Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Lernen Lehren lernen

In An Manche on April 16, 2009 at 7:59 am

[Foto: onkel_wart]

Es ist eine erhebende Erkenntnis, lernen zu können, sich durch vielzähliges Wiederholen Fähigkeiten anzueignen, die unerreichbar schienen, bevor man den Versuch begann. Diese Erkenntnis würde ich meinem Söhnchen gerne vermitteln, aber ich weiss, dass sie sich durch Worte nicht vermitteln lässt, sondern sich nur durch erfolgreiches Tun als Aha-Effekt offenbart. Wer erst einmal selbst erlebt hat, zu was Arbeit und Fleiss führen können, der wird die damit verbundenen Mühen leicht ertragen können und immer weiter gelangen. Aber wer sich die mühsame Reise nicht zutraut und erst gar nicht antritt, der wird auch nie den Sinn und die Schönheit der Reise erkennen. Ein Teufelskreis! Wie also den Anfang machen? Was könnte ein Kind erlernen, für das es sich ein klein wenig quälen muss, ohne zu früh die Lust zu verlieren, aber auch ohne es zu leicht zu haben?

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  1. Die Frage „was könnte ein Kind lernen …“ ist falsch gestellt! Beobachte das konkrete Individuum und sieh, was es tut! Es lernt bis es vor Erschöpfung umfällt. (Meine Söhne sind immer direkt in ihren Lego-Haufen in Schlaf gefallen, und wenn sie aufgewacht sind, haben sie sofort weiter gebaut.) You see: Sie tun es von Anfang an (z.B.Laufen- und Sprechenlernen.. ALLE!), wenn man sie nicht dran hindert. Du darfst und sollst mitmachen, aber nicht stören!!
    „Quäl dich du Sau“ (Radprofi) ist eine Selbstermutigung, keine Ansage von außen. Der Antrieb: immer persönlicher Sinn! Wer den Flow nicht zustandekriegt, hat eher ein Sinnproblem als ein Disziplinproblem. Wir müssen umdenken: Wenn Kinder/Jugendliche „zu lange“ am Computer spielen – dann wird das sofort zur Sucht erklärt. Alles Lernen entsteht aus intensiver Beschäftigung mit einem Gegenstand („bis zum Umfallen“). Kann Lernen süchtig machen?

  2. @Lisa Rosa:
    > Wer den Flow nicht zustandekriegt, hat eher ein Sinnproblem als ein Disziplinproblem.<

    Das ist ein sehr, sehr weises Wort, das ich sofort unterschreibe. Als ich Musiklehrer war, habe ich eine Weile gebraucht um zu begreifen, daß es überhaupt keinen Sinn macht, die Schüler zum Üben zu „ermahnen“. Wenn ich heraus hatte, was für Musik sie selber machen wollen, war es leicht, ihnen zu zeigen, was sie üben müssen, um sie spielen zu können – der Rest ging dann von alleine (sofern ihnen Musik nicht letztlich doch egal war bzw. sie nicht schon gelernt hatten, daß es sich nie lohnt (zu lohnen scheint), sich anzustrengen).

  3. @michael Genau! Ich war auch Musiklehrerin (allerdings an der Schule) und habe die letzten Jahre bloß noch Gruppen- u. Projektarbeit mit den Klassen gemacht. Oft haben sie sich dann wirklich angestrengt, wenn sie das Produkt selbst bestimmen durften. Für einige war es aber auch schon „zu spät“ sozusagen, genau wie Du beschreibst. Sie hatten schon aufgegeben, ihren pers. Sinn beim Lernen zu entwickeln. Zu viel fremdbestimmtes Lehren erfahren. Es ist ein Trauerspiel. Junge Leute, die bestimmt als kleine Kinder auch den ganzen Tag gelernt haben und neugierig waren, wie alle. Aber es muss ja nicht jeder seinen Sinn in der Musik finden. Kennst Du die BIP-Kreativ-Schulen? Die Schüler dürfen alles ausprobieren und finden dann ihre Spezialinteressen, die sie intensivst bearbeiten.
    http://www.mehlhornschulen.de/

    • Lisa Rosa, Michael, bei der Musik bin ich eurer Meinung (wobei es auch durchaus Menschen gibt, die mit Musik ganz einfach nichts am Hut haben und die sollte man damit auch in Ruhe und ihnen Zeit für die Dinge lassen, die ihnen liegen). Aber geht es auch ganz ohne fremdbestimmtes Lernen – zum Beispiel zu akzeptieren, dass das Kind seine Aufgaben nicht hinbekommt oder im Lesen hinterherhinkt? Braucht es nicht manchmal eine gewisse Regelmässigkeit, einen Rhythmus, einen Anstoss, eine kleine Versprechung, auch eine Ermahnung um mit der Arbeit loszulegen? Selbst wenn der Sinn vom Lernenden bereits anerkannt wurde…
      Interessant übrigens, dass ihr beide Musiklehrer wart und zu den gleichen Erkenntnissen gekommen seid. Meine Frau ist auch Musiklehrerin und verzweifelt ebenfalls an der Art und Weise, wie Musikschulen, Konservatorien, aber auch die Eltern Musik vermitteln. Mir scheint das in Frankreich schlimmer als in Deutschland, hier wird nämlich Notenlesen und Musiktheorie getrennt vom Instrument gelehrt – das schreckt dann erst so richtig ab…

