Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Ein Hoch auf das Gedächtnis

In An Alle on März 12, 2009 at 9:22 am

Nichts schien mir stupider, als in der Schule irgendwelche Daten auswendig zu lernen und sie dann in einer Klassenarbeit wieder abrufen zu können. Ich bemitleidete all die Kommilitonen, die Medizin, Pharmazie oder Biologie studierten und die ganze Wälzer in ihren Kopf hineinprügeln mussten. Und das wenige, das auch ich als Wirtschaftsinformatik-Student auswendig lernen musste, empfand ich bereits als eine Beleidigung des menschlichen Geistes. Professoren, die ihre Studenten keine begleitenden Bücher und Taschenrechner in die Prüfung nehmen liessen, sprachen wir guten Gewissens jede pädogogische wie fachliche Kompetenz ab.

Damals war das Web noch in den Anfängen, heute ist praktisch jede Information online verfügbar. Es ist weit wichtiger, richtig suchen und recherchieren zu können als möglichst vieles im Kopf zu behalten. Die Menge der Daten ist so gross, das meiste passt doch ohnehin nicht in unsere kleinen Gehirne hinein und wird ja auch bei jedem Hinzufügen und Auslesen ein wenig deformiert oder unbewusst mit verfälschenden Emotionen angereichert.

Aber: jetzt stelle ich mir mal einen Vortragenden auf einer Konferenz vor, der seine Powerpoint-Folien an die Wand wirft und dazu irgendetwas von einem Zettel abliest. Ich stelle mir eine Diskussionsrunde vor, wo jemand seine Argumente mit „Ich weiss jetzt nicht mehr, wo ich das gelesen habe, doch ich bin ganz sicher, dass…“ einleitet. Ich stelle mir Bundestagsabgeordnete vor, die ihren Blick bei ihrer Rede stets nach unten aufs Pult gerichtet haben. Ich stelle mir Gäste beim Abendessen vor, die sich Diskussionsthemen und Anekdoten auf einem Spickzettel notiert haben. Und jemanden, der die Telefonnummer seiner Frau nicht mehr kennt, sobald die Batterie seines Mobiltelefons leer ist.

Und jetzt stelle ich mir einen Forscher vor, der all die vielfältigen und ungewöhnlichen Gespräche in der S-Bahn oder auch in der Kantine mit Kollegen aus anderen Fachbereichen aufsaugt, und all die Teile in seinem Kopf in einem Moment der Inspiration zu einer revolutionären Idee zusammenfügt. Ich stelle mir einen schlagfertigen Lehrer vor, der jeden Unsinn seiner Schüler mit einem Bibelzitat konterkarieren kann. Ich stelle mir einen Entertainer vor, der aus einer Vielzahl von Gags den richtigen aus dem Hut ziehen kann.

Ist nicht in Zeiten, in der Information überall verfügbar ist, ein gutes Gedächtnis, die Fähigkeit auswendig zu lernen, eine Möglichkeit sich abzuheben, sozusagen ein Alleinstellungsmerkmal? Wird ein gutes Gedächtnis deshalb nicht eher noch wichtiger? Auch in der Informatik spielt das Konzept des „Caches“ schliesslich eine zentrale Rolle zur Optimierung und Beschleunigung von Informationszugriffsprozessen – warum sollte das bei Menschen anders sein?

Übrigens: jemand, der von seinem aussergewöhnlichen Namens- und Gesichter-Gedächtnis profitiert hat, ist George W. Bush, der in der Lage ist, Leute wiederzuerkennen und mit Namen zu begrüssen, die er Jahre zuvor nur ein einziges Mal kurz gesprochen hat. Ein Politiker, der sich das Gesicht und den Namen jedes Menschen merken kann, den er je getroffen hat, wird zwangsläufig jede Wahl gewinnen. Jeder Wähler – unabhängig von seinen politischen Überzeugunen – wird sich in einer solchen Situation ernst genommen und geschmeichelt fühlen.

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  1. Das Gegenbeispiel ist der „große Komunikator“ Ronald Reagan, der schon in seiner Blütezeit berühmt war für seine Kärtchen, die ihm im rechten Moment zugesteckt werden musste, damit er über Gesprächspartner und Thema orientiert war.

    Information ist nicht Wissen, Wissen ist nicht das Wissen um seine eigene Anwendung, das in Persönlichkeiten liegt. Politikerinnen und Politiker sind Persönlichkeiten, Menschen interagieren mit Persönlichkeiten – oder wollen zumindest das Gefühl haben, als ob.

