Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Archive for the ‘An Niemanden’ Category

Tucholsky: Ideal und Wirklichkeit

In An Niemanden, Lieder on Juli 8, 2010 at 9:38 pm

Ideal: echte Instrumente, befreundete Musiker, eine gemeinsame Aufnahme vor Publikum, Kreativität durch Austausch

Wirklichkeit: ein Computer und ein Mikrophon, Garage Band als Software, 3 Stunden allein in einem dunklen schallgedämpften Raum, Kreativität als Fluchtversuch

„Ideal und Wirklichkeit“ (1929/2009) [Download]

[Text: K.Tucholsky, Musik: M.Jung]

Das Lied steht unter Creativ-Commons-Lizenz. Bearbeitung und Verbreitung  ausdrücklich erwünscht! Mehr Tucholsky-Vertonungen hier.

Vertrocknende Erkenntnisse

In An Niemanden on Mai 8, 2010 at 6:34 pm

Foto: JanneM

Gibt es etwas, das ich meinen Kindern glaubwürdig vermitteln kann? Eine zeitlose, in jedem persönlichen Kontext gültige Erkenntnis, die einen jeden Menschen voranbringen kann? Oder ist Erkenntnis als solche völlig nebensächlich, ein motivierendes Nebenprodukt dessen was wirklich wichtig ist: etwas zu versuchen, etwas zu riskieren, etwas anzupacken, etwas zu tun – Erfahrungen zu machen – auch wenn diese Erfahrungen nur in einem selbst  lebendig sind und sofort vertrocknen, wenn man sie jemand anderem wie einen Blumenstrauß weitergeben will?

„Der Strauß“ (2005)

[Text+Musik: M.Jung]

Das Lied steht unter Creativ-Commons-Lizenz. Bearbeitung und Verbreitung  ausdrücklich erwünscht! Mehr  Lieder hier.


Strauss

Keiner lässt sie sich unterjubeln
Meine Ratschläge für’s Leben
Ich würde sie gern geben, doch
Das Interesse ist gering
Meine Frau sagt Vielen Dank, doch
ich fühl mich noch verkatert
von denen meines Vaters
die er mir gab als Kind

Drum knick ich ihn, den bunten Strauss
den ich mir aus den Jahr’n gepflückt
und stopf ihn in die Tonne, ein kleinwenig bedrückt
und stopf ihn in die Tonne, Stück für Stück

Niemandem bringt es Nutzen
mein angestautes Wissen
die draus gezogenen Schlüsse
verderben unverbraucht
Mein Söhnchen sagt mir, Papa
Du bist zu theoretisch
Das Gegenteil scheint möglich
Ich test‘ das lieber aus

Drum knick ich ihn, den bunten Strauss…

Niemand lässt sich beschwätzen
Der Schatz meiner Erfahrung
scheint keine Offenbarung
und bleibt wohl unentdeckt
Mein Töchterchen meint, Papa
Deine alten Geschichten
Die stimmen heut mitnichten
pack die besser weg

Drum knick‘ ich ihn, den bunten Strauss…

Da ich keine Kunden
für meine Blumen finde
stell ich das Gebinde
ans Bett auf einen Tisch
Zu all meiner Erkenntnis
gesellt sich eine Einsicht
all meine Erkenntnis
ist letztlich nur für mich

Drum pfleg ich ihn, den bunten Strauss
den ich mir aus den Jahr’n gepflückt
und mag er auch verwelken
verwelken, Stück für Stück
und mag er auch verwelken
er bleibt mein grosses Glück

Welche Kaste hätten’s denn gern?

