Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Wir singen uns die Welt schön

In An Mich on Juni 25, 2009 at 9:08 am
Foto: wortmeer

Foto: wortmeer

Erich Kästner bezeichnete Kurt Tucholsky als „kleinen dicken Berliner, der mit der Schreibmaschine eine Katastrophe aufhalten wollte„. Kann die Musik das, was Tucholsky nicht geschafft hat – kann Musik die Welt verändern? Ich meine dabei nicht die Welt der Musik, sondern Veränderungen, die auf auf Politik und Gesellschaft wirken. Oder kann sie im besten Fall lediglich die Veränderungen begleiten, beschreiben, musikalisch verewigen? Oder Veränderungen eine Stimme verleihen?

Gibt es wenigstens ein einziges Lied oder Stück, das die Welt mal verändert hat? Hat Biermanns „Lass dich nicht verhärten“ zum Zusammenbruch der DDR beigetragen? Hat Bob Dylans Version von „Blowing in the Wind“ den Vietnam-Krieg zu verkürzen geholfen? Haben Bachs Kantaten, Mozarts Opern oder Beethovens Symphonien die Menschen in einer Weise sensibilisiert, inspiriert, befriedet, dass die Gesellschaft davon besser wurde? Haben Hanns Eislers Protestlieder die Arbeiterbewegung gestärkt? Lässt sich das überhaupt irgendwie beurteilen? Haben die Zuschauer des Westernhagen-Konzerts, die aus vollen Kehlen „Freiheit“ sangen, auf dem Rückweg zum Parkplatz noch den Schimmer der Bedeutung des Freiheitsbegriffes?

Aber warum nicht mal bei mir anfangen: gibt es ein Lied, das mich verändert hat? Gibt es eine Akkordfolge oder musikalische Struktur, die mich zum umdenken gebracht hat? Gibt es eine Melodie, die mir die Augen geöffnet hat? Hat sich ein Text dadurch bei mir eingebrannt, dass er gesungen wurde? Hat ein Musikstück jemals eine neue Lebensphase eingeläutet? Die Musik, die die stärksten Erinnerungen hinterlassen hat, war Tröster, Aufputscher, Spiegel oder auch zufälliger Zeuge von emotionalen Ausnahmezuständen – aber nie Mitwirkende im harmlosen Drama meines Lebens. Die Musik, die mir ans Herz gewachsen ist in den Jahren, ist dies aus den verschiedensten meist unergründeten Gründen, aber zu einem anderen Menschen hat sie mich sicher nicht gemacht. Bin ich da eine Ausnahme?

Oder gehört Selbstüberschätzung nunmal zum Rüstzeug der Liedermacher, Grössenwahn zu jeder Rockband, träumerische Illusion zu jedem Poeten und die Legende, dass die Welt durch einfach und schöne Dinge verändert werden kann, zum Mythenschatz der Menschheit? Und zur Beruhigung kann man sich immer noch diese CD kaufen…

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  1. hey, sehr schöner und guter blogpost, vielen dank. werde ihn wohl diese woche noch verlinken da er sehr gut zu meiner Blog Thematik Musik passt. Und ja ich denke es gibt Bands wie z.B Rage Against The Machine, die viel für ein politisches Bewußtsein einer mehr oder weniger ganzen Generation getan haben. Aber ich denke auch dass das viel mit „zur richtigen Zeit mit der richtigen Message am richtigen Ort zu tun hat“ und soetwas nicht unbedingt auf dem Reissbrett konstruiert werden kann.

