Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Netzwerke: Materialtest

In An Manche on Juni 16, 2009 at 9:16 am
Foto: Lautergold

Foto: Lautergold

„Wer heute nicht mit Social Media anfängt, hat morgen nicht das Netzwerk, das er braucht!“ Diesen Satz hat mir Hannelore zugetwittert, er ist wohl auf dem Deutschen Multimedia-Kongress in ähnlicher Form gesagt worden. Wie das nun mal so ist mit prägnanten, schön formulierten Sätzen, sie betören schon mal allein durch ihre Form und Stringenz, kristallisieren ein vages formloses Gebräu von Gedanken und lösen den Reflex aus zu denken: genau! Und wenn man dann mit den Gedanken wieder weiterwandert, dann verwandelt sich der schöne Satz zum Filter im vorderen Hirnlappen und macht Werbung in eigener Sache (im Volksmund auch Vorurteil genannt).

Deswegen möchte ich den Satz nicht widerstandslos in den Frontallappen einziehen lassen und ihn stattdessen ein wenig hinterfragen. Netzwerke gibt es schon, seit es Menschen gibt. Dazu braucht man keine neuen Medien. Man braucht dazu nur seine Augen und Ohren, seinen Mund und eine gewisse Neugier beim Gang durch das Leben. Der Gründer von Facebook, Marc Zuckerberg, hat mal auf die Frage geantwortet, wie man Netzwerke oder Communities im Internet erzeugt: „Gar nicht, man kann nur bereits existierende abbilden“. Wieder so ein prägnanter Satz. Natürlich entstehen neue Netzwerke – denn was anderes sind meine Kontakte mit meinen Blog-Lesern und den Bloggern, bei denen ich kommentiere, oder die Twitterer, mit denen ich Gedanken austausche?

Doch wie stabil sind diese Netze eigentlich? Enden sie mit dem Blog oder mit dem Löschen des Facebook- oder Twitter-Accounts? Migrieren sie mit mir auf die nächste populäre Platform? Werden sie die Zeit überdauern bis zu dem Tag, an dem sie nützlich werden könnten?

Und was vermögen diese neuen Netze zu leisten? Was weiss ich wirklich von diesen virtuellen Freunden? Würde ich ihnen Geld leihen? Mich für sie bei meinem Chef einsetzen, um ihnen einen Job zu besorgen? Würde ich ihnen meine Kinder anvertrauen? Sicher nicht, ohne sie persönlich getroffen zu haben. Aber würde ich ihnen wenigstens – wenn ich denn könnte – einen Platz in einem Panel besorgen oder die Möglichkeit einen Vortrag zu halten? Ja, wenn die Referenzen stimmen und fachliche Kompetenz erkennbar ist – aber das würde ich auch bei jedem anderen, der mich danach fragt.

Wie effizient ist also dieses Netzwerken verglichen mit den traditionellen Netzwerken? Lassen sie sich überhaupt so einfach voneinander trennen? Könnte es sogar sein, dass die im Web besonders gut Vernetzten vielleicht ihre persönlichen Netzwerke mit ins Web gebracht haben – dass die eigentliche Vernetzungsarbeit ganz klassisch durch den beruflichen Werdegang und den Freundeskreis entstanden ist? Sind vielleicht die verborgenen Bande, die keiner im Internet gespiegelt sieht, die mächtigeren?

Wie oft habe ich schon gedacht, dass ich mit meiner Musik mehr Menschen durch einen einzigen Auftritt in der Fussgängerzone erreichen kann als durch monatelanges Bloggen und Twittern. Ist es vielleicht genauso mit den Netzwerken? Investiert man seine Zeit nicht besser durch das Entwickeln persönlicher als durch das Entwickeln virtueller Kontakte in sozialen Medien? Gesetzt – es geht einem wirklich darum, ein Netzwerk zu schaffen, „das man später braucht“ – denn für mich bleibt Bloggen und Twittern einfach ein kreatives Vergnügen.

