Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Balance

In An Niemanden on Juni 30, 2009 at 7:01 am
Foto: wooody

Foto: wooody

Ein Tischtennisball auf einem Tischtennisschläger in einer menschlichen Hand. Der Ball rollt ein wenig nach links, die Hand kippt den Schläger leicht nach rechts, der Ball rollt ein wenig nach oben, die Hand kippt den Schläger nach hinten, der Boll rollt ein wenig nach rechts, die Hand bewegt den Schläger leicht nach links. Ziel des Spiels: eine Balance zu erreichen und zu verhindern, dass der Ball auf den Boden fällt. Ein Betrachter, der dem Spiel nur wenige Sekunden zuschaut, der beobachtet, wie das Kippen nach Links den Ball vor dem Herunterfallen rettet, der könnte den falschen Schluss ziehen, dass Linkskippen ein probates Mittel gegen das Herunterfallen ist. Ein anderer Beobachter, der zu einem anderen Zeitpunkt schaut, könnte den gegenteiligen Schluss ziehen, nämlich dass Rechtskippen die Lösung aller Probleme ist.

Ob in der Erziehung, in der Politik, in der Wirtschaft oder im Lösen von Konflikten – sind wir nicht alle versucht, Probleme durch eine Patent-Lösung aus der Welt schaffen zu wollen, ohne zu merken, dass die eigentliche Lösung darin besteht, eine perfekte Balance zu finden? Dass minimale aber permanente Anpassungen abhängig von der jeweiligen Situation nötig sind? Woher kommt unsere Vorliebe für starre Lösungen, was verleitet uns zu der trügerischen Sicherheit, dass es eine richtige und eine falsche Seite gibt? Und wie entsteht bei so vielen Patentlösern und Lagerdenkern trotzdem manchmal die perfekte Balance?

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  1. Die gesunde Mischung macht’s. Wenn alles ‚rund‘ läuft, gilt: 4/5 Routine, 1/5 neue Versuche (z. B. beim Unterrichten in der Schule). Man erwirbt dann durch trial and error mit der Zeit ein Repertoire an getesteten Handlungsmöglichkeiten. Wenn es dann einmal Probleme gibt, wenn es einmal nicht klappt, dann hat man sofort Handlungsalternativen, die man schon ausprobiert hat. Andererseits stellt 100 % eine Überforderung dar und es kann sein, dass wir und unser Gegenüber mit dem Ergebnis nicht zufrieden sein können.
    Routine und starre Lösungen entlasten. Sie entlasten uns, weil wir uns keine neuen Lösungen ausdenken müssen, sie entlasten unser Gegenüber, weil dieser schon weiß, was er zu erwarten hat.
    x Routine, 1 – x neue Versuche, x < 1. Diese Mischung "mendelt sich raus", weil diese Strategie besser als die Strategien "100 % Routine" (Zu gefährlich!) und "100 % Versuche" (Zu viel Arbeit!) ist.

    • pacioli, interessante Rechnung. Ich gebe dir recht, dass manche starre Lösung schlicht und einfach die einzige Lösung eines Problems sein kann. Um zu verhindern, dass die Badewann überläuft, sollte man den Wasserhahn ausdrehen. Mir scheint aber, dass es eine Reihe von komplexen Problemen gibt – wie zum Beispiel die Wirtschaftspolitik – wo es eben nicht nur eine Lösung gibt, sondern mehrere, die alle in bestimmten Kontexten schon mal funktioniert haben und in anderen gescheitert sind. Anstatt aber begreifen zu lernen, warum und wann die einzelnen Lösungen (z.B. mehr Regulierung, Zinserhöhungen, Steuersenkungen) funktionieren, bilden sich Anhänger dieser Lösungen – während die wahre Lösung darin besteht, eine Balance zu finden und die verschiedenen Teillösungen zum richtigen Zeitpunkt anzuwenden.

  2. Korrektur:
    … Andererseits stellt 100 % eine Überforderung dar … = … Andererseits stellt 100 % Versuche eine Überforderung dar, …

    • Lieber Fragezeichner, gerade die WiPo ist deswegen kompliziert, weil die Bürger und Unternehmen lernen, sich auf eine Wirtschaftspolitik des Staates einzustellen. [Z. B. lernen Banken, dass sie nicht mehr pleite gehen können: moral hazard nennt man das in den USA.] Weiterhin zeigt die Erfahrung, dass der optimale Zeitpunkt wirtschaftspolitischer Maßnahmen eigentlich nie – oder nur zufällig – getroffen wird.
      Darüber, wie einzelne Lösungen funktionieren, zerbrechen sich die Volkswirte schon immer die Köpfe. Und natürlich gibt es darüber unterschiedliche Ansichten: Von Marx, Keynes, Schumpeter bis Friedman und Hayek. – Weiterhin gibt es in der Praxis natürlich auch einfach materielle Interessen einzelner Unternehmen und Bürger, die auch die Entscheidung der Politiker für die eine oder andere Wirtschaftspolitik beeinflussen.
      Ein Konjunkturprogramm zur Ankurbelung der VW in der Krise kann man vertreten: Straßen bauen, Schulen modernisieren … Natürlich kostet das Steuergelder! Aber das Schlimmste, was zur Zeit wirtschaftspolitisch passiert, ist der bail-out maroder Unternehmen und die vorübergehende Rettung dieser vor dem Untergang. Ich vertrete dies, obwohl ich weiss, dass das augenblicklich leider Arbeitslosigkeit erzeugt. Aber die Manager lernen bei solchen Rettungsmaßnahmen, dass ihnen ab einer bestimmten Firmengröße geholfen wird und das ist für den Steuerzahler – und für unsere Nachkommen – viel teurer als ein Konjunkturprogramm – und anstelle von hoffentlich schönen Straßen und gut ausgestatteten Schulen sind nur marode Unternehmen erhalten geblieben.

