Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Grenzt zunehmende Technologisierung ältere Menschen aus?

In An Manche on November 3, 2009 at 11:36 pm

…fragte ich auf Twitter und war mitten in einer Diskussion mit Hannelore, die wir dann über E-Mail weiterführten. Hier ist der Wortlaut. Weitere Stimmen erwünscht!

FZ: Ist es für ältere Menschen einfacher, in einer technologisierten Welt zu leben, oder werden sie vielmehr ausgegrenzt? http://bit.ly/4daGih

HV: ältere Menschen grenzen sich wenn, dann selber aus #technologie an sich grenzt ja keinen aus

FZ: @hvonier wenn die neue Technik schwer zu verstehen oder zu lernen ist, dann besteht die Gefahr einer Ausgrenzung (nicht nur Älterer)

HV: Ist Technik schwerer zu verstehen/zu erlernen als irgendetwas anderes, das man lernen will?

FZ: Ja, ab einem gewissen Grad. Banküberweisung übers Internet – sollte das auch ein 80jähriger noch lernen müssen?

HV: Was unterscheidet den Schwierigkeitsgrad einer Online-Überweisung von Email oder Online-Shopping?

FZ: Man kann ohne Email leben. Aber man muss einkaufen und über sein Geld verfügen können. Wenn man *nur noch* über das Internet einkaufen könnte oder sein Bankkonto verfügen könnte, besteht die Gefahr der Ausgrenzung einer Generation bzw des Aufzwingens von Technik.

HV: In meiner Community haben alle Älteren Email, um Kontakt mit ihren Kindern, Enkeln oder Schulfreunden zu halten. Sie nutzen auch online-Services, um Fotos und Videos auszutauschen. Facebook ist für Senioren ideal, um nicht isoliert zu sein. Ist diese Technik nicht gerade für alte Menschen bereichernd und erleichternd? (Ich war übrigens seit 15 Jahren in keiner Bankfiliale mehr.)

FZ: Ohne Zögern: ja. Sie kann gerade alte Menschen aus der Isolation herausholen. Aber: nicht jeder ist in der Lage, dem Fortschritt zu folgen, der sich im letzten Jahrzehnt immer weiter beschleunigt hat. Muss man von den älteren Menschen erwarten, dass sie sich dem Fortschritt anpassen? Oder sollte man ihnen  (zumindest für eine Übergangszeit) die Wahl lassen? Ich meine, man sollte (und das hiesse dann zum Beispiel auch, einen Briefkasten in jedem Ort).

HV: Erstmal: wen meinst du hier mit „man“? Wenn niemand mehr Papier verwendet, um Infos zu verbreiten, dann ist die Post überflüssig, genauso wie einst die Poststationen zum Pferdewechseln. Es gibt Menschen, die meinen mit 25 Jahren „ausgelernt“ zu haben und glauben, das Leben wäre statisch. Andere lernen, was gerade Neues in der Gegenwart geschieht. Sie sind up-to-date, egal wie alt sie sind.

FZ: Es gibt nunmal viele Menschen, die können oder wollen (beides bedingt einander) ihr Leben ab einem gewissen Punkt nicht mehr ändern oder sich mit Dingen auseinandersetzen, die nicht in ihr Weltbild passen. Nach meiner Erfahrung sind das sogar die allermeisten. Irgendwann werden die Briefkästen verschwinden. Aber ich finde, wir sollten sie nicht abbauen, bevor nicht die letzte Oma verschwunden ist, die ihren Nichten Weihnachtskarten schickt 😉

FZ: Es gibt aber noch einen anderen Aspekt des Themas, der in dem Artikel oben anklingt: die Erfahrungen, die Menschen in ihrem Berufsleben machen, werden schon nach wenigen Jahren nutzlos, weil immer neue Technologien die alten ablösen.

HV: Es findet momentan nicht nur ein technologischer, sondern auch ein großartiger sozialer Wandel statt. Die Menschen erschaffen sich neue Technologien, weil sie genug haben von Gewalt und Krieg. Sie wollen Harmonie, sich mit anderen wohl fühlen anstatt im Dauerwettstreit zu liegen. Der Druck, der Fremdbestimmtheit zu entkommen, und Selbstbestimmung zu erlangen ist enorm. Das Internet zeigt, wie nie etwas anderes zuvor: Es geht, soziales Handeln lässt sich in Realität umsetzen und niemand kann das stoppen. Auf den Beruf bezogen, oder besser Berufung, bedeutet das: Ich definiere meine Job-Description selbst. Leute im Ruhestand müssen das – und vieles andere – gar nicht mehr lernen. Aber beim nochmaligen Durchlesen des Artikels kommt mir der Gedanke: Können nicht gerade ältere  Menschen den Facettenreichtum des Web ausgiebiger nutzen, weil sie über Erfahrungen verfügen, die ihnen im virtuellen Raum des Net eine große Flexibilität erlaubt?

