Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Information und Deutung

In An Niemanden on Mai 28, 2009 at 9:05 am

[Foto: Eldersign]

Menschen produzieren Informationen und deuten sie. Die einen (Wissenschafler z.B.) arbeiten mehr an der Beschaffung. Andere eher an der Deutung (Künstler z.B.). Wobei ja jede Deutung auch wieder eine Information sein kann und zusammen mit anderen Informationen in eine neue Deutung eingehen kann. In Zeiten der Informationsmangelgesellschaft blieben Informationen selten ungedeutet. Es gab relativ wenig öffentliche Informationen, also auch weniger Deutungsmöglichkeiten. Zudem gab es professionelle Deuter (Journalisten), die recht exklusiven Zugang zur Information hatten, und deren Deutungen die möglichen persönlichen Deutungen des Individuums dominierte. In der Informationsüberflussgesellschaft beginnt sich der Informationszugang, vor allen Dingen aber die Deutungshoheit des Einzelnen zu demokratisieren. Nicht nur gibt es mehr Informationen als professionelle Deuter verarbeiten können, es ergeben sich auch viel mehr Deutungsmöglichkeiten. Da jeder seine eigene Deutung in den öffentlichen Diskurs einschleusen kann, kompliziert sich der Zugang zu allgemein akzeptierten Deutungen weiter.

Was hat das für Folgen? Ich würde behaupten, Menschen ist die Deutung viel wichtiger als die Information. Sie wollen einen Sinn erkennen in den Informationen, die sie bekommen, Zusammenhänge finden, Konsequenzen für ihre persönliche Situation herausfinden. Stattdessen bekommen sie einerseits immer mehr nackte Informationen, die sie nicht durchdringen können, und gleichzeitig eine Vielzahl von widersprüchlichen Deutungen, die sie nicht weiterbringen. Sie werden immer weniger Zeit haben, ein Weltbild aufzubauen und zu stabilisieren, weil der ständige Informationsfluss das Fundament schon beim Aufbau erodiert. Die Generation meiner Eltern hat sich ein Weltbild errichtet, das unerschütterlich ist und an dem jede widersprüchliche Information abprallt – die Deutung der Welt ist definitiv, weil sie keine neuen Informationen heranlassen. Meine Generation ist zwar offen für neue Informationen, bewegt sich aber in recht statischen Deutungsrahmen, benutzt also „ererbte“ Deutungsschablonen, um die Flut der Informationen zu kanalisieren und erzeugt auch vorsichtig ein paar neue Schablonen. Ich frage mich, wie die Generation meiner Söhnchens die Deutung von Informationen bewerkstelligen wird. Die Deutungsschablonen ihrer Eltern werden nicht mehr taugen. Werden sie sich neue schaffen können, während sie gleichzeitig immer mehr Informationen bewältigen müssen? Vergleichbar mit einem Töpfer, dem der Ton ständig unter den Händen wegschmilzt? Werden sie sich in einer fragmentierten Informationswelt verlieren und Zusammenhänge aus den Augen verlieren, resignieren und am Sinn zweifeln – oder werden die professionellen Deuter dann wieder wichtiger?

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  1. Bei Niklas Luhmann ist es ein wichtiges Thema, daß sich die Gesellschaft selber beobachtet – daß bestimmte Bereiche des sozialen Systems damit beschäftigt sind, das System zu beobachten, dem sie aber gleichzeitig selbst zugehören:

    Man informiert sich über Sachverhalte nur durch Blick auf das, was andere darüber sagen.[…] Wir brauchen nicht mehr zu wissen, wie die Welt ist, wenn wir wissen, wie sie beobachtet wird, und wenn wir uns im Bereich der Beobachtung zweiter Ordnung orientieren können.

    Ein interessanter Gedanke, wie ich finde, der gleichsam eine Volte schlägt und Deine Fragen auf eine andere Ebene transportiert…

    • Ein sehr kluger Satz wie ich finde. Letztendlich impliziert er, dass Menschenkenntnis und Urteilsgabe wichtiger sind als Wissen und Aufnahmevermögen, soziale Fähigkeiten wichtiger als intellektuelle Fähigkeiten. Ich werde diese hypothetische Erkenntnis mal versuchen, in mein Gedankenspiel einzubauen…

  2. Nun muss ich mich outen. Was Michael schreibt, liegt deutlich über der Linie meines geistigen Verstehen können. Was du daraus liest, Fragezeichner, kann ich schon eher verstehen, ob es stimmt, kann ich nicht sagen, liest sich aber interessant.

