Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Das Ende des Genies?

In An Manche on August 25, 2009 at 10:24 am

Bild: Zendragon

Das Genie schafft Neues, nie Dagewesenes, Unvergleichliches aus dem Nichts. Das Genie lässt sich nicht auf eine Stufe mit gewöhnlichen Handwerkern stellen. Das Genie hat originäre Ideen, die kein Mensch vorher erdacht hat noch erdenken konnte. Das Genie hat eine Mission, die ihm vom Schicksal übertragen wurde. Das Genie ist ein Geschenk des Himmels.

Transparenz ist der grosse Feind des Genies. Denn sie entlarvt das Genie als eine Projektion, als Idealisierung und als Selbststilisierung. Denn was, wenn jeder die Ursprünge des Genies nachvollziehen kann? Wenn das Neue als Variation, Verknüpfung oder Kopie von Vergessenem entlarvt wird? Wenn die Ideen gar nicht originär sind (sein können)? Wenn nicht das Schicksal, sondern der Zufall den Erfolg gebracht hat? Wenn nicht der Himmel, sondern die Wahrscheinlichkeitsrechnung die Geschenke verteilt?

Was ist dann? Fehlt uns dann was? Würde das Genie aus unserem Wortschatz verschwinden? Oder würden wir weiter so tun als ob es Genies gäbe? Wie stünde es um das Selbstverständnis des Genies, das aus der Illusion seiner Einzigartigkeit gerissen wird?

Und: hat das Genie als Vehikel von Ideen Nutzen gebracht? Hat es das Grosse ins reche Licht gerückt? Oder hat es vor allem Schatten auf andere geworfen?

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  1. Ich habe vor fünf Minuten zwei Zitate an den Anfang meines von Dir verlinkten Textes gestellt, die die Spannweite recht schön deutlich machen:

    Nach Wagners Tod schrieb Franz Liszt in einem Brief:

    Die Zeitungen sind voll von Notizen über den Tod des großen Dichterkomponisten (…), des unübertrefflichen Gestalters eines Ideals, das vor ihm in der Gesamt-Kunst, Dichtung, Musik und Theaterdarstellung, nicht verwirklicht wurde (…) Wagner nur als eine berühmte oder ausgezeichnete Persönlichkeit anzusehen scheint mir eine, wenn auch noch so wenig, törichte Täuschung zu sein. Die Verästelungen seines Geistes kommen aus tiefsten Wurzeln hervor. In Ihm überwiegt das Übermenschliche.

    Die Computer-Musiker von „Snap!” im Interview mit der SZ:

    SZ: Ihre Hits sind am Computer entstanden, ohne ein Instrument – woraufhin Ihnen Zeitungen wie diese vorgeworfen haben, man müsste Ihnen Ihr gefährliches Handwerk legen!

    Münzing: Unser Kollege Klaus Schulze, ehemaliges Mitglied von Tangerine Dream, entgegnete auf solche Vorwürfe: »Eine Geige wächst auch nicht auf dem Baum.« Musikinstrumente sind immer von Menschenhand gemacht. Was ist an einer Geige besser als an einem Computer?

    Man kann Kreativität vergöttern, man kann sie aber schlicht auf ein menschliches Level zurückholen…

  2. Das Liszt-Zitat ist ein schöner Fund! Und es ist nicht ganz überraschend, dass ausgerechnet Liszt in Wagner den Menschen sah. Er war ja nicht nur mit ihm befreundet, sondern selbst ein sogenanntes Wunderkind und Meister des Fachs, der sehr genau beurteilen konnte, dass Wagners Einfälle nicht aus der Götterwelt kamen. War sich Wagner dessen auch bewusst?

  3. > dass ausgerechnet Liszt in Wagner den Menschen sah.

    Moment, Moment: Liszt sieht in ihm den Übermenschen, und betont das ausdrücklich!

    (Ich gebe zu, daß man in der Spätromantik einigermaßen umständlich um den heißen Brei herumformuliert hatte…)

    • Shit, dann kann ich ja meine Schlussfolgerung direkt in die Tonne treten…Da habe ich gelesen, was ich gerade lesen wollte, nämlich dass die Verästelungen aus den tiefsten Wurzeln der Menschheit kommen.
      Neue Schlussfolgerung: na ja, Wunderkind eben – wer selbst als Genie verhätschelt wurde…

  4. Genies sind Menschen die auf lange Zeit gesehen Hits produzieren. Die ganzen anderen Chartbreaker bleiben dann meist Eintagsfliegen und One-Hit-Wonder.

    Ich denke aber trotzdem, dass die wichtigste Eigenschaft von Genies der Verkauf der eigenen Ideen und der Persönlichkeit ist. Und „Verkauf“ mein ich eher „Vermitteln“ „Präsentieren“ oder „Überzeugen“.

    Genies überzeugen einfach, indem sie ausstrahlen. Daher haben wir mehr Genies als wir denken und vielleicht macht das Internet auch gerade das sichtbarer. Vielleicht ist der Begriff „Genie“ auch viel zu sehr vergöttlicht. Malcolm Gladwell hat esie wohl jüngst als „Outliers“ (Überflieger) definiert.

    • Es gibt doch schon Worte für das, was du beschreibst: Charismatiker, Verkäufer, Persönlichkeit, Überflieger, Talent, Hochbegabter, Kreativer, etc. – warum also an diesem Begriff des Genies festhalten, der in der Romantik wurzelt und eine Reihe von Assoziationen weckt? Wie auch immer: das Genie scheint nicht mehr das, was es einmal war, es wurde entzaubert (Michael stellt das für die Musik in seiner interessanten Artikel-Reihe schön dar).