    • Allein, dass diese Rettungsmassnahmen nötig sind, zeigt, dass die Balance verloren gegangen ist. Jetzt beginnen die hektischen Links-Rechts-Bewegungen, um bei meinem Bild oben zu bleiben…
      Im übrigen glaube ich, dass die Erkenntnisse der genannten Wirtschaftsforscher wertvoller wären, wenn man sie nicht gegeneinander stellte, sondern sich gegenseitig komplettieren. Aber ich gebe zu, das ist leichter gesagt als getan.

    • … ist nur eine – vielleicht falsche, aber mir einleuchtende – Analogie und kommt eigentlich aus der Physik chaotischer Systeme: Wenn man ein chaotsiches Systeme – in der VWL dann unser Wirtschaftssystem, und das sind in der Physik mathematisch ausgedrückt lineare und nichtlineare Differentialgleichungen 2. Ordnung – beherrschen, d.h. rational beeinflussen will, müssen es wenige, einfache und absolut dominierende, grobe Werkzeuge sein. => Keep it simple and stupid – And, furthermore, be dominant, if, of course, possible. But be, needless to say, polite. 🙂

  3. Die „ewige“ Balance ist eine Utopie – wie das Paradies oder das goldene Zeitalter. Der Mensch muss sich auf Störungen und auf das Managen dieser Störungen einstellen. Die Qualität von Systemen läßt sich erkennen, wenn Sie aus der Balance sind: Wie schnell erholt sich ein System, wenn es aus der Balance ist?
    Aber weil Wirtschaftssubjekte lernen, ist im Falle einer Wirtschaftspolitik aus der Geschichte viel weniger zu lernen. Im ersten Beitrag von mir geschilderte Strategie funktioniert z. B. für die Schule, aber aus diesem Grunde für die WiPo nicht mehr ganz optimal. Die nächste Wirtschaftskrise wird wahrscheinlich aus einem Grunde kommen, an den wir heute gar nicht gedacht haben, gar nicht denken konnten.
    Zur Wirtschaftspolitik: 1. Es gibt gewisse Chancen, dass Konjunkturprogramme in Megakrisen wirken – auch wenn Sie teuer sind und eigentlich nie zum optimalen Zeitpunkt kommen (Deswegen Keynes.). 2. Nichtrettung, „schöpferische Zerstörung“ und Nicht-Bail-Out maroder Unternehmen schadet wegen des moral hazards der Volkswirtschaft enorm und hat zu unterbleiben, obwohl es natürlich sofort Arbeitslose erzeugt (Deswegen Schumpeter, Hayek.). 3. Langfristig: Festlegung gut überlegter Regeln und Gesetze – vor allen Dingen im Finanzsektor. Und diese müssen auch unbedingt eingehalten und vom Staat unbedingt durchgesetzt werden, obwohl natürlich Gesetze eine nicht kostenlose Bürokratie nach sich ziehen. (Deswegen Ordnungspolitik á la L. Erhard.) – Das wäre mein spontaner Vorschlag. 🙂

  4. Dirk Baecker im Interview mit Thomas Strobl (aka Weissgarnix):

    Die moderne Gesellschaft ist prinzipiell dynamisch, weil sie nur eine Gegenwart kennt, die in jedem Moment schon wieder vergangen ist. Dann denkt man an die nicht mehr zu verändernde (allerdings: umschreibbare) Vergangenheit und an die unbekannte (allerdings: über Prognosen immer wieder versuchsweise abgesicherte) Zukunft und entdeckt, dass nur noch Verlaufsmodelle wie die der Biografie, der Karriere, der Geschichte einen einigermaßen verlässlichen Halt geben. Krisen muss man in Kauf nehmen, um diese Verlaufsmodelle mit einem hinreichenden Ausmaß an Nichtlinearität, das heißt mit der Fähigkeit zur Verarbeitung von Überraschungen auszustatten.

    Übelste Affirmation, wenn Du mich fragst. Die Kommentare zu dem Artikel sprechen Bände.

    An bestimmten Stellen macht es schon Sinn, eine klare Position zu beziehen, und einfach die eigenen Interessen zu verfolgen.

