Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

„Wir denken, um die Wahrheit zu beweisen“

In An Manche on Dezember 8, 2009 at 8:52 pm

…sagt Edward de Bono in der vorletzten Brandeins.

Oder auch: „Wir sind dermaßen selbstzufrieden, dass wir nicht auf die Idee kommen, uns zu hinterfragen. Was nicht erstaunlich ist, weil wir unsere Art zu denken dazu benutzen, unser Denken zu beurteilen.

Und: „Wir müssen damit aufhören, uns damit zufriedenzugeben zu beweisen, dass wir recht haben und die anderen unrecht.

Und: „Sobald sie vor dem Computer sitzen glauben viele, sie könnten aufhören zu denken. Anstatt über eigene Lösungen nachzudenken, verlegen sie sich auf die Suche nach der vermeintlich richtigen Lösung.

Und: „Mindestens einmal in der Woche solltet ihr allein zum Mittagessen gehen.“

De Bono schuf den Begriff des Lateralen Denkens, in dem es darum geht, mehrere Perspektiven auf ein Problem zu gewinnen. Dazu hat er die Kreativitätstechnik der 6 Hüte entwickelt, in der verschiedene Gruppenmitglieder bestimmte Rollen bei der Betrachtung eines Themas annehmen, die verschiedene Denkrichtungen repräsentieren: analytisches, kritisches, emotionales, optimistisches, kreatives und ordnendes Denken. Erst die Vielzahl der Perspektiven erlaubt es, der Wahrheit näher zu kommen. De Bono fördert verschiedene Projekte und Initiativen, um den Menschen zu einem anderen Denken zu befähigen.

Letztlich ist De Bonos Anliegen das gleiche, das hinter diesem Blog steht. Aber ich habe mich gedanklich eigentlich schon davon verabschiedet, dass eine Mehrheit der Menschen multi-perspektivisch wird denken können. Wir leiden unter dem Phänomen der Offenen Türen. Wir sind Herdentiere und suchen Schutz bei Gleichgesinnten. Seine eigenen Überzeugungen (soweit dies überhaupt möglich ist, schliesslich werden diese ja von einem Unterbewusstsein gespeist, das viele Jahre von vielen anderen Menschen gefüttert wurde), seine eigenen Überzeugungen in Frage zu stellen, erfordert eine ungeheure Kraft, Selbstsicherheit und gnadenlosen Optimismus. Schliesslich läuft man Gefahr, Gewissheiten zu zertrümmen, ohne zu wissen, was an ihren Platz treten soll. Man läuft Gefahr, seine Freunde aufzugeben, ohne zu wissen, ob sich neue finden. Man segelt sein Leben im Dauernebel auf Sicht.

Ist es nicht geradezu unmenschlich, dies allen Menschen zuzumuten?

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  1. Das Gegenteil wäre unmenschlich. Die Frage hat einen elitären Touch, der mir nicht gefällt. Die Menschheit als Ganzes profitiert von beidem, von den Multiperspektivlern und den ganz-und-gar festgelegten (die es ja beide in dieser Extremform eh nicht gibt). Auch das Festgelegt sein hat ja seine Berechtigung. Nur wenn man sich auf bestimmte Sachen festlegt ist man in der Lage gedanklich in die Tiefe zu gehen. Und nur das kann wiederum Futter für die Multiperspektivler bilden. Beide Zusammen bringen uns weiter.

    Und Gewissheiten zertrümmert früher oder später das Leben eh. Braucht es dafür wirklich das Denken, sei es gar „multiperspektivisch“?

  2. Das Gegenteil hiesse ja: wir sollten von allen Menschen fordern, die Perspektiven zu wechseln. Ich glaube halt, das können nur wenige (und das hat auch nichts mit Intelligenz oder irgendwelchen elitären Eigenschaften zu tun) und es ist noch nicht mal vermittelbar (zumindest wenn es um ein Thema geht, das ihre eigene Identität betrifft – wie z.B. Politik, Religion, Geschmack, Beruf).

