Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Der Mentor

In An Alle on April 14, 2009 at 8:03 am

[Foto: mayhem]

Im Zusammenhang mit Startup-Gründungen in den USA hört man immer wieder den guten Ratschlag „Suche dir einen Mentor“. Auch in der Generation meines Vaters wird der Begriff gebraucht, mir ist er weitgehend unbekannt. Ich kann mich nicht erinnern, dass jemals einer meiner Freunde von einem Mentor gesprochen hat.  Ich musste sogar erst mal nachschlagen, was genau damit gemeint ist – bin mir aber nicht sicher, die Idee wirklich durchdrungen zu haben. Wikipedias Definition ist jedenfalls sehr dünn.

Ist ein Mentor lediglich jemand, der einem mal einen Ratsschlag gegeben hat – oder jemand, der als ständiger Ratgeber über einen längeren Zeitraum fungierte? Die erste Definition ist bereits durch einen Onkel erfüllt, der einem einmal bei einem Besuch auf die Schulter geklopft und gesagt hat: „Halt die Ohren steif!“. Nach der zweiten Definition könnte das auch die eigene Mutter sein. Mir scheint, dass ein Mentor nur in einem ganz abgegrenzten Bereich agiert: Unternehmensgründung, Karriereplanung, Literatur. Aber das tut ja auch jeder Lehrer. Und nicht jeder Lehrer ist ein Mentor. Der individuelle Aspekt der Beratung ist doch unabdingbar, oder? Ist ein Doktorvater bereits ein Mentor? Kann ein Mentor Geld verlangen – oder wird er dann nur zum professionellen Berater? Und schwingt nicht auch ein Hauch von Lebensphilosophie, Werten und Grundsätzen mit, wenn von einem Mentor die Rede ist – fachliche Beratung als Katalysator der Persönlichkeitsentwicklung?

Ich würde die Fragen gerne weitergeben: was versteht ihr unter einem Mentor? Hattet oder habt ihr einen Mentor? Welche Geschichten über Mentoren kennt ihr – aus dem eigenen Leben oder aus der Literatur? Trügt meine Wahrnehmung, dass die Idee des Mentors bereits verblasst ist?

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  1. Für mich ist jeder Mensch ein Mentor, dessen Blog ich lese, mit dem ich mich unterhalte und beschäftige. Jeder Mensch kann einem was anderes beibringen, manche mehr und manche weniger gut. Es gibt natürliche Unterschiede, z.B. durch die Verwandtschaft und lange Freundschaften, so dass manche Menschen immer wieder die Rolle des Mentors bekommen oder nie verlieren. Kindern gibt man im Allgemeinen mehr auf den Weg und mehr Ratschläge, als Erwachsenen. Das finde ich eigentlich schade, denn auch Erwachsene brauchen Hilfe, Rat und Anleitungen- niemand ist perfekt und in seiner Weisheit „abgeschlossen“.

    Es gibt so viele Mentoren wie es Fachgebiete und Lebensbereiche gibt: Die von dir angesprochene Unternehmensgründung, der Doktorvater… aber eben auch Leute, die einen in mehr spirituellen oder gar emotionalen Fragen beraten.

    In der allgemeinen Öffentlichkeit hingegen ist die Rolle nicht klar definiert bzw. es ist ein Begriff, den man recht selten hört.

    Darüber nachdenken ist aber wichtig- insofern war das mal wieder eine gute Frage!

  2. Einen Mentor oder eine Mentorin braucht man in verschiedenen Lebensphasen als Entwicklungshelfer. Echte MentorInnen sind selten. Sie zeichnen sich generell dadurch aus, dass sie ein großes Vergnügen daran empfinden, andere – Jüngere – sich entwickeln zu sehen und dabei gerade von speziell ihren Erfahrungen zu profitieren. Wenn sie nicht eine so besonders ausgeprägte Freude daran hätten, ihre eigenen Erfahrungen weiterzugeben, würden sie nicht um und um so selbstlos ihre Zeit opfern. Ich glaube, ich habe rausgekriegt, dass sie damit ihre Trauer um das Altwerden und Sterbenmüssen kompensieren; sie verwirklichen sich selbst, indem sie die neue Generation aufbauen helfen, den die Nachfolger/Jünger/Schüler sind die einzige Möglichkeit sein Leben in die Menschheitsgeschichte hinein zu verlängern. Wie auch immer: Ihre Haupteigenschaft ist die, zu lenken ohne zu bevormunden, nicht zu manipulieren und trotzdem über die Einhaltung der selbstgewählt eingeschlagenen Richtung zu wachen, keine ungebetenen Ratschläge und Tipps zu verabreichen und stattdessen den Eindruck zu vermitteln, man hätte im Gespräch mit ihnen alle Entdeckungen selbst gemacht … Wenn der Doktorvater eine Mentorin ist, hat man das große Los gezogen.
    Andererseits brauchen Mentoren auch das passende Gegenüber. Nicht jeder kann gut mit Mentoren. Mentoren müssen auch gepflegt werden, damit sie gut funktionieren. Man muss ein mentoraffines Verhalten entwickeln, um einen passenden Mentor für sich zu gewinnen. Aber darüber ein andermal.

