Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Der Stahl der Gewissheit – Ein Buch ohne Fragen

In An Jemanden on April 7, 2009 at 7:52 am

[Foto: Jens-Olaf]

Ich kann jetzt nach eigener Lektüre nachvollziehen, warum Ernst Jünger für sein Buch „In Stahlgewittern“ gehasst wurde. Nicht weil er den Krieg verharmlost oder verherrlicht. Seine Beschreibungen sind oft abstossend und schockierend, schildern wie Kameraden zerfetzt, zerrissen und verstümmelt werden, ihnen das Gehirn ausläuft, der Kopf explodiert, ihre Gedärme aus dem Leib quellen. Jünger beschreibt den Krieg durchaus abschreckend als ein furchtbares Gemetzel.

Das Unerträgliche an diesem Buch ist, dass selbst die schlimmsten Erfahrungen den jungen Soldaten nicht über das Erlebte nachdenken lassen, Zweifel an seinem Tun schüren oder auch nur die geringste Frage nach dem Sinn seiner Mission aufwerfen. Ohne Zweifel, ohne Fragen, ohne Reue geht es immer und immer wieder aufs neue in die nächste Schlacht. Selbst der Tod von Freunden und die eigene schwere Verwundung können nicht die Gewissheit ankratzen, das richtige zu tun – und hindern ihn auch nicht, stets von Mut, Stärke, Furchtlosigkeit zu quaken. Der Mann kommt aus dem Krieg so heraus wie er hineingegangen ist – ohne innere Konflikte. Das Buch endet mit der stolzen Feststellung, vom Kaiser den obersten Verdienstordnen verliehen bekommen zu haben.

Diese seltsame Chronik, die zudem mit manch geschmacklosem Vergleich und Bild etwas linkisch gespickt wurde, ist einfach zu wenig, auch für einen 23jährigen zu wenig. Durchgefallen! Von einem gebildeten Menschen wie Jünger durfte man auch zu dieser Zeit, auch in diesem jungen Alter mehr erwarten. Jünger hätte verständlich machen können, was seine Generation eigentlich im Inneren getrieben hat, sogar Verständnis wecken, Einsichten in den politischen und gesellschaftlichen Kontext geben. Nein, keine Stellungnahme – nicht zuständig! Und mir scheint gerade nach dieser Lektüre, dass es auch diese Schwäche war, keine Stellung beziehen zu können oder zu wollen, vermischt mit soldatischem Pflichtbewusstsein, Eitelkeit, Loyalität und Corpsgeist, die die Generalität zu Hitlers wirksamstem Instrument gemacht hat.

In den „Stahlgewittern“ zeigen sich unbeabsichtigt die Keime des Niedergangs und der Selbstzerstörung Deutschlands zwei Jahrzehnte später. Vielleicht wäre die Katastrophe aufzuhalten gewesen, wenn auch Jünger sich und seinen Altersgenossen die einfache Frage gestellt hätte, die er später noch sein ganzes Leben lang als Belästigung empfunden hat: warum?

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  1. Es gab ja durchaus Leute, die sich diese Frage gestellt haben. Die haben dann 1918 die Revolution gemacht. Und wer danach immer noch nicht aufhörte zu Fragen wurde ermordet von den Nicht-Fragenden. Und diese Freikorps-Mörder waren schliesslich die Keimzelle von 1933.

    • Benni, ja die gab es bestimmt, aber kaum im Militär. Und das Militär – eine elitäre, einflussreiche Kaste, zu der auch Jünger zählte – hätte dem Spuk relativ schnell und einfach ein Ende machen können. Aber es bestand nunmal aus Leuten, die Krieg als nicht viel mehr denn eine Art Sport für Erwachsene begriffen haben. Und das hat mich beim Lesen von den Stahlgewittern am meisten erschüttert.

  2. Mach es dir nicht zu leicht. Krieg, bzw. die Gefahr dessen, ist ein wichtiger Teil der Kommunikationstechnik, zwischen mehreren Parteien.

    Den einen Menschen wollen wir mit schönen Worten und Blumen für uns einnehmen, andere wollen wir aus unserem Weg räumen, und dies unternehmen alle gleichzeitig, miteinander. Krieg ist also -fernab aller Romantik- lediglich ein Aspekt im Spektrum unserer besonderen Erscheinungsform (bei Affen weiss man mittlerweile, dass auch diese miteinander „Krieg“ führen).