    Ich bin mir nicht sicher, ob uns die Festgelegten wie du sie nennst wirklich voranbringen. Gehen die wirklich in die Tiefe oder bleiben sie nicht vielmehr völlig an der Oberfläche hängen? Ohne die Einstellung, dass die eigene Überzeugung auch falsch sein kann, dass auch der andere recht haben kann, ist man doch nicht mehr empfänglich für abweichende Informationen.

    Und weil du von der Unausweichlichkeit der Zertrümmerung von Gewissheiten sprichst: das mag dir so erscheinen, weil du selbst zu den Menschen gehörst, die verschiedene Perspektiven annehmen können und sich hinterfragen. Es gibt aber Menschen, die nehmen ihre Gewissheiten mit ins Grab auch wenn andere diese Gewissheiten bereits als atomisiert bezeichnen würden.

  3. Das Problem mit der Spezies ist der Umstand das wir es weiterhin versäumen sie ordentlich auszubilden. Mir ist zwar unklar ab welchem Zeitpunkt wir dies unterließen, meine aber wir sollten unbedingt wieder damit beginnen.

    Fangen wir damit an:

    http://www.archive.org/details/the.century.of.the.self

    Das erweitern wir dann noch zeitgemäß, lehren es an allen Schulen vom ersten Tage an und schauen wo uns das hinführt. Sehr viel schlechter als bis dato kann es kaum werden 😉

  4. Nachtrag:

    Hübsch alle vier Folgen konsumieren und sich bei Fragen an den eigenen Verstand wenden 🙂

  5. Ok, dann versuch ich es mal nicht auf verschiedene Personen aufzuteilen. Brauchen wir nicht alle dieses Festgelegte auch in uns? Vielleicht meinte ich eher das. Ist der Zweifel für Dich nicht letzten Endes auch ein Fundament? Zweifeln wir nicht um Fundamente zu finden, an denen wir nicht mehr zweifeln müssen? Und wenn das in Uns so ist, ist es dann nicht vielleicht doch auch so gesellschaftlich so, dass diese Rollenaufteilung notwendig ist? Oder wünschenswert? Oder unvermeidbar?

    Zur Elite: Aber machst Du nicht genau das, dass Du eine Elite von Zweiflern kreierst und einen Rest von Festgelegten? Sind das für nicht die besseren Menschen? Das das nicht die Intelligenz sein muss ist schon klar, eher eine Haltung vielleicht.

    Danke für die Blumen übrigens. Ich habe mich aber durchaus in einigen sehr grundsätzlichen Fragen ziemlich festgelegt und glaube auch, dass man da nicht drumrum kommt.

    • Zweifeln kann für mich kein Fundament sein. Es ist in der Tat eine Haltung – und indem ich diese grundsätzliche Haltung als wünschenswert bezeichne, mag ich mich über die entschlossenen Nichtzweifler erheben, aber das ist dann wohl das Festgelegte in mir… Schwierig, sich hier nicht in Paradoxen zu verknoten 😉
      Auch ein Zweifler muss natürlich Entscheidungen treffen und Situationen beurteilen, also muss er sich auch festlegen können. Aber nicht für immer und vor allem in der Bereitschaft, zu überdenken, zu revidieren und im Bewusstsein, sie aufgrund unvollständiger Informationsbasis getroffen zu haben. Er würde also daraus zum Beispiel keine Lehrsätze für andere formulieren oder missionieren wollen. Es ist etwas anderes, eine persönliche Geschichte zu erzählen, als eigene Wahrheiten zu verbreiten…
      Interessant dein Gedanke, ob es einen Unterschied macht, ob man eine Gesellschaft oder ein Individuum betrachtet. Für mich eher nicht. Ich halte es sowohl für wünschenswert, dass jedes einzelne Mitglied der Gesellschaft an Gewissheiten zweifelt, als auch, dass ein Individuum an all seinen Gewissheiten zweifelt und nicht nur an manchen.

