Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Das Internet lehrt Demut

In An Mich on Oktober 15, 2009 at 10:53 pm
Foto: alles-schlumpf

Foto: alles-schlumpf

Das Internet lehrt Demut. Demut vor der Vielzahl kreativer Ideen, Demut vor der Vielzahl faszinierender Persönlichkeiten, Demut vor der Vielzahl origineller Meinungen, Demut vor der Vielzahl von Erfolgsgeschichten. Demut vor der menschlichen Leistungsfähigkeit, deren Breite und Vielfalt man früher nicht erkunden konnte.

Das Internet erlaubt einen Blick in die Weite, in die Unendlichkeit der Möglichkeiten und der unzähligen Wege durch das Leben. Es zeigt uns das, was wir verpasst haben. Es zeigt uns das, was wir hätten werden können. Und es relativiert unsere eigene überzogene Meinung von uns selbst. Alle regionalen Champions (mit einer einzigen Ausnahme) finden ihren Meister, wenn sie sich auf höherer Ebene messen. Es gibt an allen 40000 Schulen in Deutschland einen Besten. Es gibt unzählige Bezirksmeister, Vorstadt-Casanovas und Seewiesen-Maradonas. Was vorher durch eine abstrakte statistische Hochrechnung hätte herausgefunden werden können, bietet sich nun in anschaulichen Geschichten dar: ich bin nirgendwo der beste. Nicht mal der Coolste unter den Besten oder der Beste unter den Coolsten.

Die Illusion, etwas Besonderes zu sein, kann eigentlich nur bewahrt werden, wenn wir unsere Welt klein halten, wenn wir den Tellerrand mit Sichtblenden umzäunen, wenn wir unseren Freundeskreis überschaubar halten, wenn wir eine Distanz zum Fernen behalten können, wenn wir unsere Königreiche einmauern.

Und die, die das nicht tun, die daran arbeiten, die Dunbar-Nummer nach oben zu schrauben, die sich der Ferne aussetzen und der Kälte der unfassbar grossen Zahlen – wie halten die sich warm?

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  1. Twitter zeigt im Prinzip wie es geht. Durch überlappende Dunbar-Räume. Jeder folgt 150 Leuten und gemeinsam bildet man trotzdem ein handlungsfähiges nicht hierarchiches Kollektiv, dann wenn es wichtig wird. Siehe http://www.keimform.de/2009/02/10/vom-livestream-zum-lifestream/

    Zum warmhalten: Wir leben ja schon seit Jahrtausenden in größeren Zusammenhängen, die nicht bloß gemeinschaftlich sondern gesellschaftlich sind. Das Internet ist nur neu darin, diese gesellschaftliche Reichweite zu demokratisieren, die vorher nur den Herrschenden zur Verfügung stand.

    • Benni, ich z.B. folge auf Twitter wesentlich mehr Leuten und mittlerweile auch extrem lückenhaft und damit sehr oberflächlich. Wenn jeder nur 150 Leuten folgte, dann hätten wir ja die Dunbar-Zahl einfach nur in die virtuelle Welt getragen – wo wäre dann der Unterschied zur Vor-Internet-Zeit?

      Das Internet ist nur neu darin, diese gesellschaftliche Reichweite zu demokratisieren, die vorher nur den Herrschenden zur Verfügung stand

      Das ist zwar richtig, aber ein weiterer Unterschied ist eben, dass man – auf oberflächlichere Weise, aber dennoch – mit viel mehr Menschen direkt kommunizieren kann. Man kann in gewisse Zusammenhänge hineinblicken, die zwar vorher existierten, aber nicht einsehbar waren. Aber man zahlt halt auch einen gewissen Preis dafür…

  2. Hm, vielleicht so? Vorher waren die 150 zu größerem Teil deckungsgleich. Leute bei der Arbeit, Familie, Kegelclub. Heute sind die Überschneidungen kleiner. Dadurch erreicht man potentiell mehr Leute.

    Einen Preis zahlt man immer, auch wenn man sich nicht verändern will.

    Ich hab die Demut übrigens nicht im Internet gelernt, sondern beim Go-Spielen, das nur nebenbei. Das Internet lehrt vielleicht auch nicht nur Demut sondern auch Hochmut, weil man meint die ganze Welt beinflußen zu können?

    • Die 150 waren sicherlich auch konstanter die gleichen. Es gibt mehr Fluktuation der Kontakte.