    Doch frage ich mich, ist philosophische Intellektualität ein Spiel mit geistigen Fähigkeiten, wie Sudoko oder Gehirnjogging und hat am Ende garnichts mit denen zu tun, um die es auch geht, den Durchschnittsmenschen?

    Ich frage mich oft, warum Philosophie manchmal so unverständlich ist. Spielen die einen „Mensch ärgere dich nicht“ und die anderen mit Imperativen, so einfach, zum Zeitvertreib?
    Dann könnte ich zwar immer noch nicht den Inhalt von Kant verstehen, aber ich könnte Kant verstehen.

    • Ob man etwas leichter versteht, hängt auch davon ab, wie intensiv und interessiert man sich bereits mit dem Thema beschäftigt hat. Michael beschäftigt sich gerade intensiv mit Luhmann und hat sofort den Zusammenhang zu meinem Gedankenspiel herstellen können – und auch für mich passte der Satz hervorragend zum Thema.
      Dinge verständlich zu erklären, ist übrigens eine extrem schwierige Angelegenheit, die auch viele Philosophen nicht beherrschen. Bei Leuten wie Habermas kann man schon mal an einem einzigen Satz eine Stunde grübeln. Ich weiss nicht, ob das eine bewusste Strategie der Abgrenzung ist, um nur die Leute in den Dialog mit einzubeziehen, die sich hinreichend mit der Materie beschäftigt und ins Thema hineingedacht haben, oder ob es einfach die (typisch menschliche) Schwierigkeit ist, Distanz zur eigenen Gedankenwelt zu entwickeln und Annahmen nicht ständig vorauszusetzen und sich in andere hineinzuversetzen…
      (komisch, dass wir beide immer wieder beim Thema Empathie landen 😉 )

  3. Warum sollten Philosophen nicht in der Lage sein, Dinge verständlich zu erklären? Das sind doch studierte Leut. Du kannst es doch auch. Aber ich denke, das ist ein anderes Thema.

    Deine Antwort hast du sehr diplomatisch formuliert, nach der es mir nicht schwer fällt zu akzeptieren, dass ihr beide in einem Thema seid, von dem ich keine Ahnung habe.

  4. Ich war immer der Meinung, dass sich Philosophie auch mit der Polis beschäftigt, wozu ich auch die Grundrechte zählte, z.B. die Würde des Menschen.
    Wenn das Streben nach Glück, schon seit der Antike diskutiert, die Erkenntnisse aber nur einem kleinen Kreis vorbehalten bleibt (mit den Mitteln der Defintionen, Sprache und Macht des Geistes) dann suggieriert das den nicht daran teilnehmen könnenden, dass sie ihre Eintrittskarte hierzu nicht lösen konnten.
    Ich empfinde das als sehr verletzend, wenn der Zugang zu den mir wichtigen Fragen versperrt wird und ich außen vor bleiben muss – ein Gefühl des Ausgeschlossenen, der Minderwertigkeit, der Menschenwürde.
    Wenn nun schöngeistig über die uns alle betreffenden und elementaren Fragen der Gleichheit, Freiheit, Recht und Seins nachgedacht wird – den Großteil aber nicht in diesen Kreis hinlasse, dann würde ich das mit Doppelmoral bezeichnen – und das ausgerechnet in dieser Diziplin.

    Denn, wie du schon schreibst, die Menschen nach Deutung und Sinn suchen und vielleicht auch in der Flut der Information nicht mehr in der Lage sind zu extrahieren, sie mehr hilflos nach einem komprimierten Lösungsmodell suchen.

    Ich nehme noch einiges mehr aus dieser kleinen Diskussion mit, was mich versöhnlich stimmt, denn geht es auch dabei um die Frage, wo mein Platz ist.