Die Diskussion begann – wie so oft – mit einer Frage. Das gefällt mir. Und sie endet – wie so oft – mit einer Frage. Das gefällt mir auch. Aber sie ist natürlich auch noch nicht zu Ende – und auch das gefällt mir.

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  1. Ich finde das sehr interessant. Man kann regelrecht lesen das Du ein Kind der mitunter recht realitätsentrückten IT bist. So schreibst/argumentierst Du „[…] die Erfahrungen, die Menschen in ihrem Berufsleben machen, werden schon nach wenigen Jahren nutzlos, weil immer neue Technologien die alten ablösen.“

    Das ist nicht nur schlicht falsch, sondern als modernes Vorurteil sehr verbreitet. Sicher. Wenn ich die Art der Hose zum Berufsbild erhebe, die Mode sich ändert, dann bin ich schnell nicht mehr „auf dem Laufenden“. Jedoch kann mir das grundlegend egal sein, so ich das Schneiderhandwerk ordentlich erlernt habe. Dann können Hosen sein wie sie wollen, ich kann immer damit arbeiten…

    Das ist es was die sog. Moderne immer mehr für mich ist. Oberflächlich eloquent von sich selbst und seiner vermeintlichen Leistungsfähigkeit voreingenommen. Und dann kommt ein Opa im 8zigsten Lebensjahr stehend einher und muss dem Jungvolk die Welt erklären. Ging in einem Forum erst um die Schwierigkeiten von Wireless und vielen Knotenpunkten (Protokolle/Übertragungssicherheit etc.). Dann kam Opa und hat uns alle vorgeführt. Ob wir „Kleinkinder“ uns jemals mit Funktechnik befasst hätten. Wie wir es uns einbilden könnten irgend was verstanden zu haben, wenn wir nicht einmal erklären können was Wellen sind, wie sie funktionieren, interagieren usw. usf. (man war das peinlich…)

    Ich habe sowohl im Handel (1989) auch im Handwerk (1992) erfolgreich die Ausbildereignungsprüfung abgelegt. Was ändert sich an diesem Wissen? Die einfachen Probleme von jungen Menschen sind fast immer gleich. Es geht immer um Geld, Jungs oder Mädels und darum möglichst cool zu sein. Daran ändert sich auch in 1000 Jahren nichts. Ausgenommen es wird eine Hormonkontrolle eingeführt, erst dann werden solche Qualifikationen überflüssig. Die Vulkanier lassen grüßen…

    Derweil fällt mir noch etwas auf. Unsere Gehirne haben sich in den letzten 2000 Jahren kaum verändert. Ich wage mal die steile These mit dem Wasserglass. Darin kannst Du eben auch nicht mehr hineinpressen, nur weil plötzlich mehr zur Verfügung steht. Du musst beginnen zu selektieren.

    Selektiert werden mE nach in den letzten 2 Dekaden primär soziale/politische wie auch kostenkalkulatorische Kompetenzen. Mit dem Ergebnis das wir immer mehr extrem spezialisierte Fachkräfte haben, die oft weder dazu in der Lage sind eine dauerhafte Beziehung aufrecht zu erhalten, sich politisch gesellschaftlich zu engagieren, noch die Grundlagen des Kosten/Leistungsrechen wirklich verstanden haben.

    Ich weiss nicht ob hier noch der Berufsschullehrer mitliest, aber auch der müsste genau das, im Großen und Ganzen, bestätigen können.

    Ich bitte das nicht als Vorwurf zu verstehen, es ist nur das was ich im Rahmen meiner vielen Engagements im Bildungswesen beobachte…

    Ich glaube da kann man noch 1000 Jahre drüber diskutieren 😉

    • Michael, darf ich deine These mal kurz zusammenfassen: da die neuen Technologien gar keine grosse Bedeutung haben, können sie auch keine älteren Menschen ausgrenzen.
      Ich bin überzeugt, dass teils schon heute, spätestens in 10 Jahren, kein Handwerker, Kaufmann, Musiker, Projektmanager, Forscher, Journalist, selbst Arzt ohne weitreichende Internet-Kompetenz auskommen kann und stets neue Quellen der Information und Arten der Kommunikation verstehen muss. Dabei besteht die Schwierigkeit nicht einmal in der Technik, sondern im Verstehen des Einflusses einer hochvernetzten Kommunikation und deren Nutzbarmachung.

