Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Wie sag ich’s meinem Kinde?

In An Mich on Juni 11, 2009 at 5:55 am
Foto: Photos8.com

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Ok. Schau deinem Kind in die Augen und sag ihm ins Gesicht, dass du nicht stolz auf es bist, nicht sein kannst, weil du Stolz negativ assoziierst, weil Stolz eine unangenehme Eigenschaft ist, die abgrenzt und überhöht, die dem Egoismus des Menschen huldigt und sogar zu den sogenannten sieben Todsünden gehört, und zudem noch vollkommen unsinnig ist, weil ja es, das Kind, selbst für seine Leistungen verantwortlich ist (wenn in dieser deterministischen Welt überhaupt jemand für irgendetwas verantwortlich ist) und du, das Elternteil, ja nur in geringem Masse, im Rahmen deiner beschränkten Möglichkeiten, als ein Faktor unter vielen zu seiner Entwicklung beigetragen hast. Oder sagst du dann doch lieber: „Ja, natürlich bin ich stolz auf dich!“?

Und wenn es dich fragt, warum der Grossvater tot ist, warum Menschen sterben können, und was mit ihnen passiert, wenn sie sterben, und ob du auch bald sterben könntest oder es selbst, und wie traurig es ist, dass der Grossvater jetzt in der Erde von den Würmern zerfressen wird, dann nimmst du deinen Mut zusammen und erinnerst dich daran, dass du der Wahrheit verpflichtet bist, und erzählst von der Evolution und von egoistischen Genen und dem Nichts, in dem alles verschwinden wird. Und du sagst NICHT im Brustton der Überzeugung (wo soll die auch herkommen?), dass wir uns alle im Himmel wiedersehen werden, dass Grossvater jetzt ein Engel ist, der seine schützende Hand über uns hält, und dass unsere Seelen weiterleben. Oder etwa doch?

Inspiriert durch das Gedicht „Wie sag ich’s meinem Kinde?“ der wunderbaren und doch leider immer mehr in Vergessenheit geratenden Mascha Kaléko.

Es war nicht pädagogisch,
Vom Fortbestand der Seelen,
Und viel zu theologisch,
Vom Himmel zu erzählen.

Doch mangels akkuraten
Berichts aus jenen Sphären,
Erschien es mir geraten,
Zu trösten statt zu lehren.



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  1. Lieber Fragezeichner, ich muß wohl mein Beileid bekunden (wobei ja offen bleibt, ob es sich um Deinen Vater oder Stiefvater handelt).

    Ob man Kindern wirklich etwas Gutes tut, wenn man ihnen den Quatsch vom Himmel und den Engeln erzählt, weiß ich nicht – ich glaube, daß das nur dann trösten kann, wenn die Eltern selber daran glauben. Neben den Würmern, der Evolution und Richard Dawkins „Egoistischen Genen“ gibt es aber schon noch eine Ebene von Spiritualität, die durchaus Anspruch auf „Wahrheit“ anmelden kann. Ich denke hier an die Denktradition, die eine göttliche Instanz im Zentrum allen Seins sieht – das Jenseits findet sich wieder im Kern jedes einzelnen Menschen. Diese Ideen reichen von den indischen Veden über Platon, Kant und Schopenhauer – es gibt m.E. gute Gründe, eine Metaphysik in dieser Tradition auch in die modernen konstruktivistischen Ansätze einzubauen.

    Ob man mit solchen Ideen Kinder trösten kann, weiß ich allerdings nicht – sie in diesem Sinn zu belehren mag aber vielleicht helfen.

    • Michael, zunächst mal: es ist glücklicherweise nur ein Urzeitkrebschen gestorben, ich habe hier etwas dramatisiert. Ich mochte mir aber angesichts seiner Reaktion auf das leblose Urzeitkrebschen gar nicht ausdenken, wie mein Söhnchen beim Tod eines ihm geliebten Menschen reagieren würde. Deinen Vorschlag, durch Bezug auf spirituelle Traditionen der Philosophie oder andere Denkrichtungen zu trösten, werde ich gerne aufnehmen, und in einem Artikel hier mal zur Diskussion stellen.
      Spontan würde mir jetzt allerdings keine auch nur annähernd so überzeugende Metapher wie das Wiedersehen in einer Welt ohne Schmerz einfallen, abgesehen von der Idee der Reinkarnation, die mir sogar noch tröstender erscheint, weil sie eine Wiederkehr der Menschen auf ihrer geliebten Erde verheisst und gleichzeitig Gerechtigkeit durch das Bestrafen von Fehlverhalten mit schlechtem Karma in der nächsten Reinkarnation.
      Sowohl Kant als auch der Konstruktivismus fliessen bei mir durchaus in die Erziehung ein, allerdings halfen sie mir beim Trösten nicht weiter. Schopenhauers und Platons Vorstellungen vom Tod kenne ich zu wenig. Wäre interessant zu wissen, wie Buddhisten ihre Kinder trösten. Denn ich glaube, dass alle Eltern zu allen Zeiten und in allen Kulturen diesen Trost finden mussten. Aber vielleicht nie in einer so stark individualistisch und materialistisch geprägten Welt…

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