Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Komprimieren

In An Manche on November 25, 2008 at 10:27 am

[Foto: alsokaizen]

Für Platon muss eine stabile Gesellschaft relativ geringe Einkommensunterschiede aufweisen. Der reichste darf nicht mehr als 20 mal mehr verdienen als der ärmste. Was würde passieren, wenn in Deutschland morgen ein Gesetz verabschiedet würde, dass genau das festlegt: ein Unternehmen darf seinem bestverdienenden Angestellten nicht mehr als das Zwanzigfache des geringstverdienenden bezahlen. Wenn es seinem Chef 1 Million zahlen will, muss es seinem Pförtner 50000 im Jahr bezahlen. Oder umgekehrt: wenn es nur 10000 für seine Putzfrau bezahlen will, kann auch der Chef nicht mehr als 200000 verdienen. Scheint mir eine gute Sache. Aber wie ich die Menschen kenne, würden sie versuchen, diesen hehren Plan zu unterlaufen. Aber wie? Fiese Ideen?

Update: Link zum Thema auf SPON

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  1. Das geht mit ganz bewährten Lohndrückermethoden. Allen voran das Auslagern von Dienstleistungen an externe Anbieter. Putzfrau und Pförtner sind doch längst ne Ich-AG. Pseudoteilzeit wäre auch eine Möglichkeit. Oder Bonuszahlungen für die Chefs, oder Aktienoptionen oder Dienstwagen, -wohnungen, -reisen, … oder oder oder.

    Das Problem sind doch auch garnicht die Millionengehälter. Die gönne ich denen doch gerne. Das Problem sind die Hartz4-Sätze und -Kriterien und die Niedriglöhne.

  2. Die Outsourcing-Organisation braucht ja auch einen Chef, der gut verdienen will und muss sich den gleichen Regeln unterwerfen (es sei denn sie ist im Ausland).
    Jede Form von geldwerten Vorteilen werden auch mit einbezogen – wenn der Chef Aktienoptionen bekommt, hat auch die Putzfrau anrecht darauf.
    Reisen und Spesen – ja, das ist ein Einfallspunkt, so haben die französischen Präsidenten vor Sarkozy ihr Gehalt kräftig aufgebessert…

    Zu deinem Punkt im letzten Absatz: Ich glaube, das Problem sind die Unterschiede, die Ungleichgewichte, nicht die Höhe der Bezüge.

  3. Die Ich-AG braucht keinen Chef.

  4. Ich möchte mich durchschnittlich einordnen, d.h. das 10-fache des Putzfrau-Vollzeit-Äquivalentes verdienen …

  5. Möglich, dass dass die heutigen Niedriglohn-Jobs dann zu 1-Mann-Firmen degenerierten. Also würde meine Idee alles noch schlimmer machen?

  6. Fragezeichner, hilf mir bitte mal: könntest du mir sagen, wo das bei Platon steht?

  7. Detlef, ich dachte, es stünde in Politeia, konnte aber bei einer Web-Suche keine Bestätigung finden, möglicherweise habe ich Platons Ideen über Gerechtigkeit mit diesem Artikel hier vermischt:
    http://www.brandeins.de/home/inhalt_detail.asp?id=2383&MenuID=8&MagID=89
    Ich werde dem nochmal nachgehen.

  8. Ich wundere mich, weil die Begriffe „Arbeit“ und „Lohn“, wie wir sie verwenden (in der Tradition von >Hegel > Marx > Ahrendt) für Platon vollkommen unverständlich wären.

    Wer arbeiten MUSSTE, war in Platons Athen in der Regel ein Sklave und nicht Gegenstand von Platons Betrachtungen.

    Ist aber schon eine Zeit her, dass ich Platon gelesen habe. Kann sein, dass ich mich irre.

  9. Detlef, ich habe doch noch was gefunden:

    Manchmal lohnt es sich, bei Platon nachzulesen. In den „Gesetzen“ (Nomoi), die der einer aristokratischen Familie entstammende Athener vermutlich in hohem Alter geschrieben hat, hält er konsequent an seiner Ansicht fest, dass in einer Gesellschaft große soziale Gegensätze zu vermeiden seien. „Es darf sich weder bei einigen Bürgern drückende Armut noch dagegen auch Reichtum finden.“ Und der Philosoph konkretisiert dieses Prinzip mit der Forderung, niemand in einer solchen Gesellschaft dürfe mehr als das Vierfache des Vermögens eines anderen besitzen.