    • Detlef, es ist eben eine grosse Kunst zu entscheiden, was so wichtig ist, dass es ins Gedächtnis gehört (oder gar ins Kurzzeitgedächtnis) und was „ausserhalb“ gelagert werden muss. Je grösser das Gedächtnis, desto grösser das Potential, Informationen zu Wissen zusammenzufügen. Deswegen finde ich übrigens auch, dass man das Gedächtnis auch als Kind schon trainieren sollte, z.B. durch das gelegentliche Lernen von Gedichten. Ich sehe da keinen Widerspruch zum Erlernen von Medienkompetenz, Urteilskraft, Erarbeiten von eigenen Erkenntnissen, etc. Derjenige, der sein Gedächtnis vernachlässigt, verschenkt – genauso wie derjenige, der es mit unwichtigem zumüllt (was für jeden einzelnen durchaus anders definiert ist) – Teile seines Potentials.

  2. Ich liebe dieses Thema 🙂

    Bisher haben mich alle meine Kinder darauf angesprochen wozu man Geschichte braucht. Meine Antwort war stets dieselbe:

    „Wie willst Du etwas planen ohne zu wissen ob das was Du planst in dieser u./o. einer ähnlichen Art bereits erfolg hatte, bzw. warum und wodurch scheiterte.“

    Und natürlich sollte man die relevanten Eckpunkte auf jeden Fall speichern. Wie Du schon feststelltest ist nur wichtig zu erkennen was die korrekten Eckpunkte sind. Ein Bsp.:

    Es ist nicht wichtig zu speichern wann exakt (so um 1900) ein starrsinniger, rechthaberischer Professor definierte, dass unser Gehirn sich ab einem präzisen Alter (so ab 30) nicht mehr weiterentwickeln würde. Auch ist nicht wichtig das ein paar Studenten aus Europa dies erst vor ein paar Jahren (so um 2002) anhand von unerschütterlichen Nachweisen widerlegen konnten. Wichtig ist zu speichern das Wissenschaft offensichtlich auch nur mehr eine weitere Religion ist, die hauptsächlich in Einrichtungen namens Universitäten praktiziert (ausgelebt) wird.

    Und also verwundert es auch nicht das ein gutes Gedächtnis vor allem eines braucht: Einen gefestigten Charakter.

    Wer über den nicht verfügt läuft Gefahr zwischen den starrsinnig ewig Gestrigen und geltungssüchtig, demagogisch Heutigen zerrieben zu werden…

  3. Ich habe nichts anspruchsvolles hinzuzufügen, aber da ich gerade tagtäglich mit der „Religion Wissenschaft“ konfrontiert werde, wünschte ich mir – wie so oft in meinem Leben – ich hätte ein besseres Gedächtnis. Das würde mir eine Menge Arbeit ersparen, die ich nur machen muss, weil mein Gehirn nicht zu mehr fähig ist.
    Ich finde den logistischen Aufwand hinter so einer Diplomarbeit langsam wirklich bemerkenswert. Karteikarten, Listen, Tabellen, Querverweise, Klebezettelchen – alles nur, damit ich den Inhalt, den ich später brauche, überhaupt wiederfinde.
    Es muss irgendwie angenehmer gewesen sein, damals, als man diese Arbeiten noch auf der Schreibmaschine schrieb und es kein Internet gab und schon alleine deshalb viel weniger Quellen und Material zu überblicken hatte…

    • g.emiks, ja, Fragen scheint mir mittlerweile ein radikales Konzept. Es zieht auch dem Fragenden selbst ein wenig den Boden unter den Füssen weg.

      Menachem, es gibt keinen Grund zum Danken oder Entschuldigen.

  4. Hello, please, remember COPYRIGHT!
    You are using my photo above without asking permission. This photo is under © Copyright and I urge you to remove it immediately! Sincerely, Roy

  5. Roy, the photo I linked to above is under the following license: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/deed.en (click on „Some Rights Reserved“).
    If you are the license owner and you are sure that you don’t want me to link to your photo and give it free publicity, please change the license and give me notice.

  6. Oh, sorry, you are right!
    But I changed it right now, so please…
    I dont want this photo to be published anywhere else than on my own fotoblog.
    Sorry, I changed my mind because there are so many people on the photo that might not want it.
    Regards,
    Roy

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