wiederholung der gegenwärtigen Wirtschaftskrise verhindern würde. Und vertreten auch bei Sozial- und Rentenpolitik selbstbewusst Meinungen, die der Kaste von Lobbyisten und interessengeleiteten Politikberatern gar nicht schmecken.

Piraten

Die Piraten werden dafür sorgen, dass die Politik auf den neuesten Stand der Technik upgegraded wird. Möglicherweise haben sie sich in dem Moment, wo ihnen das gelingt, überflüssig gemacht. Aber das ist es wert.

Das Musikalische Manifest des Fragezeichners

In Lieder on September 7, 2009 at 8:39 am

„Darauf noch ne Frage“ [Download]


Darauf noch ne Frage

Wenn man keine Antwort weiss – und das wissen schon die Kinder
bleibt man erstmal still und leis, redet keinen Scheiss‘, das ist viel gesünder
Wahrheit springt uns schon genug aus jedem zweiten Buch
mitten in unsere Visage, darauf noch ne Frage

Wer sorgsam Inzest treibt mit seinen Meinungsverwandten
sich im Vorurteil verbeisst, in seinem Datensilo kreist wie ein Selbstverbannter
Den verwickeln wir im Nu in seinen eigenen Schmus
indem wir gar nichts sagen, darauf noch ne Frage

Wenn der Lagerkoller schmerzt, zwischen all den alten Büchsen
die wie ein Ei dem anderen gleichend, aussen hart und innen weich sind, und sich gegenseitig stützen
Dann rollt doch mal ne Kugel, das gibt einen Trubel
dass der Zweifel an uns nage, darauf noch ne Frage

Manch ein Blick ist eingeengt auf ein ganz bestimmtes Muster
das der Betrachter sehr gut kennt, das er stolz „mein Weltbild“ nennt, andere nennen es „illuster“
Drum den Kopf mal kurz verdrehen und was Ungeschautes sehen
wechselt mal die Lage, darauf noch ne Frage

Antwort ist ein Wort mit Ant, viel zu kurz für ’nen Gedanken
was als Wahrheit uns erscheint, ist im Kleid der Einfachheit nur die Angst vor etwas anderem
Keine Dächer ohne Wände, kein Kratzen ohne Hände
kein Anfang ohne Ende, kein Fortschritt ohne Plage
keine Antwort ohne Frage, darauf noch ne Frage

(Text u. Musik: M.Jung)

Das Lied steht unter der folgenden Creativ-Commons-Lizenz. Bearbeitung und Verbreitung ausdrücklich erwünscht!

Rechtsschutz bei Abmahnungen?

In An Manche on September 1, 2009 at 1:26 pm

Als ich heute diesen Artikel las, kam mir die Frage in den Sinn, warum es eigentlich keine Rechtsschutzversicherungen für Blogger gegen Abmahnungen gibt. Eigentlich müsste das doch eine lukrative Geschäftsidee sein: Blogger akzeptieren die meisten Abmahnungen, obwohl diese vor Gericht wahrscheinlich gar nicht stand halten würde, aus dem einfachen Grund, dass sie das Risiko von Gerichtskosten und die damit verbundene psychische Belastung nicht tragen wollen. Das wissen auch Rechtsanwälte, die sich auf Abmahnungen spezialisiert haben, und durch solch defensives Verhalten ermutigt werden. Eine Rechtsschutzversicherung, die dafür sorgt, dass der Blogger vor Gericht zieht, hätte also eine enorme Abschreckungswirkung. Warum also gibt es das nicht?

Ein Blogger hat vor zwei Jahren eine Reihe von Versicherungen angeschrieben, um ein Angebot für eine solche Rechtsschutzversicherung einzuholen. Es gibt keine Angebote, das wird schlicht und einfach nicht versichert (Begründungen sind manchmal etwas seltsam und bewegen sich im Bereich von „lässt sich nicht versichern“ bis „rechtlich nicht möglich“).

Ich habe einen mit mir befreundeten Rechtsanwalt dazu befragt und er meinte, prinzipiell wäre das möglich, es gibt keine rechtlichen Beschränkungen, die das verbieten (die rechtlichen Beschränkungen bestehen lediglich darin, dass die Versicherung nicht ihre eigenen Rechtsanwälte auf den Fall ansetzen dürfen). Höchstwahrscheinlich führten die mitunter willkürlich ermittelten  und extrem variierenden Streitwerte zu Kostenrisiken für die Versicherungen, die sich nicht mehr seriös kalkulieren lassen. Lässt sich also nicht eine Obergrenze von Streitwerten bei Abmahnungen festlegen? Dann würden die Kostenrisiken kalkulierbar und eine Rechtsschutzversicherung hätte ein neues Geschäftsmodell…