Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

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Die Sache mit dem Klo

In An Manche on Dezember 13, 2009 at 5:06 pm

Foto: Stopped

Mir scheint es einen Widerspruch zu geben zwischen einer an Dynamik gewinnenden Bewegung im Netz, die sich gegen jegliche Form von staatlicher Überwachung wendet (Stichworte: Vorratsdatenspeicherung und Netzsperren), und der gleichzeitigen Explosion der Freigabe von sehr privaten Daten in sozialen Netzwerken und vielen anderen Web-Applikationen. Kurz: Man verweigert dem Staat, was man Facebook freiwilllig gibt.

Warum eigentlich? „Sind die Überwachungsgegner und Social-Network-Lobbyisten eigentlich verschiedene Leute oder sind die einfach nur ein bisschen schizophren?

Nun gibt es sehr viel mehr Social-Network-Benutzer gibt als Datenschützer, aber gerade unter den aktivsten Überwachungsgegnern befinden sich auch die stärksten Fürsprecher von sozialen Netzwerken. Sascha Lobo erklärte den vermeintlichen Widerspruch mal damit, dass es einen Unterschied mache, ob man sich im Klo einschliesse oder im Klo eingeschlossen werde. Die Schnittmenge aus Überwachungsgegnern und gleichzeitigen Digital-Netzwerkern bittet sich also nur das selbstverständliche Recht aus, auf’s Klo gehen zu dürfen, ohne dort gleich eingeschlossen zu werden. Oder wie es Benni in seinem lesenswerten Artikel auf Keimform sagt: sie möchte selbst entscheiden, wann und wem sie welche ihrer persönlichen Informationen zur Verfügung stellen.

Ich sehe aber das Problem, dass die Freigabe persönlicher Informationen (egal ob es darum geht, die Qualität der digitalen Interaktion zu erhöhen oder Aufmerksamkeit für die eigene Person zu erzeugen) ein Klima schafft, in dem Privatsphäre zunehmend an Bedeutung verliert und eine breite Desensibilisierung für den Schutz persönlicher Daten bewirkt. Dieser Mechanismus ist selbstverstärkend: je mehr persönliche Daten im Web veröffentlicht werden, desto geringer das Bewusstsein für eine Privatsphäre und für den Preis, den wir für ihre Aufgabe zahlen. Je geringer dieses Bewusstsein, desto stärker werden Menschen zu grosszügigem Umgang mit persönlichen Daten ermutigt. Letztendlich wird dem Staat damit eine gesellschaftliche Rechtfertigung der Überwachung geliefert, die von den meisten Menschen nicht im geringsten in Frage gestellt werden wird – wie auch soll es für jemanden, der nie für Datenschutz sensibilisiert wurde und nicht mal zu einer Abschätzung der Folgen der Veröffentlichung von persönlichen Daten fähig ist, wichtig sein, wer jetzt wie lange auf welche Daten zugreifen kann, von denen sowieso fast alle gegooglet werden können?

Es existiert für mich also ein Zielkonflikt: die zunehmende Veröffentlichung konterkariert die Glaubwürdigkeit des Kampfes für mehr Kontrolle. Und der lässt sich trefflich ausnutzen: durch kontrollzwangerkrankte Politiker, aber auch durch Unternehmen wie Google oder Facebook, die ihr Geschäftsmodel auf der Naivität ihrer Nutzer gründen. Beide Seiten spielen sich grossartig in die Karten und unterhöhlen gemeinsam den Datenschutz – eine klassische win/win-Situation. Erst wenn eine wirkliche Kontrolle über die eigenen Daten möglich ist, wenn wirklich nur diejenigen sie sehen können, die sie sehen dürfen, wenn man sie mit einem Schlag aus der Öffentlichkeit löschen kann und man dabei durch den Rechtsstaat unterstützt wird, kann dieser Zielkonflikt aufgelöst werden.

Oder, um auf Lobos Bild vom Klo zurückzugreifen: Erst wenn es Toiletten gibt, die sich von innen abschliessen lassen – und zwar nur von innen – , und erst wenn die Menschen begriffen haben, dass sie sich nicht auf Toiletten begeben sollten, die sich nicht oder nur von aussen abschliessen lassen, kann ich guten Gewissens das Benutzen öffentlicher Toiletten empfehlen.

