Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Erziehung in Zeiten der Gefahr

In An Alle on Juni 4, 2009 at 8:34 am

[Bild: jatop]

Die Generation meines Vaters und meines Grossvaters (und wohl auch die der diversen x-Ur-Grossväter) sind in Zeiten des Krieges, in Zeiten der ständigen Gefahr und Bedrohung aufgewachsen. Ist das möglicherweise auch der Grund, warum sie autoritär erzogen wurden? In Zeiten der Gefahr kann jeder Fehler, jedes Experiment, jeder unbedachte Schritt tödlich sein. Ständiges Hinterfragen von Entscheidungen, langwierige Diskussionen und trotzige Verweigerung konnten katastrophale Folgen haben. Instinktiver und blinder Gehorsam gegenüber den Eltern dagegen verringert dieses Risiko. Ich bemerke an mir selbst, dass ich mit meinem Söhnchen sehr streng, ja rabiat sein kann, wenn wir in der Stadt sind, im Verkehr, umgeben von Autos, umgeben von der Gefahr. Ist das Aufwachsen zwischen und während Kriegen nicht ein Leben in einer dauerhaften potentiellen Gefahren-Situation, in der man sich den Luxus des Abwägens, Ausgleichens, Überzeugens durch Worte nicht leisten kann?

Und was passierte heute bei einem Krieg – wenn wir in Bunker müssten mitten in der Nacht mit unseren Kindern, die sich nicht die Zähne putzen wollen und den ganzen Tag im Schlafanzug trödeln? Wenn wir zu Fuss mehrere Kilometer flüchten müssten mit unseren Kindern, die zu viele Pfunde haben und schnell schlapp machen und jammern? Wenn wir uns von Brot aus Getreideresten und Stroh ernähren müssten, während sonst bereits das Nörgeln losgeht, wenn es Gemüse statt Pommes zum Kotelett gibt? Können wir dann alle den Schalter umlegen und in den Krisenmodus schalten?

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  1. Ich glaub, ja. Ein aelterer Arbeitskollege hat bereits die Altersgruppe seines Sohnes (i.e., meine) als „Generationen der vollen Kuehlschraenke“ benoergelt. Und in vieler Hinsicht hat er schon Recht. Meine Toechter begreifen auch nicht immer, warum sie dies und das jetzt gerade mal nicht SOFORT haben koennen. Aber wenn es darauf ankommt, haben sie einen unfehlbaren Instinkt dafuer, wann man einfach mit am Strang ziehen muss und Rumjammern absolut nicht angesagt ist. Das laesst mich immer noch hoffen, dass wir doch nicht kurz vorm Untergang stehen. Menschen sind schon extrem anpassungsfaehige Affen.

    • Frauke, ich sehe das ähnlich optimistisch wie du, dass Kinder in der Lage sind, unwichtiges von wichtigem unterscheiden zu können und im Ernstfall richtig reagieren. Aber jede Bedrohung – echte oder konstruierte – führt auch zu einem Bedürfnis nach Schutz und Führung, also zu eher autoritären Strukturen. Ob wir uns an so etwas nochmal gewöhnen könnten? Das bezweifle ich…

  2. @Fragezeichner:

    „Ob wir uns an so etwas […]? Das bezweifle ich…“

    Die nächsten 24 Monate werden genau dies aufzeigen.

    Bezüglich der Erziehung halte ich es nicht für falsch mit einer Art „klaren Strenge“ zu erziehen. Also direkt aufzuzeigen wo welche Probleme bestehen.

    Das Problem in der sog. modernen Erziehung besteht mE nach schlicht darin, dass so wenige Eltern ihrem Nachwuchs wichtige Erkenntnisse, durch für diesen klar nachvollziehbare Abstraktionen direkt erlebbar machen. Immerhin war genau dies in Zeiten der Krise nicht nötig, denn es war real und nicht abstrakt.

    Du erinnerst dich? Das Wochenende ohne Strom…

    • Also ich persönlich hoffe, nicht mehr in den Krisenmodus schalten zu müssen. Wenn die Wirtschaftskrise Ausmasse wie in den 20er/30er-Jahren annehmen würde, fürchte ich, würde dies die Gesellschaft nicht zu einer klareren Linie, Vernunft und Einsicht führen, sondern zu noch mehr Egoismus und Rücksichtslosigkeit. Hoffentlich müssen wir über das Thema nicht mehr reden…

  3. @Fragezeichner:

    Die Hoffnung hat mich verlassen als die Berichte diese Richtung nahmen:

    http://www.nytimes.com/2009/05/13/business/global/13ship.html?pagewanted=1&_r=1&ei=5065&partner=MYWAY

    Es wird eben kommen, wie es kommen muss. Das System hat schwerwiegende Fehler, die bisher lediglich durch den Glauben der Protagonisten toleriert wurden. Aber wie dir ja bekannt ist endet die Fähigkeit zu Glauben, zu Hoffen am „Futtertrog“. Je nachdem wie ich diesen definiere, definiert sich auch die Handlungsmöglichkeit des Systems.