In An Niemanden on April 10, 2010 at 10:46 pm

Foto: rahuldlucca

In Huxleys Roman „Schöne Neue Welt“ gibt es eine Diskussion zwischen dem Weltenkontrolleur Mustafa Mannesmann und dem Aussenseiter Michel über das Kastensystem der Zivilisation. Menschen werden in Fabriken gezüchtet und durch Konditionierung sowie chemische Behandlung der Embryonen für ihr späteres Leben in ihrer Kaste vorbereitet. Es wird zum Beispiel gezielt Alkohol eingesetzt, um die Intelligenz der Menschen niedriger Kasten zu reduzieren. Mustafa Mannesmann verteidigt dieses Verfahren und sagt, dass man eine zeitlang versucht hätte, nur Alpha-Menschen zu produzieren, dies aber dazu geführt hätte, dass sich diese Alpha-Menschen dann gegenseitig bekriegt und die Gesellschaft ins Chaos gestürzt hätten. Es brauche eine gewisse Zahl von Alpha-Menschen, aber auch die Beta-, Gamma-, Delta- und Epsylon-Menschen, damit eine Gesellschaft funktioniere.

Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte der Unterdrückung. Die Alpha-Menschen hatten die grossen Ideen, die Epsylons – meist Sklaven genannt – mussten dafür ihr Leben opfern. Noch heute bewundern wir Bauwerke wie die Pyramiden oder das Empire State Building, die ohne Gewalt, Ausbeutung, Unterdrückung und Sklaverei nicht existieren würden.

Aber werden nicht auch heute Menschen in Notlagen gestürzt, die sie erpressbar machen und in eine Position manövrieren, die ihnen keine Wahl und Verhandlungsmöglichkeit mehr läßt (Stichwort Hartz IV)? Sind Politiker also zur gleichen Erkenntnis gekommen wie Mustafa Mannesmann und formen eine Epsylon-Kaste – nicht durch chemische Mittel sondern durch Entzug von Möglichkeiten, durch Entzug von Bildung, durch soziale Stigmatisierung?

Und wenn sie nun Recht hätten? Dass der Humanismus gescheitert ist? Dass es tatsächlich ohne Unterdrückung gar nicht nach vorne gehen kann? Dass sich ein großer Teil der Gesellschaft nunmal opfern muss? Dass jedes Spiel seine Verlierer braucht, damit es für die Sieger Spaß macht? Dass es kein Beispiel einer funktionierenden Gesellschaft ohne Kasten gibt? Dass Kasten sozusagen eine natürliche Lebensorganisation sind (wie auch bei anderen Säugetieren oder selbst in der deutschen Blogosphäre, wo man ja auch von Alpha-Bloggern spricht)? Was dann?

Tucholsky – Der Lenz ist da

In An Niemanden on Januar 25, 2010 at 9:42 am

Foto: Ela2007

Habe ich nicht eben den Frühling gerochen? Ist es nicht gerade eine der Fähigkeiten, die uns zum Menschen machen und uns über das Tier erheben, dass wir uns von den Jahreszeiten unabhängig machen können, dass jeder seinen persönlichen Frühling haben kann und im Januar Erdbeeren essen? Oder verschleissen wir nur unsere Kräfte im Kampf gegen die uns von der Natur aufgezwungenen Rhythmen? Verfällt es sich leichter in seiner persönlichen Zeit oder in der Zeit für alle? Kann man mit der Zeit leben oder ist sie unser natürlicher Feind?

„Der Lenz ist da“ (1919/2008) [Download]

(Text: K.Tucholsky, Musik: M.Jung)

Das Lied steht unter Creativ-Commons-Lizenz. Bearbeitung und Verbreitung  ausdrücklich erwünscht! Mehr Tucholsky-Vertonungen hier.

Entscheidend freier

In An Niemanden on September 24, 2009 at 8:33 am
Foto: Neubie

Foto: Neubie

Geht der Journalismus nicht gerade den Weg, den die Eheschliessung vor vielen Jahren gehen musste?

Aus der Vielzahl von Ehemännern hat der Papa früher den seiner Meinung nach besten ausgewählt. Heute nimmt das Töchterchen die Sache selbst in die Hand.

Aus der Vielzahl von Nachrichten wählen Redakteure die ihrer Meinung nach interessantesten aus. Einige Leser nehmen diese Sache bereits selbst in die Hand.

Das Ergebnis mag in beiden Fällen zwar nicht unbedingt besser sein, aber es ist immerhin das Ergebnis einer freien Entscheidung. Warum ist uns das so wichtig?

