Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Den Teller täglich leer essen

In An Manche on Mai 26, 2009 at 8:11 am

[Foto: hifix]

Ich bin in einer Zeit aufgewachsen als Information eine Mangelware war. Information fand sich in Büchern, Bibliotheken oder auch in den Köpfen von meist älteren Menschen. Manchmal stiess man zufällig – im Fernsehen oder im Radio oder in der Zeitung oder im persönlichen Gespräch – auf eine interessante Information. In der Regel aber war Informationgewinnung mit grossem Aufwand verbunden. Und sie war planwirtschaftlich organisiert. Informationen wurden zugeteilt, nach Alter gestaffelt und aufbereitet. Die Wissenden waren die Herrscher. Die Unwissenden mussten betteln und sich oft nur mit Krümelchen zufrieden geben. Auf manche Information musste man Jahre warten. Manch eine Frage, die ich mir als Kind gestellt habe, konnte ich mir erst vor wenigen Jahren beantworten. Und nicht nur das: viele Informationen, die ich mir damals mühselig angeeignet habe, stellten sich viele Jahre später als falsch heraus. Bücher, die Informationen enthielten, waren kostbare Schätze, die man von der ersten bis zur letzten Seite durchforstete, um kein Tröpfchen des edlen Informationsflusses zu verschütten. Wer nur wenig hat, der schätzt dieses Wenige ganz besonders, der wird geizig, der verschwendet nicht, der sitzt darauf wie auf einem goldenen Ei. Es war gewiss eine schwere Zeit, aber wir empfanden es nicht so. Und trotzdem sind Spuren geblieben, kleine Traumatismen, kleine kauzige Gesten – Mangelkinder haben nunmal Nachholbedarf.

Heute ist Information im Überfluss da – die gleiche Information doppelt, dreifach, von allen erdenklichen Winkel beleuchtet. Die meisten Informationen sind nutzlos, wertlos, ohne Bedeutung und Bezug zu uns. Aber wir, wir Mangelkinder, wir haben nicht gelernt, mit dem Überfluss umzugehen. Wir können Informationen nicht einfach so mit Missachtung begegnen, wir können nicht loslassen, wir können nicht wegwerfen. So wie unsere Eltern den Schimmel von der Marmelade abstreichen und auf das angetrocknete Brot  mit ranziger Butter schmieren, weil sie es nicht über das Herz bringen, etwas Essbares in den Müll zu werfen, so schaffen wir es nicht, ein Buch nur zu durchblättern oder es halbgelesen zur Seite zu legen. Wir sind auf Vollständigkeit trainiert. Wir haben gelernt, unsere Bücher zu Ende zu lesen (wir fürchten gar, dass es Regenwetter gibt, wenn wir unsere Bücher nicht fertiglesen). Wir bleiben den Blogs treu, die wir einmal abonniert haben, und geben jedem Artikel von neuem eine Chance. Wir leiden unter der modernen, digitalen Variante des Compulsive-Hoarding-Symptoms. Wir glauben immer noch an den Wert der Information und beschweren uns mit unnötigem Ballast. Wir können eine Information auch kaum noch von ihrer hässlichen Schwester, der Neuigkeit, unterscheiden. Doch jetzt gibt es eine Therapie: sie heisst Twitter und sie fördert den Mut zur Lücke.

Heute habe ich einfach mal all meine RSS-Feeds ohne Rücksicht oder nähere Betrachtung als gelesen markiert. Ein erster Schritt zur Normalität?

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  1. Ich bin ja so froh, dass es mir nicht alleine so geht. Die „schlechte Zeit“ steckt uns doch immer noch in irgendeiner Permutation im kollektiven Unterbewusstsein.

  2. Es ist wie mit allen Dingen in der Welt:

    Auf die Dosis kommt es an.

    Twitter halte ich persönlich übrigens nicht nur für unsozial, sondern auch für pures „Informationsgift“.

