Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Zeitspiel

In An Manche on März 19, 2009 at 8:10 am

[Bild: Slanzinger]

Vor Ihnen stehen zwei Boxen. In der ersten, durchsichtigen Box sind immer 1.000 Dollar; in der zweiten Box, die sie nicht einsehen können, liegt entweder eine Million Dollar oder gar nichts. Sie dürfen nun eine Entscheidung treffen:

  • Sie nehmen nur die zweite Box oder
  • Sie nehmen beide Boxen.

Ein allwissendes Wesen hat vorhergesagt, wie sie sich entscheiden werden. Seine Verlässlichkeit bei Voraussagen ist absolut. Sieht dieses Wesen voraus, dass Sie nur die zweite Box nehmen, hat es die Million Dollar in die Box gelegt. Sieht das Wesen dagegen voraus, dass Sie beide Boxen nehmen werden, blieb die zweite Box leer.

Nehmen Sie beide Boxen oder nur die zweite Box?

(Quelle: Wikipedia)

Dieses Spiel nennt sich Newcombs Paradox und ich bin beim Lesen von Watzlawick’s „Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“ darauf gestossen (danke an Patrick für den Tipp). Meine Frau entschied sich ohne zu zweifeln dafür, nur eine Box zu öffnen. Schliesslich hätte das Wesen ja vorausgesehen, wenn sie beide Boxen öffnen würde und die Box bereits präventiv geleert. Ich dagegen würde beide Boxen öffnen, denn zu dem Zeitpunkt, wo ich meine Entscheidung treffe, kann das Wesen die Million ja nicht mehr wegnehmen oder dazulegen – da wäre es ja blöd, nur die zweite Box zu öffnen. Wir diskutierten eine Weile unnachgiebig – wie zu erwarten ohne Ergebnis.

Das Faszinierende an dem Spiel ist ja gerade, dass beide Argumente unbestechlich und logisch korrekt sind, aber zwei gegensätzliche Dinge folgern. Man könnte auch sagen: beide Seiten haben recht, die Wahrheit kann sowohl das eine als auch sein Gegenteil sein. Es bleibt uns nicht anderes übrig, als mit diesem Widerspruch zu leben. Und ich finde, es lebt sich glänzend mit Widersprüchen. Ich finde sie direkt erfrischend!

Ich habe mich auch gefragt, ob man aus der Entscheidung, die jemand trifft, auch irgendwelche Rückschlüsse auf dessen Glauben an einen freien Willen oder Determinismus ziehen kann. Genausogut könnte man vermuten, dass jemand, der beide Boxen öffnet, eher dazu neigt, Regeln zu brechen als der andere. Oder auch einfach nur jemand ist, der immer alles anfassen muss, was er sieht. Küchenpsychologie… Max Planck hat die Frage nach dem freien Willen etwas läppisch abgetan: „Beides ist richtig. Das ist nur eine Frage der Perspektive. Von aussen betrachtet ist die Welt deterministisch. Von innen betrachtet sind wir frei in unseren Entscheidungen“. Widersprüchlich? Wahrscheinlich hatte Planck einfach keine Lust mehr über Dinge zu diskutieren, die zu nichts führen. Aber ich habe bisher noch keine bessere Antwort gehört.

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  1. Ich nehme nur die erste, denn Geld macht nicht glücklich … vielleicht kann die Million ja wer anderer besser gebrauchen.

    • rufus, das allwissende Wesen jedenfalls braucht das Geld nicht.

      Jörg, ich finde im Gegenteil, dass solche Gedankenexperimente das Denken stimulieren. Ich habe dadurch einen neuen Blick auf das Problem gewonnen.

  2. Es sind Beispiele dieser Art, die uns verwirren sollen und uns die Fähigkeit nehmen, über das Thema der Entscheidungsfreiheit überhaupt zu diskutieren. Es gibt ekin solches Wesen, es gibt kein solches Spiel und deshalb hilft ein solches Beispiel überhaupt nicht, das Problem der Entscheidungsfreiheit (oder der Willensfreiheit) zu erfassen – es verstellt das eigentliche Problem eher.

  3. Zitat: „Da zum Zeitpunkt der Wahl die Entscheidung darüber, ob in der zweiten Box die Million liegt, bereits gefällt ist, könnte man ja beide Boxen nehmen. Entweder liegt die Million darin oder nicht -ändern kann sich jedenfalls die gewonnene Geldsumme nicht mehr.“ – dies scheint mir die Situation eines ganz alltäglichen Glückspiel-Zufalls zu sein, „allwissendes Wesen“ hin oder her. Auch sonst geht es bei dem Paradox eigentlich doch weniger um die Entscheidungs-/Willensfreiheit des Spielers als vielmehr um die Entscheidungs-/Willensfreiheit des „allwissendes Wesen“. Denn sein Wille, seine Handlung wird determiniert durch das Voraussehen einer externen Handlung, also durch den freien (oder auch wieder nicht?) Willen des Spielers. Das Paradox beschrebt damit m.E. ganz gut das immer noch verbreitete „magische Denken“. Bei dem (und ganz frei ist ja wohl keiner von dieser Weltsicht) versucht wird, durch eigene, aber letztlich sinnlose Handlungen (Tragen von Amuletten, „Abwehrzauber-Augen“, Eisbär-Rettungskampagnen…) Einfluß auf das Schicksal, den Lauf der Welt, Gott? zu nehmen – Anstatt sich den Phänomenen der Welt auf rationale Weise anzunehmen.

  4. Die Angst vor der Zukunft verleitet Menschen dazu nach möglichst präzisen Vorhersagen zu streben. Das sie hierdurch fast schon sinnlos die Gegenwart verleben, fällt ihnen derweil nicht auf.

    Er der er 60 Jahre absolut nichts anderes tat als den Nachweis zu erbringen, dass es keinen Gott gibt, haucht einzig der Krankenschwester auf dem Sterbebett seine letzten Worte entgegen, weil er keine Familie und Freunde hat:

    „Ich sehe ein Licht!“

    😉

  5. Mir fällt dabei das Pokern ein. Soweit ich weiß, darf man dabei seine wahren Emotionen nicht zeigen, sonst erkennt der andere daran dein Blatt. Mit bluffen tut man also genau das Gegenteil, um in die Irre zu führen.
    Ich kann mir also schon vorstellen, dass über die Jahrtausende der Evolution der Mensch, wohl unbewusst, sehr gut in dem Gegenüber lesen gelernt hat. Und weil er es doch noch nicht perfekt kann – bleibt es spannend.

  6. Also ich würde beide Boxen nehmen. 😉

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