Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Gibt es originäre Ideen?

In An Alle on August 20, 2009 at 6:11 pm
Foto: Kugel

Foto: Kugel

Ich beispielsweise habe niemals originäre Ideen„, sagt Patrick in diesem Artikel hier über den Wert und das Klauen von Ideen. Wenn Patrick keine originären Ideen hat, habe ich denn wenigstens welche? Oder hat zumindest irgendjemand irgendwann mal eine gehabt? Gibt es überhaupt originäre Ideen, also Ideen, die nicht von der Natur abgeschaut sind und die nicht durch Verknüpfung, Kontextverschiebung oder Erweiterung von anderen Ideen entstanden sind?

Natürlich„, habe ich mir gedacht. Die menschliche Ideenwelt ist ja kein abstraktes Gebilde wie die Mathematik, deren Schönheit und Komplexität sich auf wenige Axiome zurückführen lässt. Wie sollte denn sonst Neues in der Welt entstehen? Wie sollten denn sonst Impulse für Veränderung entstehen – wenn nicht durch originäre Ideen?

Ein einziges Beispiel würde mir reichen. Ein einziges Beispiel wäre bereits der Beweis der Existenz, der Möglichkeit originärer Ideen – und von Menschen entwickelter Ideen. Aber ich habe bisher noch keines gefunden. Einfache geometrische Formen wie Linien oder Kreise (selbst Sechsecke) findet man in der Natur. Komplexere wie Dreiecke, Trapeze oder Pyramiden lassen sich aus den einfachen entwickeln. Und so scheint es mit allem: mit dem Rad, der Elektrizität, dem Flugzeug, der Bremse, dem Auto, der Relativitätstheorie, der Musik. Eine komplexe Erfindung wie der Computer ist nur möglich durch eine Vielzahl von Beobachtungen der Natur, den daraus gewonnenen Erkenntnissen und deren raffinierte Verknüpfung. Selbst die Idee von Gott stammt wahrscheinlich aus der Abstraktion der Bedeutung der Sonne für den Menschen. Ganze Wissenschaftszweige versuchen die genialen Überlebensstrategien von Pflanzen und Tieren für den Menschen nutzbar zu machen. Alles nur geklaut?

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  1. Wir ENTdecken – im Sinne von „Aufdecken“. Vielleicht tröstet der Gedanke? 😉

  2. Alles nur geklaut, genau. Was auch immer angeblich „neu“ erscheint, ist ja eh nur eine Zusammensetzung der ewig gleichen Elementarteilchen 🙂

    Als Startpunkt (das präzisiert vielleicht Patricks Begriff vom „Aufdecken“): Einsteins Theorie ist – wie jede Theorie – die Abstraktion einer komplexen Realität. Sie erfindet nichts Neues, sie ordnet nur anders. Damit freilich schafft sie eine völlig neue Welt.

  3. Die Idee, es könnte originäre Ideen geben, finde ich ziemlich originär 😉

    • Daran habe ich auch kurz gedacht. Aber selbst diese Paradoxie ist keine originäre. Originalität als Idee kommt von Einzigartigkeit – und auch die ist naturgegeben.

  4. Nur weil ich nicht in der Lage bin etwas verstehen zu können, bedeutet dies noch lange nicht, dass es nicht verstanden werden kann.

    Klingt absurd, sieht auch so aus, hab ich noch nie in freier „Wildbahn“ gesehen…

    Der doppelte Dosenhalter an der Basecap!

    Oder besser noch: Wo (bzw. wann) wurde das Toilettenpapier abgeschaut?

    Im ernst:

    Es gibt exakt einen Menschen auf diesem Planeten der die originäre Idee hatte eine Stadt aus dem Internet (dem vernetzten Schwarm) heraus zu erschaffen. Woher hätte er sich diese Idee abschauen sollen?

  5. Toilettenpapier? Erstmals wohl dokumentiert um 14. Jahrhundert in China. Zurückzuführen auf Papierherstellung. Davor hat man sich wahrscheinlich mit Wasser oder Blättern gereinigt. Der Dosenhalter ist eine Rekombination aus Basecap und Dosenhalter. Die Rekombi an sich ist irgendwie originär aber eben inspiriert und darum ging es ursprünglich in dem Beitrag.