      Und ja: das Internet lehrt wahrscheinlich jedem das, was er sein möchte 😉

  3. Du kannst echt coole Fragen stellen 🙂

    Also. Erst mal wird klug geschissen: In Deutschland gibt es „nur“ rund 10.000 staatliche allgemein bildende Grund und Oberschulen, ohne Universitäten und Berufsschulen (aber die machen nicht die Differenz aus, versprochen).

    Dann zur Dunbar Zahl. Ich meine das er dies als „nachweisbaren“ Effekt recht gut erfasst hat. Mir scheint jedoch seine Methode zur Erlangung dieser Zahl nicht einmal ansatzweise stimmig zu sein. Schon kein bisschen generell auf alle Gesellschaftserscheinungsformen bezogen. Hinlänglich bekannt ist schließlich wie different groß die sozialen Netze allein in den Ländern Europas sind. Es lässt sich dort sogar recht simpel so eine Art Nord/Süd Gefälle nachweisen. Was teilweise politisch, teilweise kulturell bedingt ist.

    Sehr viele Mitglieder der Blutlinie meiner Frau, als auch der meinen, unterhalten regelrecht gewaltig zu nennende soziale Netze (300+). Derweil sind allein meine Frau und ich der lebende Beweis für die o.g. Unstimmigkeit von Dunbars These. Denn einmal von den reinen Größen der jeweiligen Netze abgesehen differiert auch die Art der Pflege/des Umgangs bei uns beiden sehr. Im Gegensatz zu meiner Frau ist z.B. mein „Netz“ ein selektives, nur in Einzelteilen vorhandenes Netz. Was sich so darstellt das ich zwar von nahezu allen meinen Verwandten in der Welt wirklich weiss das und wo sie so ungefähr existieren sollten, aber nur mit einem sehr kleinen, noch dazu mitunter rotierenden Teil, direkten Kontakt pflege (oft sind die mir einfach zu anstrengend, was sie aber auch wissen). Meine Frau hingegen hält immer quasi alle Kanäle offen, alle Daten werden wochenaktuell auf dem Laufenden gehalten (bewundernswert…!). Und also könnte ich sie jetzt nach dem Sohn ihres Onkels 3 Grades in Österreich fragen, wie alt der gerade ist und was bzw. wie er sich so macht und bekäme eine recht präzise Antwort.

    Ich meine das es bei den sog. menschlichen Netzwerken vor allen anderen Dingen darauf ankommt, welche direkten u./o. indirekten Vor- bzw. Nachteile wir davon haben u./o. erhoffen. Wobei natürlich auch Vor- bzw. Nachteile als Variablen betrachtet werden müssen. Z.B. bei meiner Frau hat das nichts mit Finanzen, aber viel mit dem familiären „Up to Date“ zu tun. Sie mag es einfach zu wissen, was wer wann wo macht. Mich interessiert das in dieser Detailtiefe nur, wenn sich eben dadurch Schwierigkeiten ergeben die, um des Familienfrieden Willen, in Harmonie überführt werden müssen 😉

    Und ich meine das sich dieses Verhalten auch auf das Werkzeug „Netzwerk“ überträgt.

    Bei uns stehen z.B. die Kleinkinder total auf VideoChat. Daraus ergeben sich übrigens sehr spannende Situationen. Meine Kleinste (2 1/2) wollte letztlich gern mit ihrer Nichte so kommunizieren (3). Der VideoChat wurde aufgesetzt, die beiden spielten und schnatterten miteinander und nach rund 15 Minuten wollten die beiden Zwerge zusammen ein Eis essen gehen…

    …wenn da nur nicht die richtig doll vielen Kilometer wären 😉

    • Michael, woher hast du die Zahl von 10000? Meine Zahl habe ich herher: http://www.gutefrage.net/frage/wieviele-schulen-gibt-es-in-deutschland-insgesammt (zugegebermassen keine starke Quelle, habe das nicht weiter gecheckt, weil ich die Zahl für plausibel halte).

