Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

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Dabeisein ist alles

In An Mich on März 31, 2009 at 8:57 am

[Foto: pittigliani2005]

Ein Weltuntergang ist ein einzigartiges Ereignis. Zwar gehen täglich Millionen Welten unter, aber es gehen ja auch immer wieder Millionen Welten auf. Und es geht nicht die Welt aller gleichzeitig unter. Man sagt den Menschen immer mal wieder eine gewisse Lust am Untergang nach, gerade jetzt in der Finanzkrise scheint es in Mode gekommen zu sein, sich gegenseitig mit negativen Prognosen und Untergangsszenarien übertreffen zu wollen. Aber was sind diese kastrierten Phantasien von gescheiterten Wirtschaftsforschern und unbeirrten Apologeten des Niedergangs des Kapitalismus, was ist selbst der Untergang Roms gegen einen echten, endgültigen Weltuntergang, der alles, alles ohne Ausnahme, unsere Vergangenheit, unsere Gegenwart und unsere Zukunft vernichtet, jedes kleinste Indiz unserer Existenz auslöscht, vielleicht sogar die Zeit an sich verschluckt?

Und bei solch einzigartigen Ereignissen, nun ja, da sollte man doch eigentlich nicht fehlen. Selbst wenn man es in diesem Fall dann niemandem mehr erzählen kann. Wann sieht man schon mal die Erde auseinanderbrechen oder Wassermassen Millionenstädte verschlingen oder Feuerbälle in Sekundenschnelle den gesamten Regenwald in Asche legen, während einem der Geruch von Pech und Schwefel in der Nase liegt und ein paar Engel die Posaune anstimmen? Also: wer wäre gern dabei bei diesem einzigartigen Ereignis? Wer würde es vorziehen, wenn es noch in den nächsten 10-20 Jahren eintreffen würde – und wer hätte es lieber nach seinem Tod? Irgendwann geschieht es doch auf jeden Fall! Warum Millionen Jahre warten? Warum das Ganze nicht gleich hinter sich bringen und ein letztes Mal ein bisschen Spass dabei haben?

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Dahingetwagt

In An Manche on März 29, 2009 at 1:45 pm

Ein paar Fragen, die ich diese Woche getwittert habe:

  • Sollte mir die Antwort auf die Frage „Was ist das schlimmste Unglück?“ helfen zu erkennen, was ich wirklich im Leben will?
  • Was wäre das Was ohne das Wie?
  • Kann es sein, dass kaum noch jemand die Bedeutung von NEIN! versteht? Wird das heute nicht mehr gelehrt? Oder werden wir vergesslich?
  • Ob meine Ideen wohl mal zu Humus für andere Ideen werden? Oder ob einfach nur Gras drüber wächst…?
  • Könnte man die Dinge – anstatt sie stets auf den Punkt zu bringen – auch mal auf eine Linie oder eine kleine Fläche bringen?
  • Gibt es nicht für jeden Rat einen Menschen in einer speziellen Situation, für den genau dieser Rat richtig ist? Und für alle anderen falsch?
  • Frauen können nicht einparken? Meine Frau schon. Stimmt irgendwas nicht mit ihr?
  • Kennt Amazon mich besser als mein Bruder mich kennt? Vielleicht sollten sich beide beim Geschenkkauf zusammentun?
  • Was mag wohl der ernten, der Zweifel sät?

Verräterische Hemden

In An Mich on März 26, 2009 at 7:59 am

[Foto: josepina]

Mein Erdkunde-Lehrer Herr D., Junggeselle, trug Mitte der Achziger Jahre grelle Hemden mit weiten Kragen und Mustern wie man sie zu der Zeit nur noch auf alten Tapeten oder verblassten Pril-Aufklebern in der Küche fand. Auch wenig modebewusste Menschen konnten erkennen, dass Herr D. seine Hemden ganz offensichtlich in den Siebzigern gekauft und noch nicht gemerkt hatte, dass sich die Mode mittlerweile signifikant verändert hatte. Zehn Jahre genügten, um einen modischen Mitläufer in einen weltfremden Kauz zu verwandeln, der seinen Anspruch auf Autorität ein für alle mal verloren hatte ohne jemals zu begreifen warum. Weitere zehn Jahre hätten ihn vielleicht zu einem Vorkämpfer der Schwulen-Bewegung gemacht oder zu einem coolen Retro-Avantgardisten. Aber solange haben die Hemden nicht gehalten. Und auch Herr D. hat es nicht mehr lange an der Schule ausgehalten.

