Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Journalismus: mein Wunschzettel

In An Manche on April 21, 2009 at 9:31 am

[Foto: dream4akeem]

  • Ich möchte wissen, aufgrund welcher Quellen ein Artikel geschrieben wurde. Jeder Artikel sollte ein Link-Verzeichnis haben
  • Ich möchte wissen, wer den Artikel geschrieben hat und welche Meinungen der Journalist in der Vergangenheit vertreten hat, um mir ein Bild von ihm machen zu können und seine Beurteilungen einordnen zu können. Welche Perspektive bezieht dieser Journalist? Wo steht er?
  • Ich lese themenbezogen und nicht markenbezogen: wenn mich ein Thema interessiert, möchte ich Informationen aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln, eine breite Palette von Informationen und Meinungen, die sich gerne auch widersprechen. Ist mir egal, ob da jetzt Spiegel, Zeit oder Frankfurter Rundschau drübersteht
  • Meinung ist mir weniger wichtig als sorgsam recherchierte und belegbare Fakten. Meinung hat jeder, gute Begründungen nur wenige
  • Ich bin überzeugt, dass Kommunikation uns der Wahrheit näher bringt. Alle Journalisten sollten über ihre Artikel mit anderen Journalisten und ihren Lesern in Dialog treten. Lieber weniger schreiben, dafür aber mehr diskutieren und öffentlich Argumente und Informationen austauschen
  • Ich möchte, dass Informationen und Beurteilungen strikt voneinander getrennt sind. Alter Hut? Ist aber selten der Fall. Jeder Spiegel-Artikel seit 1949 ist eine einzige suggestive Vermischung von Wahrheiten, Halb-Wahrheiten und Beurteilungen und Polemik
  • Ich möchte keine eingebaute Werbung in Artikeln lesen. Ich möchte nicht, dass ein Journalist Rücksicht nehmen muss auf die, die ein paar Seiten weiter werben
  • Ich möchte eigentlich überhaupt gar keine Werbung
  • Agenturmeldungen will ich auf einer speziellen News-Seite lesen und nicht bei Spiegel, FAZ oder Sueddeutsche. Ich möchte auch nicht, dass jemand diese Agentur-Meldungen weiterverwurstet, ohne auf die Agenturmeldung zu verlinken

Tja, nun steht die Frage im Raum: gibt es für diese Art des Journalismus überhaupt ein Geschäftsmodell? Aufwendiges Recherchieren, sorgfältiges Prüfen, zeitintensives Kommunizieren, aber die Taue zur Wirtschaft kappen und Leser finden, die die ganze Arbeit bezahlen. Ich nenne immer gerne Brandeins und CT, die – auch wenn sie sich ebenfalls zu einen grossen Teil aus Werbung finanzieren – meinem Ideal schon recht nahe kommen. Ist das auch denkbar für weniger spezialisierte Themen?

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  1. „Ich möchte wissen, aufgrund welcher Quellen ein Artikel geschrieben wurde. Jeder Artikel sollte ein Link-Verzeichnis haben.“

    Entsteht so nicht eher & bestenfalls Wikipedia statt eines guten Artikels? Ich zum Beispiel habe in bestimmten Bereichen zwei Jahrzehnte Erfahrung gesammelt. Auf die kann ich nicht verlinken, die kann ich nur einfließen lassen. Manchmal, aus rein rechtlichen Gründen, nur als polemische Meinung, denn die darf ich äußern, ohne sie belegen zu müssen. Ist das eventuell der Sinn von Meinungsbeiträgen?

    Wo bliebe das gesunde Misstrauen gegen das Bild, das sich durch belegbare Fakten abzuzeichnen _scheint_? Was beim Wunsch nach Quellen (an dem an sich nichts schlecht ist, außer seine Naivität) leider vergessen wird, ist, dass deutlich mehr und deutlich besser bezahlte Personen in Marketing- und PR-Firmen daran arbeiten, „Fakten“ herzustellen. Diese „Fakten“ mögen erfunden oder gefälscht sein, können aber als Beleg dienen und werden im Diskurs daher früher oder später auch als Quellen zitiert. Das passiert dauernd. Während Informanten, die unter dem Siegel der Verschwiegenheit etwas nicht belegbares mitteilen, zum Beispiel das Gegenteil dieser Fakten, sich in Zukunft ihre Information sparen könnten, würde man wie hier gewünscht vorgehen. Freut sich da nicht bloß der BND, wenn ich als Quelle den tratschenden Mitarbeiter angebe?

