Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Die Nuller-Jahre: ist der Name Programm?

In An Manche on Dezember 21, 2009 at 11:33 am

Foto: The Truth About

Ich blicke auf das nun zuende gehende Jahrzehnt zurück, das manche die Nuller-Jahre nennen, andere die 2000er-Jahre. Bei den 60ern, 70ern, 80ern und auch den 90ern habe ich direkt ein Bild der Jugend vor mir: der Kleidung, die getragen wurde, der Musik, die gehört wurde, der Probleme, die sie rebellieren liess.

Mit den 00ern gelingt mir das nicht wirklich. Die Jugend wirkt seltsam unsichtbar. Das mag natürlich an mir selbst liegen. Ein Familienvater verliert zunächst mal den Kontakt zur Jugend. Er geht arbeiten, wechselt Windeln und entdeckt seine eigene Kindheit mit den Bauklötzen seines Söhnchens wieder, während die Jugend in Kneipen, Diskotheken, auf Studentenparties oder wo auch immer (und natürlich zunehmend auch in virtuellen Räumen) ihre vorübergehende Freiheit auskostet und ihre Ideen in die Welt pflanzt. Ich bin draussen. Wie also soll ich beurteilen können, was sich drinnen abspielt?

Was mich aber sehr verwundert ist, dass – wenn immer ich doch mal mit der Jugend in Kontakt komme – ich lauter déja-vu-Erlebnisse habe. Da gibt es welche, die tragen die Grunge-Klamotten, die ich damals auch getragen habe, und tanzen unbeschwert zu Nirwana, Pearl Jam und Soundgarden. Da gibt es welche, die tragen die Hip-Hop-Klamotten der späten Neunziger und die in die Klamotten anscheinend integrierten Gesten. Da gibt es welche, von denen ich schwören könnte, sie schon Ende der 80er im Dorian Gray in Frankfurt gesehen zu haben, was ja nicht möglich ist, weil sie damals genau wie der Techno noch Windeln trugen. Bei jeden Song, den ich – egal ob im Radio oder über Internet-Dienste wie last.fm oder The Sixtyone – in den vergangenen Jahren hörte, konnte ich sofort sagen: „klingt wie xyz“ oder bestenfalls: „klingt wie eine Mischung aus xyz und zyx“ (ich glaube, das letzte Mal, dass ich wirklich überrascht wurde, war, als ich das erste Mal The Prodigy hörte).

Die Jugendkulturen der Vergangenheit leben irgendwie weiter. Aber wo ist die Jugendkultur der Nuller? Kann es sein, dass die Aufspaltung der Aufmerksamkeit durch die Vielzahl der Medien und natürlich durch den Vormarsch des Internet in alle Lebensbereiche eine bedeutende, Spuren in der Öffentlichkeit hinterlassende Jugendkultur gar nicht mehr möglich macht? Gibt es statt sagen wir 10 Jugendkulturen pro Jahrzehnt nun mittlerweile 100000, von denen die meisten noch nie gehört haben?

Sind Jugendkulturen also nur Medienprodukte? Ich glaube das nicht. Die Medien sind eigentlich immer erst auf sie angesprungen, wenn die Jugendkultur bereits eine gewisse Grösse erreicht hat – Jazz, Rock’n Roll, Beat, Punk, New Wave, Techno, Hip-Hop. Sie alle entwickelten sich als Protestkulturen ausserhalb des öffentlichen Radars. Als die Medien sie aufgriffen, hat sie ihnen auch gleich ihren Stachel gezogen und ihre Auflösung eingeleitet. Und könnte es also sein – eine kühne These – dass Jugendkulturen gar nicht mehr heranreifen und eine kritische Grösse erreichen können, weil ihre mögliche Geburt bereits öffentlich gemacht wird? Sind Jugendkulturen nicht auch ein Geheimcode? Und wie soll sich der ohne Geheimnis entwickeln?

Im übrigen wäre ich durchaus dankbar, wenn man mich als alten Besserwisser entlarven würde, dass es sehr wohl revolutionäre Musik und einflussreiche kulturelle Bewegungen unter Jugendlichen gibt und dass es nur an meiner Ignoranz liegt, dass ich sie nicht wahrnehme. Dass also alles so ist wie immer. Das tröstet alte Leute…;-)

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  1. Emo. Breakcore. Manga/Anime/Cosplay. das ist das was ich mitgekriegt hab. und ich bin genauso draussen wie du. aus den selben Gründen und zusätzlich war ich auch vorher nie wirklich drin.

    Zählt SchülerVZ als eine Jugendkultur? Oder World of Warcraft?

    • Soziale Netzwerke und Online-Spiele würde ich durchaus als Teil der Jugendkultur sehen – und vielleicht sind sie sogar Teil der Antwort auf die Frage nach der Jugendkultur der Nuller: vielleicht ist Jugendkultur einfach nur (noch) unsichtbarer geworden für den neutralen Beobachter, also für den, der nicht drin ist…

  2. Du und The Prodigy? Ich habe da mal gerade (bei last.fm) reingehört, und finde den Winkel nicht, der mir da eine Zuordnung ermöglicht. Bist Du denn nicht der Typ, der Tucholski-Gedichte in Anlehnung an die Errungenschaften der Swing-Ära der 30er vertont?

