Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Über Anonymität im Internet

In An Jemanden on Juli 7, 2009 at 8:08 am
Foto: Florian Kuhlmann

Foto: Florian Kuhlmann

Jens Jessen von der Zeit hat vor ein paar Wochen in einem Video-Podcast die Forderung aufgestellt, dass sich im Internet niemand mehr anonym bewegen dürfe, um Urheberrechtsverletzungen, kriminelle Aktivitäten, Beleidigungen und Diskriminierungen zu verhindern. Er verglich das Internet mit einer Stadt, das von marodierenden Banden durchzogen sei, die im Schutze der Anonymität ungestraft ihr Unwesen treiben dürften.

Ich frage mich, welche Folgen die konsequente Durchsetzung einer solchen Forderung hätte (insofern sie überhaupt technisch und verfassungsrechtlich durchsetzbar wäre). Würden Beleidigungen und Diskriminierungen wirklich dramatisch zurückgehen – oder würden sie vielleicht nur in einer Weise formuliert, dass sie rechtlich nicht angreifbar sind (so wie das die Bild-Zeitung immer mal wieder hinbekommt)? Würde Musik tatsächlich gekauft anstatt aus dem Internet geladen – oder würde sie halt wie früher einfach unter Freunden kopiert? Und sind denn diese Beleidigungen wirklich ein Problem, das sich nicht einfacher, zum Beispiel durch schlichtes Löschen lösen lässt (so wie es ja fast überall praktiziert wird)? Werden Fehlinformationen im Internet nicht automatisch durch die Vielzahl von Quellen und Korrekturen eliminiert?

Welchen Preis müssten wir für das Aufgeben der Anonymität zahlen? Wäre ein massiver Rückgang von Transparenz, Offenheit und Wahrheit die Folge, weil sich viele Menschen aus Gründen möglicher Abmahnungen oder Probleme mit ihrem Arbeitgeber gar nicht mehr bequemen würden, ihre Meinung im Internet kundzutun, Produkte zu bewerten, Probleme mit Unternehmen zu beschreiben oder vor illegalen Machenschaften zu warnen? Geht es Jessen in Wahrheit vielleicht nur darum, das bröckelnde Meinungsmonopol der grossen Medien zu verteidigen?

Und warum dann nicht konsequenterweise jeden Menschen mit einem Funkchip samt Mikrophon und Kamera ausstatten, der jede seiner Bewegungen in der wirklichen Welt mitprotokolliert und es möglich macht, jedes Fehlverhalten sofort zu ahnden. Delikte wie Beleidigungen und Taschendiebstahl sollten dann schnell der Vergangenheit angehören (und als angenehmer Nebeneffekt vielleicht auch Pinkeln in Mülleimer oder Fahrradfahren ohne Licht).

Vielleicht sollte sich Jessen mal die Frage stellen, warum Wahlen in Demokratien geheim sind, warum es im Journalismus Quellenschutz gibt und in Unternehmen Kummerkästen. Kleiner Tipp: der Grund ist in allen drei Fällen der gleiche.

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  1. Geheim und anonym sind zwei Paar Stiefel. Für unsere Freunde sind wir ja nicht anonym, und haben doch unsere Geheimnisse. Und anonym sind wir nicht aus der Sicht des Wahlamts, das uns zur Gruppe der Wähler zulässt und uns dann zur geheimen Wahl in die Kabine gehen lässt.
    Anonymität ist Folge eines vernachlässigten Sozialgefüges. Geheimnisse sind dagegen ein Menschenrecht.

  2. So, so Herr Jessen. Na dann sollte er seinen Netzwerktechniker fragen ab wann er mit seiner IP durchs Netz surfen darf oder kann.

    Das ist das Problem mit solchen Leuten. Sie verstehen nicht einmal die technologischen Grundlagen.

    Allerdings hat anne auch recht mit ihrer Aussage das geheim und anonym nicht vergleichbar sind.

    Reg dich nicht auf. Ich sag nur IPv6!

    Wobei…

  3. Meine Videos würde keiner mehr spielen? – gar nicht auszudenken. 😉

  4. @anne
    > Anonymität ist Folge eines vernachlässigten Sozialgefüges. Geheimnisse sind dagegen ein Menschenrecht.

    Ich denke, das ist der entscheidende Punkt.

    Wenn mich dagegen wehre, daß das Innenministerium oder das BKA meine Schritte im Internet verfolgen, wende ich mich gegen den Versuch, mein „Geheimnis“ zu knacken.

