Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Kindern Sportbegeisterung vermitteln

In An Manche on Juli 3, 2009 at 10:49 am
Foto: vramak 

 

Foto: vramak

Mein Vater war Leistungssportler und hat mich sehr früh für den Sport interessiert. Als 7jähriger schaute ich bereits den 100m-Endlauf der olympischen Spiele und das Endspiel der Fussball-Europameisterschaft. Als 8jähriger sass ich morgens um 4 Uhr auf dem Schoss meines Vaters, um Muhammed Ali kämpfen zu sehen. Als 9jähriger erlebte ich heulend die Schmach von Cordoba. Als 10jähriger schwärmte ich für Björn Borg und Dietrich Thurau und kannte alle Ergebnisse der gesamten Fussball-Bundesligasaison. Anfang der Achziger verbrachte ich Samstagnachmittage vor dem Radio, um die Radio-Reportagen aus den Bundesliga-Stadien zu verfolgen, oder Sommertage vor dem Fernseher, um Laurent Fignon in seinem gelben Trikot die Alpenpässe nach oben fliegen zu sehen. Später dann hat mich Boris Becker im Daviscup oder den US Open Nächte fiebern lassen. Alles – wie ich glaube – inspiriert durch die Sportbegeisterung meines Vaters.

Mein Sohn beginnt jetzt, sich für Fussball zu interessieren. Und natürlich stellt er sich auf die Seite der Sieger: weniger als Barcelona und Lionel Messi geht gar nicht. Und ich frage mich jetzt, inwiefern ich sein Interesse fördern oder Begeisterung in ihm wecken soll. Denn ich selbst bin eher ernüchtert durch Kommerz und Dopingwahnsinn, die zwar beide sehr alte Begleiter des Sports sind, aber von mir nach Absetzen meiner rosa Brille erst in den letzten Jahren wahrgenommen wurden. Das Doping-Geständnis von Laurent Fignon, der jetzt schwer an Krebs erkrankt ist, hat mich persönlich sehr getroffen, es war in gewisser Weise das Eingeständnis des Verrats an dem Kind, das ihn damals angehimmelt hat.

Ist Sportbegeisterung trotz allem sinnvoll – weil es zur eigenen körperlichen Bewegung anspornt, weil es hilft, mit Niederlagen leben und im Triumph Demut zu lernen, weil es die Muster des Lebens mit seinen Dramen und seiner Vergänglichheit als Mikrokosmos widerspiegelt, weil es in gewisser Weise auch zur allgemeinen Bildung gehört?

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  1. Das wird dein Kind eh für sich selber entscheiden.

    • Benni, klar ist mein Einfluss begrenzt – aber allein die Tatsache, seinen Vater sich für einen Sport begeistern zu sehen und mit ihm zusammen Zeit damit zu verbringen und Zusammenhänge erklärt zu bekommen, könnte einen Riesenunterschied machen (jedenfalls bilde ich mir ein, dass mein Vater mich mit seiner verfluchten Sportbegeisterung angesteckt hat)

  2. Ja, aber doch nicht als Resultat einer Überlegung was denn wohl gut für Dein Kind sei. Entweder Du bist begeistert, dann wird das Kind es übernehmen (oder gerade nicht) oder Du bist es nicht, dann passiert das selbe. Was ich eigentlich sagen will: Mach Dich locker 😉

  3. In 20 Jahren werde ich mir Ersatzkörperteile kaufen die gesetzlich garantiert deutlich besser sind als meine Originale. In 100 Jahren werde ich versuchen meinen Geist in die Maschine einfließen zu lassen.

    Der Körper ist ein Behältnis für unseren Geist. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Die erzieherische Frage muss lauten: „Welcher Teil des Körpers erwirtschaftet die Miete?“.

    • Naja, schau’n mer mal, was die Zukunft bringt. Heute zumindest scheint mir der Geist die Ernte einzufahren (wenn man von den paar wenigen topbezahlen Profi-Sportlern absieht). Aber es heisst ja auch: mens sana in corpore sano….

  4. Stimme Benni zu. Warum lässt du dein Kind nicht einfach in Ruhe, damit es die Chance hat, seinen eigenen Weg zu finden.
    Ich empfehle, mal auf der Website http://www.unerzogen.de/ zu stöbern.

    • Weil ich nicht davon überzeugt bin, dass es eine gute Sache ist sein Kind (nur) in Ruhe zu lassen. Bin jedenfalls ganz dankbar dafür, dass ich auch nicht ständig in Ruhe gelassen wurde. Ich denke, beides ist nötig: Freiheit, seinen Weg zu finden, und Unterstützung und Anregung auf der Suche, also das Aufzeigen von Möglichkeiten.

  5. 🙂

    Meine Empfehlung in Erziehungsfragen:

    http://www.michael-winterhoff.de/

    Lesen (oder Hören), verstehen worum es geht, dann lernen unumstößliche psychische Notwendigkeiten in eine freiheitliche Entwicklung zu integrieren (ist sehr anstrengend).

    Meine Lebenserfahrung:

    Einzig Menschen denen die Zukunft ihrer Kinder wirklich wichtig ist, setzen ihnen bewusst Schranken. Lassen all das Leid und Wehklagen über sich ergehen, welches daraus entsteht und sind im Übrigen selbst erwachsen genug auch als Spielverderber noch ein angenehmes Leben zu führen…

  6. „In Ruhe lassen“ finde ich auch eine schlechte Formulierung. Niemand will immer in Ruhe gelassen werden – auch Kinder nicht. Ich würde eher sagen: Vertrau drauf dass Dein Kind sich die Anregungen sucht die ihm gut tun, sei es bei Dir oder bei anderen. Wenn Sportbegeisterung _für_Dich_ immer noch wichtig ist, dann zeig das ruhig. Aber nur künstlich Sportbegeisterung zu zeigen wenn das Thema für Dich längst passe ist, aus einer doch eher abstrakten Überlegung heraus, dass das vielleicht gut sein könnte fände ich etwas schräg.

  7. @Michael Kostic: Diese ganze Grenzensetzen-Diskussion ist total schief (und noch dazu zu dieser Frage hier eigentlich offtopic). Wichtig ist doch nicht ob man Grenzen setzt, sondern aus welchen Gründen. Grenzen die einfach objektiv vorhanden sind oder die aus meinen eigenen Bedürfnissen erwachsen sind gut und wichtig, weil sie dem Kind die Möglichkeit geben Welt und Mitmenschen zu erfahren. Alle anderen sind nur Kaschierung von Machtmissbrauch unter dem Vorwand ja nur „das Beste zu wollen“ und noch dazu schädlich, weil sie genau diese Erfahrung von Welt nicht ermöglichen. Diese Grundregel gilt im übrigen für jedes menschliche Miteinander.

    • Du hast also Psychologie studiert. Aber das macht ja nun nicht jeder. Für alle anderen gibt es Fachpublikationen. Manchmal sind die eben, wie im Fall von Dr. Winterhoff, trotz des komplexen Themas wirklich gut formuliert.

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