  2. Wieder mal ein gewohnt guter Frage-Artikel, lieber Fragezeichner. Die Frage ist so gut, dass ich lange über die Antwort nachdenken muss .. und auch keine „einfache“ Antwort liefern kann. Nur dies: Wenn Musik die Menschen friedlicher macht und ihre Seele belebt- ja, dann könnte die richtige Musik die Welt tatsächlich besser machen. So wie Marsch-Musik die Menschen auf Krieg eingeschworen hat, die Nationalhymne das Nationalbewusstsein stärkt und Kampflieder den Kampfgeist beschwören- so gibt es auch Liebeslieder, politische Chansons, Kirchen-Choräle und kommerzielles Einheits-Pop-Gut. Es kommt wohl ganz auf die Inhalte und die Absichten an, die der Künstler beim Komponieren so hat.

    mfg, Julia

  3. Ich hab‘ schon so viel gesungen, aber bin ich deswegen ein besserer/anderer Mensch geworden? glaube nicht. Bin ich durch die Musik auf neue Ideen gekommen? Ja, ja und nochmals ja. Hat sie mein Leben (stark) beeinflusst? Noch mehr ja – es ist reicher und schöner geworden, aber es wird der Punkt kommen – und ich sehe ihn schon – da ich sie verfluchen werde, denn sie wird mir auch ein „verdammtes“ Loch hinterlassen …

  4. benson, danke für das Kompliment. Kann Musik politisches Bewusstsein schaffen? Ich kann es mir schlecht vorstellen, werde aber darüber nachdenken.

    Julia, Marcel Reich-Ranicki hat die Musik mal als Hure bezeichnet. Man könnte auch einfach Medium sagen, das Emotionen verschiedenster Art für Menschen verschiedenster Absichten transportiert. Aber kann Musik Botschaften transportieren? Ich glaube nicht, sie ist ja keine Sprache. Sie kann eigentlich nur Botschaften anderer Art emotional befeuern. Aber dieser Effekt scheint mir nicht nachhaltig und stark genug, um Veränderungen anzustossen.

    Rufus, alles, was du schreibst, könnte ich auch von mir selbst sagen. Ohne Musik wäre ich nicht ich. Nicht mehr musizieren zu können, würde in der Tat ein grosses Loch hinterlassen. Ich würde zum Beispiel lieber erblinden als taub werden (, aber: warum sollte ich deshalb die Musik verfluchen? Ich hatte ja keine andere Wahl. Oder habe ich dich falsch verstanden?)
    Aber könnte nicht auch der Taubenzüchter das gleiche sagen? Und kann Taubenzüchten die Welt verändern?

  5. I’m a girl from the US who grew up with the music of Joni Mitchell. I think her ability to wear her personal vulnerability like a beautiful mantle made her and us strong. A songwriter of her stature can shape a whole generation’s outlook on life.

    Ich bin in den USA aufgewachsen, und zwar mit der Musik von Joni Mitchell, die ihre Verletzbarkeit wie einen Mantel getragen hat und dadurch erst so stark wirkte. Sie hat, denke ich, eine Generation bewegt.

    • Anne, ja, ich fühle mich auch von bestimmten Künstlern angesprochen und es finden sich fraglos die Gedanken oder Gefühle einer ganzen Generation in der Musik, die sie hört. Joni hat bestimmt den Geist ihrer Epoche in Musik gegossen, aber hätte es diese Epoche ohne sie nicht gegeben?

      Als ich heute morgen vom Tode Michael Jacksons hörte und ein Musikjournalist sagte, dass Michael Jackson die Tür für schwarze Musiker in den Mainstream geöffnet hat, da musste ich an meine Frage denken und mir eingestehen, ja, die Welt der Pop-Musik und des Show-Geschäfts sähe heute tatsächlich anders aus ohne Michael Jackson. Seine Musik (und seine Erscheinung) haben die Welt tatsächlich (ein wenig) verändert…

  6. Die Verkürzung, oje, ich meinte natürlich den Augenblick, da ich mit ihr begonnen habe – als ich ihr sozusagen verfallen bin … es ist wie eine Sucht, das aktive Musizieren und es wird nicht ewig so weitergehen …

    • rufus, war dieser Augenblick denn nicht unvermeidlich? Und selbst wenn du ihn hättest vermeiden können, wäre später nicht der gleiche Impuls aufgetreten, der dich zur Musik gebracht hat?

