Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Fördern und Fordern

In An Niemanden on November 20, 2008 at 10:23 am

Fördern und Fordern. Man liest das immer häufiger, was einst als eine Art Werbe-Spruch für die Hartz IV-Gesetze ersonnen wurde: von Erziehungsberatern, Kulturpolitikern, Sportlern, Fussball-Trainern, Managern, Energie-Experten, IT-Beratern oder Blog-Theoretikern. Anscheinend wurde da ein Nerv getroffen. Ist das nicht seltsam? Ein simpler Stabreim wird zum Motto der Deutschen im 21.Jahrhundert. Wie kommt das? Fast hat man den Eindruck, dass hier eine tiefe, Jahrhunderte alte Wahrheit schlummerte, die dann Anfang des Jahrhunderts wachgeküsst wurde. Und die dann ihrer Schönheit und Klarheit wegen (und natürlich auch wegen der beiden F) fast zwangsläufig den Staatssekretären und Juristen im Arbeitsministerium den Stift beim Schreiben der Hartz-Gesetze führte. Und nun mit ihrem unschlagbaren Charme auch andere Teile der Gesellschaft erobert. Auch wenn die Hartz-IV-Gesetze sehr umstritten waren, das Fördern und Fordern hat meines Wissens niemand infrage gestellt.

Was wäre aus der Agenda 2010 geworden, wenn kein so griffiges Label gefunden worden wäre? Kämen die Erziehungsberater und Fussball-Trainer auch ohne Motto zurecht oder hätten sie sich ihr eigenes ausgedacht? Hat man kurzzeitig auch mal daran gedacht, das Wort Fordern an die erste Stelle zu setzen? Ist der Slogan exportierbar: französisch „aider et exiger“ oder englisch: „help and demand“?

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  1. Das kommt ja ursprünglich aus dem Englischen und heisst da „work for welfare“ oder „workfare“.

    Ansonsten weiss ich nicht in welchem Universum Du lebst. In meinem wurde diese Parole von Anfang an massiv kritisiert, und das zu Recht. Das ist doch eine Verlogenheit ohne Gleichen. Zum einen weil die Realität mit der Parole wenig zu tun hat. Gefodert wird viel, gefördert wird niemand. Und zum anderen ist das auch schon von der Grundlage her ein totaler Quatsch: Es unterstellt nämlich, dass Arbeitslosigkeit ein individuelles Problem sei. Das ist ja aber genau nicht das Problem. Oder glaubt jemand ernsthaft das Millionen von Leuten ein individuelles Problem haben?

  2. Der Stabreim klingt toll und man kann bei jedem F mit der Faust aufs Rednerpult hauen. Aber eigentlich ist es doch ein weißer Schimmel. Es gibt kein Fördern ohne Fordern. Warum fördert man jemanden? Weil man nichts von der Person erwartet? Wer fördert, der will was.

    Ich habe den sarkastischen Beigeschmack des Wortes „fördern“ noch aus meiner Grundschulzeit im Kopf: Wer etwas nicht begriffen hatte musste nach Unterrichtsschluss zur Förderstunde – das war natürlich eine Forderstunde.

  3. Benni, ich gebe zu, dass ich die Diskussionen (da ich ja schon seit 12 Jahren in Frankreich wohne) nur aus den Medien verfolgt habe. Ich bin aber überrascht, dass dieser du-weisst-schon-welcher Spruch seinen Siegeszug in den verschiedensten Bereichen angetreten hat, während Hartz-IV eine zunehmend negative Konnotation angenommen hat.

    Detlef, leider mag das in den meisten Fällen stimmen (uns ziemlich sicher bei Hartz-IV). Aber so schnell möchte ich das Fördern an sich eigentlich nicht verdammen. Ich habe gerade überlegt, ob ich schreiben soll, – sozusagen als Gegenbeispiel – dass ich mein Söhnchen fördere (ohne Hintergedanken und zukünftige Forderungen). Aber ich glaube, ich habe das Wort Fördern noch nie in den Mund genommen. Klingt irgendwie bürokratisch. Mmm…

  4. Du hast Recht, Fragezeichner, ich habe das zu negativ formuliert mit dem sarkastischen Beigeschmack. Aber wenn jemand sagt: „Ich fördere meinen Sohn“, das passt irgendwie nicht. Man fördert, weil man was erreichen will. Das passt nicht zur Liebe, die bedingungslos ist.