    Der Zwang zur Reduktion hat uns dahin gebracht wo wir heute stehen, bzw. in den nächsten Wochen und Monaten ankommen werden.

    Was ich seit der Invasion der IT in die Gesellschaft schmerzlich vermisse ist die gepflegte Interaktion von gebildeten Menschen. Dinge aus mehreren Blickwinkeln zu beleuchten ist insofern müssig, als dieses Beleuchten sich selbst nicht mehr in die direkte Kritik gestellt wissen will. Bzw. wenn denn kritisiert/interagiert, dieses ignoriert oder abgelehnt wird.

    Das aktuelle Netz, dessen Schnittstellen, dessen Endpunkte, welches die IT aktuell der Gemeinschaft zur Verfügung stellt entspricht dem Erscheinungsbild der Masse ihrer Macher: Übergewichtig und daher kurzatmig, familiär isoliert und daher unsozial und ökonomisch unwissend und daher ineffizient.

    Wenn es einen großen Schalter gäbe der all dies hier ausschalten könnte, was würde der Menschheit damit verloren gehen (ich meine damit gerade Dienste wie Twitter und Co.)?

    Welcher real greifbare Mehrwert entstand durch das aktuelle Netz? So im Verhältnis z.B. zum Buch, der Entwicklung gesamtgesellschaftlich anerkannten Warentauschmitteln (Währungen) oder die Einführung von standardisierter Berufsbeschreibungen?

    Ein ersten Schritt zur Normalität wäre diesem Netz einen echten Mehrwert abzuringen 🙂

    • Michael, schwer, einen Mehrwert zu beziffern. Mir hat Twitter einige interessante Ideen und auch ein paar neue Leser für das Blog gebracht. Ich könnte mir vorstellen, dass es auch ein nützliches Marketing-Instrument ist, das die Kommunikation mit Kunden verbessert. Aber ja, die Dosis macht das Gift…Mich würde genauer interessieren, warum du es für unsozial hältst – das scheint mir etwas übertrieben – und wie man es denn sozialer gestalten kann oder wie das Netz sozialer werden könnte.

  3. Von mir kriegst Du die Absolution fürs heutige Nichtlesen bei mir – ob Du was versäumt hättest kriegst dann eh beim Nachlesen mit 😉

  4. Ok 🙂

    Zum Zwitschern:

    Stell dir vor, alle zwei Minuten tippt dir wer auf die Schulter und sagt: „Hey. Es gibt was neues., schau mal!“

    Es ergibt sich der Zwang zum Lesen der vermeintlichen Neuigkeit. Du wirst in diesem Kontext vom Interagierenden, zum reinen Reagierenden degradiert.

    Zeitsprung 2 Dekaden zurück:

    Es geht doch tatsächlich um die kleinen schwarzen Boxen die man mir schon vor fast 20 Jahren mitgegeben hat. Wenn das Ding piepte schaute ich auf das Display und rief die dazugehörige Nummer an. Das kostete viel Geld, wurde also in Maßen betrieben. Also nur wenn mein Wirken, meine Meinung zu etwas, wichtig war, bzw. sich eine wichtige Änderung ergab die meinen Kunden oder auch mir Zeit und Mühen ersparen konnte.

    Zeitsprung 2 Dekaden nach vorne:

    Was kostet gleich ein Netztelefon und Twitter für den Aussendienstmitarbeiter, oder gar den Chef? Das Ding trage ich dann am besten am Handgelenk (ich Telefon und Co.) und schaue, derweil ich meine Kunden berate, immer mal wieder drauf. Eben so wie dies die berühmten Zeitneurotiker tun, mit ihrer Armbanduhr. Daher ist z.B. eine meiner ersten Empfehlungen an Kunden die mehr Effizienz u./o. Innovation wünschen: Untersagen sie die Raumuhren, schaffen sie bei Aussendienstmitarbeitern die Armbanduhr ab und Taschenuhren an! Der Blick auf die Taschenuhr ist ein aktiver Vorgang den wir wahrnehmen, der Blick auf die Armbanduhr macht uns hektisch, reizbar, senkt die Produktivität wie Kreativität 😉

    Zum Mehrwert:

    Nun. Es gibt ja vereinzelt Versuche diesen Mehrwert zu schaffen. Bei der Verwaltung einer kooperativen Masse Mensch macht das u.U auch Sinn, wenn es nicht durch sich selbst wieder ad absurdum getrieben wird. Z.B. zu erwarten das selbst meine Tochter mit 14 Monaten einen biometrischen Reisepass besitzt, ist nicht nur blank lächerlich, sondern extrem kontraproduktiv (Die haben bei dem Prozedere wirklich keine Mine verzogen, unglaublich). Doch die Versuche z.B. Information von großen Mechanismen wie Verlagen u./o. Produzenten von Bild, Video und Hörmaterial zu entkoppeln, können noch immer als sehr bescheiden betrachtet werden. Es scheint in diesem Netz nicht einmal möglich zu sein die Filter aus der Information herauszunehmen. Und das obwohl sie hier nicht einmal plastisch, sondern digital sind…

    Zum Sozial:

    Addiere alle Zeit die Du vor, in oder mit der Maschine verbracht hast und halte es gegen deine Familie. IT ist nicht wie der Rest der Industrie. Um hier auch nur mittelmäßig erfolgreich zu sein, zu bleiben, braucht es mehr als nur Arbeitszeit, es braucht eine Form der Begeisterung die weit über der Norm liegt (insofern diese definierbar ist). Sei ehrlich mit dir selbst. Kannst Du dir ein Leben ohne Rechner vorstellen? Ohne die Weiten des Netzes? Die Zugänglichkeit der Information an nahezu jedem Ort, zu jeder Zeit?

    Arbeit ist eine abstrakte Art zu jagen. Wer sich für die Jagd allzu sehr fasziniert, bezahlt einen Preis…

    IT existiert eben nicht -in- sondern -neben- der Sozialgemeinschaft. Und ich bin davon überzeugt das wir an einem Punkt angekommen sind an dem es sich mit der IT in Bezug auf die Sozialgemeinschaft ebenso verhält wie mit vielen gescheiterten Beziehungen. Irgendwann leben die ehemalig kooperativen/sich ergänzenden Partner nurmehr nebeneinander her. Sie leben nicht mehr für u./.o. voneinander. Mal schauen ob die Netzgänger und die wachsende Zahl der Verweigerer, im Laufe der nächsten Jahre, noch den Weg zur neutralen Beziehungsberatung schaffen, denn ansonsten droht die Scheidung 😉

    • Michael, ich kann deine einzelnen Punkte nicht entkräften, aber sind doch nicht die Werkzeuge selbst, sondern die Menschen, die verantwortlich sind, was mit den Werkzeugen angestellt wird. Das Internet erlaubt mir, mich mit Menschen auszutauschen, die ich sonst nie kennengelernt hätte (du gehörst da ja dazu). Insofern ist das Internet schon Teil meines Soziallebens – es liegt an mir, dass dies nicht auf Kosten meiner Familie geht. Ob ich mir ein Leben ohne Internet vorstellen kann? Schwierig, wenn man erst mal im Informationsüberfluss gelebt hat, möchte man nicht mehr zurück. Allerdings arbeite ich ja in dem Bereich und verbringe meine Arbeitszeit vor dem Rechner, da ist so eine Anwendung wie Twitter eine Nebentätigkeit zur geistigen Anregung. In meiner freien Zeit würde ich das nicht (zumindest nicht in der gleichen Frequenz) benutzen, glaube auch nicht, dass das wirklich ein Mainstream-Tool wird und dauerhaft andere Leute als Blogger, Vermarkter oder Web-Designer anziehen wird.
      Mich würde interessieren, welche Möglichkeiten du siehst, das Internet sozialer zu machen? Das Rad lässt sich ja nicht zurückdrehen, die Werkzeuge sind in der Welt…

  5. Das mit dem austauschen ist durchaus interessant. Gehst Du z.B. mit deiner Frau in Paris eher in ein „normales“ Restaurant oder eines dieser Szenelokale? Wo im Hinterraum von einem am ganzen Körper tätowierten Herrn beissend der „Pariser“ persifliert wird?

    Wer begegnet wem und vor allem wo? Ergo. Auch in diesem Netz werde ich mich nur mit Menschen auseinander setzten, mit denen ich auch im Café meiner Wahl eine angenehme Konversation führen würde (bzw. sie mit mir).

    Das sozialere Netz beginnt mE nach damit das die Anbieter von Gemeinschaften sich nicht mehr auf der Basis ihrer AGB vor den eigenen Mitgliedern, sondern diese vor der „Aussenwelt“ schützen. Das ist ja unser konzeptioneller Ansatz. In unseren Foren werden die Interessen der Teilnehmer im Mittelpunkt stehen, nicht unsere als separate Organisation (die gegebenen Rechtsprechung der Länder berücksichtigend).

    Wenn man sich Xing und weis der Geier für ach so soziale Gemeinschafen ansieht, bleibt nur festzustellen, dass deren Aktivitäten sich allein auf Ertrag beschränken. Um an diesen zu gelangen würden sie die Seelen ihrer eigenen Familien an den Teufel verkaufen (haben es mitunter schon getan).

    Auch die Art der Angebote muss sich, des sozialen Nutzens willens natürlich ändern.

    Was kennen wir als „erfolgreiche“ Vernetzung bisher?

    Die ganzen VZs (wir treffen uns oder?Wo? keine Ahnung, sag mal…), oder eben Xing und Co. (Inhaltsfreie Söldnervermittlung), angebliche Selbsthilfegruppen in Form von Foren (auf die man sich aber wenn es wirklich drauf ankommt nicht berufen kann), virtuelle Märkte für private und gewerbliche Konsumenten (von peinlich bis unerträglich) und natürlich das sog. Recherchebusiness nach Art der Schufa/Creditreform und Co., was in Teilen nur noch peinlich bis sogar gänzlich unnütz ist (ein ehemaliger Mitarbeiter war laut Crefo mit der eigenen Mutter verheiratet und derlei Peinlichkeiten mehr).

    (Wobei immer auch die Frage im Raum steht, ob all diese Projekte ohne Werbung aus der -Realindustrie- überlebensfähig wären…)

    Was kennen wir nicht?

    – Netzgemeinschaften bei denen nur Menschen Mitglied werden die sich ganz regulär anmelden. Mir als Nutzer also weitestgehend garantiert ist, dass in dieser Umgebung der Gesprächspartner tatsächlich nur einmal existiert.

    – Jobbörsen bei denen ich meine Qualifikation tatsächlich nachweisen muss, damit sie in mein Profil aufgenommen werden. Wo auch meine Referenzen (nach sachlicher Prüfung) mich und meine Leistung beschreiben können/sollten.

    – Foren deren Betreiber darauf achten wer bei ihnen Sprüche an die Wand kritzelt und dieser Verantwortung auch gerecht werden.

    – Marktbetreiber die den Interessen aller ihrer Konsumenten entsprechen, nicht also lediglich ODER, sondern stets UND.

    – Recherche die der Masse nicht der Klasse nutzt. Es ist nämlich schon interessant ob mein potentieller zukünftiger Arbeitgeber schon einmal öffentlich im Namen des Volkes wegen eines Verstoßes BTM verurteilt wurde (Sie/Er sich zu oft die Nase gepudert hat), oder ob eine Verurteilung wegen Begünstigung oder direkt Beschäftigung von Schwarzarbeit vorliegt, bzw. ob der Ehepartner in Schuldnerregistern eingetragen ist.

    (Gerade hier muss der Konsument -durch Beitragszahlung- nachweisen. ob er solche Angebote wünscht)

    Von letzterem sind übrigens viele Personen bei den Gewerkschaften und sonstigen Arbeitnehmervertretungen schnell überzeugt, doch fehlt es noch immer am Mut zur Tat. Ich kann gar nicht sagen wie oft ich schon (seit 15 Jahren) Sprüche gehört habe wie diesen: „Ja. Das ist eine gute Idee, dass fehlt wirklich. Aber so etwas sollte nicht von uns ausgehen. Wenn wir das machen bedienen wir die üblichen Klischees und das Projekt ist dann nicht glaubwürdig!“.

    Das erstaunliche daran, ist das erstaunliche darin. Denn ich kenne nicht wenige echte Unternehmer die ein solches Projekt mittragen werden, sobald wir deren Anonymität der Aussenwelt gegenüber garantieren können.

    Wenn das Internet ein nicht verzerrter Spiegel der Gesellschaft wäre, dürften wir nur bis an die Zähne bewaffnet das Haus verlassen. Da dem nicht so ist, liegt es an der gegenwärtigen Verzerrung, die den sozialen Nutzen so derart schwierig gestaltet. Entfällt die Verzerrung…

    Die Wirtschaftskrise bietet auch hierin große Chancen. Schon finden sich in US in kleinen Städten Gemeinschaften zusammen die einzelne Authentische Blogger direkt für dessen Informationsdienst bezahlen. Noch sehr selten, aber ein echter Mehrwert 🙂

    • Michael, wenn ich das kurz zusammenfasse, geht es dir um zwei Punkte: 1) dass Kommunikation offen sein muss, die Daten und Nachrichten also nicht in Datenbanken von kommerziellen Anbietern gehören, sondern den Nutzern selbst 2) mehr Transparenz, Authenzität und Validierung der Informationen, die da produziert werden. Technische Lösungen für 1) gibt es schon: es gibt mit laconia oder noserub offene, dezentrale Lösungen für Twitter bzw Facebook-ähnliche Anwendungen. Die haben sich bisher noch nicht durchgesetzt, schliesslich hat nicht jeder einen Server zu Hause stehen. Für 2) ist die Sache noch schwieriger, technische Lösungen gibt es (OpenID, OpenAuth), aber solange 1) nicht gelöst ist, möchte ich nicht unbedingt unter meiner Identität im Netz agieren (es sei denn, ich bin in jeder Hinsicht unabhängig). Es gibt aber mittlerweile Portale zur Bewertung von Lehrern, Professoren, Ärzten, … es ist unverkennbar, dass es mehr Transparenz gibt als vor ein paar Jahren, und wir sind hier erst am Anfang.

  6. > Ich bin in einer Zeit aufgewachsen als Information eine Mangelware war.

    Ich bin knapp zehn Jahre älter als Du, und ich kann diesen Satz keinesfalls unterschreiben. Sicher: man war zu meiner Jugendzeit der Tagesschau im Fernsehen gewissermaßen ausgeliefert, und was dort gesendet wurde, war mehr Verklärung (Propaganda) denn Information.

    Aber ist das heute besser? Ist es wirklich so, daß man allein aufgrund der Vielzahl der zur Verfügung stehenden Informationsquellen besser informiert wäre? Ich bezweifele das, und ich erinnere mich an dieses oder jenes Vorkommnis der letzten Jahre, wo z.B. die etablierte Presse in ihrer Berichterstattung ganz übel daneben gelegen hatte.

    Aber da würdest Du mir ja wahrscheinlich nicht einmal widersprechen.

    > Aber wir, wir Mangelkinder, wir haben nicht gelernt, mit dem Überfluss umzugehen. Wir können Informationen nicht einfach so mit Missachtung begegnen, wir können nicht loslassen, wir können nicht wegwerfen.

    Ich habe gelernt, Bücher zu lesen, die ich nicht verstehe – und das kann ich nur, wenn ich mich darauf einlasse, „Informationen zu missachten“, d.h., in der ersten Runde zu ignorieren, daß ich bestimmte Sätze nicht verstehe.

    Vielleicht ist meine Generation – jene, die als Kind die ersten Schritte auf dem Mond „live“ miterlebt hat – besser auf den Informations-Overkill der heutigen Zeit vorbereitet, als Deine, die vielleicht nicht einmal gelernt hat, angemessen schwierige Bücher zu lesen?

    • Michael, wenn man möchte und kann, ist man bedeutend besser informiert als damals, weil man Zugriff zu verschiedenen Quellen im Internet hat. Ob der Durchschnitt der Bevölkerung heute besser informiert ist als damals? Wer sich heute den Mainstream-Medien in einer Weise anvertraut wie alle es vor 20 Jahren noch mussten, ist wahrscheinlich schlechter informiert (einfach weil die Qualität dieser Medien nachgelassen haben könnte). Allerdings geht es ja nicht nur um politische Themen, sondern um so einfache Fragen, warum das Urzeitkrebschen zu früh gestorben ist. Meine Eltern zuckten mit den Schultern, ich schaue in entsprechenden Foren nach.

      Ich habe schon gelernt, schwierige Bücher zu lesen, die mich langweilen und die ich teilweise nicht verstehe. Aber aus irgendeinem seltsamen Pflichtgefühl heraus oder aus Ehrfurcht vor Büchern, fühle ich mich gezwungen, sie von der ersten bis zur letzten Seite (und in dieser Reihenfolge) zu lesen. Ich glaube auch nicht, dass es da einen grossen Unterschied gibt zwischen unseren Generationen.

  7. > Ich habe schon gelernt, schwierige Bücher zu lesen.

    Sorry, das glaube ich sofort – ich wollte Dir da nicht zu nahe treten…

    Meinen Punkt habe ich sonderlich klar rüber gebracht – Du hast ihn aber selber im nächsten Blog-Eintrag („Information und Deutung“) thematisiert. „Fakten“ und „Informationen“ sind durchaus zwei verschiedene Dinge. Die Fakten über die Mondlandung waren in meiner Kindheit in jedem Detail ausgebreitet und verfügbar. Ob sie so sonderlich wichtig sind für das Verständnis der 60er Jahre, ist eine andere Frage. Deshalb mein Rekurs auf die Hartnäckigkeit, mit der „man“ versucht hat, Bücher zu „knacken“, die gewissermaßen „über“ den Fakten stehen und sie zu deuten versuchen.

    Letztlich ändert sich an dem Bedürfnis nach „Sinn“ nichts, wenn die „Fakten“ nahezu grenzenlos zur Verfügung stehen – im Gegenteil: wenn man all seine Zeit damit zubringen muß, die „Fakten“ zu absorbieren, kommt man (möglicherweise) nicht mehr dazu, die Bücher zu lesen, die über den „Sinn“ verhandeln.

    • Meinen Punkt habe ich sonderlich klar rüber gebracht – Du hast ihn aber selber im nächsten Blog-Eintrag (”Information und Deutung”) thematisiert


      Klar genug, „Information und Deutung“ ist direkt nach Lesen deines Kommentar entstanden.

      Letztlich ändert sich an dem Bedürfnis nach “Sinn” nichts, wenn die “Fakten” nahezu grenzenlos zur Verfügung stehen – im Gegenteil: wenn man all seine Zeit damit zubringen muß, die “Fakten” zu absorbieren, kommt man (möglicherweise) nicht mehr dazu, die Bücher zu lesen, die über den “Sinn” verhandeln.


      …und vielleicht sogar nicht mehr dazu, selbst einen Sinn bzw Zusammenhänge zu erkennen. Aber ich bin da eigentlich optimistischer als es vielleicht rüberkommen mag.

  8. […] lese ich schneller, überfliege mehr, habe mehr Mut zur Lücke (wer kann es sich schon leisten, seinen Informationsteller täglich zu leeren?) und suche den Kern einer Information und ihren Nutzwert. Allerdings bin ich sehr wohl in der Lage, […]

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