  5. Spannend ist die Etymologie des Begriffes „Genie“. Ursprünglich bezeichnete man so Menschen, die in der Lage waren sich fortzupflanzen (Erzeuger). In einer Zeit, in der genetische Weiterverbreitung aufgrund der miserablen Gefährdung der Umwelt (Krankheiten, Gefahren, Krieg etc.) an erster Stelle stand. Heute haben wir die genetische Verbreitung von der Wichtigkeit ein Stück weit hinter uns gelassen und wir sind in das Informationszeitalter, der Zeit der Memetik, vorgedrungen. Hier findet nun nicht mehr ein Kampf des Genmaterials statt, sondern eine Konkurrenz der Ideen, Weltanschauungen (Religion, Philosophie, Wissenschaft etc.) statt. Derjenige, dessen Ideen am erfolgreichsten repliziert werden, denjenigen sprach man den Titel des „Erzeugers“, also des Genies, zu.

    Ich glaube wir betrachten „Genies“ in einem ganz anderen Kontext, weil wir diesen Begriff nur noch äußerst sporadisch vergeben, ganz einfach weil wir überfrachtet werden mit „Erzeugnissen“ und deren Kopien. Durch diese „Überbevölkerung“ von Memen (auch dank Internet) sind wir also erneut irgendwann gezwungen umzudenken. Was wohl als nächstes kommt?

    Ich hoffe stark auf Reife, statt auf reinen Wachstum. Also eine Selektion und bewussten Umgang mit Memen, so wie es schon lange in der Genetik erforscht und praktiziert wird.

    • Das „Erzeugen“, das in dem Begriff des Genies steckt (im Kreativen übrigens auch), haben wir ja bereits in der Romantik auf die Ideenwelt bezogen. Das Genie ist jemand, der in der Lage ist, neue Ideen in die Welt zu bringen. Diese neuen Ideen scheint es ja aber gar nicht zu geben (jedenfalls haben wir ja alle keine gefunden). Der Kreative hingegen wird nicht annähernd so überhöht, man schreibt ihm zu, aus der existierenden Ideenwelt zu „schöpfen“ (also wie Wasser aus einem Brunnen). Möglicherweise ist der Begriff der Kreativität also bereits eine Antwort auf die Erkenntnis, dassGenialität eine nicht zu haltende Idealisierung und Übertreibung ist.

    • …was dann auch die Frage „Bringt das Internet das Ende des Genies?“ als witzlos entlarvt: denn das Genie ist schon lange vor der Existenz des Internets beerdigt worden…

  6. […] mich die handwerklichen Urlaubswochen ein wenig beeinflusst haben. Ich sehe das Schreiben im Moment als Handwerk. Routiniert schreibe ich so über dies und das, zimmere die Sätze mit viel Kraft und wenig Elan […]

  7. Ich habe einmal zu einem Freund gesagt: „Ich wäre gerne genial!“ Er hat mich sehr ernst angesehen und sehr ernst gesagt: „Du machst es dir aber sehr schwer“ Er wusste nicht dass mein Satz humorvoll zu verstehen gewesen wäre. Die Sache ist ganz einfach: Wirkliche Genies würden von sich nie sagen dass sie Genies sind, und solche die keine Genies sind sollten es nicht tun. Bitte fragt mich jetzt nicht ob ich ein Genie bin!

    • Was unterscheidet denn die Menschen, die du „wirkliche Genies“ nennst von gewöhnlichen Menschen? Lernen sie bestimmte Dinge einfach schneller? Oder sind sie in der Lage, das Gelernte geschickter zu verknüpfen?
      Wagner hielt sich für ein Genie („In fünfzig Jahren werde ich der Beherrscher der musikalischen Welt sein“) – hat er sich damit als wirkliches Genie disqualifiziert? Oder ist die Sache doch nicht so einfach…;-)

  8. @fragezeichner Nun, ich spiele mich bei meiner kleinen Abhandlung über „wirkliche Genies“ natürlich mit diesem Begriff. Mir geht es auch um einen – wie ich ja geschrieben habe – humoristischen Zugang, oder sagen wir: ironisch. Das mit Wagner ist interessant: Ich halte seinen Satz zumindest für unklug. „So einfach“ ist die Sache sicher nicht, mein Zugang ist aber auch kein Akademisch – philosopischer sondern eher intuitiv. Ich denke lernen hat mit dem Thema gar nicht soviel zu tun, sondern wie weit jemand Wissen und Fähigkeiten nutzt. Jedenfalls – und das wollte ich mit meiner kurzen Geschichte vermitteln – wäre es gut den Begriff Genie nicht zu ernst zu nehmen. Auf die Frage im Text „…Denn was, wenn jeder die Ursprünge des Genies nachvollziehen kann?…“ muss ich sagen dass es doch auch darum geht diese Ursprünge eben nicht nachvollziehen zu können. Solche „Genies“ wird es denke ich immer geben. Und wenn man deren Ursprünge später einmal nachvollziehen kann dann kann ich nur sagen: Nacher ist man immer klüger. (Ich denke hier kann man wirklich sagen dass es so einfach ist) Weiter im Text: „…Wenn das Neue als Variation, Verknüpfung oder Kopie von Vergessenem entlarvt wird?“ Hier denke ich, dass wir den Begriff „Das Neue“ nicht relativieren sollten, denn: natürlich gibt es das Neue, zumindestt in dem Sinne dass es an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit in einer bestimmten Art und Weise eben noch nicht da war. Die Überlegung dass alles nur Kopie sei halte ich nicht für zielführend. Es geht um ein Weiterdenken und Weiterentwickeln, Weiterforschen etc. Wäre das nicht mehr gegeben müssten wir aufhören zu denken.

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