    Wenn ich unter meinem Klarnamen blogge (oder hier kommentiere), wehre ich mich dagegen, einfach bloß „anonym“ zu sein – also als eine Stimme unter vielen unterzugehen, die man dann auch vernachlässigen kann, weil sie ja keinen Namen hat.

    „Anonym“ vs. „geheim“ – ich muß die Unterscheidung unbedingt im Kopf behalten. Thanks!

  5. Wer immer über ander spricht, hält selten ein Geheimnis dicht.

    Dieser Reim gilt sicher auch für Blogger.

  6. In der Anonymität kann manches, gerade durch diese, authentischer sein, als offen – und manch Anonyme sind mir näher, als wahre Namen, wenn sie es denn es sind. Mir ist das absolut peng. Und wenn es um
    Spiegelreflexionen geht ist doch die Frage, warum haben Nichtanonyme ein Problem mit Anonymen?
    In der Auflösung dieser Problematik würden doch Nichtanonyme nie an den Kern kommen, gäbe es nicht die Anonymen.
    Nun gut, ich habe selbst auch noch viele andere Baustellen und da ist es auch mal schön zu sehen, dass ich nicht bei jeder dabei sein muss.

  7. Ich frage mich, was man sich so allgemein unter Internet vorstellt. Ein paar Blogs und alles was mit www anfängt? Welche Dienste und Protokolle gehören dazu? Will man anonym einkaufen und Geschäfte abschließen? Aber selbst, wenn man alle Dienste und Protokolle weg lässt und mit Internet nur Plaudereien über das http-Protokoll meint, macht Anonymität nur für bestimmte, aber sicher keine guten Zwecke, einen Sinn.
    Und was versteht man unter Anonymität? Alle seriösen, größeren Provider führen logs, die zumindest zum Rechner und damit zum Verantwortlichen führen. Erst wenn ich über mehrere anonyme Proxies (die führen keine logs und sehr häufig werden dazu gehackte PC’s von Ahnungslosen missbraucht) mehrfach die IP wechsle oder sich meine IP-Pakete in Mixkaskaden von Anonymisierungsdiensten verstecken, bin ich anonym. Meiner Meinung nach kann das nur dazu dienen, um kriminelle Handlungen begehen zu können. Welche Motivation kann man mir sonst nennen?
    Wer mit Spam- und Virenbekämpfungssoftware Geld verdient kann eventuell noch an Anonymität Interesse haben. Was ist denn außerdem die Aussage eines Anonymen – abgesehen vom logischen Wahrheitsgehalt – schon wert? Genau so viel, wie die gezeigte Persönlichkeit und Identität dahinter, nämlich nichts.
    Da kann ich auch mein Programm Sätze bilden lassen und dann darauf reagieren, oder mich mit unausgereifter KI-software (z.B. Eliza) unterhalten.
    Denke gerade an Kinderpornographie in Filesharing-Systemen, an Raubkopien und die Verstpopfung der Datenleitungen mit großteils illegalem Müll. Das sind unter anderem die Folgen der sogenannten Anonymität im sogenannten Internet.
    Lassen Sie ihre Tochter mit einem Anonymen ausgehen? Lassen sie einen Anonymen allein in ihrer Wohnung? Ich persönlich gebe keinen Cent auf die Aussage eines Anonymen, denn ein Anonymer ist Nichts und Niemand, er (der Anonyme) ist vermutlich nicht einmal ein gutes Programm.
    In diesem Sinne wünsche ich dem anonymen Herren, der mit der attraktiven, jungen und anonymen Dame im anonymen Chat ein geheimes Date vereinbart, dass er auf einen alten zahnlosen Greis trifft, der ihn um einen Euro für die nächste anonyme WWW-Sitzung anschnorrt.

    Servus

    • Helmut, wir sind uns darin einig, dass eine Gesellschaft nicht funktionieren kann, wenn alle Menschen zu jeder Zeit anonym bleiben. Du hast ja ein paar Beispiele genannt für solche soziale Interaktionen. Es gibt aber auch welche, die man ganz gerne anonym macht und sei es nur, verschiedene Rollen auszuprobieren. Die Arbeit von Journalisten wäre ohne die Möglichkeit, anonyme Quellen anzuzapfen, stark eingeschränkt. Und nicht zu Unrecht gibt es die anonymen Alkoholiker, die Menschen beim Entzug helfen, die sich nicht helfen würden, wenn ihre Identität nicht verborgen bliebe.
      Ich bin sicher, bei längerem Nachdenken könnten wir eine ziemlich lange Liste erstellen. Seien wir also froh, dass es die Möglichkeit der Anonymität gibt, auch wenn wir sie nicht alle (und schon gar nicht ständig) in Anspruch nehmen müssen.

