Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Vermarktung

In An Alle on April 23, 2009 at 9:49 am

[Foto: an untrained eye]

„Es trägt Verstand und rechter Sinn mit wenig Kunst sich selber vor.“

Wieder so ein Faust-Zitat, das mich beim ersten Lesen vor mehr als 20 Jahren stark beeindruckt hat und das ich seitdem regelmässig mit dem Leben abgleiche. Und wenn ich mir genug Mühe gebe, dann finde ich auch immer wieder Anzeichen dafür, dass sich Qualität durchsetzt, dass Erfolg nicht ein Produkt des Zufalls ist, dass auch eine noch so aufwändige Werbekampagne kein hässliches Entlein in einen Schwan verwandeln kann.

Aber es gibt auch den Spruch „Je intelligenter man ist, desto intelligenter betrügt man sich selbst“ und ich frage mich, ob meine Wünsche nicht stärker sind als die Realität. Ist die Musik, die mich in den 80ern sozialisiert hat, nicht in etwa der Musikgeschmack einer kleinen Kaste von Musikmanagern der damaligen Zeit? Sind die Unternehmen, die mit einer Idee Erfolg haben, nicht meist die, die am meisten geklaut und am geschicktesten oder auch einfach am Brutalsten vermarktet haben? Sind die Romane, die das 20. Jahrhundert geprägt haben, tatsächlich besser als die, die aus irgendwelchen Gründen nie veröffentlicht wurden und deren Autoren aus Gram starben? Wieviele Bachs, Mozarts oder Beethovens sind in der Anonymität verschwunden oder schafften es nie aus ihr heraus (dass wir heute Bach so verehren, verdanken wir zu einem Grossteil Felix Mendelssohn-Bartholdy)? Wieviele bedeutende Menschen landeten auf der Verliererseite, von der man nie etwas hört, weil die Gewinner sie nicht zu Wort kommen lassen?

Und wie sieht es denn heute aus? Die Rolle der Menschen, die den Daumen nach oben oder nach unten richten, wird immer unwichtiger. Transparenz und Vielfalt sollte es uns ermöglichen, bessere gerechtere Entscheidungen zu treffen, Willkür zu umgehen. Verstand und rechten Sinn sollten wir ungefiltert erleben können und uns von der Kunst des Vortrags emanzipieren können. Aber da ist immer noch unsere Aufmerksamkeit, diese enge Röhre, durch die nicht viel durchpasst. Und dann schaffen es möglicherweise wieder die, die mit viel Kunst unsere Aufmerksamkeit erringen, die anderen, die es wie ich mit Verstand und rechtem Sinn versuchen, in den Schatten zu stellen. Oder?

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  1. > Dass wir heute Bach so verehren, verdanken wir zu einem Grossteil Felix Mendelssohn-Bartholdy.

    Nitpicking, und nicht (ganz) zu deinem Punkt: es ist zwar richtig, daß Mendelssohn-Bartholdy Bachs Matthäus-Passion „wiederentdeckt“ hat, und damit der Bach-Rezeption seiner (und damit auch unserer) Zeit insofern auf die Sprünge geholfen hat, als er sie mit dem Zeitgeschmack abgeglichen hat, in dem groß angelegte Werke für Chor und Orchester über das Ansehen der Komponisten entschieden.

    In der Welt der Organisten, Klavierspieler und Komponisten war Bach aber immer in Erinnerung geblieben und ein überaus wichtiges Vorbild. Mozarts geistliche Werke wären ohne Bach als Vorbild nicht denkbar, und Beethoven ist das Wort überliefert, er solle nicht „Bach“, sondern „Meer“ heißen, um die Größe seiner Musik im Namen zu nennen.

    Dabei darf man nicht vergessen, daß gerade Mozart und Beethoven Meister der Selbstinszenierung waren…

    • Michael, ich vertraue da deinem fachmännischen Urteil. Aber sag mir: hältst du es für möglich, dass wir einen der Grossen übersehen, vergessen, verstossen haben? War es nur der Genius oder auch das Glück oder die richtigen Kontakte, die die grossen Musiker oder Schriftsteller (anderes Beispiel: wüssten wir heute von Kafka und Janacek ohne Max Brod?) in die Geschichte eingehen liessen?

  2. > Hältst du es für möglich, dass wir einen der Grossen übersehen, vergessen, verstossen haben?

    Definiere: Größe.

    Ernsthaft – hier liegt das Problem.

    Ich weiß nicht, ob das nicht reichlich Off-Topic wird – aber ich biete mal diesen Link als „Antwort“ (Stichwort: Hitler hört Mahlers Dirigat von Wagners „Tristan“).

    Musik war schon immer mit Gesellschaft verstrickt – und das geht natürlich mit Vermarktungsstrategien einher. Wer da nicht mithalten kann, geht unter – und deshalb ist Wagner in der Wahrnehmung der Heutigen der Erfinder der Klangfarbe im Orchester, und nicht der, dem das eigentlich zusteht, Hector Berlioz.

    Aber da gäbe es noch tausende andere Beispiele.

    • Michael, na, das sind doch zumindest ein paar Indizien 😉 Danke für die aufschlussreichen Links.
      Ich kann Grösse auch nicht recht definieren, irgendwo eine Mischung aus Popularität und Anerkennung unter Musikern und Kennern. Berlioz ist ja glücklicherweise nicht vergessen, in Frankreich ist seine Bedeutung nicht geringer als die von Wagner (so leicht lässt La France keinen der Ihrigen um seinen Ruhm bringen).

    • Noch eine Ergänzung: Jean-Baptiste Lully war mir kein Begriff, bis ich meine Frau (Französin) traf, die mir sagte, der sei doch mindestens so bedeutend wie Händel. Also auch eine Frage der nationalen Perspektive, wer so alles vergessen und wem stattdessen gehuldigt wird…

  3. > Ich kann Grösse auch nicht recht definieren, irgendwo eine Mischung aus Popularität und Anerkennung unter Musikern und Kennern.

    Ich kann da zumindest einen Versuch unternehmen (das referiert wieder Wagner, nur ein wenig abgefedert).

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