Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Staat und Markt

In An Manche on Oktober 9, 2008 at 12:05 am

[Foto: eriwst]

Nachfrageorientierte Theorien vs. Angebotsorientierte Theorien oder auch Staat vs. Markt: ein gutes Beispiel wie intelligente Menschen aneinander vorbeireden, weil sie sich einem Lager verschrieben haben? Es sollte eigentlich jedem klar sein, dass zu einer Wirtschaft sowohl eine Angebotsseite als auch eine Nachfrageseite nötig ist. Die eine braucht die andere. Manchmal braucht die eine etwas mehr Zuwendung, manchmal die andere – abhängig vom wirtschaftlichen Kontext. Stattdessen stehen sich aber Vertreter beider Lager immer wieder feindlich gegenüber und versuchen Einfluss auf die Politik zu gewinnen, um Stimmung für ihre Seite zu machen. Der Neoliberalismus, der dies sehr erfolgreich getan hat (also erfolgreich Einfluss zu gewinnen, nicht aber, erfolgreich den Reichtum aller Menschen zu fördern) scheint jetzt abgewirtschaftet und die Regulierer und Gläubigen in die Stärke des Staates bekommen Oberwasser. Vielleicht gelingt es ihnen sogar wieder, Politiker auf ihre Seite zu bekommen und ihre reine Lehre so lange an den armen kleinen Mann zu bringen, bis das Pendel wieder in die andere Richtung ausschlägt. Dabei ginge doch beides! Ein starker, demokratischer Staat, der klare Regeln vorgibt, UND ein Markt, der für mehr Effizienz sorgt. Eine Stärkung der Angebotsseite durch z.B. Abbau von Bürokratie, bessere Bildung, einfacherer Steuern UND eine Stärkung der Nachfrageseite durch Verbraucherschutz, Kaufkraftstärkung, Mitbestimmung. Anreize für Menschen, unternehmerisch tätig zu werden UND die Möglichkeit für Menschen, entsprechend ihrer Fähigkeiten einer interessanten Arbeit nachzugehen. Wo ist der Widerspruch?

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  1. Tatsächlich sind beide Seiten, Staat und Markt , nur zwei Seiten der selben Medaille. Dummerweise hat gerade die ganze Medaille abgewirtschaftet und deswegen geht eben nicht mehr beides, sondern keins von beidem.

  2. Benni, ich bin davon überzeugt, dass sowohl Staat als auch Markt werden weiterhin ihre Rolle spielen, der Staat in Zukunft wieder stärker. Ich sehe aber nicht, wie eine Wirtschaft ohne beides aussehen könnte. Welche Perspektiven siehst du denn?

  3. Ihre Rolle spielen sie sicher noch ne ganze Weile. Nur nicht mehr so dominant wie heute. Ob dieser Prozeß plötzlich oder langsam abläuft und wann genau, weiss niemand. Ich hoffe dass wir noch ein bisschen Zeit haben, die brauchen wir nämlich.

    Perspektiven gibt es zwei: Bandenbildung, Warlordisierung und ökologische Katastrophe oder commons based peer production. Über letzteres bloggen wir auf keimform.de. Momentan suche ich grade Leute für ein Projekt in Frankfurt.

  4. Benni, es gibt immer mehr als nur zwei Perspektiven 😉
    Das Peer-Production-Konzept klingt interessant, allerdings scheint es mir lediglich ein Konzept, das sich in eine freie Wirtschaftsordnung eingliedern lässt, aber nicht eines, das eine neue Wirtschaftsordnung an sich darstellt. Allerdings bin ich mir aber auch nicht sicher, das Konzept und seine Implikationen verstanden zu haben (über Open-Source- oder Forschungsprojekte hinaus). Gibt es einen einführenden Artikel, der die Grundkonzepte und -ideen beschreibt? Welche Rolle spielen Staat und Markt in einer Peer-Production-Wirtschaft? Und: was genau hast du in Frankfurt vor? Bin gebürtiger Frankfurter und immer mal wieder im Lande (auch wenn ich mittlerweile in Frankreich wohne)…

  5. Hui, so viele Fragen auf einmal!

    „Gibt es einen einführenden Artikel, …“ Ja, es gibt eine Artikelserie. Der letzte Teil ist noch nicht übersetzt, müsste sich aber finden lassen. Generell ist das Tag „Peer Economy“ bei uns im Blog wohl die umfassendste Ressource zum Thema, neben Christians Buch natürlich.