  8. Wenn keiner mehr anonym im Internet wäre, würde das glaube ich nicht viel bringen. Die, die z. B. sowieso Musik aus dem Internet downloaden, werden dies auch weiterhin tun. Was also würde sich ändern? Man ist etwas eingeschränkter, aber auch nicht viel mehr.

  9. @direktfahrten In diesem einen konkreten Fall würde es das bringen, dass Künstler für ihre Kunst weiterhin bezahlt bekämen.
    Generell bin ich davon überzeugt, dass Spam und Computerkriminalität stark reduziert werden würden und v.a. das man „Persönlichkeit“ ins Netz bringen würde und das Internet auch im Hinblick auf Kommunikation damit wirklich ernst genommen werden könnte. Ein modernes Mittel könnte damit ev. reif werden, der „direkten Demokratie“ dienen zu können.

    • Dass dann plötzlich massenweise Musik gekauft würde, halte ich für eine mehr als gewagte These. Das Budget der meisten Internet-Nutzer, die Songs illegal herunterladen, ist doch arg beschränkt, das sind doch meist Jugendliche. Die laden eine Menge herunter, hören in vieles rein, und kaufen dann ihre Lieblingssachen. Übrigens so, wie wir das als Jugendliche auch gemacht haben, nur dass wir die Songs aus dem Radio oder von Freunden auf Kassetten spielten.

      Die Idee einer direkten Demokratie über das Internet finde ich interessant und dafür ist eine sichere Authentifizierung natürlich nötig. Aber das heisst nicht, dass man deshalb im Internet immer und überall authentifiziert werden sollte. Wenn jede Webseite, die ich besuche, auf einfache Weise meine Identität herausfinden kann, würde ich wohl auf keine unbekannten Seiten mehr surfen.

  10. Ich hatte schon einmal Stellung bezogen gegen die Anonymität im Internet. Ich hatte damals nicht gerade viel Zustimmung geerntet und deshalb auf weitere Stellungnahmen verzichtet. Ich erlaube mich dennoch ein weiteres Mal einzubringen.
    Ich kann es immer noch nicht verstehen, wie man einer anonymen Meinung auch nur irgend eine Aufmerksamkeit zuteil werden lassen kann. Ich halte die ganze Diskussion für relativ müßig – sieht man mal davon ab, dass dieses Problem eines zu sein scheint.
    · Wo wären wir heute ohne die vielen, die mit vollem Namen ihre Meinung der Öffentlichkeit mitgeteilt hätten, und die dafür verfolgt, eingesperrt oder ermordet wurden?
    · Wer würde einem Wissenschaftler noch dessen Wissen abnehmen, böte er es anonym an?
    · Wer würde Bücher kaufen, wenn sie anonym geschrieben werden würde?
    · Wo wären wir, wenn sich unser politisches Leben in dem anonymen Sumpf abspielen würde, der uns heute im Internet begegnet?
    Wenn Politiker ihre „Meinungen“ oder „Vorhaben“ über ein Pseudonym der Öffentlichkeit unterbreiten würde, würden all die, die so großes Verständnis aufbringen für die berechtige Verbreitung von anonymen Meinungen sich wohl lauthals entrüsten – kann sein, dass sie das dann auch unter der Verwendung eines Pseudonyms tun.
    Ich denke, dass wir, wenn wir es zulassen, dass das Versteckspiel im Internet doch irgendwie berechtigt sei, die Erungenschafen dessen, was wir heute Demokratie nennen, beängstigend aufs Spiel setzen.
    Ich kenne die „anne“ nicht, die einen Gegensatz konstruiert zwischen „Anonym vs. „geheim“. Ich verlasse mich nicht darauf, dass ein Bild von ihr dafür garantiert, dass es sie es war, die diese Meinung zum Besten gibt. Auch wenn diese „anne“ aus ihrere Sicht noch so berechtigte Ängste geltend machen würde – ich könnte ihr nicht glauben, auch nicht wegen ihres schönen Gesichts.
    Immerhin hat Herrn Helmut Hirner auf die technische Irrelevanz hingewiesen, gegen die sich Anonymität aber zu sträuben scheint. Aber für die Vielen, für die man das Internet massenrelevant gemacht hat und die eine gute Einkommensquelle abgeben für die vielen Unternehmungen, die sich darin ebenfalls mit Lichtgeschwindigkeit verbreitet haben, mag es sich als sehr nützlich erweisen, dass sie als möglichst große Masse anonym bleiben und dass ihnen auch Anonymität zugesichert wird. Ich wünschen es niemanden, dass er, für den Fall, dass er etwas Sinnvolles oder gar vom Mainstream abweichendes zu sagen hat, sich plötzlich enttarnt sieht. Und ich wünsche es aber den sich für anonym haltenden auch nicht, dass man sich ganz legal und durch Gesetz abgesichert, sich mit ihren PCs befasst – zur Sicherung der Demokratie, versteht sich.
    Die anderen, die sich in „lol“ oder „*fg*“ verbreiten, sind weder der Öffentlichkeit gefährlich noch erscheinen sie als besonders interessant.
    Wer sich vor seinem Arbeitgebern fürchtet, hat schon deshalb schlechte Karten, weil das, was ihm missfällt, auch unter der Verwendung eines Pseudonym weder seine Glaubwürdigkeit erhöht, noch die erwünschte Verbreitung und auch nicht die erwünschte Wirkung hat.
    Eine ganz andere Gefahr aber macht sich bemerkbar: Die Psyeudodanonymität. Darunter verstehe ich die Nutzer, auf die man unter Normalbedingungen nicht zurück greifen kann. Die ihre AGBs so wasserdicht gemacht zu haben scheinen, dass man nur noch juristisch gegen sie ankommt und die sich alles, auch die IP holen, um sich abzusichern. Was sollen dagegen die hellen Empörungen der Anonymen?