  2. 🙂

    Du überbewertest das Alles enorm.

    (Wie dir bekannt ist erachten auch wir es als zwingend notwendig den Nachwuchs deutlich besser auszubilden, als dies bisher der Fall ist. Dies jedoch in der Hinsicht, dass Rechner als Arbeitswerkzeug manch anderes Werkzeug schon Jetzt ersetzt haben, bzw. sie noch ersetzen werden.)

    Grundsätzlich ist es der Masse der Menschen schlicht egal „wie“ etwas funktioniert, ihnen ist nur wichtig das es funktioniert. Dies ist die moderne Folge der sog. arbeitsteiligen Gesellschaft. Modern, you know?

    Ältere Menschen heute haben in der Regel mit der Entwicklung weit weniger Probleme, als die aktuellen Generationen diese zukünftig haben wird. Oder umgekehrt definiert projizieren wir heute, in solchen Diskussionen wie oben, unser vermutetes Selbst auf die Ausnahmen der sichtbaren älteren Generation.

    Problematisch ist hierbei das uns, der Jetztgeneration“ grundsätzlich bewusst ist, dass „Hier“ etwas vollkommen falsch läuft. Wir wollen uns, aus Achtung vor und über uns Selbst, über die „Alten“, unterbewusst vor Entwicklungen schützen deren schlussendliche Konsequenzen wir nicht zwingend erfassen und daher etwaige Problemstellungen nicht verständlich, vor allem für nicht Gebietsaffine, beschreiben können. Ein Bsp.:

    Versuch einem Verwandten zu erklären, der bitte nicht Techniker u./o. Programmierer ist, welche Gefahr damit verbunden ist nahezu die gesamte Kommunikation der westlichen Welt dem sog. Internet anzuvertrauen.

    oder

    Erläutere die sehr potenten Gefahren der automatisierten Fortbewegung Anhang von z.B. Kabellosem Lenken, automatisierten Stoppen vor spontan auftretenden Hindernissen etc. pp..

    Aktuell wirbt hier ein Automobilhersteller damit die letzt genannte Technologie in seine Automobile integriert zu haben. Wie wird die Rechtsprechung darauf reagieren? „Herr Richter ich konnte überhaupt nicht schnell genug bremsen. Der/Die Vorfahrende hatte einen Bordcomputer der das Fahrzeug viel schneller bremsen kann, als Menschen dies tun können!“

    Was ist das dann? Wie wird es gerichtet? Böswilliges Bremsen, oder nicht? Werde ich durch die Rechtsprechung gezwungen mir auch ein Auto mit „Autobremse“ zu kaufen?

    Weisst Du was? Ich bin davon überzeugt das sehr viele ältere Menschen uns einfach nicht derart viel Blödheit und Naivität unterstellen, ergo können sie manche Entwicklung einfach nicht nachvollziehen 🙂

    • Du gibst doch selbst sehr treffende Beispiele der Veränderung durch Technologie. Ich verstehe nicht, was ich dabei eigentlich überbewerten soll?
      Ich verstehe auch nicht genau, auf was du hinauswillst – etwas auf: Es ist nicht die Technologie, sondern vielmehr die extreme Spezialisierung, die Ausgrenzung hervorruft? Aber ist nicht die extreme Spezialisierung auch eine Folge der Technologisierung?

      Einen Punkt finde ich sehr interessant: du sagst, dass die Alten der Zukunft mehr Probleme mit der technischen Entwicklung haben wird als die Alten von heute. Warum? Zehren sie noch von Qualifikationen, die sie sich vor der Computerisierung der Gesellschaft erworben haben, und die heute schwerer zu erwerben sind (wie z.B. Menschenkenntnis, Zwischen-den-Zeilen-Lesen, Konzentration, …)?