    Benni, „gefördert wird niemand“, das kann ich so nicht sehen. Ich kenne einige Menschen die eine arbeitsamtsfinanzierte Umschulung gemacht haben und denen das sehr geholfen hat.

  5. 🙂

    Das Erheiternde daran ist der fast immer nicht vorhandene Zusammenhang der Worte mit dem Ursprung wie Ziel, auf das diese sich beziehen.

    Wie sieht die Förderung im Einzelfall denn konkret aus? Auf der Basis von welcher Leistung wird eine Forderung aufgebaut?

    Nimm allein diese Lachnummer HIV:

    Also ein Bürger erbringt eine Leistung am System welches ihn umgibt. Er zahlt durch vielerlei Handlungen in den Gemeinschaftstopf ein (das macht im übrigen jeder der pur existiert). Nun wird dieser Bürger erwerbslos und soll gefördert werden? Von wessen Mitteln denn bitte, ausser seinen eigenen? Die Mittel und die Art der Umverteilung dieser, über die unsere Damen und Herren Politiker in ganz Europa so freizügig entscheiden, gehören allen Bürgern. Und auf der Basis von solcherlei umverteilten Mitteln, werden dann auch noch Forderungen aufgebaut? Absolut lächerlich. So etwas sollte man mal in der Ukraine probieren…

    Von den vielen…

    – Erziehungsberatern
    (Das liebt meine Frau ganz besonders. Leute selber noch nicht ein Kind ausgetragen haben oder ihre Nase cm tief in Kinderkacke hatten, wollen ihr die Welt der Geburt und Erziehung erklären…)
    – Kulturpolitikern
    (gestern gab es hier eine kleine Einweihungsfeier eines Hortgebäudes. Weisse Wände in einer wunderschönen Kombination mit sog. Sichtbeton und die eine oder andere Stahltreppe. Pardon, Politiker haben keinerlei Kultur, von der ich wüsste…)
    – Sportler und Trainer
    (Oh. Was können wir froh sein das uns endlich mitgeteilt wird, dass die Jagd gemeinsam leichter und oft auch erfolgreicher ist. Vermutlich wurde unsere Zivilisation gestern erst geschaffen, da sind solche Erkenntnisse natürlich brandneu!)
    – Managern
    (Wenn dann nur mit Rückendeckung und viel Aufklärung. Die meisten Mitarbeiter sehen im Boten die Nachricht und nicht den Überbringer. Wer sich hier also engagiert, muss gleichzeitig dem Ziel die eigenen Grenzen aufzeigen können!)
    – Energie-Experten
    (Wenn hier die Energie mal richtig knapp wird, schicken wir Militär nach Afrika um die Teile der Wüste zu bewachen in der wir die Solartürme errichtet haben. Aktuell üben unsere Jungs ja schon mal…)
    – IT-Berater
    (Mutti hohl mich von die Zeche, ih kann nimmer…)
    – Blog-Theoretikern
    (Sicherheit? Was ist das? Gesetze? Gelten die im Internet? Na, ja. Im Deutschen schon. Denn hier wird der Betreiber, für den Inhalt verantwortlich gemacht. Nicht der Sprayer wird für seine unerlaubte Handlung bestraft, sondern jene welche über Wände verfügen. Leider verstehen das weder Netznutzer noch wer auch immer…)

    …fange ich besser erst gar nicht an, weil dies deinen Blog sprengen würde 🙂

  6. @detlef: die Umschulungsmöglichkeiten waren allerdings vor der Zeit des F&F viel besser als heute. Aber es stimmt schon: Noch ist der Sozialstaat nicht komplett kaputt, es fehlt bisher nur das Dach und eine Wand bröckelt auch schon.

  7. Eine wichtige Diskussion. Da hab ich noch eine Zeitlang dran zu knabbern. Auch, und besoners, über den „Hartz IV`ler“. Ist mir doch tatsächlich vorgestern einer begegnet und, ich habe es ihm nicht angesehen. Sah aus, wie du und ich.

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