Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Wer kommt weiter, höher, tiefer?

In An Mich on November 4, 2008 at 9:52 am

[Foto: Joachim S. Müller]

Welche Strategie ist die erfolgreichere im Leben: die des Spezialisten oder die des Allrounders? Die Zehnkämpfer oder die Sprinter? Die Dirigenten oder die ersten Geiger? Die Interdisziplinär-Wissenschaftler oder die Nischen-Forscher?

Als vielseitig interessierter Typ liegt meine Sympathie bei den Allroundern. Und es gab mal eine Sendung mit Frank Elstner, in der Nobelpreisträger vorgestellt wurden, die eigentlich alle ein Klavier, eine grosse Bibliothek und eine Reihe ausgefallener Hobbies hatten. Das beruhigte mich. Es zeigt: man kann grosses schaffen, ohne zum Fachidiot zu verkümmern.

Aber seit ich ein kleines Büchlein von Seth Godin gelesen habe („The Dip„), nagt der Zweifel in mir. Wäre es nicht besser, sich auf eine Sache voll zu konzentrieren, sie für eine gewisse (längere, lange, sehr lange) Zeit mit aller Energie und ausschliesslich zu machen, anstatt von allem ein bisschen und zwischen den verschiedenen Interessen umherzuspringen. Grosse Erfolge sind meist Resultat von extremem Spezialistentum, sowohl in der Forschung, in der Wirtschaft, im Sport als auch in der Kunst. Es sind meist die von einer Sache besessenen, die wirklich weit kommen – aber natürlich auch einen Preis dafür bezahlen müssen, den Preis des Verzichts und des Risikos alles auf das falsche Pferd gesetzt zu haben. Es gibt wahrscheinlich auch genügend Nischen, damit jeder irgendwo der Beste sein kann. Und in einer Gesellschaft, wo der zweite Platz nicht viel zählt, sollte der Spezialist eigentlich erfolgreicher sein.

Aber mal weg vom Erfolg, es geht ja im Leben auch um Erkenntnis: lerne ich mehr, wenn ich sagen wir 3 verschiedene Dinge zu 80% mache als eine Sache zu 100%? Die letzen 20% sind die schwierigsten, die mühseligsten, da geht es am steilsten nach oben, weil die Motivation dahindampft und schon viele Kráfte verbraucht sind. Aber bringt diese Durststrecke mehr Erkenntnis, Erfahrung, Fähigkeiten, Einsichten als die Alternative, in der Zwischenzeit lieber zwei andere, frische Projekte zu beginnen. Oder reicht es vielleicht aus, zumindest ein einziges Mal im Leben, eine Sache zum Ende zu bringen?

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  1. Die Antwort auf diese Frage steht und fällt wohl mit der Antwort auf die Frage was „Erfolg“ für einen bedeutet. Wenn es Geld oder breite gesellschaftliche Anerkennung ist, dann muß man sich wohl spezialisieren. Die Nobelpreisträger wurden sicher zum allergrößten Teil auch erst nach ihren Erfolgen zu wirklichen Generalisten.

    Für mich persönlich stellt sich das einfach so dar, das ich garnicht so recht die Wahl habe. So richtig kann man sich ja seine Interessen nicht aussuchen, die fliegen einen so an. Und dann doch lieber mit Interesse Universaldilletant als ohne Interesse Spezialgenie.

  2. Da stimme ich Benni zu: man kann sich seine Interessen nicht aussuchen. Hegel hat mal gesagt: „Die Philosophen können ihre Philosophie nicht in die Tasche stecken.“ Oder in meinen Worten: man macht halt das, wo’s bei einem klingelt – und bei den großen Lebensinteressen muss man dann zwangsläufig auf mehreren Flammen kochen.

    @ der zweite Platz zählt nicht viel: in der letzten Zeit habe ich die Long Tail-Theorie von Chris Anderson kennen gelernt. Im Internet zählt auch Platz 103.767 bis 103.780 – unter Umständen ist der lange Schwanz der Schlechterplatzierten auf die Dauer erfolgreicher als das One-Hit-Wonder, die Spitze. Ich glaube (und hoffe) es wird in Zukunft mehr auf einen individuellen Kompetenzmix ankommen.