    • Menachem, vielleicht tröstet dich zu wissen, dass auch die Philosophen seit Jahrtausenden mit Wasser kochen. Sie sind schon seit jeher im Fragen besser gewesen als im Antworten. Und die wichtigen Fragen, die können ohnehin nur aus einem selbst kommen, auf die kannst auch nur du selbst die Antworten finden. Denk an Siddartha, der den grossen Guru zwar bewundert hat, aber trotzdem zu dem Schluss kam, dass er weiterziehen muss und seinen eigenen Weg finden.
      Anfang der 90er habe ich mal ein Buch gelesen, dass heisst „Sophies Welt“, eine Art Roman für Kinder, der auf kurzweilige und klare, bildliche Weise die Ideen der bekanntesten Philosophen erklärt. Ich habe es mit Vergnügen gelesen und empfehle es gern weiter, weil es Interesse für die Philosophie wecken kann – aber ein Erkenntnisprozess hat es in mir nicht angestossen, es entspricht eher einer Busreise „Europa in 6 Tagen“ 😉
      Übrigens halte ich dich auch für einen Philosophen im besten Sinne!

  5. @Menachem:
    > Warum sollten Philosophen nicht in der Lage sein, Dinge verständlich zu erklären?

    Das ist alles eine Frage des Betrachters (Lesers). Kant z.B. finde ich wesentlich leichter verständlich als sein Ruf das erwarten ließe – man muß sich aber auch darauf einlassen, daß man es hier nicht mit einem Kinderbuch zu tun hat, sondern einem Werk, daß sich mit den großen Geistern aller Zeiten auseinandersetzt. Kant schreibt kein Lehrbuch; er setzt z.B. die Kenntnis der Philosophie Platon stillschweigend voraus. Das ist m.E. nur legitim.

    Bei Luhmann liegen die Dinge insofern anders, als das ganze Theoriegebäude an vielen Stellen selbstbezüglich ist. Um die Rolle des Beobachters zu verstehen, muß man das Konzept der Autopoesis verstanden haben, die wiederum voraussetzt, daß man den Gedanken der strukturellen Kopplung kapiert, was dann wiederum den Begriff des Beobachters voraussetzt (um das – ohne Anspruch auf verständliche Erklärung – nur einmal anzudeuten). Es gibt Vorlesungen von Luhmann, in denen er dieses Problem durchaus kennt, es zur Sprache bringt, und dadurch zu entschärfen sucht, indem er viele Beispiele bringt. An dieser Stelle ist er also ein (durchaus guter!) Lehrer. In seinen Hauptschriften ist davon aber kaum noch etwas übrig: er beschreibt seine Theorie, und geht von einem „mündigen Leser“ aus, der im Zweifelsfall eine zunächst unverstandene Passage später ein zweites Mal liest.

    Hinzu kommt natürlich die Ausgangslage des Lesers. Ich habe mit Kant vielleicht deshalb relativ wenige Schwierigkeiten, weil ich von Schopenhauer und seiner überaus poetischen Sprache fasziniert bin – un Schopenhauer ist ja gewissermaßen eine Fassung Kants im Geist der Romantik. Im Unterschied dazu beiße ich mir an der eigentlich sehr einfachen Sprache Luhmanns gerade ziemlich die Zähne aus…

  6. @Michael, danke für deine Erklärungen. Im Grunde dürfte es wohl so sein, dass mein momentanes reagieren nur von Eurer Diskusssion angestossen wurde, aber nichts mit Eurer Person oder vielleicht sogar nicht einmal etwas mit dem Thema zu tun hat. Das wäre, über das Thema hinaus, für mich ein sehr schöner Erfolg, das trotz keiner möglichen Näherung, einfach weil die Voraussetzungen bei mir fehlen, ein respektvoller Umgang miteinander möglich ist.

    Für mich ist das keine Selbstverständlichkeit, da ich selbst oft nicht so respektvoll reagiere und vielleicht hier auch nur etwas einfordere um zu sehen, ob es Anderen möglich ist.

    Letztendlich, ich werde weiter über die vielen kleinen Gespinste nachdenken, die hier geflochten wurden um vielleicht noch zu erfahren, was und wo ich hier getroffen wurde.

    Was ich aber auch noch meine gemerkt zu haben, ist, dass in den Diskusssionen, die auf diesem blog geführt werden, Schwächen und Mängel ausgesprochen werden können – ohne, das man gleich ans Kreuz kommt. Wenn wir diese immer hinter Masken hüten müssen, werden wir nie wirkliches voneinander erfahren.

    Ein dicker Punkt an den Autor dieses blogs, der ihn in diesem Geiste führt.

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