Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Fast Fertig

In An Manche on Dezember 4, 2008 at 9:47 am

[Foto: digital cat]

Stichwort E-Book: wenn Romane upgedated werden können, werden Autoren dann ähnlich wie Google Beta-Versionen auf den Markt bringen, um bereits frühzeitig die Akzeptanz eines Werkes zu testen? Gibt es  dann sowas wie „Krieg und Frieden“ V0.5? Wird ein Werk durch Leser-Feedback kontinuierlich verbessert oder verändert? Wird sich das positiv auf die Qualität und Leser-Zufriedenheit auswirken?

Aber wird dann am Ende überhaupt noch ein Buch fertig? Arbeitet dann ein Autor vielleicht sein ganzes Leben an dem Schinken, weil er immer noch etwas verbessern könnte? Absorbieren die vielen permanenten Baustellen vielleicht alle Energie für andere Romane? Hätte der alte Goethe den jungen Werther bereichern können? Hätte er neben den Wartungsarbeiten für sein gesamtes Dramenwerk noch Zeit für Faust II gehabt? Hätte Proust bei seiner Suche nach der verlorenen Zeit frühzeitg entnervt aufgegeben und lieber mehr Kurzgeschichten und Essays geschrieben?

Warum scheint eine so einleuchtende Strategie in einem anderen Kontext so fremd?

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  1. Ich vermute eher, dass die Zeit des Romans abläuft. Heldenepen sind schliesslich auch nicht mehr zeitgemäß. Heldenepen funktionieren am besten am Lagerfeuer gesungen vielleicht begleitet auf der Lyra. Romane funktionieren am Besten abends nach der Arbeit als dicker Wälzer auf dem Sofa. Wenn das ebook dicke Wälzer verdrängt hat, so wie das Buch das Lagerfeuer wird vielleicht auch der Roman nur noch ein Nieschendasein fristen.

  2. Das ist eine hervorragende Frage, weil sie den Nerv der Zeit trifft!

    Ein guter Autor wird sich von den Rückmeldungen nicht beirren lassen. Es ist zudem eine Prüfung für seine Gedanken: Wenn er wirklich gut schreibt und gedacht hat, werden auch die Kommentatoren nichts mehr finden, was sich verbessern ließe. Wenn sein Produkt jedoch anfällig und lückenhaft ist, muss er es überarbeiten. Dann haben ihm die Kommentatoren geholfen und den richtigen Weg gewiesen.
    Es ist auch eine Frage der eigenen Kunst: Möchte ich ein Gemeinschaftsprodukt erschaffen und alle halten sich an den Händen? Oder schließe ich mich im Keller ein und schreibe drei Jahre am Stück und präsentiere „Mein Werk 1.0“ ?

  3. Es geschieht oft, dass Autorinnen und Autoren ihre Werke für neue Auflagen updaten. Ich glaube, dass Goethe, Schiller, Heine das auch praktiziert haben, Goethe auch gerade für den Werther und Wilhelm Meister. Mit Faust und Wilhelm Meister hat Goethe sich ja zig Jahre beschäftigt und ich lese die beiden eigentlich als „letzten Stand der Dinge“.

    „Johann, nun werd doch mal fertig!“ – „Aber das Leben wird doch auch nicht fertig!“

    Musiker revisiten ihre Stücke schließlich auch.

    (Machen diese Anglizismen nicht seit der CDU-Diskussion viel mehr Fun?)

  4. […] Fragezeichner stellt diese Woche eine sehr interessante Frage, die ein bisschen meine derzeitigen Gedanken über meine zukünftigen Schreib- und Arbeitsprojekte […]

  5. Benni, wer weiss? Aber ich sehe eigentlich keine Indizien dafür. Ausserdem ist der Roman als literarische Form sehr wandlungsfähig.

    Julia, ja, ich glaube auch, dass dies eine Frage der Einstellung ist. Sind Autoren bereit, mit anderen zusammenzuarbeiten, Kompromisse zu machen, ihre Ideen auf den Prüfstand zu stellen? Schriftsteller sind oft sehr auf sich selbst gerichtet (jedenfalls wenn man Marcel Reich-Ranicki glauben darf), sodass ich daran meine Zweifel habe. Und die Frage bleibt offen, ob wirklich etwas besseres dabei herauskommt – sind Kompromisse, Glättungen, Reflektion der Kunst zuträglich?

    Detlef, das stimmt, aber doch in sehr geringem Masse. Es werden natürlich Fehler korrigiert, neue Übersetzungen gemacht, aber der Kern eines Werkes wird nicht berührt. Weil du von Musikern sprichst: Paul McCartney hat mal in einem Interview gesagt, dass er seine Stücke in einem Zug, oft in weniger als einer Stunde schreibt und danach nicht mehr verändert. Er wendet sich lieber neuen Ideen zu, als sich sein Leben mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Auch bei Karajan war das ähnlich: der soll sich keine Ton- oder Filmaufzeichnung der eigenen Aufführungen mehr angeschaut haben – um einen freien Blick in die Zukunft zu behalten.

  6. Fragezeichner, diese Herangehensweise, die Du z.B. von McCartney beschreibst gibt es – klar. Wobei das bei Paule natürlich eigene Gründe hat.

    Mein Punkt ist, dass es das ewige Work-In-Progress schon vor dem Internet gab und dass es nichts a-priori Schlechtes sein muss.

    Denk an die Jazz-Standards, die seit 80 Jahren immer wieder abgewandelt werden. Gerade gestern habe ich eine tolle „neue“ Version von „My Funny Valentine“ gehört.

    Dann die ganze orale Erzähltradition. Homer wurde Jahrhunderte lang oral tradiert – immer die „gleichen“ Geschichten – immer neu abgewandelt – Illias 2563.03 …

  7. Es gibt viel Software, die bleibt ewig im Beta-Stadium. Bei einigen Büchern hatte ich dieses Gefühl auch schon,bevor es überhaupt Computer gab.

    Blog-Artikel sind oft die Beta-Versionen von Kurzgeschichten oder Artikeln.

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