Ich habe vor kurzem ein Foto von mir betrachtet, auf dem ich das gleiche Hemd trage wie ich es auch beim Betrachten trug. Das Foto ist knapp zehn Jahre alt. Und da musste ich an meinen alten Lehrer, Herr D. denken, wie wir immer für Erdkunde nach unten in den ranzig-muffigen Keller in den Film-Raum gingen und im Dunkeln die Endmoränen vorüberdämmern sahen, die aber nie ein Ende nehmen wollten. Und ich fragte mich, ob man meinen Hemden ansieht, dass sie aus dem letzten Jahrhundert stammen, und ob diejenigen, die das erkennen, das gleiche über mich denken wie wir damals über Herrn D.

Ich habe das Hemd meinem Schwiegervater gegeben. Der zieht es jetzt zur Gartenarbeit an.


Randnotiz: die Mode der 70er scheint mich irgendwie zu beschäftigen: Zeitgeist.

Ich seh‘ etwas, was du nicht siehst

In An Niemanden on März 24, 2009 at 8:28 am

[Foto: h.koppelaney]

Wir sehen Drachen in Wolken. Wir sehen Liebe in Augen. Wir sehen Verschwörungen im Fernsehen. Wir sehen, dass sich alles zusammenfügt. Wir sehen eine logische Entwicklung. Wir sehen einen Sinn in allem. Wir sehen die Folgen von einschneidenden Ereignissen. Wir sehen die Gründe offenliegen. Wir sehen den Wink des Schicksals in einem aufgeschlagenen Buch. Wir sehen immer wieder kehrende Zahlen. Wir sehen Seelenverwandte. Wir sehen lächelnde Autos. Wir sehen das Wirken einer höheren Macht. Wir sehen nachtragende Katzen. Wir sehen uns in unseren Kindern. Wir sehen Wut in den Himmel geschrieben. Wir sehen, dass es so und nicht anders kommen musste. Wir sehen die Schönheit in unseren Dingen. Wir sehen die Fehler der anderen. Wir sehen, was nicht nicht geschehen durfte.

Sehen wir nur? Oder erschaffen wir? Und wie können wir den Unterschied erkennen?

Offene Fragen der Woche (42)

In An Manche on März 21, 2009 at 4:05 pm

Zeitspiel

In An Manche on März 19, 2009 at 8:10 am

[Bild: Slanzinger]

Vor Ihnen stehen zwei Boxen. In der ersten, durchsichtigen Box sind immer 1.000 Dollar; in der zweiten Box, die sie nicht einsehen können, liegt entweder eine Million Dollar oder gar nichts. Sie dürfen nun eine Entscheidung treffen:

  • Sie nehmen nur die zweite Box oder
  • Sie nehmen beide Boxen.

Ein allwissendes Wesen hat vorhergesagt, wie sie sich entscheiden werden. Seine Verlässlichkeit bei Voraussagen ist absolut. Sieht dieses Wesen voraus, dass Sie nur die zweite Box nehmen, hat es die Million Dollar in die Box gelegt. Sieht das Wesen dagegen voraus, dass Sie beide Boxen nehmen werden, blieb die zweite Box leer.

Nehmen Sie beide Boxen oder nur die zweite Box?

(Quelle: Wikipedia)

Dieses Spiel nennt sich Newcombs Paradox und ich bin beim Lesen von Watzlawick’s „Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“ darauf gestossen (danke an Patrick für den Tipp). Meine Frau entschied sich ohne zu zweifeln dafür, nur eine Box zu öffnen. Schliesslich hätte das Wesen ja vorausgesehen, wenn sie beide Boxen öffnen würde und die Box bereits präventiv geleert. Ich dagegen würde beide Boxen öffnen, denn zu dem Zeitpunkt, wo ich meine Entscheidung treffe, kann das Wesen die Million ja nicht mehr wegnehmen oder dazulegen – da wäre es ja blöd, nur die zweite Box zu öffnen. Wir diskutierten eine Weile unnachgiebig – wie zu erwarten ohne Ergebnis.