    Manches Mal frage ich mich, womit sich die Intelligenz zu befassen hat – mit allem, nur nicht mit einem besseren Schutz vor den Gefahren, die das Treiben des anonymisierten Kapital globalisiert erzeugt gegen unseren Globus, dem einzigen, dem wir unsere Existenz verdanken.

  11. Alfred, du hast immerhin meiner Meinung eine gewisse Aufmerksamkeit geschenkt, obwohl ich ja auch anonym blogge. Ist das nicht ein Widerspruch zu dem, was du schreibst? Ich kann auch nicht nachvollziehen, warum eine Idee unbedingt mit der Identität eines Menschen verbunden sein muss, um relevant zu sein.

    Viele Bücher (insbesondere Krimis) werden anonym geschrieben, was ihrer Popularität und Relevanz keinen Abbruch tut. Märkte bestehen (nicht ausschliesslich, aber auch) aus anonymen Teilnehmern. Selbst in der Kneipe oder auf der Strasse oder auf Feten habe ich mich schon oft anregend mit Menschen unterhalten, deren Identität sich für mich auf einen Vornamen beschränkten. Andere Beispiele (Quellenschutz, Suchtkrankenhile) habe ich in Kommentaren genannt. Ich finde, es gibt gute Gründe, Menschen anonym agieren zu lassen. Und ich bestätige auch gerne nochmal, was ich oben schon geschrieben habe: natürlich kann eine Gesellschaft nicht funktionieren, wenn alle anonym bleiben. Aber das ist noch kein Argument gegen Refugien der Anonymität.

    Interessant ist dein Punkt mit der Pseudo-Anonymität.

    Übrigens bin ich gerne bereit, dir meine Identität zu offenbaren, wenn es dir wichtig ist. Schick mir einfach eine Nachricht über das Kontakt-Feld unter „Über dieses Blog“.

  12. Die Literatur ist voll von Autoren, die unter Pseudonym8en) Bücher geschrieben haben. Daran stört sich niemand, auch Herr Jessen nicht. Irgendwann wird die idntität bekannt; früher oder später. Ein Text bekommt ihren Wert nicht durch den Namen, sondern durch ihre Aussage. Das „anonym“ im Netz herumgepöbelt wird, ist kein Grund, Pseudonyme generell zu verdächtigen.

    • Gregor, nun, es hängt auch von der Art des Textes ab, wie wichtig es ist, ob Persönlichkeit und Hintergrund des Autors bekannt sind. Eine fiktionale Erzählung ist etwas anderes als ein Buch, das gesellschaftliche Missstände anprangert. Manche Texte leben von ihrer Schönheit, andere von ihrer Authentizität. Was mich an Jessen vor allem stört, ist seine grobe Undifferenziertheit und stumpfe Polemik.

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