Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Raus aus den Silos

In An Alle on November 13, 2008 at 11:04 am

[Foto: Zoom Zoom]

Eine Beobachtung: Menschen suchen Bestätigung ihrer eigenen Auffassungen. Deshalb beziehen sie Informationen aus Quellen, die ihnen bereits Informationen geliefert haben, die ihre eigenen Auffassungen bestätigt haben. Sie abonnieren zum Beispiel Tageszeitungen, die ihrer politischen Richtung entsprechen. Das führt dazu, dass sie sich noch mehr in ihren Auffassungen bestätigt fühlen – weil Informationen, die ihre Auffassungen in Frage stellen, immer schwerer an sie herankommen. Im Internet ist das ähnlich: Foren und Blogs bilden Trauben von relativ homogenen Lesern, die sich gegenseitig offene Türen einrennen. Diejenigen, die andere Auffassungen vertreten, verirren sich selten auf diese Seiten und werden – sollten sie es wagen, sich zu äussern – oft durch rüde Gegenrede abgeschreckt.

Man könnte sich jetzt fragen, wozu man sich dann überhaupt informiert, wenn man das, was man erfährt, sowieso schon weiss. Aber so sind die Menschen nunmal. Ich frage viel lieber, wie man Menschen mit unterschiedlichen Meinungen und Erfahrungen ins Gespräch bringen kann, wie man die Vielfalt ihrer Perspektiven für alle nutzbar machen kann – im Wissen dass 1) Menschen Zeit brauchen, um andere Meinungen an sich herankommenzulassen 2) Menschen sich gerne im Ton vergreifen, wenn sie mit anderen Meinungen konfrontiert sind 3) Diskussionen scheinbar nicht über die Teilnehmerzahl 5 hinaus skalierbar sind (es gibt wahrscheinlich noch eine Reihe anderer weniger offensichtlicher Hindernisse).

Ist es nicht ein Jammer? Da ist dieses Internet, das es erlaubt, dass jeder mit jedem kommunizieren kann, das alle Grenzen jeglicher Art überwinden hilft – und wie wenig machen wir daraus?

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  1. Wenn das jetzt ein Aufruf ist Fragezeichner, sich deinen Meinungen zukünftig entgegenzustellen, tut mir leid, da mach ich nicht mit.-:)
    In Jahrmarktmanier , viele Jahrzehnte her, wurden einem Pferd Rechenaufgaben gestellt. (Ich glaube, du kennst die Story). 3+4, und das Pferd stampfte siebenmal mit dem Huf. Niemand kam auf den Trick, bis bei einer Kameraufzeichnung entdeckt wurde, das das Pferd einfach stampfte, bis das Auge seines Herrn zuckte. Dann hörte das Pferd zu stampfen auf. Dieses Zucken allerdings, lag unterhalb der für das menschliche Auge bewusst wahrnehmbaren Bewegung. Doch, die Augenmuskulator ist in der Lage, solch feine Bewegungen auszuführen.

    Ich glaube, das wir Menschen viel ausdrücken und empfangen können, jenseits unserer bewussten Wahrnehmung. Symphatie und Antiphatie steuern sich oft in dieser unsichtbaren Zone.

    Ich glaube, das wir mit diesen feinen Nuancierungen ausdrücken, wenn wir mögen und nicht, und warum sollte das nicht auch schriftlich im blog so sein. Ohne das irgenwie wissenschaftlich zu wissen, die Stellung der Wörter, der Absätze, der Fragen, der Antworten, des Umgangs sagt uns, hier bist du gern gesehener Gast und dort nicht.
    Und warum sollte ich auf eine Seite immer wiederkehren, die mir die Luft nimmt?

    Was aber sein könnte, wenn mit dem gleichen Stallgeruch, der gleichen und stimmenden Chemie sich ausgetauscht wird, ganz unterschiedliche Meinungen und Standpunkte gar nicht als solche empfunden werden, sondern wirklch nur als Erweiterung des Eigenen als etwas Dankbares aufgenommen werden? Auch kann sein, das Menschen der gleichen Grundlebensrichtungen gar keine elementaren gegensätzliche Standpunkte haben, weil sie in ähnlichen Wertesysten leben.

    Und wenn ich manchmal mit vielen Überlegungen noch nicht weitergekommen bin, dann hilft nur noch eine Krücke: Das die Dinge alle so gut sind, wie sie sind.

