Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Welche Kaste hätten’s denn gern?

In An Niemanden on April 10, 2010 at 10:46 pm

Foto: rahuldlucca

In Huxleys Roman „Schöne Neue Welt“ gibt es eine Diskussion zwischen dem Weltenkontrolleur Mustafa Mannesmann und dem Aussenseiter Michel über das Kastensystem der Zivilisation. Menschen werden in Fabriken gezüchtet und durch Konditionierung sowie chemische Behandlung der Embryonen für ihr späteres Leben in ihrer Kaste vorbereitet. Es wird zum Beispiel gezielt Alkohol eingesetzt, um die Intelligenz der Menschen niedriger Kasten zu reduzieren. Mustafa Mannesmann verteidigt dieses Verfahren und sagt, dass man eine zeitlang versucht hätte, nur Alpha-Menschen zu produzieren, dies aber dazu geführt hätte, dass sich diese Alpha-Menschen dann gegenseitig bekriegt und die Gesellschaft ins Chaos gestürzt hätten. Es brauche eine gewisse Zahl von Alpha-Menschen, aber auch die Beta-, Gamma-, Delta- und Epsylon-Menschen, damit eine Gesellschaft funktioniere.

Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte der Unterdrückung. Die Alpha-Menschen hatten die grossen Ideen, die Epsylons – meist Sklaven genannt – mussten dafür ihr Leben opfern. Noch heute bewundern wir Bauwerke wie die Pyramiden oder das Empire State Building, die ohne Gewalt, Ausbeutung, Unterdrückung und Sklaverei nicht existieren würden.

Aber werden nicht auch heute Menschen in Notlagen gestürzt, die sie erpressbar machen und in eine Position manövrieren, die ihnen keine Wahl und Verhandlungsmöglichkeit mehr läßt (Stichwort Hartz IV)? Sind Politiker also zur gleichen Erkenntnis gekommen wie Mustafa Mannesmann und formen eine Epsylon-Kaste – nicht durch chemische Mittel sondern durch Entzug von Möglichkeiten, durch Entzug von Bildung, durch soziale Stigmatisierung?

Und wenn sie nun Recht hätten? Dass der Humanismus gescheitert ist? Dass es tatsächlich ohne Unterdrückung gar nicht nach vorne gehen kann? Dass sich ein großer Teil der Gesellschaft nunmal opfern muss? Dass jedes Spiel seine Verlierer braucht, damit es für die Sieger Spaß macht? Dass es kein Beispiel einer funktionierenden Gesellschaft ohne Kasten gibt? Dass Kasten sozusagen eine natürliche Lebensorganisation sind (wie auch bei anderen Säugetieren oder selbst in der deutschen Blogosphäre, wo man ja auch von Alpha-Bloggern spricht)? Was dann?

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  1. „Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte der Unterdrückung. Die Alpha-Menschen hatten die grossen Ideen, die Epsylons – meist Sklaven genannt – mussten dafür ihr Leben opfern. Noch heute bewundern wir Bauwerke wie die Pyramiden oder das Empire State Building, die ohne Gewalt, Ausbeutung, Unterdrückung und Sklaverei nicht existieren würden.“

    Pardon. Auch wenn mir klar ist was Du zu vermitteln suchst liegst Du diesmal absolut daneben.

    Eine der wichtigsten Erkenntnisse der aufgeklärten Wissenschaften ist die, dass die vermutlich 10 Meter hohen Tore der Mauer um den großen Pyramidenkomplex in Gizeh, nach Aussen aufschwangen. Sie waren eindeutig dazu konstruiert, Feinde und Neider des spirituellen Werkes von diesem fern zu halten. Was enorm wichtig ist. Bedeutet es auch das Moses eher ein Pöbler, ein Unruhestifter und viel weniger ein Befreier war. Wozu hätte er Tausende befreien müssen, wenn ohnehin jeder hätte jederzeit gehen können?

    Der Humanismus ist ein ismus. Lass uns unsere Wurzeln betrachten. Lass uns Menschen (Wissenschaftler) fragen die den noch immer existenten Urvölkern kommunizieren. Was können die uns über z.B. die angeblich so menschlichen Triebe Neid und Missgunst berichten?

    Ich habe mittlerweile sicher gut hundert Artikel bis Bücher über das Thema konsumiert. Und weisst Du was? Nichts. Gar Nichts. Kein Bisschen. Das was Du meinst ist nur der Stempel der aktuellen Zivilordnung, dass Diktat der Normisten.

