Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Ein Schuss

In An Manche on April 9, 2009 at 9:19 am

[Foto:  kozigraf]

Frank Sinatra war bekannt als jemand, der bei Studio-Aufnahmen nur einen Versuch brauchte, um ein Lied aufzunehmen. Andere brauchen Jahre, um ihren Aufnahmen den richtigen Schliff zu geben. Hört man das? Wirkt Sinatra frischer, unverbrauchter, inspierierter auf seinen Aufnahmen als jemand, dessen Stimme mehrfach nachbearbeitet wurde, der mehrere Aufnahmen machte, die dann zusammengeschnitten werden? Ist dieser Spirit of Live auch auf Tonträgern noch lebendig? Oder sind es nicht doch die Ton-Ingenieure, die einer Aufnahme den Zauber, den Geist, die Qualität verleihen?

Und wenn das der Fall ist, kann man diese Technik, den Augenblick zu verzaubern, auch auf andere kreative Bereiche anwenden: zum Beispiel der Software-Entwicklung oder Web-Design oder Video-Bearbeitung oder Blog-Artikel schreiben? Oder ist diese ganze Geschichte nur ein wohlgepflegter Mythos (haben vielleicht die Ton-Techniker am Ende alles ausbügeln müssen?), der falsche Hoffnungen und Illusionen schürt – nämlich ohne Mühen und Schweiss erfolgreich zu sein?

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  1. Das ist ein ganz anderer Zock. Das funktioniert nur bei performativer Kreativität, also solcher, die auch Live funktioniert. LiVe Programmieren dürfte eher selten vorkommen.

  2. Ich arbeit mit einer Partnerin zusammen, die ihre Postings in der Regel unmittelbar und in einem Guß formuliert. Ich dagegen brauche immer Zeit für Überarbeitungen und Feinschliff.

    Ihre Genauigkeit liegt im Fühlen. Wenn sie schließlich in der Sprache angekommen ist, ist alles treffsicher geworden – und wirkt unmittelbar. Meine Genauigkeit beginnt dagegen in der Sprache. Durch sie differenzieren sich meine Gefühle.

    Früher habe ich sie um ihre Unmittelbarkeit beneidet. Heute weiß ich, dass ihre Unmittelbarkeit aus der sinnlichen Genauigkeit des Fühlens entspringt. Bei mir beginnt Differenzierung in der Sprache. Mit Hilfe der Worte ordnen sich meine Empfindungen. Und ich weiß, dass sie oft genug die Unmittelbarkeit meiner Worte bestaunt hat.

    Unmittelbarkeit scheint bei jedem von uns aus anderen Talenten zu entspringen…

  3. @Benni:
    Live-Programmieren geschieht weit häufiger, als man das vermutet. Es gibt eine große Gemeinsamkeit in der Entstehung von Kunst und Software (Paul Graham zu dem Thema grundlegendes geäußert) – und der Musiker, der „live“ auf der Bühne steht, hat durchaus einiges gemeinsam mit dem Hacker, der seinen Code „improvisiert“ (leider ist der Begriff „Hacker“ mittlerweile unter die Räder geraten).

  4. @Michael: Ja, das ist ein großartiges Essay. Aber da wird ja Hacken als Kunst beschrieben. Und eben gerade mit Dingen wie Malerei und Architektur verglichen und nicht mit Theater oder Gesang. Was den „Hacker“-Begriff angeht. Der war schon von seiner Geburt an unter den Rädern und er wird immer in beiden Bedeutungen benutzt werden. Das ist auch gut so, weil es sonst deutlich schwerer wäre für Hacker sich zu erkennen 😉

  5. Da würde mich interessieren, was Du als „Kunst“ definierst – Malerei und Bauen ist ewig – hingegen Kunst, Theater und Gesang etwas, was sich nur im Moment entfaltet, und sofort wieder vergeht, und damit nicht unter dem „Kunst“-Begriff fällt? – Bestimmt nicht, und ich glaube auch nicht, daß Du das so verstehst.

    Und klar: wir Hacker erkennen einander. Wobei es da ziemlich üble Mißverständnisse gibt.

  6. (Sorry, Korrektur – ich habe ziemlich üble Mißverständnisse oben falsch verlinkt).

  7. @Christiane, falls du nochmals zu diesem Beitrag zurückkehrst würde mich deine Meinung interessieren, besonders, ob dein Kommentar auf das hinweist, worüber ich oft nachdenke.
    Indem spontan geschriebenen, kann ich oftmals mehr erkennen und verstehen, woraus die geschriebenen Zeilen entstanden sind. Zusammenhänge, Verästelungen ergeben sich manchmal nur aus einem Wort. Das ursprüngliche Wort ist für mich das Wahre. Das nachgeschliffene das Gewünschte – indem ich mich mit jeder Korrektur weiter von dem entferne, was ich eigentlich fühle, sagen, fragen und klären wollte.

    • Michael, Benni – man könnte die Idee ja auch sinngemäss auf die Software-Entwicklung übertragen: ein spontanes Design, das der Intuition entspringt, anstelle einer systematischen Planung. Da Intuition ein durchaus brauchbares Mittel zur Komplexitätsreduzierung ist, könnte sie vielleicht zu einem besseren Ergebnis führen als der rein intellektuelle Ansatz.

      Michael, mich würde aber auch deine Meinung dazu interessieren, ob Sinatras Art, Songs aufzunehmen, tatsächlich einen gewissen Esprit einfangen, der sonst bei der intensiven Bearbeitung durch Ton-Ingineure verschüttet wird oder bei der puzzle-artigen Aufnahme erst gar nicht entstehen kann.