      Zur Dunbar-Zahl: ich denke auch, dass politische, kulturelle und technische Einflüsse eine grosse Rolle spielen und die Zahl auch individuell verschieden ist. Man sollte aber nicht vergessen, dass es um reelle Sozialkontakte einer gewissen Intensität geht – z.B. Namen und Gesicht kennen, Charakter und Rolle in der Gemeinschaft einschätzen können, etc – die im virtuellen nicht erreicht wird. Das führt zu der Frage, ob die extreme Überschreitung der Zahl der Kontakte, die ja jetzt so einfach ist, einen Einfluss auf das Gemeinschaftsgefühl eines Menschen hat. Werden diese Kontakte überhaupt noch als menschliche Interaktionen wahrgenommen oder steht die Information, der Ideenaustausch im Mittelpunkt? Und kann es ein virtuelles Gemeinschaftsgefühl geben angesichts der Kürze, Flüchtigkeit und Art des Austauschs?
      Allein die verschiedenen Formen Video-Chat, Blog-Diskussion und News-Updates von Bekannten sind ja so unterschiedlich, dass sie wohl alle ganz unterschiedlichen Einfluss auf ein Gemeinschaftsgefühl haben…

  4. Memo an mich…

    …erst recherchieren und dann kluge Häufchen machen:

    https://www-ec.destatis.de/csp/shop/sfg/bpm.html.cms.cBroker.cls?cmspath=struktur,vollanzeige.csp&ID=1024589

    Die Zahlen auf Seite 17 stimmen so aber auch nicht. Sehr viele Schulen sind dort quasi doppelt, manchmal dreifach vertreten. So wird z.B. eine Schule in der Grund und Oberschule zusammengefasst ist doppelt gezählt, eben einmal als Grundschule und einmal als Gymnasium.

    Die Zahl die ich ursprünglich für richtig hielt stammt übrigens aus einem geschlossenen Lehrerforum. Ich hatte mich da blind drauf verlassen, kann man mal sehen. Wenn man nicht alles selber macht 😉

    Zum Rest stehe ich aber schon insofern, als das ich mich eben wirklich wundere wie oberflächlich so mancher meiner Partner privat sein Leben gestaltet. In gewerblichen Belangen sind diese dafür oft deutlich aktiver. Ein recht erfolgreicher Verkäufer, den ich persönlich betreue, kann dir auch locker 300 seiner Kunden beschreiben. Inklusive deren Lebensumstände (so er diese mal zu Gesicht bekommen hat).

    Ich meine es hat enorm viel mit dem o.g. positiven Erleben daran und damit zu tun. Wenn für mich (rein selbstbezogen) Netzwerke positive Wirkungen haben (wobei wie gesagt auch positiv relativ ist), dann werde ich diese weiter pflegen. Natürlich bei allen dafür möglichen Gelegenheiten. Ist also das Werkzeug Netzwerk für mich etwas positives (speziell oder grundsätzlich), werde ich es nutzen.

  5. Eigentlich ging es ja um Demut. Das spielt jetzt hier in der Diskussion interessanterweise gar keine Rolle mehr.

    Ich hab mich nochmal befragt und bin zu dem Schluss gekommen, dass die Situationen, die mich Demut gelehrt haben nichts mit einem Vergleich in einer vorgestellten Bestenliste zu tun haben, sondern eher mit der Erfahrung einzelner Menschen, denen ich ihre lange intensive Beschäftigung mit einem Thema und ihre daraus resultierende kenntnisreiche Praxis, life angemerkt habe. Da hat mit Netz oder nicht Netz nicht viel zu tun finde ich. Meine Demut bringt mich aber dazu anzuerkennen, dass das nicht bei jedem so sein muss 😉

    • Ja, wir sind vom Thema abgewichen. Das mit dem Messen sollte eigentlich auch nicht im Vordergrund stehen, das war eine Zuspitzung. Einfach zu erkennen, zu was Menschen in der Lage sind.
      Das Internet hilft beim Erkennen, wie viele Nischen es gibt, von denen man früher nie gehört hat und welch erstaunliche Leistungen es in diesen Nischen fern ab vom Mainstream gibt. Aber es fördert nicht die Bereitschaft, diese Leistungen der anderen auch anzuerkennen, die muss schon von einem selbst kommen oder erarbeitet werden.
      Du brauchtest das Internet nicht, um zur Demut zu gelangen, weil du es zum Erkennen nicht brauchtest. Ich brauchte es zum Erkennen, um zur Demut zu gelangen. Manche werden nie zur Demut gelangen. Ein Werkzeug ist so nützlich, wie man es einsetzt…

  6. Demut kann nur empfinden, der sich mit Etwas misst, dem er nicht gewachsen ist.

    Interessanter Art und Weise gibt es zumindest auf diesem Planeten nichts, mit dem sich der Mensch nicht erfolgreich messen könnte.