    Ist es nicht eher so, dass Wikipedia, das ja mehr oder weniger dem oben genannten Wunsch folgt, kein eigenes Wissen generieren kann, sondern nur solches, das bereits durch Quellen belegt ist, jedoch niemals solches, zu dem keine Quellen existieren? Anders gefragt: Steht da nicht eigentlich nur alter Käse drin, Dinge, die ohnehin jeder weiß? Ein neues Krebsmittel – unabhängig davon, ob es wirkt oder nicht – würde das in Wikipedia nicht außen vor bleiben, bis entsprechende Quellen seine Existenz wohlwollend belegen? Das kann man gut finden, ebenso, wie man eventuell zu früh stattfindende Sensationsberichte im Boulevard schlecht finden kann, aber ist das nicht völlig unabhängig davon, ob diesen Mittel wirklich wirkt, ergo beides gleichermaßen realitätsentkoppelt? Andere Frage: Hat außer mir noch jemand beobachtet, dass Buchautoren nur dann in Wikipedia vorkommen, wenn ihre Bücher massiv von Medien besprochen wurden – Autoren medial eher ignorierter Bücher dagegen in Wikipedia nicht existieren? Ist das nicht Wiederkäuen im wissenschaftlichen Stil, ganz so, als würde man Harald Schmidt nur deswegen interviewen, weil er ja ohnehin dauernd Interview wird und daher der Top-angesagte Interview-Partner zu sein schein? Wer je an Wikipedia mitgearbeitet hat, weiß, wie sehr sich die Autoren dieses Lexikons, das ich übrigens selbst gerne lese, aber ungern als „Quelle“ betrachte, gegen die Einführung neuer Informationen wehren.

    Wenn ich als Journalist anfinge, Dinge, die ich weiß, aber nicht belegen kann, wegzulassen, wäre ich dann nicht besser gleich Pressesprecher geworden? Faktisch passiert das doch bereits: Weil keine Zeit mehr da ist zum Recherchieren nimmt man halt nur die Informationen, die ohnehin irgendwie irgendwo verfügbar sind; im Zweifel also nicht den Messwert nehmen oder aus Erfahrung sprechen, sondern die Info aus dem Datenblatt kopieren & einfügen. Weil man keinen Anwalt mehr beschäftigen kann, um einen Angriff durch ein Unternehmen abzuwehren (und solche Angriffe können stattfinden, ohne das bereits nachgewiesen ist, dass das Unternehmen recht hat und das Medium unrecht), lässt man lieber alles weg, was Ärger bringen könnte. Also lieber alles toll finden und gut ist’s. Arbeitet nach diesem Prinzip nicht ohnehin schon jedes Buntmagazin, das neue Lippenstifte, Filme und Handys begeistert vorstellt? müssen das die anderen auch noch tun?

    Was ich mir stattdessen wünsche, sind stärkere Möglichkeiten, journalistische Objekte zur Rechenschaft zu ziehen, wenn diese Fakten falsch darstellen oder gar verdrehen. Ich selbst wurde als Journalist Opfer von drei Tatsachenverdrehungen durch andere Journalisten bei namhaften journalistischen Objekten, auch wenn ich diese hier nicht nennen kann, weil ich sie ja belegen müsste.

    Ist Journalismus denn weniger „wissenschaftliches Arbeiten“, als vielmehr eine kurzlebige Kunst ohne den Anspruch endgültiger Wahrheiten? Das wäre freilich kein Grund, sie schlampig zu praktizieren. Aber tut es ihr gut, sie auf Faktenhuberei zu reduzieren?

    „Ich möchte wissen, wer den Artikel geschrieben hat und welche Meinungen der Journalist in der Vergangenheit vertreten hat, um mir ein Bild von ihm machen zu können und seine Beurteilungen einordnen zu können. Welche Perspektive bezieht dieser Journalist? Wo steht er?“ + „Ich lese themenbezogen und nicht markenbezogen: wenn mich ein Thema interessiert, möchte ich Informationen aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln, eine breite Palette von Informationen und Meinungen, die sich gerne auch widersprechen. Ist mir egal, ob da jetzt Spiegel, Zeit oder Frankfurter Rundschau drübersteht.“

    Widersprechen sich diese beiden Aussagen nicht?

    Wer einen H.M. Broder liest, weiß genau, was er kriegt, ja.