Balance

In An Niemanden on Juni 30, 2009 at 7:01 am
Foto: wooody

Foto: wooody

Ein Tischtennisball auf einem Tischtennisschläger in einer menschlichen Hand. Der Ball rollt ein wenig nach links, die Hand kippt den Schläger leicht nach rechts, der Ball rollt ein wenig nach oben, die Hand kippt den Schläger nach hinten, der Boll rollt ein wenig nach rechts, die Hand bewegt den Schläger leicht nach links. Ziel des Spiels: eine Balance zu erreichen und zu verhindern, dass der Ball auf den Boden fällt. Ein Betrachter, der dem Spiel nur wenige Sekunden zuschaut, der beobachtet, wie das Kippen nach Links den Ball vor dem Herunterfallen rettet, der könnte den falschen Schluss ziehen, dass Linkskippen ein probates Mittel gegen das Herunterfallen ist. Ein anderer Beobachter, der zu einem anderen Zeitpunkt schaut, könnte den gegenteiligen Schluss ziehen, nämlich dass Rechtskippen die Lösung aller Probleme ist.

Ob in der Erziehung, in der Politik, in der Wirtschaft oder im Lösen von Konflikten – sind wir nicht alle versucht, Probleme durch eine Patent-Lösung aus der Welt schaffen zu wollen, ohne zu merken, dass die eigentliche Lösung darin besteht, eine perfekte Balance zu finden? Dass minimale aber permanente Anpassungen abhängig von der jeweiligen Situation nötig sind? Woher kommt unsere Vorliebe für starre Lösungen, was verleitet uns zu der trügerischen Sicherheit, dass es eine richtige und eine falsche Seite gibt? Und wie entsteht bei so vielen Patentlösern und Lagerdenkern trotzdem manchmal die perfekte Balance?

Information und Deutung

In An Niemanden on Mai 28, 2009 at 9:05 am

[Foto: Eldersign]

Menschen produzieren Informationen und deuten sie. Die einen (Wissenschafler z.B.) arbeiten mehr an der Beschaffung. Andere eher an der Deutung (Künstler z.B.). Wobei ja jede Deutung auch wieder eine Information sein kann und zusammen mit anderen Informationen in eine neue Deutung eingehen kann. In Zeiten der Informationsmangelgesellschaft blieben Informationen selten ungedeutet. Es gab relativ wenig öffentliche Informationen, also auch weniger Deutungsmöglichkeiten. Zudem gab es professionelle Deuter (Journalisten), die recht exklusiven Zugang zur Information hatten, und deren Deutungen die möglichen persönlichen Deutungen des Individuums dominierte. In der Informationsüberflussgesellschaft beginnt sich der Informationszugang, vor allen Dingen aber die Deutungshoheit des Einzelnen zu demokratisieren. Nicht nur gibt es mehr Informationen als professionelle Deuter verarbeiten können, es ergeben sich auch viel mehr Deutungsmöglichkeiten. Da jeder seine eigene Deutung in den öffentlichen Diskurs einschleusen kann, kompliziert sich der Zugang zu allgemein akzeptierten Deutungen weiter.