  7. Er war vermeidlich oder vielleicht auch nicht – es hat mich hin gezogen. Ich glaube, die Musik hat was.

  8. Ich singe – seit einiger Zeit und nur so zum Spaß. Meine Welt hat sich durch den Gesang meiner Stimme verändert. Nicht laut und vehement – aber doch im Geschmack und in der Frequenz ihrer Schwingung. Heute kann ich mir einen Tag ohne den Klang meiner Stimmbänder nicht mehr vorstellen. Die Welt wird dadurch nicht unbedingt schöner, aber tiefer und weiter.

  9. Bei Deiner Frage hatte ich (natürlich 🙂 weniger an Singer/Songwriter gedacht, sondern an Richard Wagner. Wagners Musik hat ganz zweifellos die Welt verändert.

    Zunächst tut dies ja jede Musik, weil die musikalische Praxis, gleich in welcher Form, immer Teil der Gesellschaft ist. Sie muß gar nicht unbedingt konkret eine Botschaft transportieren – es reicht völlig aus, wenn sie Menschen anspricht und dazu bringt, auf sie zu reagieren. Ich kann mir jedenfalls keine Musik vorstellen, die nicht in irgendeiner Form zumindest einen gewissen Kreis von Menschen anspricht (oder mißfällt (!)). Auf meinen Seiten gab es ja kürzlich eine Debatte über das Thema „Musik und Kommunikation“ – wenn „etwas“ kommuniziert, greift es immer auch in Gesellschaft ein.

    Bei Wagner ist die Sache insofern sehr speziell, weil mit seinem „Fall“ auch der Fall Bayreuth verbunden ist – Hitlers Bayreuth nicht erst in der Zeit des Dritten Reichs, sondern deutlich vorher und in der Vorbereitung von Diktatur und Krieg. Für diese Vereinnahmung kann Wagner nur teilweise etwas – es gibt von ihm aber Äußerungen, die die nationalsozialistische Deutung seines Werks durchaus stützen. Aber auch nach 1945 hat seine Musik politische Auswirkungen – ich denke an die Proteste der Israelis, als Barenboim bei seiner Konzertreise Wagner spielen wollte. – (Ich habe einen längeren Text zu dem Thema in Arbeit, dessen erste Fragmente schon online stehen.)

    Du schreibst: „Man könnte auch einfach Medium sagen, das Emotionen verschiedenster Art für Menschen verschiedenster Absichten transportiert.“ – Da bin ich grundsätzlich anderer Meinung. Musik transportiert erst einmal gar nichts – die Hörer tun diese Emotionen nachträglich in sie hinein. Das ist kein Sophismus, sondern erlaubt es zu verstehen, warum so viele Menschen Musik mißverstehen. Siehe auch hier.

  10. Also ich ergebe mich und erkläre: Musik hat die Welt verändert und verändert sie ständig. Nur ist es praktisch unmöglich, sie in eine gewisse vom Komponisten oder Songschreiber gewünschte Richtung zu verändern. Ausserdem sind die Veränderung oft so subtil, dass sie nicht oder erst viel später wahrnehmbar werden.

    Rufus‘ Kommentar hat mir deutlich gemacht, dass man eine dramatische Veränderung dann spüren würde, wenn die Musik nicht mehr da ist. Allein das zeigt ihre Bedeutung – für den einzelnen, aber auch für die Gesellschaft.

    Michael, noch ein Wort zum „dem Transportieren von Emotionen“: da habe ich mich ungenau ausgedrückt, ich sehe das wie du. Ich wollte sagen, dass Menschen, die Musik hören, von ebendieser ihre Emotionen und selbst Gedanken transportiert sehen, besser gesagt: sie projezieren ihre Emotionen in die Musik. Musik wirkt eher als Katalysator von Emotionen denn als Medium.

  11. […] einigen Tagen bin ich auf einen Blogpost auf dem Frage-Blog gestoßen, den ich sehr gut fand. Das Frage-Blog, der Name sagt es schon, beschäftigt sich nur mit […]

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