    Doch das ist ja der Witz, dass man das bei Die Welt oder Jungle World ebenfalls weiß. Und wenn die Welt Mal wieder gegen irgendwas hetzt, was irgendwie sozial und umwelt ist, dass weiß man, ah, ich lese ja Die Welt, die müssen dagegen hetzen, weil ihr Chef will das so, und daher auch soviel freundliche Berichterstattung zum Papst.

    Nicht belegbarer Fakt ist: Der Journalist, der eine eigene Meinung hat, muss diese, wenn er für verschiedene Blätter arbeitet, sowieso unterdrücken. Er hat im Übrigen auch wenig Einfluss darauf, wie die Zeitung seinen Beitrag verändert. Es nützt also wenig, den Journalisten einordnen zu können, denn der passt sich dem Medium an – die kaufen ihm sonst seinen Beitrag nicht ab.

    Ist das nicht der Grund, warum Journalisten bloggen? Und ist der Tag nicht fern, an dem man es ihnen verbieten wird, weil sie in ihren Blogs eine andere Meinung (vielleicht: ihre) vertreten als in den Zeitungen, wo stets nur die Meinung des Chefredakteurs gilt? (Das passiert bereits.) Muss man sich als Journalist nicht vielmehr eine freie Meinung leisten können? Äußern denn wirklich so viele überhaupt nur irgendeine oder sogar „ihre“ Meinung? Wissen wir wirklich, ob Claus Kleber Barack Obamas Wahl gut fand?

    Liest man nicht aus genau diesem Grund verschiedene Zeitungen: um verschiedene Meinungen zu lesen? Ein konservativer Freund berichtete mir, dass er gerne zusätzlich zu seinem Blatt die taz lese, weil die zwar nicht seiner Meinung sei, aber wenigstens eine eindeutige habe.

    Über den Autor der Fragerei erfahre ich hier übrigens auch eher wenig.

    Und nicht zuletzt: Ich möchte nicht, dass mein „Artikel über A“ eingeordnet wird als „Artikel über A von jemandem, der mal Artikel über B schrieb“. Denn möglicherweise hat mein Artikel über A gar nichts mit meinem Artikel über B zu tun. Möglicherweise bin ich auch eine andere Person als vor einem Jahr, mit einer anderen Meinung. Sollte man ein Buch von Stephen King, in dem er über Philosophie und endgültige Fragen schreibt, verwerfen, nur weil er bislang Horror-Autor war?

    Passiert das nicht bereits? Sind alle Arten von Medienschaffenden nicht immer schon wegsortiert in ihre Sparte, der ewige Intellektuelle, die Ulknudel, der Turbokapitalist, die Esoterikerin?

    Auf meinem Wunschzettel steht daher das völlige Gegenteil: Der Leser möge alle anderen Ergüsse des Autors ignorieren und stets nur den einen für sich selbst reden lassen.

    „Meinung ist mir weniger wichtig als sorgsam recherchierte und belegbare Fakten. Meinung hat jeder, gute Begründungen nur wenige.“

    Schlägereien gibt es viele, brutale Morde nur wenige – was für eine Art von Argumentation soll das denn sein? Und auch noch suggestiv: Die „Meinung“ kriegt kein Adjektiv geschenkt, weil man sie ja hier denunzieren möchte. Die „Fakten“ dagegen kriegen ein „sorgsam recherchierte und belegbare“ vorangestellt, was suggerieren soll: „Fakten=gut“.

    Wieso sind Meinungen denn schlecht? Und wieso Fakten gut? Was sind denn überhaupt Fakten anderes als _derzeit_ _für_die_meisten_Diskursbeteiligten_einsichtig_ _nicht_widerlegte_Hypothesen_?

    Aus diesem Grunde stehen wir ja zum Beispiel vor folgendem Problem: Gibt es nun eine globale Erwärmung oder nicht? Sind Glühlampen wirklich schlechter für die Umwelt als Leuchtstofflampen? Ist Gentechnik nun wirklich ungesund oder nicht? Wie war das noch mal mit dem Kosovo-Krieg? Sollte man die UN-Rassismuskonferenz besuchen oder boykottieren? Kruzefix und Kopftuch in Schulen? – Zu all diesen Themen lassen sich unzählige Fakten der verschiedenen Standpunkte auftürmen, wie jeder weiß, der wie ich an Magazinitis leidet. Aber nur eine dazu geäußerte Meinung ist interessant, selbst wenn man sie nicht teilt.