    Die Idee mit der Stadt im Internet, dürfte dann auch selbsterklärend sein, nehme ich an. Auch hier eine Rekombination von vorhandenen Ideen.

    Und bitte nicht vergessen: Es soll keine Wertung sein, dass es keine „originären“ Ideen gibt. Es ging eher darum, dass alles miteinander durch eine Inspirationskette verknüpft ist.

  6. Danke für eure Bemühungen. Ich muss mich wohl geschlagen geben. Es gefällt mir, was Michael sagt: auch durch Ordnen (oder Verknüpfen) von Existierendem kann Neues entstehen. Und solange es noch unendlich viel zu entdecken und zu verknüpfen gibt, ist echte Originalität nur ein abstrakter Begriff und die Frage, ob es originäre Ideen gibt, ein Gedankenspiels ohne praktische Relevanz.

  7. @Patrick:

    Wie originär die Idee ist erkennst Du allein daran, dass auch Du nicht erfasst hast worum es dabei tatsächlich geht:

    Nicht aus der Realität in die Virtualität, sondern via der Virtualität, in die Realität…

    Die Idee der dezentralisierten (vernetzten) Mitbestimmung kann auch nicht abgeschaut, sondern einzig erdacht werden. Es ist abstrakt. Die Abstraktion an sich kennt keine Form, sie ist nicht beobacht-, noch nachvollziehbar, weil absolut individuell…

    Derweil definiere in nachvollziehbar: Inspirationskette von Buschmann zu Fäkalien mit Gegenständen vom Hintern wischen. Vergiss dabei bitte nicht immer wieder, das die Wesen im Busch üblicherweise deutlich gesünder leben als wir. Deren Fäkalien haben tatsächlich eine differente Konsistenz. Fragestellung: Wie kommt jemand dazu. ohne Sachzwang u./o. ersichtlichen Bedarf, eine unnütze Handlung kontinuierlich zu wiederholen? Antwort: Durch Dienstanweisungen. Frage wie viele Dienstanweisungen hängen im Busch aus? Antwort: Keine!

    Festzustellen ist ausserdem das, sich den Hintern abwischen, zumindest im natürlichen Umfeld, einen nahezu unnützen Energieaufwand darstellt. der Mensch hat in seinem natürlichen Umfeld keinerlei Gegner. Er muss sein Revier weder Markieren, noch exakt deshalb seine Markierungen gesondert verbergen. Einzig Hygiene könnte hier relevant werden, dies jedoch auch nur insofern es die Wahl des Ortes betrifft.

    Grundsätzlich gilt in der Analyse das wir niemals unser „Hier und Jetzt“ mit anderen „Hier und Jetzt“ gleichsetzend vergleichen sollten. Einzig das Reflektieren der differenten Bedingungen ist im produktiven Sinn ebenso voll 😉

    Es ist komplex…

  8. Daher sind Disassoziationen „originärer“ oder kreativer als alle anderen (assoziativen) nahegelegenen Ideenkombinationen. Aber wisst ihr was der Witz dabei ist? Wann und woran erkennt man eine besonders bahnbrechende Idee? An der Masse, die das als solche definiert. Zitat Robert Lemke: „Anerkennung ist eine seltene Pflanze, die meist auf Gräber wächst. Daher sind ungewöhnliche (also nicht gewohntes) Ideen (in dem Kulturkreis, den ich durch Medien, Schule, persönliche Erlebnisse erfahren habe) weniger toleriert. Beispielsweise stecken wir disassoiative Menschen in die Psychatrien oder behandeln depressive Patienten (unzufriedene, unglückliche Menschen) mit Emotionskillern aka Psychopharmaka. Wir dämpfen die „Symptome“ statt sie zu hinterfragen oder sich mit ihnen intensiv zu beschäftigen. Unser Kulturkreis ist von Pflicht, Schuld und Leistung geprägt. Wir gehen auch krank arbeiten und saufen lieber statt es nicht mehr zu ertragen.

