Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Zweifler und Brillenträger

In An Jemanden on März 10, 2009 at 9:04 am

[Foto: Daniel Y. Go]

Um gefährliche Situationen schnell erkennen und flüchten zu können, durfte der Mensch früher nicht lange zweifeln. Er musste seine Umwelt in seine erlernten Muster einordnen und neue Informationen blitzschnell in seine Vorurteilsschemen pressen. Dieses Verhalten ist auch heute noch überall zu beobachten (vor allem wenn es um Politik geht). Diejenigen, die zum Beispiel nicht glauben wollten, dass Tiger böse Feinde sind oder auch nur von einem etwa zehnsekündigen Zweifel daran befallen wurde, wurden von der Evolution kommentarlos aber schmerzlich herausgefiltert. Die Tatsache, dass Leute wie ich schon Jahrzehnte hier auf der Erde herumlaufen und sogar andere mit ihren Zweifeln anstecken dürfen, ist wohl allein der weiteren Tatsache geschuldet, dass es keine natürliche Selektion mehr gibt. Ich werde von der Natur also mitgeschleppt, vergleichbar mit Brillenträgern, die den Tiger damals mit einem Strauch verwechselt hätten. Darf ich mich also in aller Demut und Dankbarkeit als mentalen Brillenträger bezeichnen? Und wem habe ich das zu verdanken? Wer hat die Evolution rechtzeitig abgestellt?

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  1. Einfach Klasse der Artikel 🙂

    Ich würde jedoch meinen das die Evolution nicht abgestellt wurde, sondern die Zweifler maßgeblicher Teil der geistigen Entwicklung sind.

    Wer nicht versteht das Ampel keine Autos stoppen wird sich darauf verlassen, dass dies so ist und unter Umständen durch diese „Gedankenlosigkeit“, das „Zweifelsfreie“ selektiert, sollte sie es einmal nicht tun.

    Ergo ist die/der welche im passenden Maß zweifelt in einer sehr stark automatisierten Welt durchaus überlebensfähiger…

    Die Evolution ist immer und überall 😉

  2. Genau so, Michael, und ich würde dazu noch meinen, das die Evolution nicht abgestellt ist, sie macht zur Zeit nur einen Umweg. Wir müssen vielleicht erst lernen, dass uns in Zukunft nicht mehr der Tiger ans Leben will, das übernehmen in Zukunft andere Mechanismen.
    Wohl dem, der Brille trägt.

    • Michael, Menachem: wir schaffen unsere eigene Evolution, oder? Menschen sind in der Lage, sich von der Fessel der Evolution zu befreien.

  3. Nichts ist unmöglich 🙂

  4. Ich unterscheide inzwischen sehr deutlich zwischen einem Zweifel, der im Kopf entspringt, und einem, der aus dem Körper kommt.

    Unser Kopf prüft Situationen immer vor dem Hintergrund unserer alten Erfahrungen. Damit sichert er auf wunderbare Weise unser Überleben. Doch dabei kann er nicht gleichzeitig offen für neue Erfahrungen sein.
    Unser Kopf lebt von unserer Vorstellung. Alles, was außerhalb der Vorstellung liegt, kann er nicht als Wahrheit und Wirklichkeit wahrnehmen.

    Unser Körper signalisiert uns, ob uns etwas GERADE JETZT gut tut – oder nicht. Er läßt uns die richtige Zeit spüren und die angemessenen Schritte. Das Gefühl von Zögern, Zaudern oder Zweifeln im Körper zu ignorieren, führt in der Regel zu Leid und schmerzlichen Erfahrungen.

    • Christiane, diese Unterscheidung habe ich in der Tat unterschlagen und sie ist wohl auch der Kern der Lösung, warum wir Zweifler brauchen.

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