Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Archive for Juli 2010|Monthly archive page

Rausch

In An Manche on Juli 24, 2010 at 7:40 pm

Rausch

Mit Rausch ist das so eine Sache. Man kann ein Problem durch einen kräftigen Rausch nicht wirklich aus der Welt schaffen. Aber im Moment des Rausches ist das Problem verschwunden oder zumindest ins Lächerliche verzerrt. Leider taucht es zusammen mit dem Kater aus der Versenkung aus und nimmt wieder seine ganze Hässlichkeit und Grösse an. Es wurde nur verschoben.

Was aber, wenn man Rausch an Rausch reiht – wenn man das Problem immer weiter verschiebt, damit es nie wieder an einen herankommt, wenn man es für immer in die andere Welt verbannt beziehungsweise es nicht in die eigene rauschhafte Welt hineinlässt? Wer behauptet, dass Alkohol keine Probleme lösen kann? Wer behauptet, dass Realität nicht verweigert werden darf? Oder kommt sie doch immer wieder durch die kleinen Ritzen im Gehirn und vergiftet unsere Illusionen?

Dazu ein rauschhaftes Lied. Warum es „Die Schweigende“ heisst, erhellt sich mir nicht. Wer schweigt hier? Ist es die Göttin? Ist es die Libido? Oder nur die arme Gattin von einem der Besitzer der alten Männerknochen?

„Die Schweigende“ (1919/2009) [Download]

(Text: K.Tucholsky, Musik: M.Jung)

Das Lied steht unter Creativ-Commons-Lizenz. Bearbeitung und Verbreitung  ausdrücklich erwünscht! Mehr Tucholsky-Vertonungen hier.

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Tucholsky: Ideal und Wirklichkeit

In An Niemanden, Lieder on Juli 8, 2010 at 9:38 pm

Ideal: echte Instrumente, befreundete Musiker, eine gemeinsame Aufnahme vor Publikum, Kreativität durch Austausch

Wirklichkeit: ein Computer und ein Mikrophon, Garage Band als Software, 3 Stunden allein in einem dunklen schallgedämpften Raum, Kreativität als Fluchtversuch

„Ideal und Wirklichkeit“ (1929/2009) [Download]

[Text: K.Tucholsky, Musik: M.Jung]

Das Lied steht unter Creativ-Commons-Lizenz. Bearbeitung und Verbreitung  ausdrücklich erwünscht! Mehr Tucholsky-Vertonungen hier.

Die europäische Idee

In An Manche on Juli 8, 2010 at 9:04 pm

Foto: Gorbould

„Der Euro ist ein Frage von Krieg und Frieden“, sagt Helmut Kohl. Die Idee eines Vereinigten Europas ist die Antwort auf die vielen Kriege zwischen den Nationen Europas. Einleuchtend! Aber auch zwingend richtig? Die Idee der Nation war ja früher auch schon mal eine Antwort auf die vielen Kriege, die von Fürsten, Königen und Provinzherrschern angezettelt worden waren. Hat uns diese Antwort überzeugt?  Gilt nicht vielmehr: weniger Teilnehmer, weniger Kriege – aber auch grössere Teilnehmer, grössere Kriege? Wenn die europäischen Nationen sich im grossen Vereinigten Europa auflösen, könnte dann nicht sogar ein Krieg gegen einen anderen Grossen drohen – China, Russland, USA?

Kriege sind durch den Drang nach Ausbreitung des eigenen Lebensraums, aber auch nach Ausdehnen der eigenen Identität motiviert. Denn die eigene Identität gilt den Menschen bekanntlich als die zuverlässigste und unzweifelhaft richtigste. Wenn aber die nationalen Identitäten in einer europäischen Identität aufgehen, wird dann nicht in gewissen Weise dem gleichen Bedürfnis nach Ausdehnung  gehuldigt? Wäre die bessere Antwort nicht in der Überlegung gegründet und durch den Versuch gegeben (auch wenn ich keinen Vorschlag habe wie), dieses unseelige Ausbreiten von Identitäten als Ziel zu diskreditieren und Respekt vor Vielfalt und Koexistenz zu fördern? Warum eine neue Identität schaffen, wenn es so viele, viele kleine geben kann?