Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Wie hat das Internet Ihr Denken verändert?

In An Mich on Januar 17, 2010 at 3:04 pm

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Diese Frage ist für das World Question Center die Frage des Jahres und wurde auch von der FAZ.net aufgegriffen. Was würde ich darauf antworten?

Spontaner Einfall: ich denke weniger, weil ich weniger Zeit zum Denken habe. Aber stimmt das denn? Denke ich nicht im Gegenteil mehr, weil ich durch das Internet mehr kommuniziere, mit mehr Ideen und Gedanken konfrontiert bin, einfach mehr Informationen aufnehme (und abwehren muss)?

Zweiter spontaner Einfall: mein Denken ist stärker fremdbestimmt und fremdgesteuert. Wahrscheinlich auch falsch. Auch vor dem Internet waren es andere Menschen, Bücher oder Filme, die mich inspirierten und zum Denken anregten.

Dritter spontaner Einfall: ich bin mir der Ergebnisse meines Denkens weniger sicher und damit noch skeptischer gegen Überzeugungen, Ideologien, Urteile geworden. Vielleicht auch etwas zynischer. Aber da ich das gleiche auch an anderen Menschen beobachte, die fast völlige Internetabstinenzler sind, liegt das vielleicht einfach an der Lebenserfahrung und dem Alter.

Noch was? Natürlich lese ich schneller, überfliege mehr, habe mehr Mut zur Lücke (wer kann es sich schon leisten, seinen Informationsteller täglich zu leeren?) und suche den Kern einer Information und ihren Nutzwert. Allerdings bin ich sehr wohl in der Lage, diesen Lesemodus auch wieder auszuschalten, einem Roman meine volle Konzentration zu widmen und ihn ohne Hast und auf der Suche nach Nutzen auf mich wirken zu lassen. Aber Lesen ist ja auch was völlig anderes als Denken. Falsches Thema!

Denke ich wirklich anders? Wie habe ich denn eigentlich vorher gedacht? Welche Arten des Denkens gibt es denn überhaupt? Warum sollte mein Denken denn von der Art der Kommunikationsgewinnung oder von meinem Kommunikationsverhalten abhängig sein? Shit, eigentlich eine gute Frage und dann habe ich doch wieder keine gescheite Antwort und nur lauter Gegenfragen zur Hand…

Ein Überblick über die Antworten anderer:

  • Geoffrey Miller kann aufgrund des Zugriffs auf viele Meinungen ein besseres Urteil bilden. Ist Urteilen denken?
  • Nassim Taleb hingegen glaubt, dass auch ein mehr von Informationen aus ihm keinen klügeren Menschen gemacht hat und das Internet extreme Modeerscheinungen und Extremsituationen fördert. Wie war nochmal die Frage?
  • Kevin Kelly scheint ähnlich zu empfinden wie ich: Mangel an Gewissheiten und mehr Zeit vor dem Bildschirm. Er gibt dann auch eine sehr direkte und interessante Antwort: „Mein Denken ist aktiver geworden, weniger kontemplativ. Statt auf eine Frage oder Intuition zunächst ziellos in meiner eigenen Unwissenheit herumzustochern, fange ich gleich damit an, etwas zu tun.
  • Gerd Gigerenzer kämpft gegen die ständigen Unterbrechungen durch die modernen Kommunikationsmittel. Zudem glaubt er, dass die Auslagerung von Informationen dem menschlichen Gehirn mehr Raum für kreative und assoziative Tätigkeiten lässt (nennt man das Denken?)
  • Nicholas Carr beklagt seinen eigenen Konzentrationsverlust und zieht den Schluss, dass sein Denken die Dinge nicht mehr wirklich durchdringt, sondern an der Oberfläche bleibt. Ist Konzentrieren bereits Denken?
  • Sam Harris beobachtet, wie stark er von der Information innerhalb seiner durch das Internet gewaltig gewachsenen Netzwerke abhängig geworden ist und das Gefühl hat, dass das Internet bereits mehr über ihn weiss als er selbst über sich. Ist Denken abhängig von einem Identitätsgefühl?
  • Chris DiBona hat sein Langzeitgedächtnis weitgehend verloren und bemerkt eine zunehmende Passivität beim Reisen, da man ja alles später noch mal genauer nachlesen oder schönere Fotos im Internet finden könne, glaubt aber, dass er dadurch mehr Zeit für die eigene Wahrnehmung und kreative Tätigkeiten – sprich Denken – hat.
  • John Markoff sieht das Internet als Medium, das unsere Neurosen spiegelt und verschärft, den Menschen in Daten verwandelt und seiner traditionellen Werte beraubt. Mir scheint, er hat nicht wirklich auf die Frage geantwortet.

Und nun?

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  1. Neue Informationsverarbeitungsfähigkeiten, neue Beziehungsformen, und ja: neue stressbedingte Neurosen – ich nenne es SNNS, Social Networking Neurosis Syndrome. Hängt vor allem mit Twitter zusammen und den damit RT Verpflichtungen. 2010 lebe ich wieder mehr offline, um „runterzukommen“.

  2. Erstaunlich, dass du dein Pflichtgefühl auf die virtuellen Beziehungen überträgst. Wird es denn wenigstens honoriert?

  3. Es gibt ja ein wirkliches professionelles Netzwerk hinter Twitter, Kunden und Kollegen, man trifft sich auf Konfenzen. Soziale netwerke sind ja nicht mehr so anonym wie sie früher waren.

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