Was hat das für Folgen? Ich würde behaupten, Menschen ist die Deutung viel wichtiger als die Information. Sie wollen einen Sinn erkennen in den Informationen, die sie bekommen, Zusammenhänge finden, Konsequenzen für ihre persönliche Situation herausfinden. Stattdessen bekommen sie einerseits immer mehr nackte Informationen, die sie nicht durchdringen können, und gleichzeitig eine Vielzahl von widersprüchlichen Deutungen, die sie nicht weiterbringen. Sie werden immer weniger Zeit haben, ein Weltbild aufzubauen und zu stabilisieren, weil der ständige Informationsfluss das Fundament schon beim Aufbau erodiert. Die Generation meiner Eltern hat sich ein Weltbild errichtet, das unerschütterlich ist und an dem jede widersprüchliche Information abprallt – die Deutung der Welt ist definitiv, weil sie keine neuen Informationen heranlassen. Meine Generation ist zwar offen für neue Informationen, bewegt sich aber in recht statischen Deutungsrahmen, benutzt also „ererbte“ Deutungsschablonen, um die Flut der Informationen zu kanalisieren und erzeugt auch vorsichtig ein paar neue Schablonen. Ich frage mich, wie die Generation meiner Söhnchens die Deutung von Informationen bewerkstelligen wird. Die Deutungsschablonen ihrer Eltern werden nicht mehr taugen. Werden sie sich neue schaffen können, während sie gleichzeitig immer mehr Informationen bewältigen müssen? Vergleichbar mit einem Töpfer, dem der Ton ständig unter den Händen wegschmilzt? Werden sie sich in einer fragmentierten Informationswelt verlieren und Zusammenhänge aus den Augen verlieren, resignieren und am Sinn zweifeln – oder werden die professionellen Deuter dann wieder wichtiger?

Wer sagt es am schönsten?

In An Niemanden on Mai 2, 2009 at 6:56 pm

(Foto: shinnfean)

  • 14600 Tage?
  • 350400 Stunden? 
  • 40 Frühling, 39 Sommer? 
  • Knapp über 50%?
  • Im Zenit?
  • 28 Hex?
  • 34 im Land der 12fingrigen?
  • Dreieinhalb Dutzend Kerzen?
  • 12.73π ?
  • Acht handvoll?
  • Zum zweiten Mal Zwanzig?
  • Zum zehnten Mal die 30 feiern?

Ich seh‘ etwas, was du nicht siehst

In An Niemanden on März 24, 2009 at 8:28 am

[Foto: h.koppelaney]

Wir sehen Drachen in Wolken. Wir sehen Liebe in Augen. Wir sehen Verschwörungen im Fernsehen. Wir sehen, dass sich alles zusammenfügt. Wir sehen eine logische Entwicklung. Wir sehen einen Sinn in allem. Wir sehen die Folgen von einschneidenden Ereignissen. Wir sehen die Gründe offenliegen. Wir sehen den Wink des Schicksals in einem aufgeschlagenen Buch. Wir sehen immer wieder kehrende Zahlen. Wir sehen Seelenverwandte. Wir sehen lächelnde Autos. Wir sehen das Wirken einer höheren Macht. Wir sehen nachtragende Katzen. Wir sehen uns in unseren Kindern. Wir sehen Wut in den Himmel geschrieben. Wir sehen, dass es so und nicht anders kommen musste. Wir sehen die Schönheit in unseren Dingen. Wir sehen die Fehler der anderen. Wir sehen, was nicht nicht geschehen durfte.

Sehen wir nur? Oder erschaffen wir? Und wie können wir den Unterschied erkennen?

Das Böse im Auftrag des Guten

In An Niemanden on Januar 29, 2009 at 10:20 am

[Foto: Uli Harder]

Des Menschen Tätigkeit kann allzuleicht erschlaffen,

Er liebt sich bald die unbedingte Ruh;

Drum geb‘ ich gern ihm den Gesellen zu,

Der reizt und wirkt und muss als Teufel schaffen

(Goethes Faust, Prolog im Himmel)

Nach Goethe ist das Böse – anscheinend ohne sich darüber klar zu sein – im Auftrag des Guten unterwegs. Es wurde geschaffen, um das Gute zu mobilisieren und die Menschen durch einen ewigen Kampf mit der Versuchung von Gott zu emanzipieren und voranzubringen. Was aber, wenn sich das Böse dieser Manipulation bewusst wird? Müsste es dann nicht, um den grösstmöglichen Schaden anzurichten und Gottes Strategie zu unterlaufen,  ganz einfach nichts tun, abwesend werden, die Menschen ohne sein Zutun erschlaffen zu lassen? Oder ist Gottes Strategie mit dem Risiko verbunden, dass das Böse tatsächlich die Oberhand gewinnt und die Menschheit gegen sie selbst und gegen Gott lenken wird – wurde der Gegner unterschätzt?