Advertisements
  1. Spannend. Der Eingangssatz stammt übrigens von mir. Ich habe ihn in einer Diskussion über Markenführung im Social Web gesagt. Der Satz ist eben nicht nur schön (Danke für das Kompliment!), sondern auch wahr. Jedenfalls für Unternehmen, denn um die ging es. Wenn du willst, dass dir jemand zuhört, brauchst du ein Netzwerk. Netzwerke gab es schon immer. Nur hatten und haben Unternehmen keine Netzwerke. Die haben PR und Marketing, das aber eben in dem Maße an Einfluss verliert, wie die gegenseitige, persönliche Information an Einfluss gewinnt. Die Frage, ob Kontakte virtuell oder persönlich besser sind, ist für mich dabei reine Rhetorik. Denn wie willst du Kontakt zu mehreren tausend Leuten im echten, also analogen Leben halten?

    • Hallo Mark, ist ja Klasse, dass sich der Autor des Satzes persönlich meldet! Auf Unternehmen bezogen bekommt der Satz zugegebenermasse eine andere Bedeutung als für Privatpersonen. Allerdings haben auch Unternehmen heute schon konventionelle Netzwerke – einerseits die Netzwerke ihrer Mitarbeiter (die möglicherweise sogar ein Einstellungsgrund waren) aber auch über Jahre gewachsene stabile Partnerschaften mit Zulieferern, Werbeagenturen, Dienstleistern, etc. Und auch hier stellt sich die Frage, ob die realen Kontakte – auch wenn sie natürlich nicht so skalierbar sind wie die virtuellen – durch ihre Qualität eine grössere Wirkung erzielen als die virtuellen, flüchtigeren. Ich bin auch davon überzeugt, dass Unternehmen über soziale Medien am Diskurs teilnehmen sollten – aber nicht wegen möglicher Netzwerke, sondern um zu verstehen, wie ihre Kunden denken und mit ihnen in ständigen Dialog zu treten.

  2. Ich meine: Netzwerke entstehen durch Kontakt. Kontakte im wirklichen Leben „durch Augen und Ohren, seinen Mund und eine gewisse Neugier beim Gang durch das Leben sind“ sind begrenzt. Durch Twitter & Co. kann man ein Vielfaches mehr zu einem Vielfachen an Menschen haben. Deswegen werden die Netzwerke durch die neuen Medien deutlich größer.

    Richtig ist allerdings auch: Die Qualität eines elektronisch-persönlichen Kontaktes ist weniger hoch als die Qualität eines phyisch-persönlichen Kontaktes. Deswegen ist eine Netzwerk aus phyisch-persönlichen auch stärker.

    Trotzdem hat das elektronisch-persönliche Netzwerk Vorteile.

    • Mirko, vielleicht geht es also in Zukunft um die Kunst, dir richtige Balance zwischen persönlichen und virtuellen Netzwerken zu schaffen, um die Vorteile von beiden zu kombinieren. Ich sehe die virtuellen Netzwerke aber eher als eine Ergänzung zu den persönlichen (die unersetzlich bleiben).

  3. Ja, absolut richtig. Das entspricht meinen Erfahrungen. Je größer „mein“ virtuelles Netzwerk wird, desto wichtiger werden für mich die persönlichen Kontakte. Das ist übrigens auch in der Kultur der Netzwerke verankert. Ich sage als Stichworte nur „Tweetup“ oder „Twittwoch“ oder „Webmontag“ oder „Twesitval“. Die virtiellen Netzwerker treffen sich im realen Leben und überführen dann ein paar der Menschen in ihr „real-persönliches“ Netzwerk! Ich habe durch Twitter schon einige Menschen kennengelernt, die mir heute (real) lieb und wichtig sind.