    Witzig: gerade hast Du meine Empfindlichkeit gegen rhythmische Ungenauigkeit auf die Schippe genommen, da bekennst Du Dich als Fan der Computerbeat-Hardcore-Truppe ala Soundgarden. Und wenn ich das richtig sehe, sind wir gerade zehn Jahre auseinander…

    • 😉 Ich bin weder Prodigy- noch Soundgarden-Fan, finde aber, dass sich beide (zumindest in ihren Anfängen) durch besondere Originalität auszeichnen – eine Originalität, die ich im ausgehenden Jahrzehnt nicht entdeckt habe.

  3. Originell sind aber vielleicht eher H.B.Bibers Rosenkranz-Sonaten – Originalität hat nichts mit Jugend oder dem Jahrhundert zu tun.

  4. Benni, genau. Soziale Netzwerke waren bahnbrechend und sind nun Mainstream, wie früher Stones etc. Neuartige Musik ist für mich die, die unter Radar dem Kommerz trotzt. Künstler aller Art haben mit Heimelektronik ausgezeichnete Musik gemacht, auch no-names wie Theresa Andersson daheim in ihrer Küche. Und dann ab ins YouTube.

    • Gewiss. Aber diese Musik schafft es nicht, eine generationsübergreifende Strömung zu bilden. Die Gemeinsamkeiten liegen in der Art und Weise wie die Musik produziert und zum Hörer gebracht wird.

  5. Sorry, ich stehe im Wald. Eine „eine generationsübergreifende Strömung“ betr. Musikstilrichtung und nicht Medium, war das Dein Maßstab für eine autonome Jugendkultur?

    • Kein Wunder, dass du im Wald stehst, beim Wort „generationsübergreifend“ habe ich voll daneben gegriffen, ich meinte eine „eine ganze Generation ergreifende“ Strömung 😉
      Also wie Beat der 60er, Punk+Disko der 70er, New Wave/Techno der 80er, Hip Hop/Grunge der 90er, XXX der 00er…

  6. Auf das Thema Jugendkultur der 00 Jahre gibt es leider keine einfache Antwort, die sich unter Musik wie Grunge, Techno etc. zusammenfassen lässt.
    Zunächst gab es keine Leitsender mehr wie MTV, der entscheidet was top oder flop ist und die Empfänger in Form von Millionen von Jugendlichen, die sich davon beeinflussen lassen. Hier durch wurde das Entstehen von Jesus artigen Bezugsperson wie Kurt Cobain schwierig. Gerade diese überlebensgroßen Symbolfiguren der jeweiligen Kulturen waren schließlich auch die role models für die Haltung und den Kleidungsstill. Auch die ständige in Massen zugänglichen Informationen über Künstler trugen zur ihrer Entmystifizierung bei.
    Zusätzlich entfiel für die Jugendlichen eine konkrete Entscheidung in Form von einer realen Investition für einen Tonträger. Es heißt nicht mehr kaufe ich Tokio Hotel oder Bushido. Schließlich sind beide kostenlos und Festplattenplatz gibt es genug. Damit musste man sich auch nicht für eine Bestimmte Haltung entscheiden. Diese Haltung ist einer extremen Individualisierung der Jugendlichen gewichen. Die Jugendlichen nahmen einfach was ihnen gefällt und werden zur einem Mashup unterschiedlicher Haltungen, Kleidungsstille etc. Meiner Meinung nach wurde dadurch eine gewisse Uniformisierung sehr uncool.
    Trotzdem gab es noch überraschender Weise New Rave, Rockabilly, Fixie Räder, WoW, Counter-Strike, Selfmade YouTube Videos, Crossplay, Myspace, Facebook, Computer Tuning, Flashmobs… Alles Bewegungen ohne spezifische soziale oder politische Haltungen. Dafür aber extrem liberal.

    Vielleicht sollte man aber zum Schluss doch erwähnen dass es zumindest in Deutschland diese Ghetto Asozialer Musikkultur (Bushido) gab.

  7. Doch noch eine Ergänzung falls dir die generationsübergreifende Strömung fehlt. Denn Ich denke, dass wir nach den Nuller Jahren wieder Strömungen haben werden, die durch aus stärker sich durch ihre Haltung auszeichnen. Denn es gibt wieder genug Themen wie Privatspähre, Online / Offline, Nachhaltigkeit, Copyrights, Marktwirtschaft über die sich Jugendkulturen definieren können.
    Außerdem ist Grün das neue Rot.

    • Ich bin gespannt, ob die genannten Themen oder andere stark genug sind, eine Generation zusammenzuschweissen. Meine Vermutung ist eher nein. Aber ich unterliege immer leicht der Täuschung, dass Prozesse in eine gewisse Richtung gehen, obwohl sie doch meist zyklisch sind…Ausserdem würde ich es mir wünschen. Also schliesse ich mich deinem Optimismus an!

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