Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Pausenhofgespräche

In An Mich on Februar 17, 2009 at 9:41 am

[Foto: Stefan Weiss]

Wie zwei ältere Herren, nur ohne Stock und Hut, schritten wir gemeinsam durch den Schulhof. Während die anderen fangen spielten oder mit Murmeln oder auf dem Rücken eines Kameraden die anderen Reiter vom Pferd zu stossen versuchten, steckten wir unsere Köpfe zusammen und führten unsere Gespräche. Wir waren das Alter Ego des Anderen. Vier Jahre lang, in jeder Pause und auch noch ein Stück auf dem Nachhauseweg, bis man uns nach irgendwelchen sicher gut begründeten Kriterien in andere Klassen steckte und so den Zauber brach.

Über was unterhalten sich so kleine Burschen mit einer Ernsthaftigkeit und Intensivität, die an Philosophen erinnert oder Thomas-Mann-Romane? Kein einziges dieser Gespräche ist mir mehr in Erinnerung. Wie kommt das, liegt das nur an mir? Und: was war das, das uns gegenseitig so stark anzog, dass wir die Welt um uns herum vergassen? Wo ist dieses etwas hin, was hat es zerstört? Warum habe ich das damals nicht bemerkt und beklagt?

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  1. Hallo, Fragezeichner, das ist schön, was du da beschreist. Ist die Geschichte wahr?

    Ich habe es jetzt ähnlich erlebt, mit Daniel, der mich nach 45 Jahren wiederfand. Er erinnert sich noch an so vieles, ich dagegen, vermutete schon Demenz im frühen Stadium bei mir.

    Für mich habe ich meine eigene Erklärung dafür gefunden, und ich habe es direkt mit meinem Suchen nach dem fehlenden Gefühl des Leben im „Hier und jetz“ verbunden. Zwei Fliegen mit einer Klappe.

    Immer habe ich gefragt, was meint ihr, im „Hier und Jetzt“ leben. Ich kann das nicht fühlen. Ich glaube, ich kann das nicht fühlen, weil ich im „Hier und Jetzt“ lebe. Und das ist so intensiv und mit so viel Speicherbedarf des Moments verbunden, das für Erinnerungen kein Platz mehr frei ist.

    So bin ich nicht traurig der fehlenden Erinnerung, lebe im Moment, den ich jetzt hier mit dir teile.

    Ich habe mit hier im Netz gelernt, wie wir unsere Welt täglich konstruieren, wie es uns gefällt. Und da nehme ich mir Freude die Freiheit heraus, ein paar „Fragen“ so für mich zu beantworten, wie es mir gut tut.

    Und, das glaube ich nehmen wir beide gleich auf, einige Fragen brauchen Zeit und zu anderen Fragen will sich nie eine Antwort gesellen. Sei`s drum.

    • Menachem, ja, das ist eine wahre Geschichte, ich bin gestern mit ihm in Mail-Kontakt getreten (sehr kuriose Geschichte übrigens: ein Freund von mir hat seinen Geldbeutel verloren und wer hat ihn gefunden? mein alter Schulfreund!) und wir werden uns hoffentlich im Frühjahr treffen. Und ich habe auch vor, ihm die gleichen Fragen zu stellen, die ich nicht beantworten kann – über was haben wir uns eigentlich unterhalten – ohne grosse Hoffnung auf eine Antwort 😉
      Interessante Theorie, dass deine Erinnerungskapazitäten von der Gegenwart gebunden sind. Kinder leben fast ausschliesslich in der Gegenwart und haben auch wenig Sinn für’s Erinnern – ein Punkt für deine Theorie. Alte Menschen leben oft in der Vergangenheit und erinnern sich mit zunehmendem Alter an immer mehr Details – noch ein Punkt. Und vielleicht bedeutet das ja in deinem Fall, dass du dir dein Kindsein bewahrt hast?

  2. Mir fehlen vor allem dort die reflektierbaren Erinnerungen an die philosophischen Gespräche meiner Kindheit, wo sie unbemerkt geblieben sind.
    Manchmal scheinen sie mir vor allem darauf angewiesen zu sein, dass andere Menschen unsere Gefühle wohlwollend gespiegelt haben. Wo unsere Gefühle unbemerkt geblieben sind, haben sie nur wenig Erinnerungskraft.
    Sie bleiben dann abgespeichert als diffuse Erinnerung, auf die wir uns nicht bewußt beziehen können. Wir brauchen wohl die Anderen, um unserem eigenen Erleben Tiefe, Sinn und Sprache geben zu können.

  3. Christiane, die Theorien von Fragezeichner zu Erinnerungslücken- und vermögen gefallen mir wesentlich besser als deine. Allerdings habe ich spontag so das Gefühl, das du mit deiner sehr nah am Punkt sein könntest. Das würde allerdings bedeuten, dass ich meine Rückschau nocheinmal aufrollen müsste.

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