Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

20 Jahre….

In An Alle on Oktober 21, 2009 at 9:30 am
Foto: verni22im

Foto: verni22im

Der Mauerfall jährt sich bald zum 20.Male. Unfassbar! Es lief alles so glatt damals. Die VoPo schaute nur zu. Das Zentralkomittee war durch Altersschwäche und Realitätsallergien gelähmt. Die Mauer hatte dem Willen der Menschen nichts entgegenzusetzen. Bald danach Kohl hier, Kohl da, Kohl mit Pollunder, Kohl mit Pullover, Kohl mit Strickjacke, Kohl mit Gorbi, Kohl mit Fronswa, Kohl mit Schorsch. Und plötzlich war die deutsche Einheit da. Kohl bekam zwar zwischendurch ein paar Eier ab oder wurde niedergepfiffen, aber das war wahrscheinlich nur persönlich gemeint.

Die Bilder der Menschen, die ihr Glück kaum fassen können, die Grenze überschreiten zu dürfen, die heulend in Berlin herumlaufen, die berühren mich auch heute noch sehr. Kann es sein, dass wir unglaubliches Glück hatten? Was, wenn sich die Wut auf das Regime in Aggressionen gebündelt hätte? Wenn Honecker 10 Jahre jünger und im Vollbesitz seiner Kräfte gewesen wäre? Was, wenn Gorbatschow durch einen Militärführer weggeputscht worden wäre und plötzlich sowjetische Panzer durch Leipzig, Dresden und Berlin rollen? Wie gross war das Risiko einer Eskalation, die zu einer Konfrontation der damaligen Machtblöcke oder sogar in einen 3.Weltkrieg hätte münden können?

Oder auch die Möglichkeit eines entschiedenen Neins der Sowjetunion, Frankreichs, Englands oder Amerika zu einem vereinten Deutschland? Wie wäre das dann weitergegangen, wenn die SED unter Hans Modrow ein Glasnost versucht hätte mit einem Volk, das viel mehr wollte als einen demokratischeren Sozialismus und auf gepackten Koffern sass? Oder wären viele sogar wieder zurückgekommen nach ein paar Jahren enttäuschter Erwartungen im Westen? Hätte es eine zweite Chance für die DDR geben können?

Wie wichtig waren die handelnden Personen damals? Was, wenn Kohl 1987 die Bundestagswahl gegen Johannes Rau verloren hätte oder Mitterand 1988 gegen Jacques Chirac? Wäre es trotzdem so gekommen? Musste es so kommen, so unausweichlich „wie der Rhein sich durch Deutschland schlängelt und in die Nordsee mündet“ (so soll Kohl es Gorbatschow gesagt haben). Oder hing alles am seidenen Faden?

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  1. Ja, es mußte so kommen.
    Die Zeit war reif. Das Lügensystem der DDR-Führung war einfach nicht mehr haltbar. Nur ein paar 150-Prozentige wollten bis zum Ende die Realität nicht anerkennen. Manche sogar bis heute.

    Aber das alles war nicht halb so heroisch, wie es heute dargestellt wird. Längst sind die Fakten veröffentlicht, aus denen hervorgeht, daß USA und UdSSR sich bereits 1987 auf Entspannung und Mauerfall geeinigt haben.
    Die Stasi hatte davon Wind bekommen und mit der Aktenvernichtung bereits begonnen, da war noch nicht mal an Botschaftsflüchtlinge zu denken…

    Na jedenfalls ging dann plötzlich alles ganz schnell und es ist fast alles falsch gemacht worden. Auch die Wiedervereinigung basierte auf Politikerlügen.
    Es läßt sich so zusammenfassen: Im Prinzip hat die Kohl-Bande die DDR über den Tisch gezogen und sie hat sich das von den ehemaligen BRD-Bürgern auch noch bezahlen lassen.

    Warum waren plötzlich all die Betriebe, die zu DDR-Zeiten bereits für Henkel, Quelle, Aldi, Adidas oder IKEA gearbeitet haben, von einem Tag auf den anderen „marode“ und „ineffizient“?
    Warum wurde die seinerzeit weltweit führende DDR-Maschinenbauindustrie komplett platt gemacht? …

    Die DDR-Politiker der Wendezeit dürften eigentlich bis ans Ende ihres Lebens nicht ruhig schlafen können, wenn man bedenkt, daß sie dem Ausverkauf eines ganzen Landes zugestimmt haben und dafür verantwortlich sind, daß Millionen von Menschen innerhalb weniger Monate zu Sozialfällen wurden.

    • Hallo Falk – selbst, wenn die Realpolitiker auf Seiten der Sowjets und der Amerikaner über die Entwicklung nicht wirklich überrascht gewesen sind und Teile der Stasi schon frühzeitig einige ihrer Schäfchen ins Trockene brachten (Material ist ja immer noch mehr da, als bisher analysiert werden konnte), lässt sich der Freiheitsdrang und das Abbauen von Frustrationen ja nicht planen oder steuern – es hätte ja auch Gewaltausbrüche geben können oder ein Unterlaufen durch nationalistische Strömungen (wie hätte Maggie Thatcher wohl reagiert, wenn Hunderttausende in Berlin die 1.Strophe der Nationalhymne singen?). Insofern glaube ich auch, dass der Mauerfall an sich wahrscheinlich unvermeidlich war, aber die Entwicklung hin zur deutschen Einheit war nicht vorgezeichnet.

      Die Art und Weise, wie die Einheit dann gestaltet wurde, war in der Tat grenzwertig – aber ich würde das vor allem auf mangelnde Erfahrung, Unfähigkeit, Grössenwahn, mangelnde Reflektion schieben. Den DDR-Politikern der Wendezeit mit ihrer mangelnden Erfahrung in dieser ungewöhnlichen geschichtlich einzigartigen Zeit würde ich da gar nicht mal einen so grossen Vorwurf machen. Das wurde im Westen verbrochen. Ich habe mal in einer Vorlesung gehört, dass der Vertrag zur Währungsreform 1990 teilweise aus dem von 1949 stammte. Die Politiker um Kohl glaubten, dass alles so laufen würde wie 1949 und haben dabei übersehen, dass eine ganz andere wirtschaftliche Situation herrschte. Kohl war von seinen blühenden Landschaften überzeugt…

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