    Wenn Du morgen ein Geschäftsessen in Berlin hast. Dir während dessen das Portemonnaie, mit allen Papieren darin, gestohlen wird. Du ausgerechnet mich anrufst und um Hilfe bittest. Dann wäre eine Abhilfe deines Elends, z.B. durch die Übberreichung von genügend Kapital zur Heimreise (Flugschein Berlin/Paris) durch mich, nach der geltenden (A)Sozialordnung, unnormal.

    Unsere Lebensgemeinschaft ist exakt das, was wir daraus machen. Wie war das gleich?:

    „Was Du nicht willst, was man dir tut, dass füge keinem Anderen zu…“

    Antwort: „Schlag mich, ich brauch das…“

    🙂

  2. Die Menschheit hat 90% ihrer Zeit auf dieser Erde ohne Kasten gelebt. Das beantwortet die Frage. „Nach vorne“ ist nicht da wo es die alpha-Menschen ausmachen.

  3. Michael, verstehe nicht. Wie sind Urvölker organisiert? Was können sie uns lehren?
    Ist die zynische Analyse in Huxleys Buch etwa nicht schon seit jeher Realität?

    Benni, aber selbst in vorzeitlichen Stämmen gab es Anführer und Ausgestossene. Welche Gesellschaft hat es geschafft, eine Gesellschaft von gleichen zu sein?

  4. Urvölker sind exakt so organisiert, dass sie überleben können. Genau darin ist kein Platz für Neid, Missgunst und ähnliche Kleingeistereien. Was wir lernen können ist der Umstand, dass das was wir leben so extrem different ist zu unserer eigentlichen Natur. Wir sind so betrachtet Vögel denen man, von Geburt an, die Flügel auf den Rücken bindet und dazu erklärt: „Die braucht ihr eh nicht. Kämpft lieber am Boden ums Überleben.“. Noch einmal zu deiner morbiden Ader. Allein sie ist schon sichtbarer Beweis dafür, dass Du noch immer mit auf dem Rücken gefesselten Flügeln herum läufst. Huxley selbst lebte die Perversion, er berichtete aus ihr, über sie. Was soll einen gebildeten Menschen das lehren können, ausser vielleicht?:

    „Wieder ein intelligenter Mensch der nicht verstanden hat worum es geht…“

    Dein Sohn neidet dir dein Brot? Deine Frau dein Leben? Nein? Aber genau das wird kommuniziert. Immer und immer wieder. Und weil es so ist, erlaubst auch Du das deinem Kind der sog. Wettbewerb, als die „natürlichste“ Sache der Welt vermittelt wird. Der Wettbewerb ist allgegenwärtig, unser Omen, unser Los unser Ziel.

    Bei Licht und mit Verstand betrachtet: Schwachsinn!

    Wettbewerb ist kein Bestandteil irgend einer natürlichen Ordnung.

    Wenn z.B. der Angepasstere obsiegt, wie kann dann etwas weniger angepasstes mit diesem in Wettbewerb treten? Ein Blödsinn der von Leuten verbreitet wird die schlicht Angst vor der Veränderung haben, Angst vor dem sich Anpassen müssen.

    Mein Lieblingsspruch von simpel gestrickten Geistern:

    „Wir haben auf Alles verzichtet, damit ihr es einmal einfacher und besser habt!“

    Kennt überhaupt irgend wer irgend welche Eltern die dieses Konzept dann auch ins Alter getragen habe und sich darüber freuen das ihre Kinder viel Freizeit im HIV Land haben?

    Bildung ist das aller, aller wichtigste im Leben. Sie ist es die uns über das bloße Tier erhebt. Sie ist es die uns lehrt: Nur miteinander können wir bestehen, gegeneinander sind wir verloren.

    Deine Anspielung auf die Kasten ist nicht uninteressant. Wusstest Du das im alten Nippon ca. 1100 bis 1850 die Kaufleute die niederste Kaste darstellten? Sie waren weder produktiv, noch schafften sie in irgend einer erkenntlichen Form einen Mehrwert. Was hat die Menschheit daran gewonnen, diesen Leuten Verantwortung zu übertragen?

