Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

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Silvestergedanken 2009/2010

In An Manche on Dezember 31, 2009 at 6:14 pm
Foto: dongga BS

Foto: dongga BS

Und dann ist also wieder ein Jahr um. Das heisst, wenn man denn wirklich vor einem Jahr zu zählen begonnen hat. Die verbleibende Lebenszeit hat sich für diese armen Zählmeister dann wieder um ein Jahr verkürzt. Ob sich dadurch am Leben etwas ändert? Wird das Leben wertvoller – kostbarer durch Verknappung? Oder im Gegenteil wertloser – abgenutzt und verbraucht, ein weiteres Jahr abgeschrieben, die Wahrscheinlichkeit gesunken, die goldenen Erwartungen und Träume der Jugend zu erfüllen? Ein Jahr mag läppisch sein – aber wieviele Jahre kleiner Beschädigungen und unmerklicher Knackse braucht es, bis sich ein veritabler, nicht mehr zu reparierender Bruch bildet?

Silvester-Gedanken 2008/2009

In An Manche on Dezember 31, 2009 at 6:05 pm

Foto: Joachim S. Müller

Als ich mit meinen alten Freunden im Café unter lauter 20-25jährigen sass, fragte ich in die Runde, ob gerne noch mal jemand die Zeit zurückdrehen würde. Es fand sich niemand. Denn man müsste ja alles vergessen und verschwinden lassen, was in den letzten 20 Jahren passiert ist – Liebesleid, Prüfungsstress, Freundschaften, Ideen, Enttäuschungen, Familie, Erfahrungen, Wohlstand, Unabhängigkeit. Und dann wäre man ja wieder der Mensch von damals in in zwanzig Jahren der von heute. Sinnloses Unterfangen. Der Mensch bezahlt seine Entwicklung mit dem Leben. Geniales Konzept!

Während meines Zivildienstes betreute ich Nico, der als damals 20jähriger den körperlichen und geistigen Entwicklungsstand eines 12jährigen hatte. Mittlerweile ist er ein vierzigjähriger Zwölfjähriger. Keine Falten, keine neuen Interessen, kein Fortschritt. Alles, was an Wahrnehmungen und Erfahrungen ausserhalb der mentalen Aufnahmefähigkeit eines 12jährigen liegt, prallt ohne Wirkung an ihm ab. Man muss älter werden, um sich zu entwickeln. Das Gehirn ist kein Speicher, den man irgendwie füllen muss, um den Träger zu einer Persönlichkeit zu machen. Der Körper muss den Träger verändern, damit das Erfahrene auf fruchtbaren Boden fallen kann.

Wird es nicht von Jahr zu Jahr wichtiger zu filtern: immer weniger verbliebene Zeit, aber immer mehr Eindrücke, neue aber auch alte, hochgeschwemmte, die Aufmerksamkeit und Energie beanspruchen? Mehr Bekanntschaften, mehr Bücher im Regal, mehr Musik, mehr Erinnerungen – was davon sollte man entsorgen? Was ist wirklich essentiell? Mit was sollte man sich erst gar nicht beschäftigen?

Die Nuller-Jahre: ist der Name Programm?

In An Manche on Dezember 21, 2009 at 11:33 am

Foto: The Truth About

Ich blicke auf das nun zuende gehende Jahrzehnt zurück, das manche die Nuller-Jahre nennen, andere die 2000er-Jahre. Bei den 60ern, 70ern, 80ern und auch den 90ern habe ich direkt ein Bild der Jugend vor mir: der Kleidung, die getragen wurde, der Musik, die gehört wurde, der Probleme, die sie rebellieren liess.

Mit den 00ern gelingt mir das nicht wirklich. Die Jugend wirkt seltsam unsichtbar. Das mag natürlich an mir selbst liegen. Ein Familienvater verliert zunächst mal den Kontakt zur Jugend. Er geht arbeiten, wechselt Windeln und entdeckt seine eigene Kindheit mit den Bauklötzen seines Söhnchens wieder, während die Jugend in Kneipen, Diskotheken, auf Studentenparties oder wo auch immer (und natürlich zunehmend auch in virtuellen Räumen) ihre vorübergehende Freiheit auskostet und ihre Ideen in die Welt pflanzt. Ich bin draussen. Wie also soll ich beurteilen können, was sich drinnen abspielt?