Das Faszinierende an dem Spiel ist ja gerade, dass beide Argumente unbestechlich und logisch korrekt sind, aber zwei gegensätzliche Dinge folgern. Man könnte auch sagen: beide Seiten haben recht, die Wahrheit kann sowohl das eine als auch sein Gegenteil sein. Es bleibt uns nicht anderes übrig, als mit diesem Widerspruch zu leben. Und ich finde, es lebt sich glänzend mit Widersprüchen. Ich finde sie direkt erfrischend!

Ich habe mich auch gefragt, ob man aus der Entscheidung, die jemand trifft, auch irgendwelche Rückschlüsse auf dessen Glauben an einen freien Willen oder Determinismus ziehen kann. Genausogut könnte man vermuten, dass jemand, der beide Boxen öffnet, eher dazu neigt, Regeln zu brechen als der andere. Oder auch einfach nur jemand ist, der immer alles anfassen muss, was er sieht. Küchenpsychologie… Max Planck hat die Frage nach dem freien Willen etwas läppisch abgetan: „Beides ist richtig. Das ist nur eine Frage der Perspektive. Von aussen betrachtet ist die Welt deterministisch. Von innen betrachtet sind wir frei in unseren Entscheidungen“. Widersprüchlich? Wahrscheinlich hatte Planck einfach keine Lust mehr über Dinge zu diskutieren, die zu nichts führen. Aber ich habe bisher noch keine bessere Antwort gehört.

Kleine Fragen an die Grossen

In An Alle on März 17, 2009 at 9:10 am

[Foto: svenwerk]

Es gibt ein paar Leute auf der Welt, auch in Deutschland, mit denen ich mich gerne unterhalten möchte, denen ich unzählig viele Fragen stellen möchte; Leute, von denen ich mir sicher bin, dass sie mir neue Einsichten geben könnten; die etwas zu sagen haben, das sie bisher noch nicht gesagt haben, weil noch niemand die richtigen Fragen gestellt hat. Anstatt darauf zu warten, dass irgendein Journalist irgendwann mal die (für mich) richtigen Fragen stellt und ich das Interview irgendwo zu lesen bekomme, könnte ich doch einfach mal selbst versuchen, an die entsprechende Person heranzukommen, sie anzurufen, ein Interview zu vereinbaren und meine ganz persönlichen Fragen stellen.

Ist so etwas denkbar? Würde sich ein in der Öffentlichkeit stehender prominenter Kulturschaffender, Wissenschaftler, Politiker, Unternehmer mit einem Privat-Blogger unterhalten wollen, der im Schnitt nur 50 Leser erreicht? Wie finde ich überhaupt seine Telefonnummer? Unter welchen Umständen würde er sich darauf einlassen? Wieviel Vertrauensarbeit wäre im Vorfeld nötig? Würde er es ohnehin nicht ohne Bezahlung tun? Würde er sich vielleicht darüber freuen, mal andere Fragen als üblich gestellt bekommen (aber wie soll er wissen, welche Fragen gestellt werden)?

Offene Fragen der Woche (41)

In An Jemanden on März 14, 2009 at 3:03 pm

Ein Hoch auf das Gedächtnis

In An Alle on März 12, 2009 at 9:22 am

Nichts schien mir stupider, als in der Schule irgendwelche Daten auswendig zu lernen und sie dann in einer Klassenarbeit wieder abrufen zu können. Ich bemitleidete all die Kommilitonen, die Medizin, Pharmazie oder Biologie studierten und die ganze Wälzer in ihren Kopf hineinprügeln mussten. Und das wenige, das auch ich als Wirtschaftsinformatik-Student auswendig lernen musste, empfand ich bereits als eine Beleidigung des menschlichen Geistes. Professoren, die ihre Studenten keine begleitenden Bücher und Taschenrechner in die Prüfung nehmen liessen, sprachen wir guten Gewissens jede pädogogische wie fachliche Kompetenz ab.

Damals war das Web noch in den Anfängen, heute ist praktisch jede Information online verfügbar. Es ist weit wichtiger, richtig suchen und recherchieren zu können als möglichst vieles im Kopf zu behalten. Die Menge der Daten ist so gross, das meiste passt doch ohnehin nicht in unsere kleinen Gehirne hinein und wird ja auch bei jedem Hinzufügen und Auslesen ein wenig deformiert oder unbewusst mit verfälschenden Emotionen angereichert.