    „Welche Rolle spielen Staat und Markt in einer Peer-Economy?“ Im Prinzip im Endausbau keine mehr. Aber das ganze ist ja ein langer Weg. Wir haben ja auch nicht die Weisheit mit Löffeln gefressen und wissen auch nicht wie es genau aussehen soll und es gibt da durchaus unterschiedliche Ansichten bei uns dazu. Ich zum Beispiel wünsche mir ein bedingungsloses Grundeinkommen zur Starthilfe andere sind da skeptischer. Wie immer: Mehr Fragen als Antworten und es kommt drauf an die richtigen Fragen zu stellen.

    „was genau hast du in Frankfurt vor?“ Es gibt keine konkreten Vorhaben über das in dem Artikel genannte hinaus. Das ist ja der Witz, dass es ein offener Prozeß sein soll.

    … hoffentlich hab ich keine Fragen vergessen.

  6. Lieber Fragezeichner,

    der Neo-Liberalismus hat nicht abgewirtschaftet, er wird gerade glänzend bestätigt. Die Ursache der Krise liegt eher im Eingreifen des Staates (nämlich z.B. bei der Förderung von privatem Konsum auf Pump) als in zuviel Markt.

    Die Marktwirtschaft wird sich auch von dieser Krise erholen, so wie sie es schon oft tat, im Gegensatz zu allen Alternativen.

  7. Mit Ökonomie verhält es sich so wie mit Lesen und Schreiben:

    Wer letzteres nicht beherrscht ist aus der Welt der Lesekundigen und Schreibenden ausgeschlossen.

    Problematisch wird die Sache dann, wenn die welche Lesen und Schreiben können nun dem Rest das Erlernen dieser Kunst verweigern. Bzw. ein System tolerieren in dem nur einige wenige dies erlernen können.

    Aber auch das hatten wir schon einmal und es wurde überwunden. Luther und Gutenberg sei Dank!

    Hast Du ein wenig Platz in deinem Blog? Ich hätte da eine Idee für ein Unterrichtsfach für Ökonomie 😉

  8. Benni, wenn man Markt mal als Bedürfnisse übersetzt und Staat als Regeln, dann wird auch eine Peer-Economy nicht ohne die beiden auskommen.

    Jörg, der (Neo)-Liberalismus ist meiner Meinung nach zur Ideologie verkommen (wie allein schon der Name zeigt). Was mal als sinnvolle Deregulierung, Vertrauen in die Kräfte des Marktes, Entbürokratisierung begonnen hat, wurde ganz einfach überzogen – wahrscheinlich unter dem Eindruck des Zusammenbruchs des Sozialismus. Eine Ideologie verlässt den Weg des Pragmatismus und opfert gesunden Menschenverstand der reinen Lehre.
    Eine Marktwirtschaft braucht Regeln, weil sie sonst keine Marktwirtschaft mehr ist, sondern unter der Knute des Rücksichtslosesten. Dass auch auf der anderen Seite sich jetzt die Ideologen formieren, macht die Sache nicht besser. Mein Vertrauen in die Politik ist auch nicht grösser als die in die Wirtschaft – und in der Tat hat auch die Politik selbst gewaltigen Anteil an der Krise. Funktionieren kann meiner Meinung nach nur ein Gleichgewicht der Kräfte – und das hat der Neoliberalismus in den letzten 10 Jahren ausgehebelt.
    Interessant übrigens zu beobachten, wie schnell der Zeitgeist diesen wieder wegwischt. Ein Indikator, dass hier vor allem ein Haufen Lemminge einer plausible klingenden Theorie nachgelaufen sind, die jetzt wieder in die Gegenrichtung unterwegs sind.

    Michael, ein Unterrichtsfach Ökonomie ist eine tolle Idee. Ich ermutige dich hiermit ein weiteres Mal, ein Blog zu starten 😉 Gestern gab es übrigens eine Sondersendung mit der Maus, die Kindern die Funktion von Geld erklärt hat. Klasse!

  9. @?: Das wäre dann aber ein eklatanter Übersetzungsfehler.

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