  3. Hier nur rasch ein paar Links – das Thema ist (abgesehen von den Mentoren, die in der 1. und 2. Phase der Lehrerausbildung mehr oder weniger professionell und freiwillig dieses Amt übernehmen) ein vielfältiges…

    Am Programm Partners in Leadership nehmen bei uns in Berlin viele Schulleitungen teil
    http://www.gew-berlin.de/blz/11937.htm

    http://www.berlin.de/ba-marzahn-hellersdorf/aktuelles/presse/archiv/20090129.1250.119367.html

    http://www.berlin.de/verwaltungsakademie/mentoring/

    http://www.deutsche-bank.de/csr/de/content/mentoring.htm

  4. In meinem Verständnis ist ein Mentor etwas anderes als ein Lehrer, obwohl man von beiden lernt. Es gibt jedoch einen Unterschied in der Art und Weise, wie dieses Lernen vor sich geht. Der Lehrer ist – im Extrem – jemand, der frontal vor der Klasse steht und einen Monolog hält. Ein Mentor hingegen ist mir persönlich zugeordnet, und er belehrt mich nicht, sondern hilft mir voranzukommen, indem er gezielte Fragen stellt und mit mir – fast – auf Augenhöhe an einem Projekt zusammenarbeitet.

    Wenn diese Definition stimmt – ich habe den Begriff nur vage im Kopf -, hatte ich in meinem Leben zwei Mentoren – einen, als es darum ging, meinen Weg in der Musik zu finden, und einen zweiten bei meinen ersten ernsthaften Schritten im Software-Development. Beide sind noch heute „väterliche Freunde“ (wobei sie jeweils nur ca. zehn Jahre älter sind), denen ich mit großer Dankbarkeit begegne.

    • Danke an alle für die Kommentare, die den Begriff von so vielen Seiten beleuchten – dass Mentoren vom „Mentee“ ausgewählt werden und sich nicht aufdrängen, dass sie beim Entdecken helfen anstatt Ratschläge eintrichtern, dass jeder ein Mentor sein kann, dass die Idee heute auch in Schulen eingesetzt wird, um Schülern ausserhalb des Unterrichts Dinge zu vermitteln, dass sie auf Augenhöhe kommunizieren und dass sie Fragen stellen, um dem Gegenüber weiterzuhelfen (und das gefällt mir natürlich am besten 😉 )
      Ich persönlich habe in meinem Leben zwar Menschen getroffen, die mir etwas vermittelt haben, durch die ich weiter gekommen bin, aber das waren Freunde, und die Erkenntnisse, die ich gewann, die musste ich mir selbst entwickeln. Auch die Literatur hat für mich da eine wichtige Rolle gespielt. Der oben zitierte Paul Graham gehört in die Gruppe von Menschen, die mir etwas vermittelt haben, ohne dass ich sie je kennengelernt habe. Die einzigen „realen“ Menschen, die vielleicht eine Mentor-ähnliche Rolle gespielt haben, waren mein Klavierlehrer, der mir viele verschiedene Zugänge zur Musik geöffnet hat, und mein Doktorvater, durch den ich viel über das Entwicklen und Vermitteln von Ideen, das Schreiben und die Natur der Forschung gelernt habe.

  5. Du hattest einen Dokotorvater? Hoppla, geahnt habe ich es, jetzt weiß ich es 🙂

    Im Grunde denke ich so wie du es oben beschreibst, Fragezeichner, ich drücke es nur nochmals anders aus, weil du oft an einem meiner Themen kratzt (Hesse):

    Ratschläge sind Totschläge, und Menschen um ihre eigenen Erfahrungen zu bringen, heißt für mich, ihn um wichtige Lebenserkenntnisse zu berauben – die er irgendwann doch selbst erleben muss.
    Ein Mentor wäre für mich ein „Zuhörer“ (!), ein aufmerksamer Zuhörer. Darin liegt Ingeresse und Liebe an der Entwicklung der begleitenden Person. Das ist für mich eine in sich ruhende und gefestigte Person, die ertragen kann, viel Unsinn zu hören in dem Glauben, das sich gerade darin der Weg – über alle Steine und Brücken – finden wird.

    Pardon, ich bin selten ein Freund von Erkenntissen über den großen Teich, weil oftmals jede kleinste positive Lebenserfahrung dort zu einem universellen Gesetz erhoben wird, das kommerziell ausgeschlachtet wird. (z.B.:Gespräche mit Gott).
    Ich glaube nicht, dass man sich „einen Mentor suchen kann“ – wie in einer Zeitungsanzeige oder das Modell und die passende Farbe des neuen Autos. Diese Menschen müssen zueinander finden – ohne jede Bedingung.

    • Menachem, Geschenke sind wie Ratschläge: Vergnügen bereiten sie vor allem dem, der sie gibt (Emile Henriot). 😉 Hattest du einen Menschen in deinem Leben, den du als Mentor bezeichnen würdest?

  6. Henriot drückt glaube ich das aus, was ich (wir) meine.

    Ich würde dir deine Frage so gerne meiner Selbst willen beantworten – aber ich glaube, für ein klares „Ja“ und ein Gesicht dazu, reicht es nicht – was aber nicht das Problem des Mentors ist, sondern, das meiner eigenen Erwartungshaltung. Wie du schon schreibst – Mentor-ähnlich (Eine sehr interessante Formulierung, wie ich erst jetzt feststelle).

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