Was mich aber sehr verwundert ist, dass – wenn immer ich doch mal mit der Jugend in Kontakt komme – ich lauter déja-vu-Erlebnisse habe. Da gibt es welche, die tragen die Grunge-Klamotten, die ich damals auch getragen habe, und tanzen unbeschwert zu Nirwana, Pearl Jam und Soundgarden. Da gibt es welche, die tragen die Hip-Hop-Klamotten der späten Neunziger und die in die Klamotten anscheinend integrierten Gesten. Da gibt es welche, von denen ich schwören könnte, sie schon Ende der 80er im Dorian Gray in Frankfurt gesehen zu haben, was ja nicht möglich ist, weil sie damals genau wie der Techno noch Windeln trugen. Bei jeden Song, den ich – egal ob im Radio oder über Internet-Dienste wie last.fm oder The Sixtyone – in den vergangenen Jahren hörte, konnte ich sofort sagen: „klingt wie xyz“ oder bestenfalls: „klingt wie eine Mischung aus xyz und zyx“ (ich glaube, das letzte Mal, dass ich wirklich überrascht wurde, war, als ich das erste Mal The Prodigy hörte).

Die Jugendkulturen der Vergangenheit leben irgendwie weiter. Aber wo ist die Jugendkultur der Nuller? Kann es sein, dass die Aufspaltung der Aufmerksamkeit durch die Vielzahl der Medien und natürlich durch den Vormarsch des Internet in alle Lebensbereiche eine bedeutende, Spuren in der Öffentlichkeit hinterlassende Jugendkultur gar nicht mehr möglich macht? Gibt es statt sagen wir 10 Jugendkulturen pro Jahrzehnt nun mittlerweile 100000, von denen die meisten noch nie gehört haben?

Sind Jugendkulturen also nur Medienprodukte? Ich glaube das nicht. Die Medien sind eigentlich immer erst auf sie angesprungen, wenn die Jugendkultur bereits eine gewisse Grösse erreicht hat – Jazz, Rock’n Roll, Beat, Punk, New Wave, Techno, Hip-Hop. Sie alle entwickelten sich als Protestkulturen ausserhalb des öffentlichen Radars. Als die Medien sie aufgriffen, hat sie ihnen auch gleich ihren Stachel gezogen und ihre Auflösung eingeleitet. Und könnte es also sein – eine kühne These – dass Jugendkulturen gar nicht mehr heranreifen und eine kritische Grösse erreichen können, weil ihre mögliche Geburt bereits öffentlich gemacht wird? Sind Jugendkulturen nicht auch ein Geheimcode? Und wie soll sich der ohne Geheimnis entwickeln?

Im übrigen wäre ich durchaus dankbar, wenn man mich als alten Besserwisser entlarven würde, dass es sehr wohl revolutionäre Musik und einflussreiche kulturelle Bewegungen unter Jugendlichen gibt und dass es nur an meiner Ignoranz liegt, dass ich sie nicht wahrnehme. Dass also alles so ist wie immer. Das tröstet alte Leute…;-)

Der Film: Augen in der Gross-Stadt

In Lieder on Dezember 15, 2009 at 7:58 pm

Das Foto-Projekt „Augen in der Gross-Stadt“ ging am Sonntag zu Ende. Es gab 13 Einsendungen, leider nicht genug, um damit eine Diashow von über zwei Minuten Länge zu basteln. Deshalb habe ich mich an Flickr vergriffen und Bilder mit Common-Creatives-Lizenz eingebaut. Da bei den Einsendungen auch weit mehr Gross-Stadt (insbesondere Bahnhof) als Augen dabei waren, nahm ich mir die künstlerische Freiheit heraus, nicht alle Einsendungen einzubauen. Tut mir leid, es wäre wohl besser gewesen, vor Projektbeginn eine Art Aufgabenteilung anhand der Liedzeilen zu machen. Aber so ist das nunmal mit den ersten Malen. Ich wäre für ein zweites bereit, sind ja noch einige Lieder übrig.

Auf alle Fälle vielen Dank an Luiza, Miki, Yvie, Menachem, Applejünger, Tonari, Annalena fürs Mitmachen und natürlich an paleica, die die Idee aufgenommen und weitergetragen hat.

Hier also das Ergebnis. Tucholskys „Augen in der Gross-Stadt“ gesehen von knapp 30 Augenpaaren im 21.Jdh:

Die Sache mit dem Klo

In An Manche on Dezember 13, 2009 at 5:06 pm

Foto: Stopped

Mir scheint es einen Widerspruch zu geben zwischen einer an Dynamik gewinnenden Bewegung im Netz, die sich gegen jegliche Form von staatlicher Überwachung wendet (Stichworte: Vorratsdatenspeicherung und Netzsperren), und der gleichzeitigen Explosion der Freigabe von sehr privaten Daten in sozialen Netzwerken und vielen anderen Web-Applikationen. Kurz: Man verweigert dem Staat, was man Facebook freiwilllig gibt.