    @ Godin: Tolle Ideen – aber er hat auch was von einer Sirene (aus der Odyssee, nicht das Schallerzeugungsgerät). Ich finde ihn ein bisschen zu blendend und überredend.

  3. Benni, ja, das sagte ich mir auch immer, dass ich nichts so hundertprozentig richtig kann, aber ich habe es ja auch nie versucht

    Detlef, die Long-Tail-Theorie (die allerdings auch nicht ganz unumstritten ist) ist leider nur eine gute Nachricht für die Aggregatoren, nicht für die, die Inhalte produzieren. Amazon mag zwar gute Gewinne machen mit der Masse der Ladenhüter oder Google mit der Masse der vielen kleinen Web-Seiten mit wenig Besuchern, aber sonst auch niemand.
    Zu Seth Godin: ja, von Leuten, die alles so überzeugend und eloquent erklären können, lasse ich mich ganz gerne mal einwickeln…

  4. Wenn „die Motivation dahindampft und schon viele Kráfte verbraucht sind“ auf dem Weg zum Ziel: dann wird’s nichts mit der Spitzenleistung. Der Michael Schumacher hatte Lust, mit dem Auto im Kreis zu fahren. Godin hat Lust, über Marketing zu schreiben und zu verkaufen. Ich glaube nicht, dass man sich zu dieser Art Meisterschaft (sag ich jetzt mal) zwingen kann indem man auf anderes verzichtet, was man auch gern gemacht hätte.

    Ich glaube, dass man nur großes schaffen kann, wenn man mit sich im reinen ist und dass darum jeder Mensch einen eigenen Weg gehen muss – auch wenn man einfach nur man selbst sein will ohne etwas großes zu schaffen.

    Godin und Long Tail: das ist wohl einen eigenen Artikel wert.

  5. Spezialist kann man m.E. nur dann werden, wenn man seinen Geist möglichst weit öffnet. Es hängen zu viele Dinge miteinander zusammen. Wer seinen Blick weitet, erkennt mehr Muster und Zusammenhänge. Experten zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass sie solche Zusammenhänge erkennen und erklären können. Auch entstehen neue Erkenntnisse und Theorien oft erst durch die Zusammenführung von scheinbar voneinander unabhängigen Disziplinen.

    Langer Rede kurzer Sinn: Handle nach deiner Intuition, der Geist braucht auch Ruhephasen um das Gelernte zu festigen. Daher ist eine vielseitige Beschäftigung immer ratsam. So jedenfalls meine Gedanken dazu.

  6. Bei dem Thema, das mich selbst schon so oft beschäftigt hat, kann ich nicht anders, es muss aus mir raus. Vielleicht habe ich gerade bei dieser Frage gemerkt, und das zufällig in den letzten Tagen, dass Antworten nicht erpressbar sind.
    Bei C. Klinger hatte ich in den letzten Tagen einen Beitrag über den Alltag gelesen. Dieses unauffällige, ungeprägt von den großen Höhen und Tiefen morgendliche Aufstehen, Kaffeetrinken, seinen Trott im Alltag leben. Ich musste sofort daran denken, dass es mir bisher nicht gelungen war, in diesem Alltag etwas Großartiges zu sehen – denn will das Leben mehr von uns, als dies ersteinmal schätzen zu können. Ich fragte mich, ist ein Streben nach der Großartigkeit vielleicht nicht das Unvermögen, die vielen kleinen Wunder die mir im Alltag begegnen zu sehen und den Alltag nicht meistern zu können?
    Jedenfalls empfand ich es als eine große und würdige Aufgabe, mich dem Alltag zu stellen und jeden Tag, jedes Aufstehen, jedes Kaffee kochen, jede 24 Stunden mit einem neuen Blick zu füllen.
    Und weil du auch noch von Siddharta schreibst. Seit Jahren geht mir nicht das Bild aus dem Kopf, wie zum Ende die beiden Männer schweigend am Fluß sitzen und ihm lauschen. Alltag in vollendeter Form. Da will ich mal hin – Frieden in und um mir. Und für diesen Platz scheint mir die Bank am Fluß außerhalb des Rampenlichst gut geeignet zu sein.