    (Quelle: SZ AM WOCHENENDE, Samstag, 29. Dezember 2001, Link)
    Also sogar nur das Vierfache…

  10. Ökonomie ist mitunter sehr abstrakt, auch wenn ihr eigentlich simple Mechanismen zu Grunde liegen…

    So ist auch hier das Problem nicht die oder der Superreiche/Superverdienende, bzw. die oder der arme/Niedrigverdienende. Das Problem ist deren auf Erziehung basierende Art zur Handlung/zur Unterlassung. Die Art und Weise also, in der sie die erwirtschaftete Kapital verwerten. Bzw. wie Verwertung für welche Ertragsschicht generell gesamtgesellschaftlich definiert/akzeptiert/impliziert wird…

    Was nutzt es dem direkten Lebensumfeld eines Dagobert Duck, dass dieser sein Kapital vergammeln lässt, bzw. es an Orten und in Dinge investiert durch die sich keinerlei plastische Rückkopplung in sein Lebensumfeld ergibt? Ganz simpel. Er wird schnell von vielen armen oder gar keinen Menschen umgeben sein.

    Was nutzen dem Gesamtsystem die vielen Niedrigverdienenden, einmal davon abgesehen das sie den Gesamtmarkt verzerren? Wo entsteht hier ein Mehrwert für deren Lebensumfeld? Rückkopplung durch erwirtschaftetes Kapital also ebenso gleich null! Ein Fabrikarbeitsplatz in China ist ja schön und Gut, aber davon kann ich hier in Deutschland halt nicht ein einziges Maul stopfen (ganz plastisch mit Lebensmitteln).

    Zu Platon:

    Wir dürfen bei aller Faszination für die Antike nicht vergessen das auch Platon all seine Aussagen lediglich im Rahmen seiner gelebten Abstraktion definieren konnte. Sprich, wie musste wohl seine Vorstellung davon aussehen, was man mit der Abstraktion Kapital tatsächlich erreichen konnte? Also zwischengespeicherter geistiger wie körperlicher Leistung. Welchen tatsächlichen Wert maß er diesem bei, bzw. was war es tatsächlich wert in einer Zeit, in der so ziemlich jeder griechische Bauer auch gleichzeitig wenigstens ein Peltast oder gar ein Hoplit war?

    Und wie ist das im Hier und Jetzt? Was kann Wer mit Kapital tatsächlich erreichen, was bewirken, was bewegen? Wer hat mehr Macht? Der General einer ganzen Armee, der Lobbyist im Bundestag oder die Geliebte eines Präsidenten ?

    Bzw. Was kann mit Kapital im o.g. Sinn tatsächlich von Wem erreicht werden? Laut Wikipedia beschäftigte sich allein die Firma Rolls Royce nicht nur mit Luxuskarossen, sondern auch in großem Umfang an der für den WWII wichtigen Produktion von Flugzeugtriebwerken für die alliierten Streitkräfte. Doch wer hätte diese Produktion je in Angriff genommen, wenn nicht schon im Vorfeld mit vermögenden Personen das Kapital hierzu erwirtschaftetet worden wäre etc. pp. usw. usf.? Ein Normalverdiener hätte sich wohl kaum einen Rolls Royce gekauft, dafür braucht es sehr vermögende Menschen denen es eben nicht wehtut sich ein derart teures Automobil zu kaufen. Gleiches gilt für den gesamten Rest der Gesellschaft.

  11. Platon eignet sich generell nicht für aktuelle Betrachtungen zur Gerechtigkeit, da Platons Idee, was Gerechtigkeit ist, nichts mit dem heutigen Gerechtigkeitsbegriff zu tun hat (und selbst dieser Begriff ist äußerst schillernd und vage).

    Mit Platon kann man vor allem Diktaturen begründen. Ich empfehle hier wieder einmal die Lektüre von „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ von Karl Popper.

    Die riesigen Einkommensunterschiede begründen sich durch die unterschiede in Angebot und nachfrage nach bestimmten Arbeiten. Wer hie was ändern will, sollte nicht über gesetzliche Regelungen nachdenke, sondern über Investitionen in Bildung, damit das Angebot an hochqualifizierten Arbeitskräften besser wird – dann sinken die Einkommensdifferenzen von ganz allein.

