Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

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Sorgen durch Mitsorgen entsorgen?

In An Manche on Juli 9, 2009 at 7:59 am
Foto: Nenyaki

Foto: Nenyaki

Kann es sein, dass meine Versuche, sie zu beschwichtigen, kontraproduktiv sind, weil sie glaubt, dass ich ihre Sorgen unterschätze? Wäre sie also beruhigter, wenn ich ihren Sorgen mit gesteigerter Besorgnis begegnete?

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Über Anonymität im Internet

In An Jemanden on Juli 7, 2009 at 8:08 am
Foto: Florian Kuhlmann

Foto: Florian Kuhlmann

Jens Jessen von der Zeit hat vor ein paar Wochen in einem Video-Podcast die Forderung aufgestellt, dass sich im Internet niemand mehr anonym bewegen dürfe, um Urheberrechtsverletzungen, kriminelle Aktivitäten, Beleidigungen und Diskriminierungen zu verhindern. Er verglich das Internet mit einer Stadt, das von marodierenden Banden durchzogen sei, die im Schutze der Anonymität ungestraft ihr Unwesen treiben dürften.

Ich frage mich, welche Folgen die konsequente Durchsetzung einer solchen Forderung hätte (insofern sie überhaupt technisch und verfassungsrechtlich durchsetzbar wäre). Würden Beleidigungen und Diskriminierungen wirklich dramatisch zurückgehen – oder würden sie vielleicht nur in einer Weise formuliert, dass sie rechtlich nicht angreifbar sind (so wie das die Bild-Zeitung immer mal wieder hinbekommt)? Würde Musik tatsächlich gekauft anstatt aus dem Internet geladen – oder würde sie halt wie früher einfach unter Freunden kopiert? Und sind denn diese Beleidigungen wirklich ein Problem, das sich nicht einfacher, zum Beispiel durch schlichtes Löschen lösen lässt (so wie es ja fast überall praktiziert wird)? Werden Fehlinformationen im Internet nicht automatisch durch die Vielzahl von Quellen und Korrekturen eliminiert?

Welchen Preis müssten wir für das Aufgeben der Anonymität zahlen? Wäre ein massiver Rückgang von Transparenz, Offenheit und Wahrheit die Folge, weil sich viele Menschen aus Gründen möglicher Abmahnungen oder Probleme mit ihrem Arbeitgeber gar nicht mehr bequemen würden, ihre Meinung im Internet kundzutun, Produkte zu bewerten, Probleme mit Unternehmen zu beschreiben oder vor illegalen Machenschaften zu warnen? Geht es Jessen in Wahrheit vielleicht nur darum, das bröckelnde Meinungsmonopol der grossen Medien zu verteidigen?

Und warum dann nicht konsequenterweise jeden Menschen mit einem Funkchip samt Mikrophon und Kamera ausstatten, der jede seiner Bewegungen in der wirklichen Welt mitprotokolliert und es möglich macht, jedes Fehlverhalten sofort zu ahnden. Delikte wie Beleidigungen und Taschendiebstahl sollten dann schnell der Vergangenheit angehören (und als angenehmer Nebeneffekt vielleicht auch Pinkeln in Mülleimer oder Fahrradfahren ohne Licht).

Vielleicht sollte sich Jessen mal die Frage stellen, warum Wahlen in Demokratien geheim sind, warum es im Journalismus Quellenschutz gibt und in Unternehmen Kummerkästen. Kleiner Tipp: der Grund ist in allen drei Fällen der gleiche.

Dahingetwagt (10)

In An Manche on Juli 4, 2009 at 11:17 pm

Die letzten 3 Wochen auf Twitter:

  • Woher kommen eigentlich neue, originäre Ideen?
  • Wäre die Wirtschaft stabiler, wenn es keinen Aktien- oder Derivatehandel geben würde – also Spekulation im grossen Massstab nicht möglich?
  • Werden wir mit dem Alter materialistischer?
  • Gleichgewicht – wer kümmert sich drum? Oder kann es nur entstehen, wenn niemand sich drum kümmert?
  • Schade, dass man aus Blogs kein Pappmaché machen kann. Wie geht das heute eigentlich, wenn man keine Tageszeitung mehr abonniert hat?
  • These: Die Entsprechung des Gottesbegriffs in der Logik ist Rekursion
  • Logischer Schluss: Menschen können nur dann für ihre Taten verantwortlich gemacht werden, wenn sie sich selbst geschaffen haben. Einwände?
  • Ihr wollt keine Mitläufer? Sollen also alle vorneweglaufen? Oder hinterher?
  • Wenn wir alle einzigartig sind, sind wir denn dann noch was besonderes?
  • Gibt es eigentlich irgendeine Tätigkeit, die nicht irgendjemand anderem das Wasser abgräbt?
  • Ist die Zeit der Genies endgültig vorbei?
  • Würden sie einem ihrer Twitter-Kontake eine Niere spenden?
  • Wie lässt sich verhindern, dass der Lebensweg sich von einem Dschungelpfad in eine Autobahn verwandelt?

Kindern Sportbegeisterung vermitteln

In An Manche on Juli 3, 2009 at 10:49 am
Foto: vramak 

 

Foto: vramak

Mein Vater war Leistungssportler und hat mich sehr früh für den Sport interessiert. Als 7jähriger schaute ich bereits den 100m-Endlauf der olympischen Spiele und das Endspiel der Fussball-Europameisterschaft. Als 8jähriger sass ich morgens um 4 Uhr auf dem Schoss meines Vaters, um Muhammed Ali kämpfen zu sehen. Als 9jähriger erlebte ich heulend die Schmach von Cordoba. Als 10jähriger schwärmte ich für Björn Borg und Dietrich Thurau und kannte alle Ergebnisse der gesamten Fussball-Bundesligasaison. Anfang der Achziger verbrachte ich Samstagnachmittage vor dem Radio, um die Radio-Reportagen aus den Bundesliga-Stadien zu verfolgen, oder Sommertage vor dem Fernseher, um Laurent Fignon in seinem gelben Trikot die Alpenpässe nach oben fliegen zu sehen. Später dann hat mich Boris Becker im Daviscup oder den US Open Nächte fiebern lassen. Alles – wie ich glaube – inspiriert durch die Sportbegeisterung meines Vaters.

Mein Sohn beginnt jetzt, sich für Fussball zu interessieren. Und natürlich stellt er sich auf die Seite der Sieger: weniger als Barcelona und Lionel Messi geht gar nicht. Und ich frage mich jetzt, inwiefern ich sein Interesse fördern oder Begeisterung in ihm wecken soll. Denn ich selbst bin eher ernüchtert durch Kommerz und Dopingwahnsinn, die zwar beide sehr alte Begleiter des Sports sind, aber von mir nach Absetzen meiner rosa Brille erst in den letzten Jahren wahrgenommen wurden. Das Doping-Geständnis von Laurent Fignon, der jetzt schwer an Krebs erkrankt ist, hat mich persönlich sehr getroffen, es war in gewisser Weise das Eingeständnis des Verrats an dem Kind, das ihn damals angehimmelt hat.

Ist Sportbegeisterung trotz allem sinnvoll – weil es zur eigenen körperlichen Bewegung anspornt, weil es hilft, mit Niederlagen leben und im Triumph Demut zu lernen, weil es die Muster des Lebens mit seinen Dramen und seiner Vergänglichheit als Mikrokosmos widerspiegelt, weil es in gewisser Weise auch zur allgemeinen Bildung gehört?