  3. Zum letzten Absatz unbedingt Ja. Auch etwas differenzierter. Nicht nur die sog. Soft Skills betrachtend.

    Es ist schon ein gewaltiger Unterschied ob Du verstanden hast wie ein Prinzip funktioniert, oder ob Du lediglich mit den Effekten/Ergebnissen des Prinzips gut bis sehr gut zurecht kommst. Wann hast Du z.B. das letzte mal Bibliotheken miteinander verglichen, sagen wir in C oder C++? Wir nutzten es, schauen aber schon seit Jahren nicht mehr „unter die Motorhaube“. Nur ein Bsp., ich hoffe Du siehst worauf das hinausläuft.

    Ältere Menschen sind oft nicht derart, sagen wir ruhig mal extrem, spezialisiert. Sie wurden u./o. haben sich selbst oft sehr grundlegend Basisgebildet.

    Das umfasst alle Gebiete. Ein Bsp.: Ein Chemiker beobachtet in einer Dokumentation das Insekten sich nicht in den Ohren von Menschen einnisten. Er fragt einen Biologen dazu welcher ihm erklärt, dass dies mit der Konsistenz unseres Ohrenschmalzes zusammenhängt, welche für Insekten toxisch ist. Spontan will der Chemiker ein Insektenvertilgungsmittel auf der chemischen Basis von menschlichem Ohrenschmalz entwickeln, weil das ja so gut funktioniert und noch dazu weit günstiger ist als alles was sonst so am Markt ist. Bingo! Im fehlt offensichtlich die Grundbildung zu ermessen was die Konsequenzen seines Handelns sein wird, ihm ist weder klar das Insekten mitunter täglich in den Generationen mutieren, noch was es für unsere Spezies bedeutet, wenn die Viecher plötzlich resistent gegen „natürlichen“ Ohrenschmalz würden…

    Es ist allumfassend.

    Und noch mal zum Thema Generationen, Realität und Überbewertungen. Unsere westliche Welt glaubt immer so weit von den Wurzeln der Menschheit entfernt zu sein, ist sie aber nicht wirklich. Dieses Land/dessen Bevölkerung ist ein gutes Beispiel: >http://de.wikipedia.org/wiki/Armenien<

    Leider geht aus der Seite nicht hervor das Armenien vor 1988 in den Großstädten so eine Art Silicon Valley des Ostblocks war. Seit 1988 war es das. Einmal richtig gescheppert und die waren raus. In einer Ausgabe des National Geographik wurde sehr ausgiebig darüber berichtet wie die alten Ingenieure auf den Schrottplätzen umherwanderten und verwertbare technische Teile suchten, während die Frauen versuchten so viel wie möglich Ackerland zurückzugewinnen und die ganz Alten mit den Mittelgenerationen das schreiben trainierten. So mit Stift und Papier.

    Was machen wir, wenn uns die Alten ausgehen? Wer bringt unseren Kindern dann das Schreiben "wieder" bei?

    Es ist alles so wahnsinnig komplex…

    • Wie gesagt: für mich ist Spezialisierung auch eine Folge des technischen Fortschritts. Ein einzelner Mensch kann das explodierende Wissen nicht mehr aufnehmen und der Teil des Gesamtwissens, den er aufnehmen kann, wird immer kleiner.
      Wer aber bestimmte Technologien nicht verstehen kann oder will, der läuft Gefahr, nicht mehr mitzukommen – das Internet ist dabei der prominenteste Vertreter. Und damit führt sie auch zu grösseren sozialen Unterschieden innerhalb der Gesellschaft, das ist meine These. Aber das führt vom eigentlich Thema weg…

  4. Nachtrag weil das gerade so gut passt:

    http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,659246,00.html

    Das ist doch symptomatisch! Was für ein Wahnsinn…

  5. 😉

    Albert Einstein:

    „Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt.“

    Vielleicht haben alte Menschen, auf der Basis dessen was sie alles nicht hatten, schlicht mehr Phantasie als eine Jugend, die glaubt alles zu sehen zu bekommen?

  6. Ich höre und lese zwar auch, dass die Altern eMail, Facebook und Second Life benutzen, und lese die herzerwärmenden Instant Messages die sie angeblich vom Handy verschicken. Aber nirgends erlebe ich das selbst. OK, ich habe einen älteren Bruder, der Fachforen systematisch nutzt. Ein anderer ist ganz närrisch auf sein olles Blackberry. Aber um zarte soziale Bande zu knüfen, zu diskutieren oder seinen Blog-unf-Foto-Hobbies zu frönen? Das Web als sozialen Raum zu erleben? In meiner Familie zumindest hört der phantasievolle Umgang mit dem Internet-Wissen mit 50 auf.

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