    Leute wie Huxley, die behaupten der Mensch sei, schlecht böse, blöd, doof, stinkt und muss überhaupt kontrolliert werden…

    Schau in den Spiegel. Fünf Minuten. Schau dir selbst in die Augen, in aller Ruhe. konzentriere dich auf dich. Dann siehst Du durch dich hindurch und die Flügel auf deinem Rücken…

    Der „Mensch“ ist per Definition weder ein positives noch ein negatives Wesen, er passt sich lediglich recht effizient an die Gegebenheiten an. Ändern wir, die wir die Möglichkeiten dazu haben, eben diese Gegebenheiten…

    LG

  5. @?: Unser Bild der Vorgeschichte ist sehr nebelig und mehr von unserer heutigen Sicht auf die Welt geprägt als wir meistens wahr haben wollen. Und es gibt viele Belege für herrschaftsfreie Strukturen. Ein Beispiel unter vielen: http://www.urkommunismus.de/catalhueyuek.html Da haben sie verzweifelt jahrzehntelang nach Spuren von Herrschaft gesucht, weil es sie einfach in ihrer Vorstellungswelt geben muss, wenn so viele Leute zusammen leben. Ergebnis: Nix.

  6. @Benni, ein interessanter Link.
    @Fragezeichner, auch mich müsstest du im Sinne von Michael als asozial bezeichnen, weil auch ich mir vorstellen könnte, dir ohne zu zögern ein Ticket zu kaufen. Für mich wäre dies auch eine eigene Stärkung, da ich glaube, dass der Mensch als erstes den Mitmenschen gegebüber wohlgesonnen ist. Das wir das nur im geringsten Mass leben können, sind andere und die großen Fragen der Soziologie und Philosophie, zu denen die Antworten bis heute noch nicht gegeben wurden, sonst gäbe es die Frage nicht hier und auf deiner Seite.

    Bildung für das alles ist bestimmt notwendig, aber noch notwendiger ist nach meiner Meinung, die Erziehung. Meine Mutter hat vor über 50 Jahren immer geantwortet, wenn ich Entschuldigungen suchte und sagte, der hat aber auch dies oder jenes gemacht: „Und, wenn der andere in den Rhein springt, springst du dann auch?“

    So lapidar das klingt, so ist es für mich heute mehr denn je ein wichtiger Anker geworden, weil ich immer wieder verführt werde, zu tun, wie andere es tun, egal, ob rechts überholen oder bei Rot über die Ampel geh`n (aus Michael`s blog). Immer wieder muss ich mich aus diesem Mechanismus, es tun ja auch andere, zurückholen. Ich glaube nicht, dass es schwer ist, einen gesellschaftlichen Codex zu entwerfen, selbst danach zu leben und zu handeln, das ist die Herausforderung.

    Und mein Weltbild bestimme ich selbst, und da gibt es zahlreiche Möglichkeiten. Ich habe mein`s 1983 entworfen, als ich mich selbstständig machte, weil ich unter meinen tablettenabhängigen Vorgesetzten nicht mehr ertragen konnte, wie menschenverachtend er Mitarbeiter behandeln konnte. Ich sah zu dieser Zeit zufällig(!) ein Interview mit R. Mohn, ich seh ihn heute noch wie gestern an seinem Riesenschreibtsich sitzend, in dem er zu seiner Philosophie sinngem. sagte: Sein Tun richtet sich nach der Maxime, dass die Würde des Menschen unantastbar ist.

    Vielleicht auch aus der Geschichte meiner Eltern, habe ich immer versucht, und heute meine ich noch mehr als gestern, nach diesem Grundsatz zu handeln. Das schließt Kasten nicht aus, solange ein Vorstandsmitglied in aufrichtiger Authentizität zu der hereinkommenden Reinemacheperson sagen kann: Schön, das sie da sind.

  7. Michael, stimme dir zu. Aber es gibt auch Grenzen der Anpassungsmöglichkeiten. Die gleichen Systeme können mit anderen Menschen völlig unterschiedliche Ergebnisse produzieren.

    Benni, danke für die Anregung! Die Schlüsse bezüglich der Funde in Catal Hueyueck sind aber nur mit Vorsicht zu geniessen. Dazu ist die Steinzeit einfach zu lange her. Wenn du noch andere Links zu egalitären Gesellschaften hast, lass es mich wissen!

    Menachem, bei dem freundlichen Vorstandsvorsitzenden musste ich sofort an den „guten Diktator“ denken. Kann prima funktionieren, erfordert aber die richtigen Personen…

  8. Natürlich. Deshalb meine ich auch das die Information darüber nicht nur enorm wichtig für unsere Zukunft ist, sondern deren Gewinnung, Auswertung wie Verwaltung in die Hände der Gemeinschaft gehört. Nicht in die Hände einer, sich selbst so bezeichnenden, Elite…

  9. Ich schätze mal, du bist nun in der Selbständigkeit oder in Urlaub und hoffe mal, wie wir es immer bei den Kindern sagten, wenn man nichts von Ihnen hört, geht es ihnen gut.

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