Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Mein Haus, mein Auto, mein Blutdruck

In An Alle on Mai 7, 2009 at 8:11 am

(Foto: Guesus)

Wie fasst man 15 Jahre seines Lebens zusammen? Man könnte von seinen Reisen erzählen, von den interessanten Menschen, die man kennengelernt hat, von den Ideen und Gedanken, die durch den Kopf gegangen sind und sich auf unerklärliche Weise verändert oder aufgelöst haben. Man könnte von den Büchern sprechen, die einen geprägt haben, von den Zielen, die man sich gesetzt hatte, und was davon übrig geblieben ist, von den kuriosen Geschichten, die man erlebt hat, selbst von der Geschichte, wie man seine Frau kennengelernt hat und warum man dort lebt, wo man lebt.

Aber stattdessen reduzieren sich 15 Jahre auf den professionellen Curriculum Vitae  – Diplom im Fach <Grossartigkeit> an der Universität <TopRanking>, Posten als <SuperEinsteiger> bei <Weltunternehmen>, schneller Aufstieg zum <Obermacker> und schliesslich <FastDerCheffe> bei <WeiteWeltunternehmen> – gespickt mit stark belastenden Indizien wie Haus gebaut, SUV gefahren, Top-Kontakte geknüpft. Wer möchte sowas hören, den es nicht drängt, selbst ähnliches zu erzählen?

Ich finde, man sollte zur Abwechslung und systematischen Verwirrung mal andere unorthodoxe Erfolge heraushängen lassen wie zum Beispiel: die Zahl der Gutenachtgeschichten, die man seinen Kindern vorgelesen hat; die Zahl der Haare, die nicht grau geworden sind; die Zahl der selbstgemachten Linsensuppen, die man gekocht hat; die Zahl der Kilometer, die man mit dem Fahrrad zurückgelegt hat; die Zahl der Bücher, die man gelesen hat (gilt nur für Nicht-Germanisten, die müssen stattdessen ihre Computer-Kenntnisse nachweisen); den allgemeinen gesundheitlichen Zustand (Blutdruck und Übergewicht z.B. führen zu Minuspunkten); die Zahl der Stunden, die man meditiert hat; die Zahl der Sonnenuntergänge, die man beobachten durfte (oder als Bonus: der Sonnenuntergänge hinter den Bergen oder am Strand); die Momente, in denen man sich frei fühlte oder glücklich oder neugierig; die Zahl der Liebeserklärungen, die man jemandem gemacht hat; die Zahl der Fehler, die man eingesehen hat; …

Warum ist der Mensch im Blick so vieler nur so viel wert wie seine Stellenbezeichnung?

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  1. Ja mittlerweile ist es so schlimm, dass der Mensch sich selber nur noch nach Berufserfolgen mis(s)t – Warum? Ich sehe das ähnlich wie du? Ich meine nichts dagegen zu zeigen, was man geleistet hat, vor allem nicht, wenn es um die Bewerbung geht für z. B. einen PR-Job. Ich meine hier zu erzählen, dass man viele Schwarzwälder Kirschtorten verpachtelt hat interessiert nicht für diesen Job. Aber viel schlimmer finde ich es unter Freunden (das Schulklassennachtreffenphänomen). Das Bewerten – und was machst du gerade so? Anstatt: Und wie geht’s dir gerade so? Wer bist du gerade so? Kommt von dir ein „ich hatte einen schönen Urlaub“/“ich habe mich neu in eine Frau verliebt“/“bin gestern spazieren gegangen“, wird entgegnet „ach dafür habe ich ja gar keine Zeit, nuuuur am Arbeiten, aber mir geht’s sonst gut soweit“….echt?

    • Clemens, ich glaube, Michael hat das ganz gut auf den Punkt gebracht. Das Arbeitsleben nimmt den Grossteil der Zeit in Anspruch und trägt automatisch entscheidend zur Identität bei. Aber es liegt ja an uns, die richtigen Fragen zu stellen und tiefer zu bohren und ein Gespräch in eine andere Richtung zu führen. Das ist auch oft möglich. Bei denen, die sich über nichts anderes mehr unterhalten können, lohnt es sich auch nicht, viel länger zu verweilen…

      rufus, solange die Kopfhaut noch mit Haaren (welcher Couleur auch immer) abgedeckt ist…;)

  2. „die Zahl der Haare, die nicht grau geworden sind“ wird langwierig zu ermitteln – die anderen kann man ganz gut mit einer Hand abdecken … 😉

  3. Das Sein bestimmt das Bewußtsein. Man vergißt das zwar ganz gerne, aber an solchen Stellen tritt das dann halt doch wieder zutage.

    Wenn ich mit Leuten rede, die ich kaum oder gar nicht kenne, rede ich auch nicht darüber, wie es mir gerade geht – da ist die Frage nach Jon und Status schon ganz hilfreich, um jemanden vorläufig(!) einzuordnen.

    Es gibt allerdings wohl tatsächlich Menschen, die über nichts anderes mehr reden können, als über ihren Job und ihren Status. Ich vermute, die simulieren ihre Freundschaften letztlich nur noch – und wahrscheinlich sich selber auch noch.

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