    Blogs sind ja vor allem deswegen beliebt, weil sie Meinungen enthalten. Über Fakten kann man sich schwer aufregen. Aber die Seite 4 der Süddeutschen aufzuschlagen und sich über die dort geäußerten Meinungen aufzuregen – das geht. Journalismus hat eben auch was mit Gefühlen zu tun, nicht bloß bei der Bild. Die Emotionen zu entfernen macht ihn nicht besser, nur langweiliger. Es ist Teil des Systems „Zeitung“, dass der Leser sich denken darf: „Was die heut wieder für einen Scheiß schreiben!“, das ist Teil des Produktes. Wäre das anders, würden wir alles perfekt machen und neutralen Faktenquark publizieren, wären wir dann nicht so langweilig wie umformulierte Datenblätter oder acht Stunden Parlamente live auf Phoenix?

    „Ich bin überzeugt, dass Kommunikation uns der Wahrheit näher bringt. Alle Journalisten sollten über ihre Artikel mit anderen Journalisten und ihren Lesern in Dialog treten. Lieber weniger schreiben, dafür aber mehr diskutieren und öffentlich Argumente und Informationen austauschen.“

    Genau. Da bin ich mal voll dafür. Schade, dass Chefredakteure nicht die Zeit dafür gewähren, weil sie ihre Mitarbeiter nach Output bewerten. Wer mehr kommuniziert, muss nämlich um seinen Job fürchten. Würden die Leser ausnahmsweise Geld für Informationen bezahlen wollen, nicht nur für das Papier, wäre das dann vielleicht ein behebbarer Zustand?

    „Ich möchte, dass Informationen und Beurteilungen strikt voneinander getrennt sind. Alter Hut? Ist aber selten der Fall. Jeder Spiegel-Artikel seit 1949 ist eine einzige suggestive Vermischung von Wahrheiten, Halb-Wahrheiten und Beurteilungen und Polemik“

    _Das_ bitte ich mal mit Quellen zu belegen. 😉

    Im Ernst: Ich persönlich hasse es, wenn mir irgendeine Information hingeklatscht wird, ohne dass sie jemand irgendwie in einen Kontext stellt. Der Spiegel ist ein Sonderfall, der auch unter Journalisten als abschreckendes Beispiel gilt, das man nur gutfindet, solange man dort arbeitet. Ist aber trotzdem das erfolgreichste Magazin. Muss wohl doch so sein, dass die Leser genau diesen suggestiven dauerlarmoyanten Mist haben wollen.

    „Ich möchte keine eingebaute Werbung in Artikeln lesen. Ich möchte nicht, dass ein Journalist Rücksicht nehmen muss auf die, die ein paar Seiten weiter werben“

    Diese Rücksichtnahme ist im Allgemeinen seltener der Fall, als man sich als Journalist ständig in irgendwelchen Foren (früher: in Leserbriefen) anhören muss, auch wenn es sicher Ausnahmebranchen gibt (Auto-Journalismus, Reise-Journalismus; beides von mir nicht belegbar und reines Hörensagen).

    Das ist überhaupt das polemische, nie mit Quellen belegte Totschlagargument aller Leser, denen an einem Artikel was nicht passt: Ihr seid doch nur gekauft von… Auf solche Kommunikation kann ich gerne verzichten.

    „Ich möchte eigentlich überhaupt gar keine Werbung.“

    Die möchte auch kein Journalist. Wir hassen sie am meisten. Wir wollen eigentlich überwiegend saubere Arbeit machen, unsere Leser korrekt informieren und unterhalten, dafür nicht länger arbeiten müssen als alle anderen auch, und wir wollen nicht von der Hand im Mund leben müssen. Dafür soll die Arbeit bloß bitteschön vom Leser bezahlt werden, ebenso, wie ich den Handwerker bezahle, damit er mir das Ding da repariert, und die Italiener, damit er mir ne Pizza backt. Warum ausgerechnet die Hersteller von Texten (und auch von Musik) von ihren Kunden (und zusätzlich von ihren Verlagen) um die ihnen zustehende Zeche geprellt werden, das wäre mal einen größeren Diskurs wert. Der aber findet nicht statt. Noch nicht mal mit Werbung dürfen wir uns finanzieren, ein Recht, das sich auch noch die lumpigste Suchmaschine herausnehmen darf, die unsere Texte „als Zitate“ klaut.