Warum eigentlich? „Sind die Überwachungsgegner und Social-Network-Lobbyisten eigentlich verschiedene Leute oder sind die einfach nur ein bisschen schizophren?

Nun gibt es sehr viel mehr Social-Network-Benutzer gibt als Datenschützer, aber gerade unter den aktivsten Überwachungsgegnern befinden sich auch die stärksten Fürsprecher von sozialen Netzwerken. Sascha Lobo erklärte den vermeintlichen Widerspruch mal damit, dass es einen Unterschied mache, ob man sich im Klo einschliesse oder im Klo eingeschlossen werde. Die Schnittmenge aus Überwachungsgegnern und gleichzeitigen Digital-Netzwerkern bittet sich also nur das selbstverständliche Recht aus, auf’s Klo gehen zu dürfen, ohne dort gleich eingeschlossen zu werden. Oder wie es Benni in seinem lesenswerten Artikel auf Keimform sagt: sie möchte selbst entscheiden, wann und wem sie welche ihrer persönlichen Informationen zur Verfügung stellen.

Ich sehe aber das Problem, dass die Freigabe persönlicher Informationen (egal ob es darum geht, die Qualität der digitalen Interaktion zu erhöhen oder Aufmerksamkeit für die eigene Person zu erzeugen) ein Klima schafft, in dem Privatsphäre zunehmend an Bedeutung verliert und eine breite Desensibilisierung für den Schutz persönlicher Daten bewirkt. Dieser Mechanismus ist selbstverstärkend: je mehr persönliche Daten im Web veröffentlicht werden, desto geringer das Bewusstsein für eine Privatsphäre und für den Preis, den wir für ihre Aufgabe zahlen. Je geringer dieses Bewusstsein, desto stärker werden Menschen zu grosszügigem Umgang mit persönlichen Daten ermutigt. Letztendlich wird dem Staat damit eine gesellschaftliche Rechtfertigung der Überwachung geliefert, die von den meisten Menschen nicht im geringsten in Frage gestellt werden wird – wie auch soll es für jemanden, der nie für Datenschutz sensibilisiert wurde und nicht mal zu einer Abschätzung der Folgen der Veröffentlichung von persönlichen Daten fähig ist, wichtig sein, wer jetzt wie lange auf welche Daten zugreifen kann, von denen sowieso fast alle gegooglet werden können?

Es existiert für mich also ein Zielkonflikt: die zunehmende Veröffentlichung konterkariert die Glaubwürdigkeit des Kampfes für mehr Kontrolle. Und der lässt sich trefflich ausnutzen: durch kontrollzwangerkrankte Politiker, aber auch durch Unternehmen wie Google oder Facebook, die ihr Geschäftsmodel auf der Naivität ihrer Nutzer gründen. Beide Seiten spielen sich grossartig in die Karten und unterhöhlen gemeinsam den Datenschutz – eine klassische win/win-Situation. Erst wenn eine wirkliche Kontrolle über die eigenen Daten möglich ist, wenn wirklich nur diejenigen sie sehen können, die sie sehen dürfen, wenn man sie mit einem Schlag aus der Öffentlichkeit löschen kann und man dabei durch den Rechtsstaat unterstützt wird, kann dieser Zielkonflikt aufgelöst werden.

Oder, um auf Lobos Bild vom Klo zurückzugreifen: Erst wenn es Toiletten gibt, die sich von innen abschliessen lassen – und zwar nur von innen – , und erst wenn die Menschen begriffen haben, dass sie sich nicht auf Toiletten begeben sollten, die sich nicht oder nur von aussen abschliessen lassen, kann ich guten Gewissens das Benutzen öffentlicher Toiletten empfehlen.

„Wir denken, um die Wahrheit zu beweisen“

In An Manche on Dezember 8, 2009 at 8:52 pm

…sagt Edward de Bono in der vorletzten Brandeins.

Oder auch: „Wir sind dermaßen selbstzufrieden, dass wir nicht auf die Idee kommen, uns zu hinterfragen. Was nicht erstaunlich ist, weil wir unsere Art zu denken dazu benutzen, unser Denken zu beurteilen.