  4. @Lila Rosa
    > Kennst Du die BIP-Kreativ-Schulen?<

    Nein – ich bin allerdings auch seit knapp zwanzig Jahren „draußen“.

    Bei dem Begriff „Kreativ-Schule“ kräuseln sich, ehrlich gesagt, bei mir dann doch alle Nagel an den Füßen…

    > Sinn beim Lernen zu entwickeln […] Zu viel fremdbestimmtes Lehren erfahren <

    „Sinn“ wird man gewiß nicht dadurch „entwickeln“, indem man ihn „lehrt“ – aber so meinst Du das ja auch gar nicht. „Lernen“ ist ein naturwüchsiger Prozeß, den man nur abwürgen, aber nicht von außen anschubsen kann.

    – Aber ich muß Deinem Link erst noch folgen.

  5. > hier wird nämlich Notenlesen und Musiktheorie getrennt vom Instrument gelehrt <

    Die Lehrer will ich sehen, die da mit gutem Gewissen mitziehen… Großer Gott! (oder wie flucht man man sonst noch angemessen…)

    • Michael, da musst du mal nach Frankreich kommen… Aber es ist ja nicht so, dass es da keine Argument gäbe:
      – beim Notenlernen ohne Instrument erhält man eine umfassendere Ausbildung, also z.B. nicht nur gewisse Notenschlüssel oder ganz extrem die reduzierte Notation im Schlagzeug
      – das Instrument kann später leichter gewechselt werden
      – der Schüler kann sich besser auf das Instrument konzentrieren, wenn er die Noten schon beherrscht
      Ich persönlich glaube aber auch, dass ingesamt der Schaden weit grösser ist als der Nutzen. Für passionierte Musiker, die eine grosse Karriere anstreben, mag das gerechtfertigt und effizient sein, für Schüler, die einfach nur ein wenig Spass und Erfüllung beim Musizieren suchen, erhöht es die Frust-Wahrscheinlichkeit.

      P.S. Vielleicht wäre „Du gütiger Darwin!“ eine moderne Fluchoption 😉

  6. Ich stelle die Frage schlicht anders herum: Welchen Lernerfolgt kann ich jemandem im nachhinein spiegeln? „Schau, das hast du geschafft, du warst dort und jetzt bist du hier. Und mit ein bißchen Einsatz schaffst du auch das da drüben.“ Muss ja nicht Musik sein, ich kenne das von mir, man geht manchmal sehr von sich aus. Wie wär’s mit einem Satz Farben und einer Staffelei? Einem Legokasten?

    Lernen vom Leben, Theorie von Praxis, Noten von erlebter Musik zu trennen ist doch echt Quatsch, so würde ich das auch sehen. Aber vielleicht hängt es ja mit etwas anderem zusammen: Kann es sein, daß die Franzosen den Diskurs über Kultur ebenso wie das Kulturschaffen selbst schätzen und das Notenlernen ohne Spielen eine Einübung in das Abstraktionsvermögen darstellt?

    • 🙂 Genau das ist auch meine Taktik: „Siehst du, was du geschafft hast, weil du dir Mühe gegeben hast…“

      Das Notenlernen ist natürlich auch eine Abstraktionsübung, aber das eignet sich die Mathematik schon besser und spricht auch die Menschen an, die dafür einen Draht haben. Dass es irgendwie mit der französischen Haltung zu Kultur zu tun hat, glaube ich nicht, eher zur Haltung gegenüber Kindern, die durch mehr Anspruchsdenken und die Wichtigkeit praktischer Aspekte gekennzeichnet ist. In Deutschland wird mehr gespielt, man lässt man den Kindern mehr Raum und Freiheit, sich selbst zu entdecken. Das Schulsystem in Frankreich ist ausschliesslich die Ganztagsschule seit Ende des 19.Jahrhunderts, geht bereits mit 3 Jahren und ist auch autoritäter und leistungsfordernder (neben Zeugnissen gibt es auch eine offizielle Liste mit der Rangfolge der Schüler). Spielzeug und Brettspiele werden übrigens fast ausschliesslich aus Deutschland importiert.

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