  2. Menachem, ich bastel mir jetzt ganz frech aus deinen immer so anregenden Worten (die hinterhältigerweise nie eine klare Antwort enthalten – eigentlich bist du der wahre Fragezeichner!) einen Vorschlag. Ich will ja immer irgendwas ändern 😉
    Es sind also oft nicht die verschiedenen Meinungen, sondern ein Mangel an Sympathie, gemeinsamer Chemie, Stallgeruch und vielleicht auch an Sprache, die der Kommunikation und konstruktiven Diskussionen im Wege stehen. Gibt es also eine Möglichkeit davon zu abstrahieren, um Menschen verschiedener Auffassungen ins Gespräch zu bringen, z.B. indem man mittels eines echten Moderators die Emotionen aus einer Diskussion nimmt, sie radikal versachlicht und auf den Austausch von Argumenten reduziert?

  3. Lieber Fragezeichner, für dein Kompliment vielen Dank. Damit meine ich, dass du mir zutraust, auf deine Frage eine gute Gegenfrage zu finden. Aber, ich gebe das Kompliment zurück und auch direkt mit einer kleinen Feststellung, es ist deine besondere Art zu fragen, die ich nicht nur inspirirent finde, sie hat etwas aufwühlendes, angenehm aufwühlendes, weil sich aus deinen Fragen mein Weg verdichtet. Und in diesem Sinne stimmt das schon wie du das oben beschreibst, das man sich das aussucht, was einen bestärkt.

    Und so ist das folgende auch nur mein derzeitiges Gedankensystem.
    Ich glaube, wenn du lächelst, erhälst du ein Lächeln zurück. Und ich glaube, wenn du so wie du es oben beschreibst diskutieren möchtest, dann wird es so geschehen. Da bin ich fest von überzeugt. Aber ist das auch wirklich so gewollt? Und ich glaube auch, und das meine ich ist wirkliches Wachstum, sich immer wieder zu fragen, was in mir macht es mir einfach noch nicht möglich, das es so wird, wie ich es mir vorstelle. Was hindert mich daran? Der spiegel kann nur spiegeln, nicht verschönern, verschlechtern.

    Wir wissen vielleicht nie richtig bewusst, was wir wirklich wollen. Und in einem nicht unerheblichen Teil habe ich das Gefühl, ist das gut so ist.

    P.S.: Aber wenn du den „echte Moderatorenversuch“ startest, wäre ich schon gerne dabei, vorausgesetzt, ihr habt nicht wieder Dauerregen.

  4. Du selbst z.B. hast in deiner Empfehlungsliste den „Spiegelfechter“ und liest ihn und widersprichst ihm – bist du selbst die Ausnahme oder der Gegenbeweis zu deinen Thesen?

    Wer kontroverse und sachliche Diskussion sucht wird sie auch finden, natürlich nicht in den Massenblogs und -blättern, aber im kleinen Kreis (das schreibst du ja selbst) ist das möglich. Und da diese kleinen Kreise miteinnader vernetzt sind, wirken sie auch weiter.

  5. Einen Stamm gründen, das nennt Seth Godin das Geheimnis von erfolgreichen Blogs: http://sethgodin.typepad.com/seths_blog/2008/11/the-number-one.html – ein Stamm ist das, was ich als Silo bezeichnet habe.
    Da ich mich als Stammesführer äusserst schlecht eigne, sondern eher Teil eines Haufens verirrter Individuen bin, sind meine Gedanken vielleicht auch einfach nur Hirngespinste…

  6. Jörg, stimmt. Aber ich fühle mich nicht immer wohl dabei und bin auch sehr vorsichtig, um nicht falsch verstanden zu werden…

  7. An den Arbeitsplätzen, im Wehr- und Zivildienst, im 6-Bett-Zimmer im Krankenhaus werden die Silos gemischt. Man MUSS mit Menschen auskommen, mit denen man sonst nie ein Wort gewechselt hätte. Und nach meiner Erfahrung knallt es dann am ehesten zwischen denen, die aus dem gleichen Stall stammen.

    In verschiedenen Arten von Zusammenschlüssen (Kirche, Partei, Gewerkschaft) habe ich erlebt: im Silo herrscht Krieg. Die Steigerung Freund > Feind > Todfeind > Parteifreund stimmt in jeder Organisation, die ich kenne. Also Vorsicht bei der Stammesgründung.