  6. @Fragezeichner:

    Na ja. Als Unternehmer ist die Doku für dich eigentlich gerade eine Pflicht!

    Ich traue dir zu, dass Du verstehst welche Auswirkungen die dort vermittelten Kenntnisse haben können.

    Im Prinzip ist das eben wie mit allen Waffen. Wir können sie nahezu alle in die Hand, den Mund nehmen, aber die wenigsten können sie effektiv einsetzen.

    Spannend auch dazu:

    Das Buch „Propaganda“ ist zur Zeit nicht in Deutsch zu haben und die Doku wird wohl erst in Jahren ins Deutsche übersetzt. Warum nur…?

  7. Kann es sein, daß Du hier eine Replik auf die Technikkritik Passigs und die Antwort auf den Vigilien versuchst? Wenn das so sein sollte – was hältst Du von der These, daß beide Essays nicht etwa zwei – aus unterschiedlicher Perspektive gesehene – richtige Antworten auf dieselbe Frage geben, sondern zwei völlig unterschiedliche Fragen beantworten?

    • Nein, der Eintrag entstand bereits, bevor ich die genannten Artikel gelesen habe. Ich sehe auch nicht den direkten Zusammenhang (ausser dass kompromisslose Technikkritiker und -befürworter beide Beispiele für eine uniperspektivische Meinung darstellen).
      Aber zurück zu deiner Frage: antworten beide auf unterschiedliche Fragen -und reden sie damit in gewisser Weise aneinander vorbei? Interessante These. Ich kann das nicht beantworten, werde es aber auf mich wirken lassen – denn das könnte in vielen Diskursen gültig sein. Welche unterschiedlichen Fragen beantworten sie denn deiner Meinung nach?

  8. Die Technologiekritik sieht in die Zukunft, und befürchtet die möglichen Folgen. Dabei übersehen sie, daß ihre Voraussagen nie eintreten werden – man kann über die Zukunft nichts wissen.
    Die Apologeten des Fortschritts sehen zurück in die Vergangenheit, und machen sich über all diese lächerlichen Voraussagen nachträglich lustig. Dabei übersehen sie, daß man auch über die Vergangenheit nichts sagen kann – ihre Interpretation – der Blick auf Geschichte generell – wandelt sich ständig.

    Beide Standpunkte sind „uniperspektivisch“, weil sie die Frage nach einer Entwicklung aus einem starren zeitlichen Bezug stellt. Man fragt hier ja letztlich: was ist gut, und was ist schlecht – Variationen: was ist heute besser als früher, bzw. mit welchen Verlusten haben wir dieses „Besser“ erkauft. „Multiperspektisch“ müßte man jetzt sagen: beide Sichtweisen sind gleichermaßen richtig.

    Man kann es aber statt dessen mit der Idee versuchen, daß man auch dann immer noch auf einem (oder halt mehreren) Standpunkt steht, statt die Bewegung mitzumachen. Die Entwicklung von Technologie verändert die Welt, und man kann das nur dann nachvollziehen, wenn man die Veränderung selber ins Blickfeld nimmt.

  9. Ich habe mal einen meiner „Baukästen“ zum Thema Thechnologiekritik angefangen:

    […]Mein Lieblingsbeispiel für die merkwürdigen Wege, die eine neue Technologie bei ihrer Adaption durch die Gesellschaft zurücklegt, ist die Entwicklung des Drumcomputers.[…]

    Es ist jedoch etwas ganz anderes passiert, was Mitte der 80er nicht einmal ansatzweise vorausgesagt wurde, was aber einen überhaupt nicht zu überschätzenden Einfluß auf die heutige Popkultur hat: die Hörgewohnheiten im rhythmischen Bereich haben sich drastisch gewandelt.

    http://www.michael-michaelis.de/htdocs/technologische-neuerungen

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