    • Michael, ein seltsames Interview. Irgendwie scheint Baecker sich selbst in seinem System eingeschlossen zu haben. Zum Balancieren scheint er mich nicht geeignet 😉

    • „An bestimmten Stellen macht es schon Sinn, eine klare Position zu beziehen, und einfach die eigenen Interessen zu verfolgen.“ – Das bestreite ich gar nicht. Aber eine effiziente u. optimale WiPo sieht die Volkswirtschaft(en) als Ganzes mit einem möglichst guten weisen und unabhängigen „König“. Der Konsument aber sieht – so jedenfalls die ökonomischen Modelle – den Nutzen seiner Familie, seinen individuellen Nutzen und den Lohn, der Unternehmer seine Familie, seinen Gewinn, seine Dividende; Verbandsvorsitzende und Gewerkschafter vertreten ihre jeweilige Klientel. Somit versuchen sie alle auf den weisen König in ihrem Sinn Einfluss zu nehmen. Wenn der weise König darauf reagiert, dann ist seine WiPo nicht mehr optimal.
      „Krisen muss man in Kauf nehmen, um diese Verlaufsmodelle mit einem hinreichenden Ausmaß an Nichtlinearität, das heißt mit der Fähigkeit zur Verarbeitung von Überraschungen auszustatten.“ Wenn ich das richtig verstehe, dann stimme ich dem zu, ich „affirmiere übel“. Warum ist das übel? Eine sozialistische Revolution und die Diktatur des Proletariats als Alternative zu fordern, dafür bin ich zu alt und dafür habe ich auch zu wenig Phantasie.

    • Der Sozialismus ist für mich ebenso wie der exzessive Marktglaube ein Beispiel für den Verlust der Balance. Siehe auch meine Gedanken hierzu in Staat und Markt.

  5. > Irgendwie scheint Baecker sich selbst in seinem System eingeschlossen zu haben. Zum Balancieren scheint er mich nicht geeignet.

    Das sehe ich genauso. Dabei sind die sog. „Systemtheoretiker“ aber ja genau jene, die ständig mit dem Argument herumlaufen, daß man die Dinge „regeln“ muß (bzw. sie sich von selber regeln)

    Insofern scheint mir Deine Idee, die Dinge zu „balancieren“, nicht recht schlüssig: man hat es – so denke ich – mit konträren Interessen zu tun.

    • Interessenausgleich und Kompromissfindung sind auch Formen des Balancierens. Das nackte Durchsetzen von Interessen läuft dann doch auf das Recht des Stärkeren hinaus. Ich bin auch optimistischer als du, was die Möglichkeit der Menschen betrifft, sich in andere hineinzuversetzen und (zumindest teilweise) von ihren Interessen zu abstrahieren. Einen offenen Umgang mit seinen Interessen und sich ihrer Bewusstzuwerden ist bereits ein Schritt in die richtige Richtung.

  6. Lieber FZ, lieber Michael!
    Die Volkswirtschaft ist ein System, in dem die heutige Veränderung der Größen (z. B. Veränderung des BIPs & der Arbeitslosenzahl) von der Vergangenheit abhängt. Solche Systeme sind sehr leicht sehr komplex & sehr chaotisch. Je komplexer und chaotischer ein System ist, desto weniger komplex & erratisch darf das wirtschaftspolitische Handeln, z. B. durch verordnete Regeln & Gesetze, sein. Denn nur wenn die eigene Wirtschaftspolitik eindeutig & berechenbar erscheint, kann man erwarten, dass sich auch die anderen Mitspieler (Konsumenten, Arbeiter, Unternehmer, Sparer, Aktionäre, Banker, andere Staaten, Engel,…) berechenbar (& vielleicht gar konstruktiv & systemdienlich) verhalten. Der Wirtschaftpolitiker würde zudem durch ein uneindeutiges Verhalten die Kompexität des Systems & und somit seine Unbeherrschabarkeit noch erhöhen. – Das sagt mir jedenfalls mein Instinkt.
    => Keep it [the policy] simple and stupid.

    • pacioli, wenn es z.B. um die Steuergesetzgebung geht, scheint mir in der Tat eine lähmende Komplexität erreicht, hier würde ich eine Überregulierung beklagen. Was den Finanzsektor betrifft, der eine so zentrale Rolle in der Weltwirtschaft spielt, hat man dagegen nur blöd zugeschaut, während sich ganz von alleine eine Komplexität gebildet hat, die anscheinend niemand mehr durchschaut hat oder durchschauen wollte. In beiden Fällen ist das System ausser Balance.

  7. Da Beispiel mit dem Schläger ist nicht schlecht aber uninteresant.Unser Wirtschaftssystem spiegelt allerdings nur unser Gesellschaftssystem. Nach dem 2. Weltkrieg machte die deutsche Gesellschaft 2 Schritte vorwärts: Die Einführung der Sozialen Marktwirschaft (echte soziale Marktwirtschaft) wurde die Grundlage für ein gerechtes Miteinander. Ein gerechtes Miteinander ist Grundlage für ein längerfristig funktionierendes Wirtschaftssystem. Ein Schritt zurück: Die Abkehr von der Gerechtigkeit (Alle Machte dem Markt – alle macht den Starken), brachte einer funktionierenden Gesellschaftsordnung und Wirtschaftsordnung das Aus. Hofentlich bleibt es bei dem einen Schritt zurück.

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