  8. Detlef, tatsächlich hatte ich während meiner Schulzeit oder meines Zivildienstes einen weit vielseitigeren Umgang als heute im Berufsleben oder bereits beginnend mit dem Studium. Eine Zunahme an persönlicher Freiheit scheint automatisch eine Rudelbildung zu begünstigen – das Vermeiden von Konflikten macht das Leben ja auch irgendwie angenehmer.
    Wie kann man diese Erkenntnis auf’s Internet übertragen? Leute zwingen, 4 Wochen lang in einem Blog zu kommentieren, deren Authoren sie nicht leiden können? 😉

  9. Darum gibt’s bei WordPress wahrscheinlich die Funktion „Random“. Aber ich glaube, das Mixen der Silage fuktioniert am besten auf zufälliger Basis. Geh mal auf einen Schulhof und such das Gespräch 😉
    Ich traf einen Arbeitskollegen aus dem Iran: „Hier ist gleich die Moschee, lass und einen Tee trinken.“ – „Lassen die mich denn da rein?“ – „Klar.“ So kam ich zum ersten mal in meinem Leben in eine Moschee. Es war voll, ich war der einzige Deutsche, niemand hat mich angestarrt. Wir tranken den Gratistee, Cyamak stellte mich einem Freund vor, Smalltalk, sehr freundlich und unspektakulär.

  10. Ich fahre im Moment dreimal wöchentlich 4 Stunden mit dem Zug. Das ist auch eine Möglichkeit. Die Pointe dabei: Ich fahre erster Klasse.

  11. Im Erste-Klasse-Abteil trifft sich ein breites Spektrum unterschiedlicher Menschen. Das kann ich mir vorstellen. Da sitzt der Gewerkschafter mit dem Aufsichtsrat und dem Parlamentsmitglied. Oh Entschuldigung: optische Täuschung. Es ist nur eine Person mit 3 Hüten. Nicht ansprechen! Er ist gerade am twittern, weil ja seit Obamas Erfolg alles öffentlich kommuniziert wird …

  12. Wir müssen erst noch lernen, dass „das Internet“ eben so wenig existiert wie „der Deutsche“ oder „der Neoliberale“. Und überhaupt liegt noch ein weiter Weg gerade vor der europäischen Lebensgemeinschaft.

    Wer weiss denn z.B. allein in Deutschland wirklich zu verstehen/ zu schätzen, dass wir es uns zumindest hier nunmehr wirtschaftlich leisten können zu unseren Idealen tatsächlich zu stehen? Das hätte man mal Rudi Dutschke, Benno Ohnesorg oder gar Alfred Herrhausen sagen sollen…

    Gut. Luxus kann man dann nun nicht mehr erwarten, aber es geht! Es gibt Länder in denen wird man dafür verprügelt, verhungert in der Konsequenz dessen bzw. wird glatt umgebracht. Und was kann einem Deutschen passieren? Er wird erwerbslos. Was für ein Schicksalsschlag! Das Ende der Welt!

    Wie ist das eigentlich aktuell in Frankreich mit der Grundsicherung? Ermöglicht es die dort gewährte den Bürgern ebenso zu ihren Idealen stehen zu dürfen?

  13. Jörg: stimmt, Zugfahren ist eine Möglichkeit. Aber wieder keine digitale…

    Detlef: 🙂

    Michael, „das Internet“ als Werkzeug existiert durchaus finde ich. Aber natürlich ist es dann das, was wir Menschen daraus machen. Und ich finde, wir könnten weit mehr daraus machen. Kommunikation könnte auf eine neue Stufe gehoben werden, stattdessen gibt es oft Rückfälle in einen äusserst harschen, feindlichen Tonfall.
    Zu deiner Frage: Frankreich ist von seiner sozialen Struktur Deutschland sehr ähnlich. Es gibt wie in Deutschland Arbeitslosengeld und Sozialhilfe, sogar grosszügiger als in Deutschland, weil etwas weniger Druck auf Arbeitssuchende ausgeübt wird (so wie in D onch in den 90ern).
    Was mich mehr besorgt, ist die zunehmende Konzentration in der Medien-Landschaft und der massive Versuch der Politik (insbesondere Sarkozy), die wenigen Renitenten auf Kurs zu bringen. Vielleicht ist das ein Grund, dass Blogs in Frankreich einen höheren Stellenwert haben als in Deutschland.

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