  7. Patrick,

    auch entstehen neue Erkenntnisse und Theorien oft erst durch die Zusammenführung von scheinbar voneinander unabhängigen Disziplinen.

    Das glaube ich auch, aber sind es wirklich die Spezialisten, die das zu leisten vermögen – oder sind es nicht gerade die All-Rounder? Dann hätten wir folgende Rollenverteilung: die Spezialisten, die eine Disziplin zur Perfektion bringen, und die Allrounder, die die Erkenntnisse in einen Zusammenhang stellen, sie allen erklärbar machen und ihre Bedeutung in andere Kontexte übertragen.

    Menachem,
    ich stimme dir mit jedem Wort zu. Die vielen unbekannten Helden schlagen ihre Schlachten im Alltag und nicht im Rampenlicht. Und auch ich möchte irgendwann einen solchen Frieden finden – aber kann ich ihn überhaupt finden, wenn ich nicht vorher etwas geschaffen habe, auf das ich stolz bin, eine Spur hinterlassen habe, etwas Grosses geleistet?

  8. Ja, Fragezeichner, das gleiche dachte ich auch, nachdem ich den Kommentar abgeschickt hatte. So ist es wohl. Für mich weiß ich allerdings nicht genau, ob ich meine, eine Spur hinterlassen zu wollen. Ich habe eher das Gefühl, ich muss es nur für mich selber wissen, was ich leisten kann und woran ich scheitere. Ich denke schon, das die Grenzerfahrung Bedingung ist, um auf dieser Bank zu sitzen ohne den Fragen nachzuhängen “ Was wäre gewesen wenn…“
    Siddharta hatte ja auch schon einmal die Bekanntschaft des „Fährmanns“ gemacht, bevor er doch noch einmal weiterging, und dann dorthin zurückkam. Vielleicht erhält dieser Platz sogar erst im Scheitern diese Bedeutung – der Lohn der Selbsteinsicht, seiner Grenzen, seines Rädchen im Rad.
    Das sind aber auch nur meine persönlichen hervorgerufenen Empfindungen, die diesem Kampf den Friedensvertrag vorlegen – an dessen detailierte Verhandlungen ich noch einige Zeit arbeiten werden. Aber, und dessen bin ich mir sicher, es wird ein guter Vertrag.

  9. @Fragezeichner: Das kann man nicht pauschalisieren. Spezialisten in ihrem Fachgebiet erkennen besser und schneller irgendwelche Muster und Zusammenhänge. Da ich aber der Ansicht bin, dass alle Informatonen irgendwie zusammenhängen, würde ich mir da einfach keinen Kopf machen. Es gibt kein „entweder oder“, sondern tatsächlich nur ein „sowohl als auch“.

    Experte, Spezialist oder was auch immer kann jeder werden, indem er sich Trivialwissen aneignet. Neukombinationen, Theorien und Erkenntnisse erzielt man erst, wenn man mit diesem Wissen zu spielen beginnt. Aber, eine reine Fixierung auf ein Spartenthema reicht m.E. nicht aus, um wirklich in die Nähe von Brillianz zu gelangen. Da braucht man einfach nur Leidenschaft und jede Menge Neugier.

    Übrigens erzeugt Wissen auch immer wieder neues zusätzliches Unwissen. Es ist tatsächlich die Frage wie man sein leben einteilt. Will man freidlich dahintreibend durchs Leben ziehen, also im Hier & Jetzt das Sein so belassen wie es ist oder will man permanent hinterfragen. Will man Magie genießen oder ausüben. Will man sich verzabern lassen oder wissen wie der Trick funktioniert.

    Ansonsten ist Allrounder und Experte nix weiter als eine Worthülse, die beliebig füllbar ist. 😉

  10. Menachem, „Friedensvertrag“ – muss ich mir merken.

    Patrick, gefällt mir, deine Sicht – das „sowohl als auch“.

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