    Jünger beschreibt ähnlich wie viele andere aus dieser Zeit etwas das alle Menschen fasziniert. Tod, Untergang, Vernichtung. Aber eben auch das was dies direkt gebiert. Heldenmut, Romantik, das Erreichen von edlen Zielen usw. usf.. Siehe hier vergleichend „Die Brücke“. Keiner der Protagonisten war je direkter Bestandteil vom Elend. Alle wollten Helden sein, Anerkennung durch sichtbare Taten sammeln. In der Brücke wir sehr viel dessen gezeigt, was grundsätzlich im Hormonspiegel junger Menschen stattfindet. Befragen wir doch z.B. 100.000 europäische Mädchen im Alter zwischen 15 und 20, hinsichtlich ihres Geschmackes bezogen auf Männchen. Ich bin mir nahezu sicher das die Mädels nicht den zierlichen (oder übergewichtigen) Jungen mit den -sehr guten- Schulnoten beschreiben. Doch warum? Im Jahr 2009. Wo Mann das Essen lediglich im Supermarkt jagen muss, und jeder weis das Personalabteilungen nicht nach dem Umfang des Oberarms vakante Stellen besetzen. Umgekehrt können wir ja mal schauen wie sich 100.000 Jungen in Europa ihre Holde vorstellen würden.

    Ergo, sollten wir einem Menschen sein Alter auf gar keinen Fall zum Vorwurf machen, wir sollten es viel bewusster als das wahrnehmen, was es ist:

    Integraler Bestandteil unserer Entwicklung 😉

    • Michael, ich mache ihm nicht das Alter zum Vorwurf, sondern seine mangelnde Reflektionsfähigkeit und Menschlichkeit. Mir ging es aber vor allem auch um – meine – Erkenntnis, dass die Abwesenheit von Fragen und Zweifeln und Denken fatal sein kann.
      Was deine Ausführungen zum Krieg angeht, kann ich deine Argumentation verstehen, teile deine Meinung aber nicht. Gerade jemand wie Jünger hätte, bei aller Faszination an Kampf und Heldentum, einsehen müssen, dass er Teil einer grossen Barbarei ist. Ist es nicht gerade diese Fähigkeit, sich über die niederen Instinkte des Körpers eines Tieres hinwegsetzen zu können, was einen Menschen ausmacht? Dass er eben nicht nur von seinen Hormonen gesteuert wird?

  3. Ich gebe Michael recht, und zwar in allen Aspekten.

    Ich habe „In Stahlgewittern“ nicht als Literaturkenner gelesen, sondern als historisch interessierter Schüler.

    Ich war um ehrlich zu sein froh, endlich ein, nicht von im Nachhinein assozierten Emotionen überladenes Werk zum ersten Weltkrieg zu finden. Gerade in unserer Zeit des „Bewusstseins“ für die Schrecken des Dritten reiches sollten wir uns nichtmehr von fremden Emotionen anstecken lassen und vorinterpretiertes Schriftwerk wiederkäuen, sondern auf basis weitestgehend neutralen Schilderungen (Wie der vorliegenden von Ernst Jünger) ein eigenes Bild erstellen und nach und nach ausbauen. „In Stahlgewittern“ erhebt nicht den Anspruch eine subjektive moralische Folgerung zu bieten sondern liefert nicht mehr und nicht weniger als eine Beschreibung, welche zur eigenen Interpretation und meintetwegen auch emotionaler Bildung jede Option bietet die wir als „kluge“ Gegenwartsmenschen brauchen. Was haben jene, die eben diese Objektivität verurteilen eigentlich gegen das Dritte Reich?

    • Jünger hat sich in der Tat so verteidigt wie du es tust. Und in der Tat ist das Buch durchaus lehrreich – vielleicht gerade weil es so repräsentativ ist für eine Generation, die als junge Menschen den Krieg als eine Art blutiges Spiel kennengelernt und dabei ihre Menschlichkeit verloren haben. Mich hat jedenfalls die völlige Abwesenheit von Zweifeln am blutigen Treiben stark befremdet.

  4. @ Fragezeichner,

    Worauf beziehst du die elitäre Position des Militärs im historischen Sinne?

    Heute kann davon keine rede mehr sein, ich selbst muss mich ständig dafür rechtfertigen, nicht wie die meisten anderen moralische Bedenken vorgegaukelt zu haben, nur um mich keiner grundausbildung unterziehen zu müssen (Jene mit echten Beweggründen zur Verweigerung möchte ich keineswegs kritisieren)
    Außerdem wird in dieser Hinsicht oft aus fachlicher Unkenntnis heraus ge- bzw. verurteilt. Jünger war im Ersten Weltkrieg Mannschafter und kein Offizier. ergo: Er war in keiner Weise Verantwortungs- oder Entscheidungsträger auf höherer Ebene.
    Der Einfluss des Militärs im Kaiserreich ist unumstritten enorm, doch kann Jünger daran weder Anteil gehabt, geschweige denn Privilegien genossen haben.

    • Ich empfehle Sebastian Haffners „Anmerkungen zu Hitler“, die die Rolle des Militärs in der damaligen Zeit und das Verhältnis zu den Nazis sehr anschaulich beschreiben.

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