    Auf der anderen Seite sind disassoziative Ideen unter dem Schutz des politisch korrekten Mantels, bei der diese Ideen durchaus als „Kunst“ durchgehen und auch gefördert werden. Allerdings auch nur von anderen Menschen, die einen Bezug zur jeweiligen Bezugslosigkeit haben.

    Das nur zum Thema „nicht erfassen“

    Michael, du sagtest: „Die Idee der dezentralisierten (vernetzten) Mitbestimmung kann auch nicht abgeschaut, sondern einzig erdacht werden.“

    Aber wer hat sie ursprünglich denn erdacht? Die Hippies und die Gedanken der 68er im anschließenden Silicon Valley vereint? Oder haben die sich im alten Griechenland schon abstrakt über das Prinzip „vernetzter Mitbestimmung“ die Köpfe heiß gedacht? Ich würde „Demokratie“ bsp. durchaus als ein Beta-Entwurf einer „vernetzten Mitbestimmung“ verstehen.

    Das Beispiel mit dem Klopapier war tatsächlich etwas komplex, hab es nicht so ganz erfasst. Ich sehe jedenfalls Inspirationsketten auch auf der Zeitachse bzw. generell im jeweiligen Kontext. Früher war die Weiterleitung von Informationen (für mich sind das ja Elemente zur Ideenverkettung) fast linear. Einer erzählt des dem anderen und vor „der Schrift“ war „das Wort“ der einzige Kommunikationsüberträger. Es konnte nichts wirklich gespeichert werden. Daher entstand ja die Schrift, das Bild und die Träger dessen, die sich immer rasanter und vielfältiger entwickeln.

    Heute können wir die gesamte Geschichte (oder das was durch Erzählungen, erste Keilschriften und Höhlenmalereien in unseren Köpfen konstruiert ist) abspeichern, vernetzen und gleichzeitig rekombinieren. Wir schaffen somit Wahrheit und wahre Historie ab. Denn plötzlich wandelt das Medium Internet alle Informationen zu wahr UND falsch um. Denn plötzlich erkennen wir, dass es parallele Lösungsansätze, parallele Glaubensrichtungen und parallele Lebensentwürfe geben kann. Andere wiederum glauben noch an die lineare – einzig wahre Botschaft und haben entsprechend Angst vor dem Medium Internet und werden es bekämpfen. Ganz sicher. (so wie Konflikte Ureinwohner und „Entdecker“).

    Erstmals kann ein Medium theoretisch ALLES zur GLEICHEN ZEIT auf EWIG abbilden (Wenn wir uns vorstellen jeder Mensch „speist“ sich ins Medium völlig ein und kommuniziert nur noch darüber bzw. zeichnen unser Leben unsere Historie auf)

    Also langer Rede kurzer Sinn: Dienstanweisung kann auch durchaus auch ein „Ratschlag“ sein. Wir als Empfänger entscheiden selbst, was wir mit der Anweisung anfangen. Wenn ein Wesen Befehle unhinterfragend ausführt, so wird es zur Maschine, zum Werkzeug, zum seelenlosen Objekt. Erst durch die Hinterfragung und damit eben wieder die Entdeckung des Vorhandenen können wir aktiv die Welt mitgestalten und weiterentwickeln. Daher liebe ich ja dieses Blog! Es fragt statt nur zu antworten. Und es generiert durch das Fragen letzendlich mannigfaltige „Wahrheiten“.

    Wenn wir Menschen uns also weniger auf das was „wahr“ oder „originär“ (und die ganze Rechthaberei und Inakzeptanz von anderen Mind-Sets) sein könnte konzentrieren würden, könnten wir gemeinsam tolle Lebensräume und Umgangsweisen entwickeln.

  9. Das Problem liegt sehr viel tiefer. Ist in deiner ganzen Argumentationskette zu lesen.

    Es ist nicht dauerhaft möglich, innerhalb des gegebenen Chaos, geordnete Strukturen aufrecht zu erhalten, ohne diese permanent neu zu kalibrieren. Das ergibt sich aus sich selbst heraus. Mag sein das ab und an gewisse „offensichtliche“ Parallelen auftauchen, aber da wir auch hier der Unschärferelation unterworfen sind, können wir diese nicht als absolut deklarieren. Was wir jedoch müssten um eine wiederholbare Kette abzubilden. Die These zur Substanz erhöhen ist also nicht gegeben.

