Die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht (Erich Kästner)

Jeder Farbtupfer ist ein Mensch

In An Manche on August 26, 2008 at 9:08 am

[Foto: notsogoodphotograph hy]

Peking am 24.8.2008: Hunderte von Menschen folgen einer Geisterhand, erheben sich über ihre Individualität, verschmelzen in einer gigantischen Animation, verwandeln sich in ein funkelndes Formen- und Farbenspiel. Doch hinter jedem Farbtupfer steht ein Mensch. Monate- oder gar Jahre probte jeder unter Entbehrungen für diesen grossen Moment der Perfektion, der unbedingte Unterordnung, Aufgabe der eigenen Wünsche, Gedanken und Gefühle erfordert, der nicht die kleinste Abweichung von der vorgegebenen Choreographie erlaubt, der dem Einzelnen keinen Zentimeter Raum lässt, sondern das Opfern der eigenen Persönlichkeit für das gemeinsame, grosse Ziel als Preis verlangt.

Bei den Tänzern der Zeremonien der Olympischen Spiel darf man zumindest hoffen, dass dieses Opfern freiwillig geschah und zeitlich begrenzt ist. Bei manchen grossen Bauwerken wie den Pyramiden von Gizeh, dem Schloss Sanssouci oder in neuerer Zeit dem Empire State Building stimmt das nicht, dort wirkte politischer oder wirtschaftlicher Zwang und kostete zahlreichen Arbeitern ihr Leben.

Ist der Preis des Grossen, des Perfekten, des Aussergewöhnlichen immer der gleiche – die Unterdrückung der Bedürfnisse des Einzelnen, das Opfern des Leibes oder der Seele der Mitwirkenden? Kann eine Gesellschaft überhaupt Grosses leisten, ohne einen Teil seiner Bevölkerung dafür zu opfern? Was ist, wenn sich niemand mehr opfern will? Wie geschützt ist eine solche Gesellschaft gegen Sabotage? Was wäre passiert, wenn nur eine Handvoll der Artisten abweichende Wege beschritten hätte – wäre das Werk nicht in Kürze dem Chaos verfallen?

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  1. Aus den Fragen, die du stellst, wird mir deutlich, dass Fragen auch immer die Farbe des eigenen Befindens haben. Ich habe in den letzten Tagen auch für mich festgestellt, so wie du schon schriebst, dass man auch leicht in einem Gefängnis landen kann, in einem Gedankengefängnis, aus dem sich zu befreien mit eigener Kraft nicht leicht ist.
    Du fragst nach dem individuellen Aufopfern für das große Ganze. Aber z.b. auch gerade bei den Pyramidenbau könnte die Frage lauten: Welche großen Taten muss ein einzelner Mensch vollbringen, damit er die Ehre erhält, an dem großen Bau der Pyramide teilhaben zu dürfen? (Darin will ich nicht bekannte menschenverachtende Sklaverei einschließen)
    Wenn wir mit unseren Fragen allein stehen gelassen werden, kann es auch eine Gefahr sein sie zu stellen, weil wir nie genau wissen können, führen unsere eigenen Antworten in eine Sackgasse?
    Zumindest sollte ich mir immer bewusst sein, dass es ausser meiner eigenen Sicht und Antwort, noch andere geben kann – ich denke, damit wären wir ein großes Stück weiter gekommen.
    Vielleicht doch noch ein Versuch einer wirklichen Antwort:
    „wäre das Werk nicht in Kürze dem Chaos verfallen?“
    Nein – wenn genügend MACHT oder VERTRAUEN vorhanden ist. Beides eine Antwort meines heutigen ambivalenten Befindens.

  2. Macht oder Vertrauen – Menachem, du verblüffst mich immer wieder!

  3. Die Person:

    Das Zweite erschafft das Erste. Das Erste vernichtet das Zweite.

    Die Gemeinschaft:

    Das Erste erschafft das Zweite. Das Zweite vernichtet das Erste.

    Altruistisch:

    Das Erste vernichtet das Zweite. Das Zweite vernichtet das Erste.

    Egoistisch:

    Das Zweite vernichtet das Erste. Das Erste vernichtet das Zweite.

    Geben und Nehmen:

    Das Zweite erschafft das Erste. Das Erste erschafft das Zweite.

    Nehmen und Geben:

    Das Erste erschafft das Zweite. Das Zweite erschafft das Erste.

  4. Michael, verstehe nicht ganz. Erstes ist Macht, zweites ist Vertrauen? Was ist der Unterschied zwischen „Geben und Nehmen“ und „Nehmen und Geben“?

  5. @Fragezeichner:

    Hey 🙂

    Menachem hat diese sehr kluge Vorlage geliefert. Ich habe lediglich hinzugefügt, welche Wege sich daraus ergeben.

    Es ist ein Unterschied, ob man erst einmal gibt und dann nimmt, oder eben umgekehrt. Bzw. in welcher Art man dies unternimmt. Nur viel es mir schwer diesen Unterschied in der kleinen Tabelle angemessen knapp darzustellen.

    Die ersten vier Fälle funktionieren immer so wie beschrieben. In letzter Konsequenz läuft es immer darauf hinaus. Die letzten beiden Fällen funktionieren einzig in der wahrgenommenen/bewussten Ausgewogenheit des Mechanismus differierend, zu den ersten vier Fällen. Allein schon durch eine zu strikte Anwendung, werden sie schnell Teil eines der ersten vier Fälle. Zwei Bsp.:

    – Ein ehemaliger Freund, bestand für sich stets auf Variante „G. u. N.“. Das machte es allen um ihn herum fast unmöglich auch nur das klitzekleinste Plus, auf diesem speziellen Freundeskonto zu erwirtschaften.

    – Ein Mitglied der Familie lebt permanent die Variante „N. u. G.“. Es ist hier unmöglich Teil dieses Lebens zu werden. Man kann nie gerne Geben, weil bisher immer schon im Vorfeld von ihm genommen wurde. Quasi immer irgend welche „Rechnungen“ noch immer offen sind.

    Die ersten vier Fälle bezeichne ich persönlich als die „leichten“, die letzten beiden als die „schweren“ Wege. Für mich ist das „Leichte“ schon lange keine Herausforderung mehr. Dort fand ich keine wahre Substanz. Und also lebe ich Fall 5 auf der Tabelle und bemühe mich redlich um Ausgewogenheit 🙂

  6. Über jeden einzelnen Punkt liesse sich noch diskutieren und stundenlang nachdenken. Schön!

  7. Na dann mach es doch 🙂

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