    „Agenturmeldungen will ich auf einer speziellen News-Seite lesen und nicht bei Spiegel, FAZ oder Sueddeutsche. Ich möchte auch nicht, dass jemand diese Agentur-Meldungen weiterverwurstet, ohne auf die Agenturmeldung zu verlinken.“

    Ja. Aber Agenturmeldungen kosten Geld, auf die kann man nicht einfach so verlinken. Die sind nämlich nicht öffentlich zugänglich, sonst könnte man dafür kein Geld verlangen. Außer eben bei denen, die sie kaufen. Vielleicht, weil auch dort bei den Agenturen Leute arbeiten? Und zwar den ganzen Tag?

    Angesichts solcher Wunschzettel frage ich mich manchmal, was die Leute glauben, wie journalistisches Tagwerk aussieht. Jetten wir in den Augen einiger den ganzen Tag in unserem Cabrio durch die Welt, nehmen Firmengeschenke entgegen und überlegen uns dann, wie wir ohne Quellennachweis möglichst was Falsches behaupten können, nur damit der Anzeigenkunde auf Seite 17 zufrieden ist? Natürlich in ein paar Minuten runtergerotzt? – Es glaubt doch sonst keiner, was die Glotze zeigt, warum glauben alle dieses Bild, das sie von Journalisten malt? Und könnte man das bitte in Zukunft differenzierter betrachten: TV, Radio, Web und Print sind nämlich völlig verschiedene Medien.

    Ich wünsche mir an dieser Stelle einen Wunschzettel „Leser journalistischer Produkte“, in dem Dinge wie „nicht bloß polemische Kommentare“ oder „Geld zahlen für das Gebotene“ oder „Achtung und Respekt vor dem Wunsch eines Journalisten, seine Arbeit korrekt zu machen“ vorkommen. Schreibt doch mal einer einen lobenden Leserbrief, das wär echt mal was.

    Wo sind die Blogger, die sich mal mutig massiv über Stadtverwaltungen aufregen, über Steuerbehörden und all das? Natürlich mit belegten Quellen, bitte schön. Ist nicht der einzige Grund, warum wir Journalisten derzeit am liebsten bespuckt werden, der, dass es technisch derzeit am einfachsten möglich ist, uns zu bespucken?

    • 1Journalist, zunächst mal: ein persönlicher Wunschzettel ist ja kein Forderungskatalog. Es können ja durchaus vielfältige Formen des Journalismus nebeneinander existieren, ich schliesse ja niemanden aus und will auch niemanden angreifen oder polemisieren. Deswegen richtet sich dein Zorn an den falschen Adressaten. Darüberhinaus habe ich auch Verständnis für die schwierige Lage von (Print-)Journalisten, da es enorme Umwälzungen gibt, deren Konsequenzen noch nicht abschätzbar sind und die grosse Unsicherheiten befördern. Betrachte meinen Wunschzettel doch einfach als Kunden-Feedback, wahrscheinlich nicht repräsentativ, aber vielleicht verbirgt sich hinter meinen Wünschen (vielleicht bin ich ja nicht der einzige?) ein Geschäftsmodell? Ich glaube übrigens immer noch daran, dass Leser auch bereit sind zu zahlen. Ich jedenfalls bin es und tue es für Publikationen, die ich schätze (Beispiele habe ich oben genannt).

      Du hast ein paar der Punkte ja konstruktiv und durchaus positiv kommentiert, hier noch kurz ein paar Erwiderungen von mir (muss weg):
      – Quellen+Links: ich stelle mir das ähnlich vor wie das Zitieren in der Wissenschaft, da behauptet auch nicht jemand einfach irgendetwas, weil er es mal gehört hat. Ein Journalist, der seine Quellen belegt, wird weniger vermeidbare Fehler machen und ist gezwungen, seine Formulierungen permanent zu überdenken. Das wird ganz offensichtlich die Qualität seiner Arbeit erhöhen (aber auch mehr Zeit brauchen). Eine Meinung hat für mich erst dann wert, wenn ich weiss, auf welche Fakten (und natürlich auch welche Interpretation der Fakten) sie aufbaut. Auch mit Quellenangaben bleibt noch genügend Platz für Emotionen.
      – Anonymität: ein schwieriges Thema. Ja, ich schreibe dieses Blog anonym, weil ich sonst aus arbeitsrechtlichen Gründen gar nicht schreiben könnte. Habe ich die gleiche Verantwortung wie ein Journalist? Ich habe diese Frage für mich mit nein beantwortet, bin aber bereit, noch mal in mich zu gehen….
      – Positionierung von Journalisten: Hendryk M. Broder ist in dieser Hinsicht ein positives Beispiel, weil ich in der Tat weiss, wie ich ihn einordnen muss, egal, ob er im Spiegel oder in der Welt schreibt. Ich denke, hier liegt auch generell die Stärke der Blogger, es steht ein Individuum dahinter (selbst wenn man seinen Namen nicht kennt), dessen Meinungen (auch der Vergangenheit) leicht nachvollziehbar sind.
      – Werbung: vielleicht hast du recht und ich überschätze den Einfluss, man erinnert sich leichter an die wenigen Auffälligkeiten als an die vielen Unauffälligkeiten
      – Agenturmeldungen: Google hat ja gerade einen Deal mit einigen Agenturen abgeschlossen und bezahlen die Agenturen, um die Meldungen in Google News zu veröffentlichen. Das ist für mich insofern eine gute Sache, als dass ich hoffe, dass sich FAZ und Co. dann darauf konzentrieren einen Mehrwert um die Nachrichten zu schaffen und die Agentur-Meldungen nicht mehr als Lückenfüller fungieren können
      Hoffe, dass die Diskussion weiter geht!