    Dies berücksichtigend sind eigentlich alle Ideen als originär, mit einer variabel bedeutenden historischen Komponente zu betrachten. ergo könnte man viel eher von einem Reinheitsgrad an Originalität sprechen. Ich müsste mir also nicht die Mühe machen deine vergleichenden Ideen mit den Amis, Stück für Stück, zu zerlegen, sondern könnte schlicht feststellen das deren Reinheitsgrad gleich nahezu null ist.

    Da ich ein Idealist bin gefällt mir zwar dein letzter Absatz, muss aber meine Lebenserfahrung dagegenhalten, diesem absolut widersprechen.

    Meines Erachten nach ist es gerade der beobachtbar immer umfänglichere Verzicht auf die Lehre des (nahezu u./o. ehemaligen) „wahr“ wie „originär“, der den Untergang unserer Gesellschaft herbei führt. Ich schätze das dies die Grenze unserer ethisch noch vertretbaren Möglichkeiten sind. Verzichte ich auf diese Grenzen, entwickeln Menschen nicht nur Rechenanlagen um Flugbahnen für Raumfähren zu berechnen, sondern schaffen Millionen teils Lebensuntüchtige WoW Spieler. Und niemand kommt auf die originäre Idee, diesen Leuten das Essen und Trinken zu verweigern, auch wenn dies im historischen kontext sehr viel Substanz hätte. Dafür dürfen dann eben Menschen in Afrika verhungern und verdursten…

    Und dennoch gebe ich dir insofern recht als das auch ich davon überzeugt bin, dass unsere Spezies zu enormen Dingen fähig ist, wenn sie nur will 😉

  10. „Und niemand kommt auf die originäre Idee, diesen Leuten das Essen und Trinken zu verweigern, auch wenn dies im historischen kontext sehr viel Substanz hätte. Dafür dürfen dann eben Menschen in Afrika verhungern und verdursten…“

    Wäre aber eine pessimistische Haltung, deren Grundlage aus einer Auffassung besteht, dass die Welt nicht genug für alle zu bieten hätte. Oder anders gesagt:

    Die Perspektive eines WoW-Spielers unterscheidet sich elementar von deiner und der hungernden Menschen auf aller Welt. Nichtsdestotrotz birgt der Glaube an ein „würdigeres“ Leben gleichzeitig – auch die Gefahr einer Akzeptanz der Unwürde in sich. Also sollen eher WoW-Spieler hungern? Muss denn überhaupt jemand auf Grundversorgung verzichten, ohne dass jemand anderem eine Zacke aus der Krone bricht? Ich meine nein, und dazu trägt der Perspektivenwechsel und das Hinterfragen bei.

    • 🙂

      Ich bin kein Pessimist. Ich bin erfahrener idealistischer Realist…

      Schaust Du hier: http://www.iom.int/germany/

      Und auch hier: http://www.ecopop.ch/

      Da sind Teile meiner Verwandtschaft wie naher Bekanntschaft tätig. Wie die es schaffen die aktuelle Generation zivilisationsverseuchte Europäer zu ertragen (mich eingeschlossen) ist mir ein echtes Rätsel…

      Lass mal gut sein. Früher oder später werden wir alle lernen müssen mit dem Elend zu leben, dass wir durch unsere Existenzform in der Welt produzieren. So gesehen hatte Marx in einem gewissen Sinn vollkommen recht mit seiner These, dass wir eines Tages alle Produzenten sein werden. Produzenten von Elend, Hunger, Neid und Missgunst 😉

  11. Wie gut, dass es für mich als radikaler Konstruktivist keinen Realismus gibt – sehr wohl aber die geistige Ausrichtung eines Optimismus oder Pessimismus 😉

    Wir schreien ja förmlich das Elend der Welt herbei und beachten gar nicht, dass wir mitten in einem unglaublich gigantischen Prozess stecken und wir das Thema nicht in einer oder zwei Generationen lösen können. Wir arbeiten mit aller Kraft dran. Das sollte zählen.

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