  12. Michael, also auch du kannst dem Vorschlag nichts abgewinnen – aber was sind deine genauen Einwände?

    Jörg, ich gebe dir Recht, dass man Platon mit Vorsicht geniessen sollte, aber das Bewusstsein, dass zu grosse Einkommensunterschiede eine Gesellschaft und auch eine Wirtschaft zerreissen können, wird ja sehr breit thematisiert . Auch meine Vorschläge sind natürlich mit Vorsicht zu geniessen, sind ja auch vielmehr Gedankenexperimente 😉

    Obwohl es immer eine gute Sache ist, in Bildung zu investieren, frage ich mich, ob das ausreicht, ein Auseinanderdriften zu bremsen. Reicht das, um Gier, Verantwortungslosigkeit, rücksichtsloses Gewinnstreben zu begrenzen? Wie erreicht man ein Gleichgewicht? Müssen nicht auch die Anreize innerhalb der Wirtschaft verändert werden, um ein stabileres, weniger volatiles und für Exzesse weniger anfälliges System zu erreichen?

  13. […] 26, 2008 von gemeinsamleben Bei Endlosrekursion und Fragezeichner geht es u.a. um Bildung. Und da ich heute selbst in diese Mühlen hineingeraten […]

  14. Danke, Fragezeichner für den Hinweis auf die Nomoi, hab gerade noch mal drin gelesen – mag gar nicht glauben, dass mein Platon das geschrieben hat – so dröge.

    Ich glaube, dass die wirklich großen Einkommensunterschiede in unseren Gesellschaften nur am Rande mit Bildung zu tun haben, sondern mit erfolgreichem unternehmerischem Handeln: im richtigen Moment die richtige Entscheidung treffen, etwas wagen, zocken, bluffen, pokern. Das Gute beim Pokern ist gegenüber dem Kapitalismus-Spiel, dass man den Einsatz tatsächlich auf den Tisch legen muss.

    So lange „Geld“ in unseren Gesellschafte höchster Wert ist kann man dessen unbegrenzter Akkumulation schwer bremsen. Ja, wie? Es ist das beste, wichtigste, schönste und ich darf nur 4x soviel wie andere davon haben? Und was für Menschen bevölkern dann unsere Soaps, unsere Träume? Dann spielt ja keiner mehr Lotto!

    Erst wenn wir andere Träume und andere Werte haben, wirklich ehrlich und nicht Lippenbekenntnisse – dann wird sich auch die Komprimierung ergeben.

    Lass uns mal was anderes wollen 😉

  15. Detlef, es gibt ja genügend Menschen, die etwas besseres wollen, aber auch genügend andere.
    Ich glaube, dass die Markt-Wirtschaft inhärent unsoziale Tendenzen hat, dass diese unsozialen Tendenzen den Preis darstellen, den wir für Effizienz, Fortschritt, Veränderung, aber auch mehr Freiheit bezahlen müssen. Das liegt bestimmt mit am Gewinnstreben, aber auch mit gruppendynamischen Prozessen innerhalb von Organisationen. Deshalb müssen andere gesellschaftliche Kräfte, die ein Gegengewicht darstellen, die Kultur, die Politik, die Philosophie, die negativen Effekte des effizienten Wirtschaftens mildern, neutralisieren. Es sollte kein Primat der Wirtschaft geben. Insofern liege ich durchaus auf deiner Linie und auch auf Jörgs.
    Ich glaube aber auch, dass durch Veränderung der Anreize innerhalb der Wirtschaft, der Veränderung der Spielregeln ein Umfeld geschaffen werden kann, in dem die negativen Effekte gebremst werden können. Dazu gehört zum Beispiel eine Beschränkung von Manager-Gehältern.

  16. Erstaunlich ist ja, dass man den Managern das hohe Einkommen neidet, den Fußballern, Rennautofahrern, Bestseller-Autoren und Schauspielern aber nicht. Es muss damit zusammenhängen, dass das Einkommen der Manager mit dem der anderen durch eine Macht-Unterordnungs-Beziehung verbunden ist. Vielleicht ist gar nicht die Einkommensdifferenz allein das Problem, sondern ihre Verbindung mit Machtstrukturen?

  17. Jörg, stimmt, das ist bemerkenswert. Das könnte daran liegen, dass Sportler oder Künstler auch für ein enormes Risiko entschädigt werden – und wohl auch, dass ihre Leistungen sichtbarer und besser zu beurteilen sind.
    Machtstrukturen könnten in der Tat auch eine Rolle spielen, das ist ein interessanter Punkt.

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