    Davon einmal abgesehen ist die hier kommunizierte Art von Demut durch gut strukturierte Organisationen zur Erreichung der eigenen Zielsetzung instrumentalisiert worden. Demut ist kein natürlicher Bestandteil unserer Spezies.

    Der Mensch frei von Demut ist das was ich mir als das eigentlich reine vorstelle.

    Derweil hier eine kleines bemerkenswertes Detail. Laut den mir vorliegenden Unterlagen der Giordano Bruno Stiftung sind die Kreationisten der o.g. Organisationen wieder verstärkt in Berliner Grundschulen unterwegs. Und wie sollte es anders sein? Sie Lehren Demut vor einer „unsichtbaren Supermacht“ Namens Gott. Man muss sich dieser unterordnen, sich ihrem Urteil unterwerfen.

    2009, 1909, 1809 oder 1709?

    Manchmal muss ich auf den Kalender schauen um mir sicher zu sein, wann ich lebe…

    • Demut kann nur empfinden, der sich mit Etwas misst, dem er nicht gewachsen ist.

      Gewagte These. Muss ich mal drüber nachdenken…

      Sie Lehren Demut vor einer „unsichtbaren Supermacht“ Namens Gott.

      Demut aus Verordnung ist nicht das gleiche wie aus Erkenntnis

      Der Mensch frei von Demut ist das was ich mir als das eigentlich reine vorstelle.

      Das hätte ich gerne noch mal näher erklärt. Für mich ist Demut eine positive Eigenschaft.

  7. Ich denke das was Du meinst ist nicht Demut, sondern Respekt. Demut ist stets unreflektierter Respekt vor einem Ding einer Sache einem Zustand an und für sich.

    Ein physisches Bsp.: Als ich einmal im Yellowstone National Park war, da fuhr unser „Ortskundiger“ seinen Jeep an eine sehr schöne Stelle, damit wir dort Fotos machen konnten (Tische Bänke und Schilder mit der Bitte keine Bären zu füttern inkl.). Das Fahrzeug war noch nicht zum stehen gekommen da kam ein riesiger Bär aus dem Gehölz und wuchtete seinen mächtigen Oberkörper auf die Motorhaube. In diesem Moment hatte ich richtigen echten Respekt. Keine pure Angst in diesem Sinne. Ich empfand auch keinerlei Demut, denn ich wusste das unser Führer bewaffnet war.

    Ein psychisches Bsp.: Ich kenne ein paar Personen die sprechen gut 10 Sprachen, manche technisch, manche menschlich, haben div. verzierte Zettel für die Wand und all den anderen Lammetter, der so zu solchen Leuten gehört. Und ich kenne viele Personen die sprechen Deutsch und 5 Worte Englisch, einen Ausbildungsberuf und einen Job, der manchmal diesem entspricht (dem Ausbildungsberuf). Die haben fast immer eine regelrecht demütige Haltung zu der zuerst genannten speziellen Art Mensch. Wenn ich Letztgenannten dann jedoch (manchmal muss ich es, machmal will ich es) beginne zu erklären wie diese Menschen solcherlei hohe Werte erreichen, was teilweise der Grund für ihre herausragenden Leistungen ist und was sie oftmals alles dafür nicht haben, dann ist nahezu immer alle Demut verloren. Gänzlich unreflektiert wird dann auf diese besonderen Menschen regelrecht mitleidig hinab geschaut, sie werden dann teilweise sogar als wenigstens sozial Bedürftig betrachtet.

    Wir dürfen Demut nicht mit Respekt gegenübertreten, wir müssen sie stets bekämpfen!

    Einzig wer seine anerzogene Demut ablegt, ist ein wahrhaft reines Wesen.
    (Den Wikiartikel dazu kann ich nur empfehlen)

  8. Demut? Gab’s das nicht schon mal im Mittelalter, bei der schwebenden Theresia von Avila? Es ist schön, diese Mauren aufzugeben. Das Internet ist manchmal geradezu mystisch, oder sagen wir vielleicht etwas diesseitiger: psychodelisch. Was dabei letzlich rauskommt ist auch nicht immer unbedingt mehr als dass, was wir im Rausch fabriziert haben, aber das Erlebnis ist in der Regel … em … erhebend! ^^

  9. Sorry, Tippfehler: Mauren = Mauern

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