  2. @Journalist: Das ihr bespuckt werdet liegt vor allem daran, dass euch die Geschäftsmodelle wegschwimmen und ihr deswegen tendenziell immer schlechter bezahlt werdet und immer mehr arbeit machen müsst. Da bleibt die Qualität notwendig auf der Strecke, selbst wenn man sie noch so sehr hochhalten möchte.

    In San Francisco wird übrigens gerade der Versuch gestartet eine werbefreie communityfinanzierte Qualitäts-Tageszeitung zu launchen, weil alle anderen dicht machen.

  3. Theoretisch halte ich den genannten communityfinanzierten Qualitätsjournalismus für den einzig gangbaren Weg. In der Praxis glaube ich, dass auch er letztlich am Geschäftsmodell scheitert. Denn wo läge der Unterschied zu heute? Die „Community“ ist bereit vorhanden, sie heisst „Stammleserschaft“, und sie will nichts finanzieren, jedenfalls nicht online & zusätzlich zur GEZ.

  4. @1Journalist:

    An einem Diskurs bin ich sehr interessiert!

  5. Ich denke, die Rolle des Journalismus steckt in einer ähnlichen Krise, wie jene der Musikindustrie. Im Zeitalter des Internet braucht es keine Vermittler oder Verteiler, weder für Nachrichten oder Meinungen, noch für Musik (all dies ist einander strukturell sehr ähnlich).

    Die aktuelle Diskussion dreht sich ja immer wieder um die Bedeutung der Rolle eines Verteilers: der Journalist sei derjenige, der „professionell“ die relevanten Nachrichten filtert und sie den Zeitungslesern kommentiert und bewertet vorlegt. Das Plattenlabel wiederum sorgt dafür, daß die wichtigen Acts nicht untergehen und aus Talenten über die Jahre reife Künstler werden.

    Beide Behauptungen hatten mal eine Zeit eine gewisse Berechtigung – die ist aber schon ein Weilchen her, und das kann man sowohl in formaler (keine – wichtige – Zeitung ohne Auftritt im Internet) wie inhaltlicher (keine – wichtige – Zeitung, deren Auftritt im Netz keine Katastrophe wäre) Hinsicht deutlich sehen.

  6. […] 5. “Journalismus: mein Wunschzettel” (fragerei.wordpress.com) Ein schöner Wunschzettel an den Journalismus – die Frage dazu wird gleich geliefert: “Gibt es für diese Art des Journalismus überhaupt ein Geschäftsmodell?” […]

  7. Es gibt schon so eine Zeitung in der Schweiz. Sie heißt „Du“ und ist 188283 Äonen besser als der billige Abklatsch brandeins.

  8. Wittkewitz, danke für den Tipp, eine interessante Zeitung. Brandeins ist aber weit mehr als ein Abklatsch, eher ein Übertragen des Qualitätskonzepts vom Kulturbereich auf die Wirtschaft.

  9. […] Journalismus: mein Wunschzettel | Das Frage-Blog «Ich möchte wissen, wer den Artikel geschrieben hat und welche Meinungen der Journalist in der Vergangenheit vertreten hat, um mir ein Bild von ihm machen zu können und seine Beurteilungen einordnen zu können. Welche Perspektive bezieht dieser Journalist? Wo steht er?» […]

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