      Christiane, Menachem – das könnte in der Tat das Geheimnis sein: dass die rauhere, ursprüngliche, spontane Art den Menschen hinter dem Werk sichtbarer macht.

  8. @michael: ne, ist schon alles kunst. schrieb ich doch auch garnich. aber im essay geht es explizit hauptsächlich um Malerei und im geringeren Sinn um Architektur.

    @?: Jede kreative Tätigkeit enthält wohl immer eine gute Spur Intuition. Ich hatte dich aber so verstanden, dass es Dir darum nicht ging, sondern um das Werk selbst, dass performativ ist und sich darin erschöpft.

    Ansonsten: Vor der Erfindung der Tonaufzeichnung war ja Sinatras vermutete Arbeitsweise die Regel. Vielleicht ist das Ganze also auch nur ein Kokettieren mit „der guten alten Zeit“ als echte Männer noch echte Männer und echte Sänger noch echte Sänger waren?

    • Benni, ja, ich frage mich, 1) ob das überhaupt stimmt, dass das Ergebnis besser oder irgendwie „beseelter“ klingt. Und wenn ja, 2) woran das liegen könnte (du hast ja eine durchaus mögliche Erklärung gegeben). Und dann noch 3) ob die Erkenntnisse auf andere Bereiche übertragbar sind.

  9. > Michael, mich würde aber auch deine Meinung dazu interessieren, ob Sinatras Art, Songs aufzunehmen, tatsächlich einen gewissen Esprit einfangen, der sonst bei der intensiven Bearbeitung durch Ton-Ingineure verschüttet wird oder bei der puzzle-artigen Aufnahme erst gar nicht entstehen kann.<

    Wenn eine komplette Band im Studio gemeinsam aufnimmt, kommt definitiv etwas völlig anderes dabei heraus, als wenn eine Schicht über die andere gelegt wird, und das ist mE. selbst für einen nicht besonders geschulten Hörer jederzeit wahrnehmbar.

    Entscheidender Punkt ist zunächst, daß bei der „Schichttorte“ immer mit Metronom aufgenommenen werden muß – die (minimalen) Temposchwankungen bei einer Live-Aufnahme sind es auch, an der man die von Dir beschriebe „Lebendigkeit“ festmachen kann.

    Die nächste Ebene betrifft all die anderen Wechselwirkungen zwischen den Musikern, die selbst bei komplett auskomponierten Arrangements wie den Sinatra-Songs zustande kommen – da geht es um „automatisches“ Anpassen der Lautstärken, der Ausdrucksformen (gemeinsames Vibrato), etc. All das fällt weg, wenn einer nach dem anderen vors Mikro tritt.

    Die Geschichte, daß der erste Take auch auf der Platte landet, hat(te) natürlich in erster Linie ökonomische Gründe – Kosten für Musiker, Studio, und (nicht unwesentlich) Bandmaterial.

    • Michael, danke für deine Erläuterungen. Die Phänomene, die du beschreibst, gelten aber nur für Gruppen, Live-Aufnahmen können also in besonderem Masse einen Gruppen-Spirit einzufangen. Umgekehrt heisst das wohl im Fall Sinatra, dass die Qualität seiner Aufnahmen einfach mit seiner Klasse zu tun hat und dass er es beim ersten Mal hingekriegt hat und nichts (oder nicht viel) nachbearbeitet werden musste.

      Ich frage mich, ob das Phänomen mit dem gegenseitigen Zuhören/Anpassen nicht auch zumindest in beschränkten Masse auch beim Backen einer „Schicht-Torte“ (um bei deinem schönen Bild zu bleiben) erreicht werden kann. Ein einzelner Musiker könnte doch zum Beispiel – ohne Metronom – eine Piste mit seiner Gitarre aufnehmen, dann beim Abspielen dieser Piste den Bass dazu spielen und schliesslich in einem dritten Durchgang dazu singen. Da er sich selbst und das Stück sehr gut kennt, müsste er doch in der Lage sein, bei jeder neuen Piste diese kleinen Anpassungen vornehmen zu können, um das Stück rund und lebendig klingen zu lassen…

  10. > Ich frage mich, ob das Phänomen mit dem gegenseitigen Zuhören/Anpassen nicht auch zumindest in beschränkten Masse auch beim Backen einer “Schicht-Torte” (um bei deinem schönen Bild zu bleiben) erreicht werden kann.<

    Ich hatte eben eine längere Debatte im Biergarten am Goldbeckplatz (Hamburg) mit meinem Laptop, um diese Frage zu diskutieren – die Schlußfolgerung lautet: eingeschränkt mag das gehen, es geht jedoch eine wichtige Ebene verloren. Ich nenne das provisorisch „infinit-rekursive Rückkopplungen“ – das wechselseitige „aufeinander-Hören“ setzt einen Prozeß in Bewegung, der zu einem Ensemble-Klang ermöglicht, bei dem jeder einzelne Musiker Teil eines Ganzen wird, das mehr ist als die Summe der Stimmen.

    Mehr findet sich in meinem Blog (danke übrigens für die Frage – die hat mich gezwungen, einige selbstverständlich geglaubte Bausteine zuende zu denken).

  11. Diese Idee nimmt seit einiger Zeit eine gewisse Form an…

    Allerdings bin ich in die Szene (Zeitung, Verleger, Holz halt 🙂 überhaupt nicht verdrahtet.

    Danke für Dein Lob.

  12. […] herumlag (glücklicherweise befindet sich immer zumindest ein Klavier darin). Zwar nicht in einem Schuss (weil ich nunmal nicht 10 Hände und 3 Gehirne habe), aber doch ohne Schnipseln und Bearbeiten, […]

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