  4. Korrektur. … das elektronisch-persönliche Netzwerk AUCH SEINE Vorteile

  5. Virtuelle Kontakte können sehr unmittelbar persönlich daher kommen, da muss man sich fragen: Geht das hier wirklich tiefer als eine Kneipenbekanntschaft?

  6. wobei nicht alle „virtuellen“ Kontakte flüchtig sein müssen. Ich bin beispielsweise seit 1994 im Internet. Es gibt Kontakte, die habe ich bereits seit 1995/6. Wir kennen uns meist einzig vom Lesen – oft aus Mailinglisten. Gut, einige von uns trafen sich schon im „realen Leben“. Bei anderen kam etwas dazwischen. Und sei es wegen der Entfernung.

    Im Netz verabreden wir uns (meist) nicht, aber wir treffen uns immer wieder. Mal in dieser Mailingliste, dann in jener. Oft rein zufällig. Gemeinsame Interessen halt. Neben eMail nutzen wir alles, was das Netz bietet und angebracht ist. So beispielsweise Skype und Twitter. Es ist wie eine Bekanntschaft, die man nicht dauernd sieht, die dafür aber sehr beständig ist – und auf die man sich auch verlassen kann. Einige Namen gehören dann einfach zum eigenen Leben mit dazu wie „persönliche“ Bekannte.

    Wichtig ist, dass man meint, sie einschätzen zu können, mit dem Namen etwas zu verbinden, auch wenn man sie noch nie sah. Für mich lassen sich einige nicht zwischen privaten und geschäftlichen Kontakten trennen. Beides fluktuiert. Das ist so, wenn die Interessen auch Business werden können.

    Gemeinsame Gespräche über einen längeren Zeitraum – egal über welchen Kanal – können ebenso bindend wirken wie der persönliche Kontakt. Wobei man sich allerdings irgendwann meist doch sehen will.

    Mich wundert nicht, dass ich heute auch einigen über Twitter begegne. Per eMail sind wir eh noch miteinander verbunden.

    • Ich würde das eher als Community mit gemeinsamen Interessen denn als Netzwerk bezeichnen – aber geschenkt. Deine Geschichte ist ein weiteres Indiz für die Bedeutung der Verzahnung von virtuellen und persönlichen Kontakten und das Bestreben, virtuelle in persönliche Kontakte zu verwandeln.

  7. Ein interessanter Denkansatz… Die Verbindung von Offline- und Onlinewelt ist eine der größten Herausforderungen der heutigen Zeit und wird der Treiber der Werthaltigkeit in einem zunehmend komplexeren Mitbewerbskampf unserer Businesswelt. Selbiges gilt für alle Netzwerke. Wer seine Kontakte nur mit einer Jäger- und Sammlermentalität sucht und pflegt, steht schnell alleine an der Bar und bei Events in der Ecke. Die Offlinewelt ist ein Muss, das Online-Netzwerken eine Pflicht sowie Blogen und Twittern die Kür. Das einzige Problem: Der Tag hat auch mit der Onlinewelt zukünftig keine 36 Stunden… Irgendwann müssen wir alle Prioritäten setzen.

  8. Bzgl. der Prioritäten und des gegebenen Zeitfensters schließe ich mich Martin Meyer-Gossner an. Das mit der Online- wie Offlinewelt, sehe ich jedoch bekannter Maßen different.

    Ich meine das aktuell keinerlei Technik existiert, die ein wie auch immer geartetes substanzielles Netzwerken ermöglicht. Aber hey. Vor 80 Jahren dachten auch die meisten Menschen das telefonieren eine tolle Möglichkeit zum Netzwerken sei. Bis dann in das Allgemeinwissen einfloss, dass da immer auch andere Menschen ungebeten Mithören können. Und das ist es schlussendlich was Netzwerken seinen Wert gibt, ihm diesen nimmt.