Aber: jetzt stelle ich mir mal einen Vortragenden auf einer Konferenz vor, der seine Powerpoint-Folien an die Wand wirft und dazu irgendetwas von einem Zettel abliest. Ich stelle mir eine Diskussionsrunde vor, wo jemand seine Argumente mit „Ich weiss jetzt nicht mehr, wo ich das gelesen habe, doch ich bin ganz sicher, dass…“ einleitet. Ich stelle mir Bundestagsabgeordnete vor, die ihren Blick bei ihrer Rede stets nach unten aufs Pult gerichtet haben. Ich stelle mir Gäste beim Abendessen vor, die sich Diskussionsthemen und Anekdoten auf einem Spickzettel notiert haben. Und jemanden, der die Telefonnummer seiner Frau nicht mehr kennt, sobald die Batterie seines Mobiltelefons leer ist.

Und jetzt stelle ich mir einen Forscher vor, der all die vielfältigen und ungewöhnlichen Gespräche in der S-Bahn oder auch in der Kantine mit Kollegen aus anderen Fachbereichen aufsaugt, und all die Teile in seinem Kopf in einem Moment der Inspiration zu einer revolutionären Idee zusammenfügt. Ich stelle mir einen schlagfertigen Lehrer vor, der jeden Unsinn seiner Schüler mit einem Bibelzitat konterkarieren kann. Ich stelle mir einen Entertainer vor, der aus einer Vielzahl von Gags den richtigen aus dem Hut ziehen kann.

Ist nicht in Zeiten, in der Information überall verfügbar ist, ein gutes Gedächtnis, die Fähigkeit auswendig zu lernen, eine Möglichkeit sich abzuheben, sozusagen ein Alleinstellungsmerkmal? Wird ein gutes Gedächtnis deshalb nicht eher noch wichtiger? Auch in der Informatik spielt das Konzept des „Caches“ schliesslich eine zentrale Rolle zur Optimierung und Beschleunigung von Informationszugriffsprozessen – warum sollte das bei Menschen anders sein?

Übrigens: jemand, der von seinem aussergewöhnlichen Namens- und Gesichter-Gedächtnis profitiert hat, ist George W. Bush, der in der Lage ist, Leute wiederzuerkennen und mit Namen zu begrüssen, die er Jahre zuvor nur ein einziges Mal kurz gesprochen hat. Ein Politiker, der sich das Gesicht und den Namen jedes Menschen merken kann, den er je getroffen hat, wird zwangsläufig jede Wahl gewinnen. Jeder Wähler – unabhängig von seinen politischen Überzeugunen – wird sich in einer solchen Situation ernst genommen und geschmeichelt fühlen.

Zweifler und Brillenträger

In An Jemanden on März 10, 2009 at 9:04 am

[Foto: Daniel Y. Go]

Um gefährliche Situationen schnell erkennen und flüchten zu können, durfte der Mensch früher nicht lange zweifeln. Er musste seine Umwelt in seine erlernten Muster einordnen und neue Informationen blitzschnell in seine Vorurteilsschemen pressen. Dieses Verhalten ist auch heute noch überall zu beobachten (vor allem wenn es um Politik geht). Diejenigen, die zum Beispiel nicht glauben wollten, dass Tiger böse Feinde sind oder auch nur von einem etwa zehnsekündigen Zweifel daran befallen wurde, wurden von der Evolution kommentarlos aber schmerzlich herausgefiltert. Die Tatsache, dass Leute wie ich schon Jahrzehnte hier auf der Erde herumlaufen und sogar andere mit ihren Zweifeln anstecken dürfen, ist wohl allein der weiteren Tatsache geschuldet, dass es keine natürliche Selektion mehr gibt. Ich werde von der Natur also mitgeschleppt, vergleichbar mit Brillenträgern, die den Tiger damals mit einem Strauch verwechselt hätten. Darf ich mich also in aller Demut und Dankbarkeit als mentalen Brillenträger bezeichnen? Und wem habe ich das zu verdanken? Wer hat die Evolution rechtzeitig abgestellt?