Und: „Wir müssen damit aufhören, uns damit zufriedenzugeben zu beweisen, dass wir recht haben und die anderen unrecht.

Und: „Sobald sie vor dem Computer sitzen glauben viele, sie könnten aufhören zu denken. Anstatt über eigene Lösungen nachzudenken, verlegen sie sich auf die Suche nach der vermeintlich richtigen Lösung.

Und: „Mindestens einmal in der Woche solltet ihr allein zum Mittagessen gehen.“

De Bono schuf den Begriff des Lateralen Denkens, in dem es darum geht, mehrere Perspektiven auf ein Problem zu gewinnen. Dazu hat er die Kreativitätstechnik der 6 Hüte entwickelt, in der verschiedene Gruppenmitglieder bestimmte Rollen bei der Betrachtung eines Themas annehmen, die verschiedene Denkrichtungen repräsentieren: analytisches, kritisches, emotionales, optimistisches, kreatives und ordnendes Denken. Erst die Vielzahl der Perspektiven erlaubt es, der Wahrheit näher zu kommen. De Bono fördert verschiedene Projekte und Initiativen, um den Menschen zu einem anderen Denken zu befähigen.

Letztlich ist De Bonos Anliegen das gleiche, das hinter diesem Blog steht. Aber ich habe mich gedanklich eigentlich schon davon verabschiedet, dass eine Mehrheit der Menschen multi-perspektivisch wird denken können. Wir leiden unter dem Phänomen der Offenen Türen. Wir sind Herdentiere und suchen Schutz bei Gleichgesinnten. Seine eigenen Überzeugungen (soweit dies überhaupt möglich ist, schliesslich werden diese ja von einem Unterbewusstsein gespeist, das viele Jahre von vielen anderen Menschen gefüttert wurde), seine eigenen Überzeugungen in Frage zu stellen, erfordert eine ungeheure Kraft, Selbstsicherheit und gnadenlosen Optimismus. Schliesslich läuft man Gefahr, Gewissheiten zu zertrümmen, ohne zu wissen, was an ihren Platz treten soll. Man läuft Gefahr, seine Freunde aufzugeben, ohne zu wissen, ob sich neue finden. Man segelt sein Leben im Dauernebel auf Sicht.

Ist es nicht geradezu unmenschlich, dies allen Menschen zuzumuten?

Der Anführer

In An Manche on Dezember 3, 2009 at 10:59 am

Foto: PPCC Antifa

Nein, ein Anführer werde ich nicht sein. Anführer vertreten eine Sache kompromisslos und scharen Anhänger um sich. Zweifel spalten, Fragen zersetzen, Nachdenken schwächt die Sache. Das Frage-Blog ist im Prinzip ein Programm zur Selbstauflösung. Wer sollte sich hier zu Hause fühlen können, wenn jeden Tag das Dach wegfliegen könnte? Oder gibt es einen Stamm der Zweifler, die allein durch Zweifel zusammengehalten wird? Bevor diese Frage zu Ende gedacht ist, ist sie bereits als Paradox gestorben.

Damit ich in meinem Leben mal zum Anführer werde, muss die Sache bereits so einleuchtend, überzeugend und notwendig sein, dass sie eigentlich gar keinen Anführer braucht. Wozu bräuchte sie sonst jemanden, der sie gegen Zweifel und Fragen und Nachdenken schützt, der Spaltung, Zersetzung und Schwächung bekämpft?

Die meisten Menschen machen sich früher oder später eine Sache zu eigen.Das kann eine Musik- oder Modeerscheinung oder Haltung eines Schülers sein oder die Idee eines Wissenschaftlers, die diesem erst seine Unverwechselbarkeit, seine Identität verleiht. Es sind durchaus die Querdenker, die etwas neues schaffen, um dann zu Längsdenkern zu mutieren, deren Existenzberechtigung im Verteidigen des Geschaffenen gegen das Neue besteht. So bleiben sie dann irgendwann an ihrer Sache hängen, die kleinen und die grossen Anführer, blühen mit ihnen auf und gehen mit ihnen unter. Am ärmsten dran sind die Anführer, denen  – aus welchem Grunde auch immer –  die Falschen folgen. Man kann sich sein Gefolge halt nicht aussuchen.

Wer nach den Sternen greifen will, der muss sich vielleicht auf das Schild des Anführers stellen. Aber man kann die Sterne auch einfach nur betrachten, sich seinen Teil denken und weitergehen. Nein, ein Anführer werde ich nicht sein.