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Netzwerke: Materialtest

In An Manche on Juni 16, 2009 at 9:16 am
Foto: Lautergold

Foto: Lautergold

„Wer heute nicht mit Social Media anfängt, hat morgen nicht das Netzwerk, das er braucht!“ Diesen Satz hat mir Hannelore zugetwittert, er ist wohl auf dem Deutschen Multimedia-Kongress in ähnlicher Form gesagt worden. Wie das nun mal so ist mit prägnanten, schön formulierten Sätzen, sie betören schon mal allein durch ihre Form und Stringenz, kristallisieren ein vages formloses Gebräu von Gedanken und lösen den Reflex aus zu denken: genau! Und wenn man dann mit den Gedanken wieder weiterwandert, dann verwandelt sich der schöne Satz zum Filter im vorderen Hirnlappen und macht Werbung in eigener Sache (im Volksmund auch Vorurteil genannt).

Deswegen möchte ich den Satz nicht widerstandslos in den Frontallappen einziehen lassen und ihn stattdessen ein wenig hinterfragen. Netzwerke gibt es schon, seit es Menschen gibt. Dazu braucht man keine neuen Medien. Man braucht dazu nur seine Augen und Ohren, seinen Mund und eine gewisse Neugier beim Gang durch das Leben. Der Gründer von Facebook, Marc Zuckerberg, hat mal auf die Frage geantwortet, wie man Netzwerke oder Communities im Internet erzeugt: „Gar nicht, man kann nur bereits existierende abbilden“. Wieder so ein prägnanter Satz. Natürlich entstehen neue Netzwerke – denn was anderes sind meine Kontakte mit meinen Blog-Lesern und den Bloggern, bei denen ich kommentiere, oder die Twitterer, mit denen ich Gedanken austausche?

Doch wie stabil sind diese Netze eigentlich? Enden sie mit dem Blog oder mit dem Löschen des Facebook- oder Twitter-Accounts? Migrieren sie mit mir auf die nächste populäre Platform? Werden sie die Zeit überdauern bis zu dem Tag, an dem sie nützlich werden könnten?

Und was vermögen diese neuen Netze zu leisten? Was weiss ich wirklich von diesen virtuellen Freunden? Würde ich ihnen Geld leihen? Mich für sie bei meinem Chef einsetzen, um ihnen einen Job zu besorgen? Würde ich ihnen meine Kinder anvertrauen? Sicher nicht, ohne sie persönlich getroffen zu haben. Aber würde ich ihnen wenigstens – wenn ich denn könnte – einen Platz in einem Panel besorgen oder die Möglichkeit einen Vortrag zu halten? Ja, wenn die Referenzen stimmen und fachliche Kompetenz erkennbar ist – aber das würde ich auch bei jedem anderen, der mich danach fragt.

Wie effizient ist also dieses Netzwerken verglichen mit den traditionellen Netzwerken? Lassen sie sich überhaupt so einfach voneinander trennen? Könnte es sogar sein, dass die im Web besonders gut Vernetzten vielleicht ihre persönlichen Netzwerke mit ins Web gebracht haben – dass die eigentliche Vernetzungsarbeit ganz klassisch durch den beruflichen Werdegang und den Freundeskreis entstanden ist? Sind vielleicht die verborgenen Bande, die keiner im Internet gespiegelt sieht, die mächtigeren?

Wie oft habe ich schon gedacht, dass ich mit meiner Musik mehr Menschen durch einen einzigen Auftritt in der Fussgängerzone erreichen kann als durch monatelanges Bloggen und Twittern. Ist es vielleicht genauso mit den Netzwerken? Investiert man seine Zeit nicht besser durch das Entwickeln persönlicher als durch das Entwickeln virtueller Kontakte in sozialen Medien? Gesetzt – es geht einem wirklich darum, ein Netzwerk zu schaffen, „das man später braucht“ – denn für mich bleibt Bloggen und Twittern einfach ein kreatives Vergnügen.