    Wenn ich dir z.B. heute 10 Million Euro unter der Bedingung überweise sie so anzulegen das Du garantiert 1% Zins daraus generieren wirst, weil wir uns das Ergebnis teilen sollen. Wie würdest Du das garantieren wollen? Indem Du es zur Bank trägst und glaubst oder hoffst, dort träte die gewünschte Rendite ein? Gut denn. Und was unternehmen die rund 10 Million anderen Kapitalinhaber? Die machen genau das. Und sie erwarten diesen Ertrag! Sie erwarten Mehrwert aus Papier. Papier plus Zeit und Wasser gleich mehr Papier.

    Da gab es einmal eine Holzpuppe der wurde erzählt, dass genau dies ginge:

    „Komm, gib uns deine Münzen. Wir wollen sie eingraben, gießen und die Sonne ihr Werk verrichten lassen. Und wenn Du schön geduldig bist, wird ein Baum mit güldenen Münzen daran sprießen. Du wirst schon sehen!“

    Die Geschichte dieser Holzpuppe sollte zwingend Teil der Ausbildung zum/zur Bankkaufmann/Kauffrau werden 🙂

    Es ist alles so derart peinlich. Meine Nachbarn hören auf Personen die daran glauben man könne Geldbäume pflanzen…

    • Kann den Artikel leider nicht anklicken (man muss sich registrieren). Deswegen bin ich mir auch nicht sicher, auf was du hinauswillst. Geht es um mangelnde Aufklärung und Risikobewusstsein? Muss man das Risiko auf Kosten der Renditen reduzieren, um das Wirtschaftssystem zu stabilisieren oder stellst du den Sinn von Zinsen infrage?

  4. Das ist ja merkwürdig. Aber Egal. In dem Artikel von der NY Times geht es um das Ausmaß des Rückganges der Containerschifffahrt und wie sich dies auf die großen Verladehäfen z.B. in Singapur auswirkt.

    Wenn man sich wie ich in Berichterstattung ein wenig zurechtfindet muss einem klar sein, dass die Berichterstatter auch hier wieder nur an der Oberfläche kratzen. Dies -und den Rest der Entwicklung- berücksichtigend gehe ich davon aus das in den nächsten Wochen und Monaten die Containerschifffahrt nahezu zum Erliegen kommen wird.

    Diese Krise ist viel mehr als nur eine Systemkrise, wie es so gerne aus den Volksempfängern der Moderne tönt! Diesmal ist es sehr viel komplexer. Seit nunmehr 2 Dekaden wurden ganze Produktions- wie Vertriebslinien vollumfänglich kreditoptimiert. Was wiederum ein Anpassungsprozess an die (primär von der OECD angestachelten) innereuropäische Konkurrenzpsychose -um den optimalen(stesten) Produktionsstandort- darstellte. Es handelt sich nicht um eine Art Verschwörung oder so etwas, sondern um eine gewaltig Irrung der geistigen Beschränktheit, wie sie nur absolute Fachidioten an den Tag legen können.

    Für Menschen die täglich ihr Bestes geben, sich um ihre Aufgabe bemühen, sich in diese einbringen, ist es kaum zu fassen wie umfänglich hier die verantwortlichen Protagonisten die Schienen der Entwicklung zum Abgrund hin gebaut haben.

    Stell dir einfach vor plötzlich fällt dir auf, dass nur noch PKWs produziert werden die einzig mit den Füßen gesteuert werden können. Natürlich auf der erklärbaren Logik basierend, dass wir unsere Füße um einiges häufiger einsetzen als unsere Hände! Ungefähr derart entrückt und verzerrt ist die gesamte weltweite Produktion von Waren aller Art.

    Ein weiterer Multiplikator der Katastrophe basiert auf der mangelhaften Gesetzgebung der betroffenen Länder, hinsichtlich der Verantwortungshaftung für Fehlinterpretationen. Nimm alleine Ackermann. Es ist gänzlich unerheblich in welchem Ausmaß er sich irrt u./o. Fehlentscheidungen trifft, es ficht ihn und sein Leben nicht an. „Sich geirrt zu haben!“ ist selbst dann nicht strafbar, wenn es um Millionen Existenzen geht. Ja nicht einmal wenn davon ganze Volkswirtschaften abhängen.

    Es wird Armenspeisungen geben, die Menschen werden nicht unbedingt hungern, aber sie werden sich nahezu keinen Luxus mehr leisten können. Sie werden zu zivilisiert sein um einander die Köpfe einzuschlagen, aber das war es auch schon. Dieses Mal wird der Prozess der Gesundschrumpfung erst dann enden, wenn die Marktpsychologie wieder der Objektpsychologie entspricht. Und das kann dauern.

    Zum Zins. Den stelle ich natürlich nicht in Frage. Mir ist tatsächlich mehr als bewusst, dass dieser eine Steuerungsvariable ist. Dummerweise hat dies niemand den „normalen“ Markteilnehmern erklärt (z.B. Angela Merkel oder Nicolas Sarkozy). Deswegen gehen diese nach wie vor davon aus, er „der Zins“ müsse immer positiv sein 🙂

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