    Im Lokal unterhalte ich mich nicht in gesenkter Tonlage um die anderen Gäste nicht zu stören, ich tue dies damit mir andere nicht ungebeten zuhören. Die Vertraulichkeit ist gewahrt. Und aus der Menge solcher Treffen generiere ich das was man durchaus Authentizität nennen könnte. Ich lerne den Kommunikationspartner immer besser kennen, Sehen, Fühlen, Riechen und Schmecken…

    Gelingt es technisch all dies (und noch so manch anderes) abzubilden, kann eine substanzielle Erweiterung des persönlichen „sich austauschen“ entstehen. Es wird gelingen, dauert halt ein paar Jahre 😉

  9. Dem Aspekt der Technik von Michael Kostic gebe ich grundsätzlich für die mittelfristige Zukunft oberste Bedeutung. Aus diesem Grund habe ich die Notwendigkeit des Personal Web Managers für den Einzelnen im und für das Unternehmen ausführlich ausgesprochen (http://www.thestrategyweb.com/vision-oder-utopie-personal-web-manager). Manche Sachen lassen sich nur über die menschliche Ebene sinnvoll regeln und steuern. Die Verbesserung des Personal Brandings mittels Onlinekommunikation ist ein solches – ein wichtiges Kriterium für die Karriere 3.0. Die sinnliche Erfahrung ist ein Wert, den die Onlinewelt nie ersetzen kann… Da kann man schon viel geschrieben und ‚genetzwerkt‘ haben. Am Ende des Tages zählt der finale Satz ‚Ich kann Dich gut riechen!‘.

    • Noch älter als der Geruch, aber ebenso zutreffend:

      „Papier verkauft nicht!“

      Lebensmotto eines genialen bis schwierigen Altunternehmers 😉

  10. Interessante Diskussion, mit vielen einsichtigen Argumenten, die mir ohne Seiten wie dieser noch verschlossen wären.

    In einer nächsten realen Begegnung und einem ähnlichen Thema, könnten diese in die Diskussion miteinfliessen – womit ich meine, dass sich aus sozialen Netzwerken eine im relaen Leben anwendbare und erweiterte Sozialkompetenz ergeben kann – und unter einem solchen (oder ähnlichen ) Gesichtspunkt würde ich dem Satz zustimmen:
    Wer heute nicht mit Social Media anfängt, hat morgen nicht das Netzwerk, das er braucht.“ – zwar nicht aus den virituellen Kontakten, sondern aus der erweiterten, erlernten und angewandten Sozialkompetenz – der Kit, der verbindet.

    Gerade für Selbständige, oder die es werden wollen, nach meiner Meinung einer der wichtigsten Fähigkeiten für den Gesamterfolg.

  11. @Menachem:

    Ist das nicht erstaunlich? Wenn wir einmal annehmen ein Mensch besitzt 100% Talent, dann ist es doch schon sehr verwunderlich, warum von Mitarbeitern 100% in Sachen fachlicher Qualifikation erwartet wird. Wäre doch die in Vertrag Stellung solcher schlicht nicht möglich. Ihnen fehlte jedes Prozent Sozialkompetenz. Sehr spannend hieran die IT. Extrem komplexe Strukturen benötigen teils extrem talentierte Mitarbeiter…

    …oder kann man doch beides haben, müsste eben nur wissen wie es geht?

    LG

  12. @Michael, dass von dir angesprochene macht es vielleicht manchmal so sehr schwierig, mit talentierten Menschen zusammenarbeiten und sie ihr Talent ausleben zu lassen –
    und die dabei fehlende Sozialkompetenz erfordert dann ein extrem hohes Mass an Gelassenheit, das auch ich nicht immer auf Abruf zur Verfügung stellen kann.

    LG nach B.

  13. @Menachem:

    Das kann man lernen 😉

    Man darf nicht vergessen das es prägnante Unterschiede gibt, zwischen simpler sozialer Inkompetenz, substanzieller Entrückung und krankhafter Verirrung.

    Meist erleben wir das Letzte und Vorletzte als das erste, obwohl es das gar nicht ist…

    LG nach L.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: