Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Tucholsky – Häuser

In An Alle, Lieder on Mai 20, 2009 at 11:24 pm

[Foto: conceptworker]

Menschen beseelen ihre Häuser und Wohnungen. Sie hinterlassen Spuren, sichtbare und unsichtbare. Aber was passiert, wenn die Bewohner in eine andere Stadt oder in ein anderes Leben weiterziehen – lassen sie dann leere Räume zurück? Oder füllen sich die Räume im Laufe der Jahre nicht vielmehr mit den Geschichten all der Menschen, die sie beherbergten, erzählen sie diese Geschichten weiter und verweben so die Schicksale von Generationen?

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Das Lied steht unter Creativ-Commons-Lizenz. Bearbeitung und Verbreitung ausdrücklich erwünscht!

Mehr Tucholsky-Vertonungen hier.


Häuser

Mittleres Haus in der Köpenicker Straße, in der Avenue des Ternes, am Harvestehuderweg – du bist vollgelebt.

Hinter deinen Tapeten hat sich Angelebtes versammelt,

nachts knistert es,

tagsüber dünsten dort hundert Leben aus,

mittleres Haus.

Kotdurchrieselt stehst du,

von Drähten durchzuckt,

ein lebendiger Leib;

oben fassen die Gabeln deiner Antennen in die Luft und ziehen die Musik heran, die Helferin der Gemeinheit;

mit Recht spannen sich die Radiotrapeze, auf denen die Ätherwellen turnen, auf dem Dach aus,

neben den Hypotheken –

denn wer könnte Hypotheken handeln,

ohne die abendliche Hilfe Beethovens!

Du bist nicht wie jene Hausgreise,

in denen das Mauerleben längst abgestorben ist;

tot ruht der Kalk,

die Wanzen weinen

und beißen, angefüllt mit Verzweiflung der Isoliertheit;

nichts mehr sagt die Treppe,

schweigsam ist die Tür wie ein gefalteter Greisenmund.

So alte Leute sagen nichts mehr –

sie haben zu viel gesehn.

Du bist ein mittleres Haus.

Du bist nicht wie die Neubauten, die Gefäße des Unglücks,

in deren weißgetünchte Schubschachteln der Mensch hineinfällt,

hier seine Scheidung, seine neugebornen Kinder, seine Malheurbriefe zu erwarten;

kindisch gluckert die Badewanne, das junge Ding,

albern blitzen die Klinken,

und tapsig stuckert der eben konfirmierte Fahrstuhl in die Höhe und macht sich mausig –

wie mühsam ist es, ein so funkelnagelneues Behältnis vollzuwohnen!

So junge Leute sagen nicht viel –

sie haben noch zu wenig gesehn.

In ihnen vergeben die Mieter ihre Kraft – seelische Trockenwohner.

Du bist ein mittleres Haus.

Du hast schon viel in dir gehabt, Mutter der Möbel,

aber noch nicht genug.

Empfang, schlürf ein, spei aus:

Jeder Umzug eine kleine Geburt.

Du bist grade dabei, zu leben.

Deine Rohre rauschen, es kocht in den Ausgüssen, es brodelt im Badeofen.

Durch deine Steine sickert Weinen,

deine Ziegel schwitzen Elend aus

und gerinnendes Stöhnen der Komödien der Nacht.

Kalkiger Querschnitt!

Durchbrüllt vom Lärm der Wirtschaften,

vom sinnlosen Klingeln

und vom Quäken näselnder Phonographen!

Mancher wohnt oben in dir,

mittleres Haus.

Und abends,

wenn der Film der Geschäftigkeiten ruht,

steckt ein Hund seinen Kopf zum Fenster heraus,

ernsthaft wie Gottvater die Straßenwürmer betrachtend,

seine Pfote hat er aufs Fensterbrett gestellt –

das ist für ihn eine zweite Erde.

Mittleres Haus.

(Kurt Tucholsky, 1927)

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  1. Vielen, vielen Dank allen Beteiligten. Ich find’s toll!

    • Cara, das freut mich. Allerdings bin ich der einzige noch lebende Beteiligte (wenn man mal vom anonymen Schlagzeuger absieht, der für Apples Garageband getrommelt hat) 😉

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